Farbspiele

Frau Herz stößt einen markerschütternden Schrei aus und zeigt zum Fenster des Lehrerzimmers.
Draußen breitet sich gerade ein unwirkliches, tief rotviolettes Morgenlicht auf der Backsteinfront des gegenüberliegendes Hauses aus. Das kleine Stückchen eisblauen Himmels, das wir aus dem Paterre sehen können, ist von breiten dunkelrosa Streifen durchzogen.
„Ohhhh, wie schöööööön, guck mal da, Karl!“ Frau Herz ist ganz verzückt.
Karl guckt irritiert zum Fenster. „Was ist’n los?“
„Siehst du nicht?“ Frau Herz ist fassungslos.
„Was denn?“ fragt Karl und starrt nach draußen.
„Das Licht! Dieses Licht!“
Karl schüttelt den Kopf. „Seh‘ ich nicht,“ sagt er. „Ist mir auch egal.“
„Genau,“ sagt Herr Kröner, der sich mit seinem Riesenrucksack an uns vorbeiquetscht, „ist mir auch egal.“ Typisch!
„Mann, Frau Herz, Karl ist doch farbenblind!“ rufe ich. „Der sieht doch alles ganz anders als wir!“
„Echt jetzt?“ Frau Herz sieht Karl an, als wäre er ein exotisches Insekt. „DU bist farbenblind?“
„Janein. Farbuntüchtig!“ sagt Karl. „Heutzutage nennt man das farbuntüchtig!“
„Siehst du denn da auf dem Kalender die roten Streifen?“ Frau Herz weist auf den GEW Kalender am der Pinnwand.
„Nee, seh ich nicht,“ sagt Karl, „ obwohl jetzt, wo du es sagst….“
„Wie siehst du denn alles?“ erkundigt sich Frau Herz.
Karl rollt mit den Augen. „Wie soll ich dir das denn erklären?“ fragt er. „Anders eben. So was kann man doch nicht erklären.“
Kollege Schmidt mischt sich ein: „Wenn du z. B. mal Tomaten pflücken willst,“ fragt er, „wie unterscheidest du dann die reifen von den unreifen? Ich mein, sehen kannst du das ja nicht, oder?“
Lebenswichtiges Problem, denke ich. Tomaten! Typische Frage für einen Biologen!
Karl schweigt. Wahrscheinlich kauft er die Tomaten im Supermarkt und da sind sie schon alle reif.
„Ich hatte mal eine Schülerin, die wollte Schuhverkäuferin werden, die hatte schon fast den Vertrag unterschrieben, aber dann ist es daran gescheitert, dass die gemerkt haben, dass sie farbenblind war,“ bemerkt Frau Falter.
„Farbuntüchtig! Sagt man so, heute,“ sagt Karl.

Der arme Karl, nicht mal Schuhverkäuferin kann er mehr werden, denke ich. Astronaut auch nicht, und Polizei? Oder Feuerwehrmann?
Aber als Lehrer kann man ruhig farbenbl…äh..farbuntüchtig sein. Nur beim Korrigieren könnte es eventuell Probleme geben, da sieht man ja wohl nicht, was man schon rot angestrichen hat…

In den letzten Stunden sind Frau Schneider und ich wieder in meiner Klasse. Mit den Bewerbungen geht es in Zeitlupe vorwärts. Die meisten haben inzwischen ein paar abgeschickt.
Fatih erzählt von den beiden Bewerbungstests, die er mitgemacht hat. Leider ist er durchgefallen. Nächste Woche hat er wieder einen.
Aynur kämpft zum wiederholten Mal mit einer Online-Bewerbung. Ob sie die jemals abschickt? Und ob die überhaupt ankommt? Vielleicht kreist sie in einer unendlichen Schleife um die Erde, zusammen mit all den SMSs, die nie bei mir gelandet sind.
So wie Fuat, der kreiselt mit seinem Stuhl. Wo der mal landet, ist mir schleierhaft. Den Lebenslauf hat er inzwischen geschrieben, aber kein einziges Bewerbungsschreiben. Wozu auch? Sieht er gar nicht ein. Er bekommt eh keinen Hauptschulabschluss. Ab in die Maßnahme!
Und Nesrin hat auch noch nichts wirklich fertig, aber die soll ohnehin in ein Projekt, in dem sie nachreifen kann. Mit ihrer Lernschwäche schafft sie das alles noch nicht.

