Krisengebiete

Esra zieht mich zur Seite. „Kann ich Sie mal sprechen? Ist dringend!“
Es hat gerade geklingelt und meine Klasse und ich strömen in den Klassenraum.
„Gleich, Esra!“ sage ich. „Ich muss erst mal…“
„Frl. Krise, kann ich grad mal diese Sachen zu Herr Schmitt bringen?“
„Nein! Das hättest du in der Pause machen können, Hassan, jetzt ist…“
„Aber da hatte ich keine Zeit…“
„Hassan, du riechst total nach Rauch! Statt in der Pause zu…“
Gülten drängelt sich zwischen uns: „Geh ma weg, Hassan! Frl. Krise, Aynur sagt, wir hätten morgen später Schule!“
„Quatsch! Wie kommt die darauf? Wir haben morgen ganz normal Unterr…..“
„Wissen Sie, ob Frau Falter da ist? Ich soll ihr noch mein Hefter abgeben!“ Das ist Leila.
Azzize schreit mir ins Ohr: „Frl. Krise! Ich krieg doch keine Verspätungen auf mein Zeugnis, oder? “
Ömür zupft an meinem Ärmel: „Frl. Krise, wegen gestern! Ich wollte Arzt, aber da war eine Frau, die meinte mir….“
„SCHLUSS!“ Ich kämpfe mich zum Pult durch und lege meine Mappe ab.
Ömür ist hartnäckig: „…die meinte mir, Praxis ist nich auf heute Morgen, aber macht um 14 Uhr auf, dann bin ich da nochmal hingegangen…“
„Ömür!!!! Schluss jetzt! Alles später! Jetzt fangen wir erst mal an….“ Mir schwirrt der Kopf.
Als alle halbwegs ruhig schreiben, gehe ich zu Esra.
„Frl. Krise, gestern haben Hassan und alle gesagt, heute fällt Mathe aus. Also die ersten zwei Stunden. Da bin ich heute spät aufgestanden, aber mein Vater hat mir nicht geglaubt, dass ausfällt und hat Sekretariat angerufen und Sekretärin hat gemeint, nein, Mathe fällt nicht aus und mein Vater war voll sauer auf mir und danach war aber Mathe doch ausgefallen und jetzt glaubt mein Vater nicht und können Sie mein Vater aufschreiben, dass ich nicht geschwänzt habe?“
„Moment, Moment….“ sage ich. Erst mal die Infos sortieren. „Stand das gestern auf dem Vertretungsplan, dass Mathe ausfällt?“
„Nein, aber alle haben gesagt. Alle! Fragen Sie Hassan und alle, haben auch ganz viele heute gefehlt. Und IST ja auch ausgefallen, Herr Lechner war nicht da.“
Ich schüttele den Kopf. Ich bin verwirrt, komische Geschichte.
„Also, Esra, da muss ich erst mal mit Herrn Lechner sprechen!“

In der Pause frage ich nach. Kollege Lechner schüttelt betrübt den Kopf.
„Ach, Frl. Krise, ein Desaster. Zum ersten Mal in meiner ganzen Dienstzeit ist mir DAS passiert!.“ Er seufzt kummervoll. „Ich habe verschlafen! Der Unterricht ist wirklich ausgefallen.“
„Aber das wusstest du doch gestern noch nicht, oder?“ frage ich etwas dümmlich.
Herr Lechner guckt mich kritisch an: „ Hä? Nein, wie kommst du denn da drauf? Ich sagte doch, ich habe v e r s c h l a f e n!“

Als ich Esra in der fünften Stunde eröffne, dass ich ihr auf keinen Fall eine Absolution für ihren Vater schreibe, wird sie schwer pampig. Schließlich setzt sie sich mit Killerblick hin und informiert ihre Nachbarinnen. Ekelhaft, dieses Frl. Krise. Unbehilflich und hartherzig!

Da meldet sich Ömür. „Frl. Krise, ich wollte Ihnen noch mal wegen gestern, weil doch die Frau vor dem Arzt meinte mir…“
„Sagte mir!“
„Üff! Sagte mir, dass die Praxis ausfällt, dabei: Hier!“ Er hält mir eine Visitenkarte seines Arztes unter die Nase. „Da! Da steht von 9.00 – 12.00 Uhr. Aber die Frau meinte mir, Praxis ist erst von 14 Uhr an auf!“
Ich seufze. Was will er mir sagen? Welche geheimnisvolle Frau VOR der Praxis meinte ihm was?
„Gehörte die Frau zur Praxis oder war das eine Patientin?“ frage ich.
Ömür sieht mich erstaunt an. „Woher soll ich wissen?“
„Ömür! Was willst du mir eigentlich mitteilen? Willst du sagen, dass du gestern den GANZEN TAG von 8-16 Uhr gefehlt hast, nur weil dein Arzt dir noch einmal kurz in den Hals gucken wollte?“
„Ja! Sag ich doch so! Was kann ich dafür? Wollte ER doch.“

Lass‘ mal anfangen, denke ich und vor allen Dingen: Nicht aufregen!

