Einer kommt durch?!

Langsam wird Emre immer mehr zum Vorzeigetürken. Egal, wo wir hinkommen – er räumt alles ab, jeder ist total begeistert von ihm. Er wird vor jedes Mikro geschleppt, man fotografiert ihn von allen Seiten, er und kein anderer darf mit aufs Podium um mit dem Bürgermeister zu plaudern.
Ein böses Wort – Vorzeigetürke! Aber machen wir uns nichts vor, das mit der Integration ist bei uns lange noch nicht so weit, dass man nicht aufhorcht, wenn an exponierter gesellschaftlicher Stelle ein türkischer Name auftaucht.
Also bleiben wir bei dem bösen Wort.

Emre ist jetzt im Stadtschülerrat oder so ähnlich und sogar noch in einem anderen, viel viel höheren Gremium. Wie das heißt, habe ich leider vergessen.
Seine Voraussetzungen zum Vorzeigetürken sind aber auch echt gut. Seine Optik ist perfekt: Er ist groß, schlank, sportlich und hübsch, dazu höflich und freundlich. Er hat hellbraune Haare, blaugrüne Augen und man kann ihn noch nicht mal sicher einer Nationalität zuordnen. Ein Türke, der nicht mal türkisch aussieht – daran müssten andere, wie Cem Ö. oder Mezut Ö. noch sehr hart arbeiten…

Vorzeigetürke! Sorry, was rede ich da überhaupt! Emre ist natürlich kein Türke. Er ist Deutscher! Hier geboren und aufgewachsen und im Besitz eines deutschen Ausweispapiers. Das dient aber selbstverständlich nicht zum Ausweisen, wie der Name fälschlicherweise glauben lassen könnte, sondern zum Hierbleiben. Und das ist richtig und gut so.

Was ihn trotzdem zum Türken macht, ist sein Name: Emre Ö. So heißt kein Bio-Deutscher!
Letztlich ist es sein Glück, dass ihm seine Eltern diesen Vornamen gaben und nicht so einen national unentschlossenen wie, na, sagen wir mal Deniz. Das klingt viel zu deutsch. Der türkische Name ist extrem wichtig für Emre, denn ohne den würde später niemand merken, dass sich da eine Partei, ein Unternehmen oder ein Gremium mit jemandem schmückt, der ausländische Wurzeln hat.
Der Vorzeigetürke wird ja nur zum Vorzeigetürken, wenn er möglichst untürkisch wirkt! Nur am Namen sollst du ihn erkennen! Eigentlich muss er sogar ein hundert-zehn-prozentiger Deutscher sein, am allerbesten auch noch einen deutschen Dialekt sprechen.
Sonst bräuchte man ihn ja nicht vorzeigen. Sonst wäre er wie alle Türken. Verrückt, oder?

Alles hat Emre noch nicht drauf. Aber wir arbeiten daran. Sein Deutsch! Hier und da holpert es ein bisschen. Nächste Woche will ich mal sehen, ob er vielleicht Talent hat zu sächseln oder Schwäbisch zu schwätze. Das kriegen wir schon hin, da mache ich mir wenig Sorgen. Zur Not bring ich ihm Rheinisch bei. Nä, dat klingt zwar nicht so seriös, aber Adenauer ist ja auch ziemlich weit damit gekommen, hömma.
Katharina, Emres biodeutsche Freundin, ist bei diesem Projekt auch hilfreich. Die vermittelt ihm ganz viel deutsche Leitkultur. Sie hat ihn sogar zum Heiligen Abend in ihre family eingeladen!

Emre, der ahnt gar nicht, was da um ihn herum vorgeht.
Nein, ganz im Gegenteil, er hadert mit seinem türkischen Namen. Der Bäcker bei der Innung hat nämlich zu ihm gesagt, er würde ihn nicht einmal zum Vorstellungsgespräch einladen. Er würde jederzeit einen Jungen mit einem deutschen Namen vorziehen. Aber dann hat der Bäcker auch gesagt, jetzt, wo er ihn kennen gelernt hat, würde er ihn sofort einstellen!! Emre solle sich unbedingt immer persönlich vorstellen und auf keinen Fall nur schriftlich. Der Bäcker hat das irgendwie auch schon gerochen mit dem Vorzeigetürken.