Meine Schüler sind auch ein bisschen wie Tomaten, denke ich, es gibt reife und halbreife, manche aber sind noch ziemlich grün.

Ausbildungsuntüchtig? Oder nur bewerbungsblind? Grün ist die Hoffnung….

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30 Antworten zu Farbspiele

  1. Christjann schreibt:

    Menno, Sie schreiben soooo nett, Frl. Krise! grosses Kompliment! Chapeau!

  2. Minou schreibt:

    Irgendwie sucht man selbst als Mitleser innerlich nach einer Lösung und es will einem keine einfallen.
    Es ist bitter, wenn „Maßnahme“ das Einzige sein wird, was man je erreichen wird/was man glaubt jemals zu erreichen. Da kann man die Frage „Warum soll ich denn lernen“ wirklich verstehen.Zumindest aus Schülerperspektive! Was soll es schon anderes sein als Beschäftigungstherapie?!?! Wo doch eh nichts bei rum kommt!
    Ich denke oft, man hat es bereits verdammt gut, wenn man Menschen hat, die einem weitere greifbare Perspektiven aufzeigen und ich weiß nie, ob es überhaupt möglich für Lehrer ist, das zu leisten. ist man dazu nah genug?
    Aber (ich weiß, das passt jetzt nicht) vielen Dank für den Blog! ich freue mich über jedes neue Posting. Mal viel zu lachen, mal etwas, um darüber nachzudenken, wie heute 🙂
    Liebe Grüße
    Minou

  3. Ich eben wer sonst schreibt:

    Oh Bewerbungstests können fiiiieees sein, obwohl ich meine immer super bestanden habe 🙂 Ich bin eben ein Genie hach ja wo ist mein Puderdöschen 😉 Nein, also meine Tests waren schon gut, man braucht halt viel viel Allgemeinwissen, Rechtschreibung und Grammatik wären auch nicht verkehrt, vor allem wenn man ein Diktat schreiben muss. Ach ja und den Dreisatz sollte man möglichst auch beherrschen ich durfte bei meinem Test keinen Taschenrechner benutzen. Abooo, was das?!

    • Hajo schreibt:

      hilfreicher wäre, das, was sich hinter dem (bescheuerten) Dreisatz verbirgt, einfach zu verstehen 😉
      leider wird so etwas in Schulen viel zu selten gelehrt: Formalismus und Auswendiglernen ist ja viel einfacher ..

      • Ich eben wer sonst schreibt:

        Der Dreisatz ist nicht bescheuert. Den haben wir in der Schule merkwürdigerweise nie gehabt, den habe ich mir selber erarbeitet, ein bisschen anders als manch andere es machen würden, aber es ist immerhin ein Dreisatz!

      • Der Mathehügel schreibt:

        HÄ? Ich soll meinen Schülern erklären, was sich hinter dem Dreisatz verbirgt????
        Schon mal vor ner Hauptschulklassse gestanden? Da biste froh, wenn die Hälfte (also das sind glaub ich 50 %) in der Lage sind mein „Kochrezept“ umzusetzen.
        Achja, Schlaumeier, wie heißt den der zweite Satz vom Dreisatz????
        (Der Dreisatz heißt Dreisatz, weil er aus drei Sätzen besteht!)

      • Ich eben wer sonst schreibt:

        @Mathehügel

        Ich weiß nicht wie du das machst, aber ich mache das so. Beispiel, ein Auto ist 120 km/h schnell, wie lange braucht es für 32 km?