Da geht die Türe auf.
Necla.
Sie schlendert gemächlich auf ihren Platz.
„Hallo?“ sage ich.
Necla sieht mich an wie ein lästiges Insekt.
„Du bist zu spät! Es ist bald 12.00!“
„Ich wooooiß!“ sagt Necla. „Gestern war bei uns Hochzeit! Henna-Abend! Kann ich doch nicht dafür!“

„Ach sooooo!“ sage ich. „Sorry! Hochzeit! Na dann! Aber DU hast nicht zufällig geheiratet?“
Necla mustert mich mitleidig.
„Ich meine ja nur,“ sage ich bescheiden, „das wär‘ doch mal ’ne schöne Entschuldigung….!“

„Frl. Krise? Alles in Ordnung? Oder haben Sie wieder schlechte Laune?“ fragt Ömür und beißt unauffällig in sein Fladenbrot…

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39 Antworten zu Krisengebiete

  1. puzzle schreibt:

    Das unauffällige Fladenbrot ist mein persönliches Glanzlicht.

  2. Karina schreibt:

    GENAU das selbe ist mir heute mit meiner 8. Klasse passiert. Deutsche Schüler, Gymnasium … Ach, wie mir das gut tut, zu wissen, ich bin nicht alleine :-).

  3. J schreibt:

    In der Schule tobt das Leben.

  4. fraufreitag schreibt:

    nur noch zwei wochen und ein paar tage – halten wir noch durch!

  5. Lieblingsschüler schreibt:

    Irgendwie beschämend, das alles mal aus der Sicht des Lehrers kennen zu lernen und sich eingestehen zu müssen, dass man selbst nicht weniger nervig ist. 😀

  6. Olaf schreibt:

    Jetzt weiß ich es wieder, woran mich Ihr Leben manchmal ein wenig erinnert. 😉
    Günter Grünwald hat das wohl auch:

    (so ab 01:55 min): Er sei ein Deppenmagnet, habe ihm sein chinesischer Heilpraktiker erklärt. Auf den prasselt entsprechend alles runter, was das Leben so zu bieten hat.
    Ich hatte das auch mal, als ich noch meinen bisherigen Beruf ausgeübt hatte 😉 – es ist recht anstrengend.
    Es gibt sogar ein T-Shirt dazu:

    http://idio-t.spreadshirt.de/girlie-ich-glaube-ich-bin-ein-deppenmagnet-freie-farbwahl-A6300991

    Frollein Krise – you never wallk alone (singt man hier im Stadion).

    • frlkrise schreibt:

      deppenmagnet….ohje…..darüber muss ich nachdenken…

      • Olaf schreibt:

        Nur noch mal zur Klarstellung: Ich m.a.g Ihre Schüler und die – innen. Ihre Kollegen und -innen natürlich auch. Und alle Geschichten drumherum. Wir alle, unser jeweiliges Leben und unser Wollen und Streben sind eine Satire auf das, was es eigentlich sein sollte
        Alles wird gut werden, das Leben und seine Begleiterscheinungen hat einen großen Ordnungsfaktor. Accentuate the positive…
        Oder so.

  7. daisy schreibt:

    … also eigentlich ein ganz normaler Vormittag….

  8. rotezora schreibt:

    Aus dem Rap zum Abschied für meine letzte Klasse: Nach der Pause, dritte Stunde, nur viere sitzen in der Runde. Da öffnet sich die Klassentür: T’schulljung, wir könn‘ nix dafür! Wir mussten warten, echt voll lange bei Lidl in der Kassenschlange. Wir schwören, ham Sie doch Vertrau’n, oder soll’n wir etwa klau’n?“ Entwaffnend, vor allem, weil sie natürlich das Schulgelände gar nicht verlassen dürfen…

  9. S. Van Lure schreibt:

    teilweise zum haare raufen;)

  10. Ich eben wer sonst schreibt:

    „beißt unauffällig in sein Fladenbrot“
    Lieber Ömür, wie beißt man unauffällig in sein Fladenbrot? Ich möchte das auch können!