Klingt alles gut, oder? Emre wird seinen Weg gehen, da bin ich sicher.
Bloß…was mach ich mit Ömür, der voll türkisch aussieht und der keine deutsche Freundin hat? Und mit Musti und Hasan? Die sind auch sehr nett und fleißig, aber eben nicht so vorzeigbar. Von meinen Mädels will ich lieber nicht sprechen. Nur Gülten taugt hier zum Vorzeigen, weil sie so übertrieben hübsch ist und gut mit den Wimpern klimpern kann.

Ich mache mir Sorgen.

Ich weiß, alle meine Schüler haben nicht besonders viel drauf. Sie sind nicht die fleißigsten. Sie sind noch ein bisschen kindisch. Sie sind keine Intellektuellen. Aber biodeutsche Hauptschüler sind auch nicht anders. Die sind auch nicht schlauer oder engagierter. Nicht die Bohne!
Dafür sind sie aber oft viel prolliger und ungepflegter – sorry – is doch!
Aus denen was Vorzeigbares zu machen, ist auch nicht so einfach.

Aber… wenn die jetzt alle Bäckerlehrstellen abgreifen, würde mich das echt ärgern. Bloß weil sie Kevin oder Nadine heißen. Voll ungerecht.

Ach, manchmal ist es besser, man ist nicht erkältet und geht lieber in die Schule. Zu Hause macht man sich echt zu viele Gedanken.

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69 Antworten zu Einer kommt durch?!

  1. puzzle schreibt:

    Leider kann anscheinend die verstopfte Nase die einleuchtenden Logik nicht bremsen: zu plausibel ist das Vornamen-Vorurteil.

  2. Nik schreibt:

    Gute Besserung, Frl. Krise

  3. moin8smann schreibt:

    Gute Besserung – und von den Hauptschülern-Azubis, die ich bisher kennengelernt habe, waren mir eigentlich immer die nicht-bio-Deutschen lieber als die Kevins und Nadines.
    Und 100 Punkte für das ungepflegte…

  4. Jonas schreibt:

    Spannend zu sehen, wie sich Ansichten (bei manchen) verschieben: die Norm ist Emre, der ist Deutscher. Dann gibt’s die Bio-Deutschen, das ist irgendeine Abweichung von der Norm.

    Und: ich kenne zwar keine Kevins persönlich, vermute aber, dass die, trotz selber Schulbildung und gleichem Mangel in allen Bereichen eines (noch) besser sprechen als Emre und Co: deutsch. Und das hilft bei der Lehrstellensuche natürlich ganz kräftig. Andererseits wird Kevin mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Lehrstelle im türkischen Supermarkt bekommen, wo fließendes Türkisch vorausgesetzt wird.

    • frl.krise schreibt:

      Bio-Deutscher nenne ich jemanden, dessen Eltern nicht eingebürgert wurden, sondern die schon immer (?) hier leben….. das ist alles!

    • Was ist denn das für ein Käse? Eben kennst keine Kevins persönlich, sonst wüsstest du dass deren Deutsch genau so mies sein kann wie das der anderen.

      Und wieviele Kevins sich wohl erst beim Türkischen Supermarkt bewerben? Dass die oftmals so klein sind, dass die gar keine verbrieften Auszubildenden nehmen, weisste aber schon, oder?

    • prior schreibt:

      nein. die biodeutschen können heutzutage auch kein deutsch. wie oft liest man denn in chats o.ä.: kann mir wer helfen?, obwohl es richtig heißt: kann mir JEMAND helfen?. unter noch besser verstehe ich anderes. und wenn ich höre, wie die reden, die deutschen…da graust es mir. nein, unter den rußlanddeutschen, türken, arabern habe ich häufig genug leute angetroffen, die besser deutsch sprachen als der biodeutsche.

