Sauber ist Definitionssache

Irgendwelche hergelaufenen Viren-Schlampen scheinen in meinem Hals mit einer dreckigen Bakterienbrut eine Party zu feiern, sie arbeiten sich dabei langsam via Nase bis in die Ohren vor…

Vielleicht ist heute der richtige Zeitpunkt für die Story mit der Hose. Die ist schon vor ein paar Wochen passiert, habe ich aber noch nicht erzählt.
Ihr werdet schon sehen, weshalb…

Am Freitag in der 7.und 8. Stunde Kunst in der 10c zu haben, ist Höchststrafe. Eigentlich sind die Jungen einzeln ganz nett, aber in der Gruppe tun sie so, als wären sie junge Hunde, die ständig balgend übereinander herfallen müssen. Das nervt ohne Ende. Die Mädchen der Klasse sind ganz annehmbar, bis auf einige Krawallschachteln.
Insgesamt ist es zu laut, zu hektisch und zu unberechenbar. Und Aufräumen können die gar nicht!
So auch dieses Mal. Auf alles Tischen stehen noch Wassergläser, die angeblich niemandem gehören. Die Tische sind farbverschmiert. Im Waschbecken liegen Pinsel, das übrige Material ist irgendwo hin geknallt….
Ich schließe unauffällig die Türe von innen ab. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn wenn jetzt beim Klingeln einer entwischt, dann hauen alle ab .
„Ok, Leute,“ sage ich und pumpe innerlich schon, „räumt das alles weg! Vorher geht hier keiner raus. Ich hab Zeit.“ Dabei wartet Frau Freitag auf mich mit dem freitäglichen Afterwork-Kaffee.
Schimpfend räumen ein Mädchen und ein Junge die Wassergläser weg. Im Waschbecken liegen immer noch jede Menge Pinsel. Das murrende Volk drängelt sich schon vor der Tür, sie wollen raus, das Wochenende lockt… Die Stühle stehen auf den Tischen, von dem Geschubse fällt schon der eine oder wieder krachend runter, die Stimmung ist aufgeladen.
Da fällt mein Blick auf den letzten Tisch. Verdammte Hacke, da steht ja immer noch ein Wasserglas mit Pinseln!

„ Viola, ist das da von dir, das war doch dein Platz?“ frage ich unfreundlich.
Mann! Wie lange dauert das denn noch ? Ich will raus hier!
Viola mustert mich verächtlich. Sie wirft ihre fransigen langen, extrem geglätteten Haare zurück und verschränkt die Arme.
„Was reden Sie!“ sagt sie frech.
Viola beehrte heute erst zum zweiten Mal meinen Unterricht, sie war einige Monate in einer Projektschule, hat die Probezeit dort nicht bestanden und ist ist jetzt wieder bei uns.
„Räumst du das mal bitte weg, Viola!“
„Machen Sie doch selbst!“
„Du hast da gesessen!“
„Was willst du ? Lass mich in Ruhe !“
„Duz mich nicht!“
„Übertreib ma‘ nicht deine Rolle!“
„Du räumst das jetzt sofort weg! Wegen dir müssen alle warten!“
„ Du kannst mich! Ich mach‘ gar nix!“
Es klingelt. Auch das noch!
„Ja doch, mach mal!“ „Los,räum mal weg,“ mischen sich jetzt ein paar andere ein.
Viola grabscht sich das Glas, stampft zu Waschbecken und kippt das Wasser mit Schwung ins Becken. Es spritzt, ich springe zurück. Den Becher pfeffert sie irgendwie auf die Ablage.
Inzwischen umringt uns die ganze Klasse. Hier geht es nicht mehr nur ums Aufräumen….
Sie hält mir die Pinsel entgegen. Es sind drei lange farbverschmierte Borstenpinsel. Dicke bunte Arylfarbe klebt noch an ihnen.
„Da!!!!“ sagt sie und guckt provokant.
„Soll das sauber sein?“ frage ich rhetorisch und werde langsam immer wütender.
„Ja, was sonst!“ schnauzt sie mich an und fuchtelt mit den Pinseln in meine Richtung.
Ich nehme ihr die Pinsel aus der Hand und in dem Moment macht sich in meinem Kopf etwas selbstständig. Es blitzt und donnert und meine Hand fährt vor und stößt mit den Pinseln dreimal auf die Hose.
Oberschenkel, Mitte.
Auf der fast weiß ausgebleichten Jeans von Viola prangt ein dicker mehrfarbiger Klecks.

„Ja, genau!“ schreie ich, „Sauber, sauber!“

Alle schreien jetzt auf und Viola schreit am lautesten.
Und was sie alles schreit! Diese Schimpfwörter werde ich hier auf keinen Fall wiederholen !
Ich bin selbst ein bisschen gebügelt. So fühlt sich also der so genannte Affekt an, denke ich und schließe die Tür auf.
Die Jungen klopfen mir beim Rausgehen grinsend und irgendwie anerkennend auf Rücken und Oberarme.
„Voll süß, Frl. Krise!“ sagt Ali und Volkan ruft: „Frl.Krise ist king!“
Das fehlt jetzt gerade noch. Applaus von der falschen Seite…die räumen ja selber nicht auf!

