Knapp vorbei

Der Kunstraum – Sodom und Gomorrha! Das Waschbecken voll verkrusteter Farbe, die Tische beschmiert, der Boden mit Papierschnitzeln übersät. So kann ich nicht arbeiten! Meine Schüler stört das nicht die Bohne. Jugendliche sind ja bekanntlicherweise vollkommen unempfindlich gegen Schmutz und Unordnung, jedenfalls solange sie ihn nicht beseitigen sollen. Drückt man ihnen jedoch einen Putzlappen in die Hand, dann bekommen sie gleich einen Herpes vor Ekel. Aber darauf kann ich leider heute keine Rücksicht nehmen.
Schluss mit dem Siff!
Salmiakreiniger, Lappen, Schwamm, Besen – alles steht bereit. Der Wahlpflichtkurs Zehn muss ran!
Die Begeisterung hält sich erwartungsgemäß in Grenzen. Ich habe beschlossen, dass die braven, lieben Mädchen heute NICHT putzen sollen! Kein Problem, fällt mir leicht verspätet auf, in diesem Kurs gibt es sowieso keine braven lieben Mädchen.
Ich werde zuckersüß: “ Ali, mein Lieber, du kehrst mal bitte kurz durch, ja?“
„Niemals, was denken Sie, wer ich bin!“
„Du bist Lieblingsschüler! Du hast mir doch erst letzte Woche so ein tolles Kompliment gemacht!“
„Ich?“
„Ja, weißt du nicht mehr? Mit dem Glitzern?“
„Ach so!“ Ali lächelt geschmeichelt.
Dann nimmt er fügsam den Besen und fängt an langsam und umständlich zu kehren.
Ich spritze, scheinbar ohne Rücksicht auf Taschen und Jacken zu nehmen, den scharfen flüssigen Reiniger auf die Tische. Geschrei und schleuniges Wegräumen der Teile.
So soll es sein, die Tische sind frei. Jetzt noch nasse Lappen und Schwämme verteilen. Dazu säusele ich, dass man an sauberen Tischen doch ganz anders arbeiten könne und dass man doch nur den Reiniger ein bisschen verteilen müsse und und und… Nach und nach werden die Putzlappen ergriffen und an Ende schrubben alle mit mehr oder weniger spitzen Fingern die Kritzeleien und Farbreste von den Tischen.
Ich erkläre Ali zum Tischkontolleur, weil ich die Waschbecken säubern will und keine Lust habe, immer den Körnel zu geben.
Ali legt sich schwer ins Zeug. Er mäkelt hier und lobt da und sagt im Kommandoton zu Leila: „EY DU! Weiterputzen! Ist noch nicht sauber!“
„Du kannst mich mal, Hur…äh..Hässlichkeit!“ pampt Leila zurück und schmeißt ihren Lappen wütend Richtung Waschbecken, wo er mich knapp verfehlt und klatschend zu Boden geht.
„Hallo? Geht’s noch?“ Ich funkele Leila wild an.
„Frl. Krise, sie muss sich doch nach meine Nase richten, wa?“ fragt Ali. Ich nicke und überlege, was an diesem Satz falsch ist. Irgendwas stimmt hier doch nicht, aber bevor ich zu einem Ergebnis komme, hat Leila auch schon den Lappen aufgehoben und droht ihn Ali um die Ohren zu hauen.
„Schluss!“ sage ich und stelle weitere linguistische Betrachtungen ein.

Als alles schön sauber ist, sehe ich mich zufrieden um. Jetzt können wir arbeiten. Obwohl – eins der Poster hängt schief an der Wand .
„Ali, klettere mal flott da hoch, “ sage ich und reiche ihm ein paar Heftzwecken.
„Wisst ihr, wer das ist auf dem Bild?“ frage ich.
„Na klar!“ sagt Ali, „das ist Mona Lisa! Aber das ist nicht das echte Bild, wa?“
„Natürlich nicht! Weiß jemand, wo das hängt?“
„In Italien!“ sagt Emre, der ja schon in Florenz war.
„Nee,“ sage ich, “ das hängt in Paris! Im Louvre !“
„Aber der“, sagt Ali und springt vom Stuhl runter,“der, der das gemalt hat, der war doch Italiener – der Leonardo di Caprio !“

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42 Antworten zu Knapp vorbei

  1. frlkrise schreibt:

    Kleiner Nachtrag: Das hat er wirklich gesagt! Nur um all denen zuvorzukommen, die gleich schreien werden, das gibts doch nicht.

  2. Theni schreibt:

    Bitte, Frl. Krise, würden Sie mal meine BK-Lehrerin(en) mit in ihre Schule nehmen? Ich glaub, dann meckern die nicht mehr so rum und wissen die Kleinstadt-Gymnasium-Idylle zu schätzen…

  3. EDVler schreibt:

    Jaja, der Leonardo di Caprio.. da hat er noch schnell die Kate Winslett gemalt, bevor er mit der Gustloff anno 1500 ungrad in der Südsee gegen ein Ölbohrplattform geschippert und ersoffen ist.

    Kann ich mir Ihren Putztrupp mal ausleihen?