      • Anka schreibt:

        Es gibt also Bio-Deutsche, deren Deutschkenntnisse beklagenswert sind.
        Und es gibt Nicht-Bio-Deutsche, die des Deutschen vergleichbar mächtiger sind, was aber nicht in jedem Fall mit gut gleichzusetzen ist (u.a. Mesut Ö.)
        Dann wären da noch die Nicht-Bio-Deutschen, deren Deutschkenntnisse gering bis nahezu nicht vorhanden sind – eine Ausprägung, die bei Bio-Deutschen naturgegebenermaßen eher selten auftritt.
        Denen gegenüber stehen unzählige Nicht-Bio-Deutsche, die ihre Landessprache in Wort und Schrift tadellos beherrschen.
        Hierüber nicht vergessen sollte man, dass Letzteres auch auf nicht gerade wenige Bio-Deutsche zutrifft.
        Und dann sind da noch die Nicht-Deutschen mit Deutschkenntnissen von null bis perfekt.

        Was genau sagt das jetzt aus?

  5. Peta schreibt:

    wahrscheinlich ist die integration erst dann geglückt, sobald emres erstgeborener lasse-finn oder lars-jonas genannt wird 🙂

  6. Penelope schreibt:

    Das musste ich mal twittern. Aus Gründen *-* Gruß von @PenelopeNr21

  7. kamerakidz schreibt:

    für solche beiträge könnense gerne öfters verschnupftkranksein. ich find den gut.

  8. fraufreitag schreibt:

    frl krise sagt mal wieder, wie es ist. gut auf den punkt gebracht.

  9. Jürgen schreibt:

    Tja, uraltes keltisches Erbe, die Haare und die Augen…
    Aber Quatsch, was sage ich. Unsere Biodeutschen und Biotürken sind alle gleichviel gepflegt oder prollig oder ungepflegt und unprollig.

  10. kecks schreibt:

    Meine beschränkte persönliche Erfahrung mit Bio-Deutschen Kevins und Nadines ist, was die Deutschkenntnisse angeht, auch für diese Klientel ziemlich nah an unterirdisch. Der Migrationshintergund-Deutsche (um eine Norm zu vermeiden) war da kein bisschen besser oder schlechter. Not und Elend… bildungsfern ist leider meistens bildungsfern.

  11. Tades75 schreibt:

    Wunderbar auf den Punkt gebracht. Es gibt solche Diskriminierungen nun leider doch noch immer. Als wären alle Migrantenkinder faul oder potentielle Kriminelle.

  12. katerwolf schreibt:

    warts ab, emre wird noch ministerpräsident 🙂

  13. Stefan schreibt:

    Viel Wahrheit!

    Vielen Dank.

  14. sockenbergen schreibt:

    Tja, schad ist es.
    Nur Kevin und Jacqueline werden nu auch nicht gern eingestellt. Vielleicht dann lieber der Tom oder die Sarah.
    Ich verstehs nicht, aber ändern kann ich es auch nicht.
    Ich drück ihren Schülern die Daumen. Wer sich anstrengt, vorzeigbar ist (von wegen ungepflegt) und arbeitswillig ist, der findet nach manchmal langer Suche dann doch endlich die passende Stelle. Das beste daran ist dann meist, dass die Ausbildung für Ausbilder und Auszubildenden meist ein voller Erfolg ist, weil beide Seiten sich gefunden haben.
    Oder die Jugendlichen sind so frustriert, dass sie nicht mehr an Arbeit denken werden.

    Das harte Urteil trifft auch denjenigen, der nicht genormte Körpermaße vorweisen kann. Egal ob Engagement, Schulbildung oder dem Namen, wer nicht Normen entspricht fällt schnell durchs Raster.

    • Schrödingers Katze schreibt:

      Ich denke auch, dass auch die Kevins und Jaquelines es schwer haben, allerdings nicht so schwer wie die Emres, Hassans, Aiche und Co. Das ist zwar lächerlich, aber leider
      immer noch so.
      Dennoch: Toll, wie sich Emre macht! Da wird einem richtig warm ums Herz! Und Ihnen, Frl. Krise, gute Besserung und nicht zu viele Sorgen um die lieben Kleinen!