        Dann mache ich
        120 km = 60 Minuten
        32 km = x

        „Überkreuze“ die Gleichungen, so dass das dann da steht
        120x =32*60

        Und löse sie nach x auf. Ist doch Dreisatz oder nicht?

      • Hajo schreibt:

        Gerade weil viele so ein Geheimnis darum machen, wird’s ja so schwierig:
        Der Dreisatz ist doch nichts Anderes als eine Normierung:
        Um das Beispiel von „Ich eben wer sonst“ zu verwenden:
        Wie viele Minuten benötige ich für einen km? (Die Lösung steckt doch schon in der Frage: wieviele Minuten pro (= dividiert/geteilt durch) km) – hier hilft übrigens die Dimensionsgleichung.
        Dann einfach mit der Anzahl der km multiplizieren und feddisch!
        Ich weiss ja, dass es nicht ganz so einfach ist, die Logik, die sich dahinter (vielleicht etwas gut) versteckt, aber es lohnt sich, die Zeit zu investieren, diese in die Köpfe zumindest Einiger hinein zu bekommen, denn auch Schüler (beiderlei Geschlechtes) freuen sich über Erfolgserlebnisse.
        .. und: Nein, ich bin kein Lehrer, sondern nur ein einfacher Intschinjöhr 😀
        aber mit Erfahrungen im Umgang mit (eigenen und befreundeten) Kindern.

    • Bernd Müller schreibt:

      Manchmal kommt es mir so vor, als würde schriftliche Division oder Addition ungleichnamiger Brüche unterrichtet, nur um sie dann in so einem Test nochmal vorzuführen.

  4. airafeuermond schreibt:

    Manche Chefs bewerten solche Tests über. Ein Lagerist muss eben nicht wisen wer Kanzler war im Jahr X …

  5. GG schreibt:

    Hab hier lange gelesen, oft voller Vergnügen und Sympathie für Schüler und Lehrerin, aber auch nachdenklich. Ohne an dem Pensum und dem guten Willen der Lehrerin zweifeln zu wollen, schlepp ich die ganze Zeit eine leise Frage mit mir rum. Jetzt will ich mal raus damit, weil sich doch eh das 10. Schuljahr mit allem Müssen und Sollen, mit Lehrplan und Bewerbung dem Ende nähert: warum den Kids nicht in wenigen Stunden mal zeigen, was jeder von denen kann, warum keine Mnemotechnik, warum nicht wenigstens beispielsweise die allerersten Einstiegs-Dinge, wie die Ketten-Methode, warum nicht wenigstens einmal erlebbar, erfühlbar, erfahrbar machen, was noch in ihnen steckt, was das Hirnchen kann, wie es praktisch und erfolgreich funktioniert? In Blitzesgeschwindigkeit und nachhaltig Dinge zu merken, ist sicher nicht alles, aber man kann enorm viel damit machen. Und: es lässt Flow erleben, Lust auf mehr haben, motiviert sein, sich selbst aktiv mehr Fähigkeiten anzueignen und auch durchzuhalten bis zum Ziel. Ev. nutzen die Kids es nie, aber warum nicht einmal mehr über den Schulstoff-Lehrmethoden-Rand hinausschauen lassen mit all ihrer Neugier? Oder ich irre mich gewaltig, und das wird schon gemacht und jeder Schüler ist mindestens in der Lage, in Vokabel- u. a. Faktentests gute bis sehr gute Noten einzufahren, und dadurch seinen Zensuren etwas Auftrieb zu verschaffen… Schule ist nicht aller Chancen Abend, lernen kann jeder!

    • frlkrise schreibt:

      Auch nix Neues….GG! Wir haben vor ungefähr einem Jahr einige Elemente der Mnemotechnik gezeigt u. geübt, z.B. die Loci-Methode oder die Zahl-Form-M. Hat aber keine durchschlagende Wirkung gehabt. Die einzige, die das noch benutzt, bin ich! Ich finds hilfreich…..