  11. RogueEconomist schreibt:

    Ich habe just ein handelsübliches Fladenbrot vor Augen. Und dann der Gedanke, wie man dezent in ein Fladenbrot beisst. Sehr schön. Ömür ist noch im Wachstum in der Breite (oder wie der Banker sagt: in der Seitwärtsbewegung), oder? Hat Emre jetzt eigentlich wieder mehr Zeit?

    • frlkrise schreibt:

      Sein Wachstum hat sich noch nicht endgültig für eine Richtung entschieden. Bei Emre u. K. scheint auch noch was zu gehen…er weiß es selbst nicht so genau, glaube ich.

      • RogueEconomist schreibt:

        Ich würds den beiden ja wünschen, dass sie selbst ausprobieren dürfen, ob und wie lange es mit ihnen gutgeht. So ganz ohne Eltern, ist ja in dem Alter alleine schon schwierig genug…

    • Olaf schreibt:

      Man könnte ein Fladenbrot in Streifen schneiden oder unter dem Tisch in Andeutungen reißen. Und dann mampfen. Aber Frollein Krise als erprobte Fachkraft wird es immer entdecken, selbst dann, wenn die Fladenbrotteile fadenförmig wären – dessen bin ich mir sicher. 😉

  12. michael schreibt:

    > „Ja! Sag ich doch so! Was kann ich dafür? Wollte ER doch.“

    Hauptsache, der Herr hat nicht 5 Stunden vor der Praxis auf den Arzt gewartet. Dann sollte man ihm aber wegen Blödigkeit einen Satz heisse Löffel verpassen.

  13. Bill Eggenschwiler schreibt:

    was waren wir doch für anständige Kerle früher (1942-1948)… zwei Mal haben ich und meine Schwester fast das Haus abgefackelt, zwei Mal war die Kriminalpolizei bei unseren Eltern zu Besuch, und doch waren wir in den Augen der benachbarten Klosterschwestern die frommsten Kinder der Herrengasse. Ach, Ihre Schüler, Frl. Krise sind eigentlich alle lammfromm, nur ist die Anhäufung etwas ungewöhnlich.

  14. Dr. med. Luzifer schreibt:

    Ein würdiger Schluss einer wieder mal sehr schönen Geschichte. Aber ich bin mir sicher, diese Kinder können auch anders. Haben Sie es schon mal mit Plakatarbeit probiert?

    • frlkrise schreibt:

      Herr Dr? Was das? Klapatarbeit?

    • Anka schreibt:

      Plakatarbeit, werter Herr Dr. Luzifer?
      Ein super Tipp!
      Sie meinen doch sicher diese bei der Lehrerschaft inzwischen inflationär beliebten lehrreichen, liebevoll geschriebenen und mit anschaulichen Bildern versehenen Wissensquellen von Kindern für Kinder, die ganz selbstständig in Gruppenarbeit angefertigt werden, nach einem entsprechenden Vortrag im Klassenzimmer hängen und beweisen, zu welch‘ systematischen, kognitiven und gemeinschaftlichen Leistungen die Kleinen doch fähig sind. Pures Pädagogenglück!
      Die Gruppenarbeit wird nämlich vorwiegend nach Hause ausgelagert.
      Dort entspinnt sich dann aber nach kürzester Zeit in etwa folgender Dialog:
      Kinderchen: „Wir sind fertig!“
      Mutter: “ Schon? Lasst mal sehen! Nee, oder? Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass es reicht, eine Seite aus Wikipedia 1:1 auf das Papier zu kleben!“
      Kinderchen: „Doch, das macht man so. Das reicht völlig. Wir gehen jetzt spielen/raus/computern“
      Bei guten Plakaten kommt nun zwingend die hoffentlich einigermaßen kompetente und geduldige „Hilfslehrerin der Nation“ aka Mutter zum Einsatz, die den vorsichtig ausgedrückt nicht übermäßig begeisterten und darüber hinaus völlig planlosen Kindern mit Tipps, Methodenkompetenz und sanftem Druck dann doch noch ein vorzeigbares Ergebnis aus dem Kreuz leiert, das dann im Klassenzimmer hängt und beweist…

      Ich kann aber vermelden, dass erstens „unsere“ Noten immer hervorragend waren und dass ich mein Kind und die mir temporär oft und gerne anvertrauten Klassenkameraden nun am Ende der gymnasialen Unterstufe langsam soweit habe,dass sie so was auch alleine hinkriegen.
      Langsam.

      .