  15. Johannes schreibt:

    Wenn nochmal einer Ihrer Bäcker einem oder einer Ihrer Schüler/ innen mit dieser Begründung ablehnt, geben Sie dem/ der Betroffenen bitte meine Email…..AGG lässt grüßen…

  16. Hajo schreibt:

    „Aber biodeutsche Hauptschüler sind auch nicht anders. “
    Ein wichtiger Kernsatz!
    im Übrigen möchte ich doch mal, mit aller gebotenen Freundlichkeit, aus eigener Erfahrung anmerken: auch ur-deutsche Abiturienten incl. derjenigen, die dieses „Diplom“ bereits besitzen, sind auch nicht mehr das, was zu meiner Zeit auf die Menschheit losgelassen wurde 😉
    #meine Zähne sind noch immer nicht angekommen, vor dem Fest wird’s wohl nix mehr 😦 #

    • frlkrise schreibt:

      Wie bitte? Zahnlos Nüsse knacken und Printen mümmeln ? Na dann, frohes Fest!

      • Hajo schreibt:

        Nüsse, liebe Frl Krise, gibt es auch in gemahlener Form und Printen kann man in Flüssigkeit – ich ziehe dazu Kaffee vor – tunken 😉
        und was michael nachfolgend schreibt, hat auch was für sich (nicht die Babynahrung und auch nicht den „Otgesourcten 😀 )

    • michael schreibt:

      Obst kann man ja auch in Form von Obstwasser zu sich nehmen. Und ansonsten mußt Du Dir Babynahrung besorgen oder einen Vorkauer (Outsourcen ist doch in, warum nicht auch bei den Zähnen!).

  17. blogwesen schreibt:

    Trotzdem ist auch die Akzeptanz eines „guten-Quoten-Ausländers“ immer noch eine Form der Diskriminierung und keine Integration. Emres Stellung wirkt vielleicht auf den ersten Blick gegenüber den Anderen beneidenswert, aber man sollte auch nicht übersehen was eine solche Hervorhebung mit einem jungen Menschen machen kann…Denn er wird ja quasi zu einem Repräsentanten seiner Kultur hochstilisiert und das führt eigentlich dazu, dass er einen Teil seiner Identität /Wurzeln aufgeben muss. Trotzdem bleibt er durch diese Sonderstellung weiter fremd in der Mehrheitskultur, weil er eben als „der gute Quoten-Vorzeige-Ausländer“ eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft übernimmt.

    Nun ist eben die Frage, ob er damit zurecht kommt oder es ihn zerreißt…, denn irgendwann wird er seine Sonderrolle auch selbst erkennen und reflektieren müssen. Dieses „Dazwischen“ ist manchmal komplizierter als eine eindeutige Zugehörigkeit/Abgrenzung, weil dadurch das Identitätsproblem größer wird…

  18. Jen schreibt:

    Leider reicht für die meisten Arbeitgeber allein schon die Aufschrift „Hauptschule“ auf dem Zeugnis aus, um entsprechende Bewerber abzulehnen.

  19. kingkenny7 schreibt:

    Bald wird ´ne ganz gute Stelle frei, die als Bundespräsident. Wäre das nichts für Emre? Heute habe ich auch mal einen Kritikpunkt: „Hömma“ sagt man im Ruhrgebiet, woanders meines Wissen nur als Gag.

  20. michael schreibt:

    > Nur Gülten taugt hier zum Vorzeigen, weil sie so übertrieben hübsch ist

    War nicht bisher Aynur die Schönste ? Und hat sie sich nicht in der Projektwoche im Kinderhort oder KIndergarten sehr zur Zufriedenheit des Fräuleins aufgeführt.

  21. paule t. schreibt:

    Normalerweise kommentiere ich ja nur, wenn mir was nicht passt …
    Aber der Beitrag ist so gut, dass ich einfach nur Beifall zollen muss!

  22. Ostspinnerin schreibt:

    Zeichnung vom gestrigen Tage… passt echt zum Thema

    http://ruthe.de/

    Warum wird nicht jeder Mensch so genommen, wie er ist? Ohne Herkunfts-Preisschild am Hals?
    Aber Sie sind eine der 10 Gerechten, wegen der die Stadt gerettet wird.