    • Huhnic schreibt:

      Ohne die Schüler jetzt irgendwie schlecht reden zu wollen, ist es aber oft so, dass Dinge, die in der Schule gelernt werden, automatisch auch unter „Schule => langweilig“ abgestempelt werden, egal, wie hilfreich die sind. Und Mnemotechniken muss man ja auch zumindest mal üben, bevor man sie effektiv einsetzen kann. Das ist aber manchen Schülern schon zu mühsam. Da kann man nur hoffen, dass sie irgendwann merken, wie wichtig das ganze Zeug aus der Schule gewesen wäre und sie es dann aus dem dunklen Kämmerlein im Hirn hervorkramen…
      Wie hieß es in einer Schulung so schön? Die Zeit ist auf unserer Seite 😉

  6. Olaf schreibt:

    Der arme Karl – hoffentlich hat man ihm im Schreibwarenladen kein X für ein U vorgemacht und ihm grün als rot angedreht.
    Aber so richtig schwer hat es ja ein Klavierspieler im Dunkeln…

    Und ich wollte, ich hätte eine gute Idee für die Erleuchtung Ihre Schüler. Hab‘ ich leider nicht.

  7. Inch schreibt:

    Das mit der Maßnahme erschreckt mich auch. Obwohl es ja nichts Neues ist.
    Irgendwas läuft falsch in diesem Land.

  8. Seifenfrau schreibt:

    „farbenblind“ und „farbenuntüchtig“ und auch das andere verstehe ich ja noch, aber
    „Mnemotechnik“? Erklären Sie es nun frontal oder sollen wir die Lösung selbst suchen („nachgoogeln“)?
    Allerliebste Adventsgrüße einer treuen Leserin!

  9. B wird Lehrerin schreibt:

    Memeth-Technik und Kettenrauchen geht bestimmt besser

  10. Tricia McMillan schreibt:

    Pädagogische Farbenlehre, sehr interessant!
    Der arme Karl scheint ja wirklich geknickt zu sein, wegen seiner Farbuntüchtigkeit (auch Farbenfehlsichtigkeit oder Farbsinnstörung genannt)! Der wollte bestimmt mal Schuhverkäuferin werden und grämt sich jetzt jeden Tag! Schenken Sie ihm doch zu Weihnachten einen Kaufmannsladen, in dem er dann Schuhverkäuferin spielen kann!!!

  11. Mrs. Porcelain schreibt:

    „So wie Fuat, der kreiselt auf seinem Stuhl. Wo der mal landet, ist mir schleierhaft.“ hihhihii er landet wahrschienlich auf dem Hintern, wenn er vom Stuhl plumst…

  12. heini schreibt:

    „In Grün will ich mich kleiden, …“

  13. Ausländer ohne Migrationshintergrund schreibt:

    frolein krise!

    guggscht du hier: http://www.heise.de/tp/artikel/35/35934/1.html

    nid fuuli kinder aber d industrie isch schuld. und vorurteil gäge als andere.
    muesch nume online-bewärbig abschicke u scheff wärde. hani o gmacht.

    grus!

  14. michaela schreibt:

    Hallo, Mathehügel,
    ein Dreisatz ist quasi ein mathematischer Syllogismus!!! 🙂

    Hallo, Frl. Krise,
    könnte Fuat nicht eine Bewerbung für seine Traumstelle schreiben,
    zb König von Deutschland?

    Allen frohes Schaffen,
    michaela*

  15. Monika schreibt:

    „Grüne Tomaten“ … da denke ich sofort an … TOWANDA 😆

  16. Nadine schreibt:

    Mein Biolehrer ist rot-grün-blind gewesen. er hatte die Kreiden sortiert, damit er wusste, welche er für was nehmen musste. die andre Lehrerin hat sich allerdings nen Spaß draus gemacht die Kreiden zu vertauschen. Gab ne lustige Tulpen-Zeichnung.

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