Evet! Ich will….?

„Kommen Sie auf meine Hochzeit, Frl. Krise?“ Nesrin steht ganz dicht vor dem großen Spiegel und verspachtelt sich ihr Gesicht gerade mit einer neuen Schicht Make-up. Aynur neben ihr tuscht sich mit offenem Mund die Wimpern und Esra bürstet sich hingebungsvoll die ohnehin schon völlig niedergeplätteten Haare.
“ Wann?“ frage ich sachlich.
„Aboooo! Frl. Krise!“ Nesrin schlägt mit ihrem Kosmetiktäschchen nach mir. „Sagen Sie nicht so! Später, meine ich! Wenn ich mal heirate.“
„Ach soooo“, sage ich, „Ich dachte schon dieses Wochenende!“
Nesrin und Esra kichern.

Heiraten ist gerade Thema Nummer Eins im zehnten Jahrgang! Schließlich gibt es einige Frischverlobte! Zara aus der Parallelklasse hat neulich düster gesagt: „Tschüüüch! Wenn’s so weitergeht, haben hier mehr Verlobung als Prüfung!“

„Leute, geht mal langsam raus hier! Das Klo ist kein Aufenthaltsort!“ sage ich und wedele aufmunternd mit meinem Schal. Ich habe Aufsicht und muss noch eine weitere Etage bewachen.
„Habt ihr hier geraucht!? Ich rieche das!“
„Abooooo, Frl Krise! Niemals! Das waren welche aus neunte Klasse, ich schwör!“ Nesrin guckt unschuldig wie ein neugeborenes Lämmchen.
„Hat Ihr Mann Sie eigentlich Heiratsantrag gemacht? Damals?“ fragt Esra und packt ihre Schminksachen ein.
„Sie ist doch nicht verheiratet!“ ruft Nesrin.
Aynur weiß es besser: „Aber sie WAR verheiratet!“
Nesrin zupft mir einen Fusel vom Pullover. „Warum heiraten Sie Ihren Freund nicht, Frl. Krise?“
Oh Mann! Immer dasselbe! Wie oft hab ich das schon erklärt…
„Frl. Krise, HAT er Sie Heiratsantrag gemacht? Also ihr Mann von früher, meine ich!“ Esra lässt nicht locker.
„Ich weiß es nicht mehr,“ sage ich unschlüssig, „Ich kann mich nicht erinnern! Ich glaube nicht!“
„Wie jetzt!?“ Aynur feuert die Mascara in ihr Handtäschchen. „War sein Onkel nicht mal bei Ihren Vater und hat gefragt?“
„Nein,“ sage ich, „bestimmt nicht. Mein Mann hatte gar keine Familie, nur noch eine Mutter!“
„Echt?“ Alle drei gucken mich fassungslos an. Keine Familie – unvorstellbar!
„Aber der Freund von einer früheren Freundin von mir, der hat einen coolen Heiratsantrag gemacht!“ fällt mir zum Glück ein, als wir die Treppe runter laufen.

Josef, der Freund meiner Freundin Ellen, arbeitete als Graphiker und eines Tages mietete er eine riesige Werbewand, die Ellen von ihrer Küche aus sehe konnte. Darauf stand in großen Lettern:
‚Ellen, sag endlich JA! Dein Jo‘

Meine Mädels finden das „voll schööön “ und ‚übertrieben süß“ und bedauern lautstark, dass ICH keinen so megamiesen Freund wie Josef abbekommen habe.
„Allerdings fand er es nicht so lustig, dass meine Freundin ein paar Monate später die Wand auch mal mietete,“ erzähle ich weiter. „Ratet, was sie drauf schreiben ließ!“
„I love you!“ vermutet Esra.
“ ‚Ich scheide mich’“ schlägt Aynur vor.
„Keine Ahnung,“ sagt Nesrin, die wie immer zu denkfaul ist, um irgendwelche Synapsen zu bemühen.
„Ich will ein Kind von dir!“ Das ist natürlich Hanna, die zu uns gestoßen ist.
„Tschüüüüsch! Niemals! Haram!“ ruft Nesrin empört.
„Ganz was anderes!“ sage ich. „ ‚Genug geraucht, Jo!’“ stand auf dem Plakat. Der war nämlich Kettenraucher.“
„Ach soooo…..“ Allgemeine Enttäuschung, nix mit Liebe, Herz und Schmerz…Rauchen – voll langweilig!
„Hat es genützt?“ fragt Hanna immerhin noch.
„Nee! Er hat nicht mit dem Rauchen aufgehört und die beiden sind inzwischen längst geschieden!“

Die drei Grazien nicken sich zu. Da sieht man’s wieder! So verrückte Sachen bringen es einfach nicht!
Mit einem normalen, unromantischen Onkel, der beim Vater aufläuft und um die Hand der Tochter bittet, ist man einfach auf der sicheren Seite! Vallah, ich schwör!

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28 Antworten zu Evet! Ich will….?

  1. christjann schreibt:

    Dann muss man ja immer Cousin heiraten, oda? Ist das auf Dauer nicht auch gefährlich?

    • J schreibt:

      Ist es.
      Aber Onkel, Cousin heißen auch die (und auch „Bruder“), die keine sind. Trotzdem: Es kommen viele Verwandtschaftsheiraten vor. Ich kenne auch viele Behinderungen, die dadurch entstanden sind.
      Genetische Beratung trete ich in meinem Unterricht deswegen ziemlich breit.