    LG Ostspinnerin

  23. Inch schreibt:

    Ein ernstes Thema! Und erschreckend

  24. Kann man dem Bäcker so eine Aussage nachweisen, gäbe es hier deswegen schon direkt ein Strafverfahren wegen Verstoß gegen das Discriminierungsgesetz. Was auch komplett richtig ist. Dass Deutschland da immer noch so hinterher hängt, macht mich echt traurig.

    • Meistermacher schreibt:

      „Deutschland“ hängt „hinterher“, weil irgendein Bäcker sagt, er hätte auf die Bewerbung eines jungen Türken nicht reagiert? Wow. Vor allem zeugt das ja offensichtlich davon, dass der Bäcker ein Riesenrassist ist, wo er ihn doch anschließend gleich einstellen wollte, jetzt, da er ihn kennengelernt hat. Je kleiner der Geist, desto größer die Empörung, nicht wahr?

      • paule t. schreibt:

        Wenn jemand einen Türken nicht einstellen würde, weil er Türke ist, ist das natürlich rassistisch. Was denn sonst? Wenn er sich durch persönlichen Kontakt umstimmen lässt, zeigt das zwar, dass er immerhin nicht völlig verbohrt ist, also nicht automatisch jeden Türken prinzipiell ablehnt. An den grundsätzlichen rassistischen Vorurteilen ändert das nix.

        Wobei, um die Schärfe meiner Worte etwas zu mildern: Wir Menschen sind halt so gestrickt, dass wir leicht solchen Haltungen verfallen. Ich selbst bin sicher nicht frei davon. Aber selbstkritisch aufmerksam sein sollte man dafür schon, und die Sache beim Namen nennen auch.

        Allerdings hängt Deutschland da auch nicht so arg hinterher, denke ich. Nach deutschem Antidiskriminierungsgesetz dürfte man sich m.W. immerhin ein paar entgangene Monatsgehälter Entschädigung erklagen können, wenn nachweisbar.

      • Ja, das zeugt aber auch davon, dass diese Verhaltensweise niemand beanstandet hat, und ihm rechtlich niemand was kann, oder er würde es so offen nicht zugeben.

        Es geht hier nicht um den Einzelfall, sondern um die Tatsache, dass Leute aufgrund ihres Namens nicht eingestellt werde, und das nicht nur im Fall dieses einen Bäckers. Und bevor man mir Kleingeistigkeit unterstellt, sollte man mal lieber vor der eigenen Türe kehren. Nur so als Tip.

  25. Bibi schreibt:

    wie ich vermutlich schon mal erwähnte, fällt mir bei sowas immer mein lieblings-dönerverkäufer ein, der beim letzten fußballspiel deutschland gegen türkei trotz mehrerer riesiger deutschlandfahnen am laden immer getröstet wurde, weil sein vermeintliches heimatland verloren hatte, worauf er schließlich im schönsten greifswalder slang antwortete: „verdammte scheiße, ick bin keen verdammter türke, ick bin een deutscher ausm iran!!!“
    😉

  26. Bene schreibt:

    Der beste Eintrag in diesem Blog bisher. Nicht so unterhaltsam wie sonst, aber es bleibt viel mehr zum Nachdenken hängen. Und dazu noch wirklich toll geschrieben.
    Echt king, Frl. Krise!