Am Waschbecken steht immer noch die wutschnaubende Viola mit ihren Freundinnen….

Morgen geht’s weiter, manche Geschichten sind einfach zu lang!

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45 Antworten zu Sauber ist Definitionssache

  1. somedude schreibt:

    gotta love this shit^^

  2. Ich eben wer sonst schreibt:

    Aaaahahahaha voll cool, Frl Krise das sollten Sie öfter machen! Aber geht die Farbe wenigstens wieder raus?

  3. Jürgen schreibt:

    Sie sind nicht „king“, sondern die QUEEN.

  4. KC schreibt:

    Ehm…ich bin des Deutschen ja durchaus mächtig…aber WESSEN Hose war es denn schlussendlich eigentlich? 😀

  5. Anika schreibt:

    vollkommen verständlich, die reaktion. ich hätte wahrscheinlich noch dazu „wuaaaaaah!!!“ geschrien und wäre auf und ab gesprungen.

  6. KleinFrodo schreibt:

    Ja die Reaktion war vollkommen verständlich. Das Problem bei diesen impulsiven Handlungen ist nur, dass man sich zwar dabei gut fühlt, aber sofort eine Sekunde später denkt: „F***! Was habe ich nur gemacht?!“
    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass alles gut wird.

  7. kingkenny7 schreibt:

    Hier war bisher noch keine Geschichte zu lang. Wie wäre es eigentlich mal mit einem Live-Ticker aus dem Klassenraum? Okay, kleiner Scherz…

    • airafeuermond schreibt:

      Gar nicht mal so eine schlechte Idee, dass mit dem Live Ticker. Ich denke das frl. Kriese hat sicher ein Handy mit dem sie immer alles schnell posten kann

  8. frl freizeit schreibt:

    Da verdienen sie es nicht anders und der geneigte Pädagoge fühlt sich noch schuldig, wegen Grenzen, Vorbild, etc
    Aber beruhigend, dass auch ein frl. Krise mal ganz unpädagogisch affektiert…
    Liebste Grüße

  9. frau r. schreibt:

    Oh, ich kann Sie nur allzu gut verstehen. Manchmal macht es *ZAPP* und die Sicherung ist durch. Ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht mit den Flecken auf den Hosen.

  10. Olaf schreibt:

    So etwas nennt man doch dann „Designerhose“.
    Ich sag’s Ihnen – irgendwann wollen/ haben alle solche Hosen. Das heißt neudeutsch Trendsetting.
    Auf die Fortsetzung bin ich aber auch schon sehr gespannt.

  11. Normann Richter schreibt:

    Oh Nein! Eine Fortsetzung MORGEN?! Das ist als ob man mitten in der Gute Nacht Geschichte das Buch zuklappt.

  12. Theni schreibt:

    Ich kann´s mir gut vorstellen… Wir hatten einen Mathe/BK Lehrer, der so ähnlich reagierte, allerdings jede Stunde ein Schreianfall. Am Schluss waren mehrere iPods/Handys im Fluss vorm Fenster oder im Mülleimer glandet 8) Dagegen ist ein Hose ja noch relativ harmlos…

  13. RogueEconomist schreibt:

    Hut ab das sie hier auch schreiben, wenn es mal nicht so läuft wie es sollte. Und als Nicht-Pädagoge liest sich das durchaus unpädagogisch 😉
    Davon ab war der Gesichtsausdruck der Trulla wahrscheinlich unbezahlbar.

  14. L-O schreibt:

    aus wikipedia: “ Im Expressionismus überwiegt die expressive gegenüber der ästhetischen, appellativen und sachlichen Ebene. Der Künstler möchte sein Erlebnis für den Betrachter darstellen.“

    … im kontext des kunstunterrichtes alles richtig gemacht würde ich sagen *g*

    • frlkrise schreibt:

      Danke! Es war wirklich reinster Expressionismus….

      • rotezora schreibt:

        Aber dass du nicht anfängst, auf Nanas zu schießen, nur weil Nicky de Saint Phalle…
        Das wäre jetzt wirklich etwas übertrieben.
        Ich bin froh, dass ich neulich einem Siebtklässler, der beim Aufräumen wiederholt den nassen Schwamm über den Schulsachen seiner Mitschüler ausgedrückt hat, nur selbigen kommentarlos durchs Gesicht gezogen habe. Ich hab’s auch erst realisiert, als es schon passiert war. Das hatte zwar ein Riesengezeter von Seiten der Nervbacke und seiner Mutter zur Folge, aber es war auch ein Gesprächsanlass, und letztlich konnte einiges geklärt werden. Trotzdem halte ich es nicht für eine pädagogische Heldentat. Eins war es mit Sicherheit: authentisch, aber sowas von!