  2. J schreibt:

    Ich komme letztendlich aus Niederbayern. Dort gab es bis in die 60er, 70er Jahre den sog. Hochzeitsschmuser. Das war kein Onkel, aber jemand, der Ehen vermittelte und der dann auch ein wenig davon profitierte.
    Wir sind gar nicht so weit weg von den türkischen oder arabischen Verhältnissen. In der EU haben wir das ja auch, z. B. auf dem Balkan.
    Zum Kopftuch und zur Rolle der Kirche oder der Religion hätte ich auch noch manches zu sagen. Vielleicht verstehe ich deswegen diese fremden Kulturen so gut, weil ich aus einer rückständigen, bodenverhafteten komme?

  3. joanna schreibt:

    Oh Frl. Krise… ich bin zwar noch nicht ganz durch mit Ihrem Blog (ZUM GLÜCK!), aber bereits jetzt sind Sie und Ihre Schüler schuld daran, dass hier ganz viel liegengeblieben ist!
    Weil ich ja in jeder freien Minute hier lesen muss…

    Und ich bin jetzt schon in sie und in sämtliche Schüler verknallert!
    Sie sind der BURNER!
    Also echt wirklich, ich schwör‘!

    Joanna

  4. RogueEconomist schreibt:

    Andere Länder, andere Sitten…

  5. schloertenaehtwas schreibt:

    Irgendwie überkommt mich gerade das Gefühl, dass das bei mir irgendwie falsch gelaufen ist. Kein Onkel der den Vater gefragt hat… Ist das denn jetzt überhaupt rechtens???

  6. Kaffeestrauch schreibt:

    Kann mich auch mal jemand verheiraten? Sozusagen Flucht vom Schulalltag durch Heirat?

  7. Bill Eggenschwiler schreibt:

    ich bin’s jetzt seit 47 Jahren, natürlich zu zweit: es ist ein Kompromiss, aber ein toller!

  8. Inch schreibt:

    Mist! Jetzt weiß ich, warum ich geschieden bin. Hätte ich mal einen meiner Onkel gefragt….

  9. Frau-Irgendwas-ist-immer schreibt:

    Also ich habe meine (zukünftigen) Schwiegereltern gefragt ob sie ihren Sohn `rausrücken`! Und ich durfte ihn wegheiraten und habe dies dann auch getan.

  10. Mutterschutzgebiet schreibt:

    ich werde mich also schon mal mental darauf einstellen, dass ich Hochzeitsverhandlungen bei meinen Kindern durchführen werde…vielleicht sollte ich langsam anfangen, bevor die besten Kita-Kumpels schon vergeben sind?
    Frl. Krise, wissen sie diesbezüglich näheres?

  11. Mascha schreibt:

    Wie kann man vergessen, ob man einen Antrag bekommen hat?! Oder wollten Sie bloß Ihre Privatssphäre wahren?

  12. Monkeegrrrl schreibt:

    Heiraten? Niemals! Vallah!

  13. Olaf schreibt:

    Muß denn „Heiraten“ (gemäß des Bürgerlichen Gesetzbuches) sein ?
    Ein formell etablierter Traum der sehrpostromantischen Moderne ?
    Wem es gefällt oder wem es „adäquat“ erscheint – von mir aus gerne.
    Ich habe es bislang (mit 55 Lebensjahren) nicht geschafft, letztlich auch nicht gewollt und es wird wohl auch so bleiben.
    Ein aufrichtiges Bekenntnis zu dem/ der anderen wäre für mich ausreichend, in welcher Form auch immer. Staatliche Anerkennung brauche ich dafür nicht.
    In den frühen achtziger Jahren habe ich einmal in Wiesbaden bei megaströmenden Prasselregen an einer Bushaltestelle mit swechselseitigem Überstreifen eines Ringes „geheiratet“, weil wir zwei Stunden später am Flughafen Frankfurt nach Arabien aufgebrochen sind und ein gemeinsames Hotelzimmer sicherstellen wollten.
    Das alles ohne irgendeinen Onkel oder „Hochzeitsschmuser“. Ein für mich ehrlich gesagt eher eklig klingendes Wort, selbst dann, sollte es auch eine „Hochzeitsschmuserin“ geben…
    Es klingt ein wenig nach „Anfixen“ auf dem Schulhof.
    Oh je. Nein.

  14. lieblingsnoob schreibt:

    Ohweih. Nach dem ganzen blog fehlen mir echt die worte!
    wir waren heut auf der hobit… schauen sie mal, was ich da gefunden hab!!

    ich musste direkt an Sie und madame freitag denken… hachja, ich will auch lehrerin werden.

  15. maldrueberreden schreibt:

    Schöne Art von Lehrer – Schüler Gesprächen… 😀

  16. joanna schreibt:

    @Olaf
    Oh, vielen Dank!
    Dabei habe ich astreinen Migrations-Hintergrund :-)!
    Waschechter Ausländer, erst mit 14 nach Deutschland gekommen ;-)… und drei Monate auf der Hauptschule verbracht ;-).

  17. zartbitterdenken schreibt:

    Ich glaube mein Vater wäre mehr als irritiert, wenn mein Freund ihn um Erlaubnis bitten würde mich heiraten zu dürfen. Aber ich erwarte doch auch eher etwas Ausgefalleneres. Von einem Abendessen im Restaurant und einem Ring im Sektglas wäre ich doch eher enttäuscht.

    Ich danke Ihnen für die vielen Stunden, die Ihr Blog mich schon erheitert hat, Frl Krise.

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