  27. Katjusch schreibt:

    ENDLICH schreibt Frl. Krise mal wie’s is. Sie sprechen mir aus der Seele. Besonders in der großen deutschen Stadt, inmitten von auch heute noch ziemlich ‚Ausländerfreien Zonen‘, war die Wende für Ali und Zeynep ein totaler Griff ins Klo! Gleich in den ersten ersten Jahren danach sah man keine Kopftücher mehr hinter Supermarktkassen und am Wurststand. Dafür saß da plötzlich die rothaarige ‚Mandy‘ aus Bernau und fragte: „Möchten sie ’nen Beutel?“ Sie outete sich somit als hinter der großen Mauer gebürtig. Heute kommen die Mädchen bei H&M und C&A mit dem Zug zwei Stunden aus der Priegnitz in die Shopping Malls angekarrt und Zeynep geht ‚harzen‘. So lange sich das Handwerk und die Industrie noch genug Olivers und Christians aus dem Umland aus den Bewerbungslisten herausfischen können und MAE-Kräfte die Bewerbungen nach Postleitzahl sortieren, bleibt Ali vor der Tür und muss in die Döner-Ökonomie gehen.
    Ich gehe davon aus, dass die Kids das spüren, auch wenn sie es nicht – besonders auf der ehemaligen Hauptschule – ausdrücken können und daher so sind wie sie sind. Sie haben sich aufgegeben, weil sie spüren: „Wir wollen euch nicht – Wir brauchen euch nicht!“ – Das Schlimmste, was man dem jungen Mitglied einer Gemeinschaft vermitteln kann. Demgegenüber sind Ali und Zeynep eigentlich noch sehr brav. Sie tappern unter 25 in ungezählte Maßnahmen, malen dort Bildchen aus oder sägen Kram für den Weihnachtsbasar.
    Der einzige Hoffnungsschimmer ist die demographische Veränderung zu spüren am immer größer werdenden Gejaule von Industrie und Handwerk: Wir finden keine passenden Bewerber mehr.
    Ja vielleicht müssen die jetzt die Bewerbungspost von Ali mal öffnen und auch vielleicht im Einstellungstest zum Straßenkehrer oder Streifenpolizist nicht nach Rilke oder Grillparzer fragen.
    Vielleicht bricht auch nicht das zivilisierte Abendland zusammen, wenn Zeynep mit Kopftuch kassiert.

    • frlkrise schreibt:

      Hm…schreib ich sonst nicht, wie’s ist?….

      • paule t. schreibt:

        Ich glaube, das war ungeschickt formuliert … Sie schreiben natürlich IMMER, wie’s ist, liebstes Frl. Krise!
        Aber sonst wird wohl zu diesem Thema selten so geschrieben.
        Gemeint war also vielleicht:
        „Endlich schreibt mal jemand, wie’s ist – Frl. Krise!“

      • frlkrise schreibt:

        Na bitte, geht doch… 🙂

    • Frau S aus L an der P schreibt:

      Mhm, bleibt die Frage ob die Genannten denn „Straßenkehrer oder Streifenpolizist“ oder auch „Mädchen bei H&M und C&A“ werden wollen. Ich meine mich dunkel zu erinnern, dass nach Auftröselung der Aufgaben einer „Zara-lette“ die Begeisterung für den Job im Modehaus doch merklich schwand.

  28. Christjann schreibt:

    Liebes Frl. Krise,
    ich schick Ihnen das mal – passt nur so halb zum Thema „Vorzeigetürken“ – aber insgesamt passts vielleicht schon — Sie müssens nicht veröffentlichen, wollte nur, dass Sie wissen, dass ich bei mir von Ihnen sprach, obwohl das ja vielleicht auch automatisch rückgekoppelt ist?! Dank auch nochmal an Olaf für den Film!

    lieben Gruss aus der Fremde
    Christjann

    http://aufildesmots.biz/2011/12/heimat/

      • Ulla 39 schreibt:

        Auch von mir „Danke“ an Christjann. „aus der Fremde“ klingt schmerzlich wie der anrührende Text in „aufilsdesmots“ und manches, das auch ich gerade in diesen Tagen höre oder lese von Freundinnen und Bekannten, die im Ausland leben.
        Die Problematik „Ausländer“ bleibt leider das ganze Jahr über bestehen. Nur ein Beispiel: Mein Mann lebt, arbeitet und publiziert seit Jahrzehnten in Deutschland. Mehr als ein (deutscher) Bekannter hat mich schon gefragt, ob mein Mann später „wieder in die Türkei zurückkehrt“. Und was wäre dann mit mir, seiner deutschen Ehefrau seit 45 Jahren? Darauf gibt’s keine Antwort.
        Ein Glück nur, daß er und ich uns einig sind über die guten Seiten des jeweils anderen Landes und gemeinsam über die schlechten schimpfen.