  15. Croco schreibt:

    Das sind so die Sternstunden, die mit den Affekten. Man schämt sich schrecklich und steigt doch gleichzeitig in der Achtung der Schüler. Ich bin mal dem Sohn eines furchtbar wichtigen Menschen an den Kragen und hab ihm meine Faust an die Gurgel gedrückt.
    Ich konnte einfach nicht anders. Es ist weiter nichts passiert.
    Wenn ich Ihnen erzähle, als was er heute arbeitet, lachen Sie sich schlapp.

  16. Nadine schreibt:

    Die Viren und Bakterien hab ich auch *meld*
    Ansonsten: Ich kanns verstehen: Sowohl den Affekt, als auch das schlechte Gewissen.

  17. Tades75 schreibt:

    AAARGH !!!!!
    Ich hasse Cliffhanger! Man sollte Sie wie Bart Simpson 2 Tafeln mit dem Satz „Ich darf in meinem Blog nicht cliffhangern“ vollschreiben lassen!
    🙂
    Wie wird’s wohl weitergehen? Ich tippe auf Auftritt Eltern von Viola, ähnlich bescheuert wie die Tochter, Radau, Terz und „musst Du bezahlen, Krise, SEEEEHR teure Hose“ usw, noch mehr Unflätigkeiten.

    Viola scheint ja wirklich ein Prachtexemplar zu sein. Vielleicht sollten Sie die Dame mit Turgut verkuppeln, beide bringen sich gegenseitig um und alle sind glücklich

  18. nehalennia schreibt:

    DANKE! Ich dachte schon, Frl Krise eigentlich Mutter Teresa der Pädagogok heissen…. Ich mein, sie würde ohnehin den Pädagogik-Nobelpreis verdienen, aber dass Frl. Krise auch menschlich ist, erleichtert mich ungemein 😉

  19. Johannes schreibt:

    Woohoo..Haftungsfall 🙂 Trotzdem kann man Sie zu der Reaktion nur beglückwünschen. Ich bewundere Sie ohnehin. Ich würde es mit dem Haufen, den Sie beschreibten, keine fünf Minuten aushalten…

  20. Phonebitch schreibt:

    Cliffhanger sind nicht nett 😦 aber ich bewundere sie , diese Nerven, wie Drahtseile, boah……Chapeau

  21. oachkatz schreibt:

    Also, gänzlich unpädagogisch war es ja nicht, wenn man mal davon ausgeht, dass Sie ihr vermutlich beigebracht haben, was ein sauberer Pinsel nicht ist. Da Sie offensichtlich noch in Lohn und Brot stehen kann es allzu heftig nicht geworden sein? Fortsetzung ist nicht ganz fair, Frl. Krise. Das macht kribbelig und hält mich von der eigenen Arbeit ab.

  22. Claudia Overmann schreibt:

    Zum Glück ist schon heute und nicht gestern, heute kommt doch Teil 2 der Hosen-Geschichte, ich bin schon ganz gespannt. Besser wäre es ja gewesen, alles gleich zu berichten.

  23. Lily schreibt:

    Ein Cousin von mir hat mal einem Lehrer, der gewohnheitsmäßig sein Schlüsselbund zur Disziplinierung in Richtung Schüler schleuderte, die Schlüssel reflexartig zurück geworfen… Kam nicht so gut, zumal Cousin voll krass Handballer ist. Merke: Affekt passiert in beide Richtungen 🙂
    Aber die Hose zu verzieren mit sauberen Pinseln ist eine prima Idee.

  24. GG schreibt:

    Wer zuerst zuckt, hat verloren. Doofe Regel das. Aber hallo Herr Schulleiter, dann beweisen Sie jetzt mal Rückgrat und stellen sich hinter ihre Lehrerin! Die Kiddies sollen ruhig lernen, dass sie es mit einem Menschen und nicht mit einem seelenkalten Behördentierchen zu tun haben!
    “In unserer Kultur sind am erfolgreichsten die, die am meisten von ihren Gefühlen, von der Fähigkeit zum Mitgefühl abgeschnitten sind. Wir glauben, wenn wir zu jemandem sagen ‘Das schmerzt mich’, sind wir schon unterlegen. Das stimmt aber nicht. Es zeigt gerade, dass wir stark genug sind, das zu sagen, ohne dem anderen damit ein Unterwerfungssignal zu geben.” Arno Gruen

  25. papierkriegerin schreibt:

    ach… und das auch noch vor Zeugen, ganz schlechter Stil, Frl. Krise… beim nächsten Mal bitte unter 4 Augen stoplern, dann spart man sich das latent ungute Gefühl ob der Konsequenzen!

  26. S. Van Lure schreibt:

    ich hätte mich an ihrer stelle wieder ganz ruhig auf den platz gesetzt und gesagt, bis viola nicht alles zufiedenstellend gesäubert hat, bleibt die tür verschlossen. basta.
    aber ich kann den farbigen ausrutscher gut verstehen. ganz ehrlich hat es der göre auch gehört.

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