      • puzzle schreibt:

        oh-jaaaa … – als ich die ersten „Hand-Outs“ der Sachunterricht-Referate der 3. Klasse Grundschule zu Gesicht bekam, hatte ich einen halbstündigen Lachkrampf, denn hier hatte sich das gesamte Präsentationswisssen der Elternschaft entladen, einschließlich professioneller Gliederung mit Unterordungen, Laminierung und Bindung, in 24facher Ausführung, sprich: da haben Eltern im Wettrennen um die Noten das gesamte (häusliche?) Büroequipment im Namen ihrer Kiddies aktiviert.

      • frlkrise schreibt:

        So was kommt bei uns nie vor….

      • Lieblingsschüler schreibt:

        Ab einem gewissem Alter sind es dann nicht mehr Mama und Papa, sondern der immer vorhandene „Mir-ist-diese-Note-wichtig-Typ“ innerhalb der Gruppe, welcher die ganze Arbeit macht. Nicht umsonst heißt es TEAM-Work = Toll Ein Anderer Macht’s!

  15. Pumucklchen schreibt:

    Ich würd wahrscheinlich einem nach dem anderen eine donnern .. wenn ich sowas shcon lese wird mir ganz anders

  16. Nicole schreibt:

    Mannoooohhhh, Ihre Nerven möchte ich haben…….. Ich beneide Sie um diese……. 🙂

  17. Wilde Henne schreibt:

    Frl. Krise, das geht so nicht. Das neue Jahr hat erst angefangen, erst grad waren Ferien. Beim Lesen fühle ich mich, als ob wir schon ein Semester ohne Ferien hinter uns hätten… Wie soll das weiter gehen?
    Ich hab einen vollpupertierenden Sohn, aber der ist gegen Ihren Haufen, ein Schaf (und ich find ihn doch manchmal… ach lassen wir das).

    Lieben Gruss von der Wilden Henne

  18. Mascha schreibt:

    Fladenbrot….das muß ich auch immer unaufällig essen….

  19. Lily schreibt:

    Ich glaube, ein uniformes „Vallah! Hässlichkeit! Klappe halten!!“ wäre mein Eintrittsgesang in den Klassenraum.
    Gute Güte.

  20. Hajo schreibt:

    „.. Oder haben Sie wieder“ (!!!) „schlechte Laune?“
    sagt doch alles, oder? 😀

  21. Heini schreibt:

    Hört sich echt SEHR kompliziert an. Allerdings überlege ich gerade, wie das bei uns im Büro (3 Personen) ist: man ist froh, wenn man mal ne Stunde Ruhe hat. Jetzt multiplizier ich das mal mit 25-30 Schülerinnen und Schülern – dann wundert mich nichts mehr.

    Als Klassenlehrerin ist man erster Ansprechpartner für alle organisatorischn Dinge; an wen sollen sie Schülerinnen mit irgendwelchen Abweichungen oder Sonderregelungen sonst herantreten? Eben.

    Es hat früher mal in meiner Schule zeitweise eine Klassenleiterstunde gegeben, in der solche Probleme abgearbeitet werden konnten. Ist aber dort nur für die Sextaner vorgesehen gewesen und soweit ich weiss inzwischen wieder abgeschafft.

    Es ist auf der einen Seite sicherlich extremst lästig, wenn man ständig an der eigentlichen Aufgabe gehindert wird. Andererseits halte ich – besonders auch in Hinblick auf andere Probleme, die Sie hier so beschreiben – die Situation fast für einen echten Erfolg: zumindest in der Schule bemühen sich ihre Schülerinnen, Probleme schnell zu lösen. Zumindest in der Schule haben sie erkannt, das Nicht-Handeln (noch) blödere Konsequenzen nach sich zieht. Der nächste Schritt wäre es, diese Einsicht auf die beschriebenen Probleme mit der Berufsqualifikation zu transferieren.

    In diesem Sinne: Gut gemacht!

  22. Lieblingsschüler schreibt:

    Übrigens musste ich schon bei der Überschrift lachen! 😀

  23. maldrueberreden schreibt:

    Ja nach so viel Aufregung hätte ich auch beherzt ins Fladenbrot gebissen. Aus der Summe der Blogartikel mal eher ein chilliger Alltag als Pädagoge. Was ist das eigentlich für eine Schulform? Sonder-, Haupt-, oder Realschule?

  24. Mr. Sonntag schreibt:

    Vielen Dank für die neuen Berichte!
    Es macht Mut, weiterhin tapfer und humorvoll vor meinen Schülern zu stehen und zu versuchen sie zu unterrichten – wobei es meistens beim Erziehen bleibt…

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