    • Olaf schreibt:

      Dank an Sie für den link (ich werde wohl öfter bei Ihnen mitlesen) und für den Dank (es war doch nur ein link, den ich gesetzt hatte – den Film haben andere gedreht/ gespielt etc.). Ich finde diesen Film nur einfach gelungen, einfühlsam, sympatisch und so menschlich, weil er die Emi-/ Immigration von beiden „Seiten“ in beiden Sprachen und so treffenden kleine Episoden zeigt.
      Einen schönen Gruß aus Hamburg in die „Fremde“ 😉

      Olaf

  29. Normann Richter schreibt:

    … und für genau solche Posts LIEBE ich dieses Blog. Danke Frl. Krise.

  30. Anja schreibt:

    Passt wahrscheinlich nur irgendwie zum Thema, ich musste aber beim Lesen des Posts gleich daran denken: In den USA eingewanderte Chinesen geben sich oft selber einen typischen amerikanischen Vornamen – eine Einwanderungstaufe sozusagen. Meist sind sie stolz und erzaehlen es, oft machen sie das aber auch stillschweigend und Informationen gibt es nur auf direkte Nachfrage. Der Nachname bleibt. Damit zeigen die Neuamerikaner ihren unbedingten Integrationswillen. Bei den Einwanderern gibt es auch hier zwei Vertreter: Die einen werden amerikanischer als die Amerikaner, die anderen Versuchen den Spagat zwischen beiden Kulturen. Das ist hier aber wesentlich einfacher als in Deutschland, da die Toleranz anderer Kulturen und Religionen hier groesser ist, bedingt durch die Geschichte. Zusammen haelt dieses Land der amerikanische Patriotismus.

    Bewerbungen auf einen Job erfolgen hier immer OHNE Foto (auch ohne Altersangabe oder Angabe zum Familienstand). So kann der zukuenftige Arbeitgeber nie sicher sein, wen er zum Vorstellungsgespraech einlaed oder welche Chance er sich entgehen laesst, wenn er nicht einlaed, zumal amerikanische Vornamen nicht immer einen Hinweis auf das Geschlecht des Traegers enthalten. Auch sonst spielt der Vorname in den USA eine grosse Rolle im Zuge von Diskriminierung. Schwarze und weisse Amerikaner haben jeweils ihre typischen Vornamen und eine Elizabeth wird eher eine Chance haben als eine LaShouna. Und das, obwohl Amerika das klassische Einwanderungsland schlechthin ist. Daher bin ich ziemlich skeptisch, was das Integrationsproblem in Deutschland angeht.

    • Ulla 39 schreibt:

      Die landestypischen Vornamen, das ist auch so ein „Ding“. Die in Deutschland geborene Tochter eines in Deutschland lebenden deutsch-türkischen Elternpaares hat keine türkischen Papiere für seine Tochter bekommen, weil sie das Kind Clara Nimet genannt haben. Clara sei kein türkischer Vorname! Nimet spielt dann keine Rolle. Aus und Schluß.

    • B wird Lehrerin schreibt:

      Aber ich kann schon sehen wie alt jemand ist, wenn ich mir anschaue wann er seinen Schulabschluss gemacht hat. Darauf sind meine Hauptschüler nämlich in der Englischstunde gekommen. Nachdem einige etwas verwirrt waren, woher sie denn in diesem Angelsächsischen Lebenslauf die Nationalität erkennen sollen. Nicht dass sie mal nen Türken einstellen. (ja, das sagen die) Aber ein Glück, so ein weiterer, erkennt man das ja auch noch am Nachnamen. Schockiert bin ich schon lange nicht mehr.

  31. Bremerin schreibt:

    Liebes Frl. Krise,
    ich mag Ihren Blog!
    Ausgrenzung gibt es überall nicht nur bei Nicht-Bio-Deutschen. Da reicht schon,
    dass man Tics, Tourette oder LRS hat um nicht eingeladen oder genommen zu werden zum Vorstellungsgespräch, Praktikum und/oder Ausbildungsverhältnis. Da kann man manchmal noch so viel im Kopf haben. Ich kann mich da noch sehr gut an Domi aus K. (mit Tics) erinnnern, der ein Praktikum gemacht hat und der Firmenchef total begeistert war, nachdem er den jungen Mann kennengelernt hat. Normalerweise hätte er ihm keine Chance gegeben, nicht einmal eingeladen!

  32. Curima schreibt:

    Fand den Post auch super…und es ist ja leider auch viel Wahres dran. Immerhin gibts ja so langsam schon Ansätze – wenn auch nicht unbedingt in Deutschland – Bewerbungen mehr zu anonymisieren und ohne Namen und Fotos an die Personalchefs auszuhändigen. Vielleicht setzt sich das hier ja auch nochmal irgendwann durch.

  33. Frau X. schreibt:

    also zu den Kevins habe ich das hier:

    und watt lernt uns datt: bessa 10 Bio-Emresse als wie ein son Käwin!!

    achja und „hömma“, dat iss ja wohl ear ruhrpöttisch, dattas ma klaa iss, hasse datt getz gehöat?
    Rheinländisch oda noch schlimma Köllesch vaschteet ja ma echt keine S**, dagegen iss unsa Sprech abba sowatt von ein glasklares Hochdeutsch, datt sich da so mancha Polliticka ma ne Scheibe von abschnein tun könnte. Kuckma hia, da kannze watt learn’n:

  34. Tricia McMillan schreibt:

    Hömma Liebsche, jetzt mach ma, dasde wieda jesund wieast!

  35. Mascha schreibt:

    Bio-Deutsche….was für ein genialer Ausdruck!!! Den muß ich mir merken 🙂

  36. TS schreibt:

    Aber Hallo! Wenn ich hier so im Blog lese, hoffe ich doch manchmal es wäre Erfunden. Ich war selber auf der Hauptschule, allerdings nur bis zur 7. Klasse und auch die hab ich zweimal gemacht. Dann gab es noch ein Jahr BVJ und einen dem Hauptschulabschluss gleichwertigen Bildungsabschluss, damit wurde ich auf die Welt los gelassen und bin gleich untergegangen. Eine Lehrstelle mit nicht mal einem echten Hauptschulabschluss war, trotz einem Fehlerfreien Lebenslauf und einem Fehlerfreien Anschreiben in der Bewerbung, nicht drin. Nochnichtmal als Bäcker, Maurer oder sonstiges Vergleichbares. Das war vor 14 Jahren, scheinbar hat das Niveau in der Hauptschule nochmal richtig ordentlich abgenommen und nach Ihren Erzählungen würde ich eher davon ausgehen das rund 85% der Klasse ein Leben mit Hartz IV oder einem HiWi-Job mit einer marginal besseren Bezahlung bevorsteht.

  37. Doro schreibt:

    Liebes Frl. Krise,

    ich lese Ihren Blog regelmäßig unregelmäßig und fühlte mich bisher immer recht gut unterhalten, wenn auch auf relativ unspektakuläre Weise. Dieser Beitrag allerdings ist wesentlich besser als so mancher Spiegel- oder Süddeutsche-Kommetntar. Sie bringen die Problematik, Türke (oder eine andere Nationalität) in Deutschland zu sein, auf den Punkt. Bitte bewahren Sie sich diese kritische Wahrnehmung. Menschen wie Sie tragen dazu bei, dass sich die Einstellungen von Jugendlichen dahingehend entwickeln, dass wir tatsächlich von Integration sprechen können.

    Writer wie bisher 😉

  38. Oliver schreibt:

    Moin Frau Krise,

    der positive Rassismus deiner Texte geht mit seit Monaten sauber aufn Keks, schon mal als Migrant dich im Ausland hochgearbeitet in deinem Leben? Äh ne du ja Beamtin in Germany, sauber und sei dir auch gegönnt!

    Die die das geschafft haben, haben meinen Respekt, sowohl mit den Menschen als auch mit einigen Unternehmen arbeite ich zusammen.

    Ich bin ja nicht so Beamter und wenn ich mit meinen Menschen so arbeiten würde wie du und die Frau Freitag… dann bin ich Arbeitsamt, aber mal ganz schnell!
    Wenn ich das so richtig sehe, sollten lieber mal Profis mit euren arbeiten und ihr Arbeitsamt… oh doof das geht ja nicht… na denn fühstückt noch schön ihr beiden und macht euch lustig über die doofen Migranten!

    Kommt produziert euch Beamtenmädels!

    Sauber hinbekommen Mädels! *kopfschüttel*

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