  4. ich schreibt:

    hihi, kannst Du das mal bei uns im Lehrerzimmer machen? Die Tische sehen aus wie wutz 🙂

  5. Sisi schreibt:

    Da Vinci … di Caprio… kennse einen kennse alle!

  6. Olaf schreibt:

    Jedenfalls hat Leonardo da Vinci das Cabrio damals – so etwa 1480 – erfunden. Oder war das das Caprio ? Ich weiß nicht so richtig…
    Wahlpflichtkurs Zehn – hold on und be tapfer !
    Und jetzt – oha: „Jetzt können wir arbeiten. Obwohl – eins der Poster hängt schief an der Wand.“

    Sie sehen, welche Folgen es haben kann ?
    Verzeihen Sie mir – es ging nicht anders… 😉

  7. kamerakidz schreibt:

    ich kicher mal ein bisschen vor mich hin. und hätte das auch ohne nachtrag geglaubt 😉
    allerdings habe ich immer gedacht, kunstlehrkräfte lieben das öddelige chaos. mein einer war jedenfalls so einer. der war selber auch öfters etwas farbbetupft. allerdings ohne glitzer.

  8. Sanna schreibt:

    Ich bin beeindruckt – es gibt tatsächlich Fragmente von Allgmeinwissen! Daß die Mona Lisa nicht in Italien, sondern in Frankreich hängt, ist echt kleinlich von Ihnen, also würklich!!!
    Immerhin wußte Ali, daß es sich um die MONA-Lisa handelt. Tippe ich richtig, wenn die Mädels-Fraktion eher eine Gina-Lisa daraus gemacht hätte??? Sie wissen schon, diese mega-prollige Model-Blondine mit Adoptions-Aussichten…

  9. Lily schreibt:

    Naja. Mein gymnasial geprägter, deutschsprachig sozialisierter Sohn nannte den französischen Kaiser mal Neoplan. Im großen und ganzen die richtigen Buchstaben drin, oder? Manchmal kommt’s nur darauf an, scheint mir.

    • frlkrise schreibt:

      Neoplan…herrlich!

      • ich schreibt:

        neoplan.. ich kann nicht mehr…das ist ein Reisebushersteller. Obwohl, wenn man es so sieht: Napoleon ist sehr viel gereist….

      • Christian schreibt:

        Bei uns im Geschichtsunterricht hieß der nur „Napo“. Und der letzte deutsche Kaiser wurde von unserer Lehrerin stets „Willi zwo“ genannt. Die Dame kam aus Berlin, wurde durch den Kalten Krieg und die Heirat mit einem niederen Landadligen allerdings in die norddeutsche Provinz verschlagen. Und brachte uns Landkindern ein wenig vom alten Glanz der Hauptstadt (und viel Berliner Schnauze) mit in die Schule…

  10. Emi schreibt:

    Hahahaha! Ich hab schon Bauchschmerzen vor lachen. Danke!
    Ich denke mal der Herr DiCaprio wäre froh wenn er auch nur ansatzweise soviel Talent bei seinem Beruf hätte wie der Herr van Gogh 😉

    • milan8888 schreibt:

      DiCaprio ist doch wohl alles andere als ein schlechter Schauspieler. Titanic und Critters III sind nicht die einzigen Filme in denen er mitgespielt hat.

      Was aber Vincent van Gogh mit der Mona Lisa zu schaffen hat erschliesst sich mir so überhaupt nicht.

  11. nixverstehn schreibt:

    Ich dachte, das heisst „PapierschniPSel“ und nicht „PapierschniTZel“… dagegen find ich ja die Verwechslung vom DiCaprio zum DaVinci nicht so schwer wiegend.

  12. Christjann schreibt:

    ach da schick ich doch mal das rüber, Mona Lisa vor und nach dem Relooking (Persiflage auf eine grauenhafte Relooking-Sendung in Fronkraisch) guckstu hier:

    http://delitmail.blogspot.com/2011/12/arty-delit-tricote-ta-mona-lisa.html

  13. frau r. schreibt:

    Ein Leo ist ein Leo ist ein Leo. Da Vinci, Di Caprio… ist doch Jacke wie Hose.

    Und Papierschnitzel ist vom Duden genehmigt:
    https://www.duden.de/rechtschreibung/Papierschnitzel

    Grüße.

  14. Der Mathehügel schreibt:

    ALI?
    Mein neuer Liebling!
    Erst glitzerts und nu isser Chef!!
    Was für eine Karriere!
    Wo lernt man das, seine Klasse so zum Aufräumen zu bringen?? Jeder Seminarleiter (und die Werklehrer auch) wird blas vor Neid!

  15. Jessi schreibt:

    Leonardo war schonmal richtig, hehe =)
    aber schön, wie man eine Klasse doch zum Aufräumen bekommen kann =)

    bei uns auf dem Gymnasium war immer der Zeugnistag gleichzeitig der Putztag: eine Stunde lang Frühstücken, dann eine Stunde lang den gesamten Raum (jede Klasse musste seinen eigenen machen) putzen und dann in der 3. Stunde Zeugnisse.

  16. in2hr schreibt:

    Und wieso di Caprio. Der hieß doch da Capo!

  17. littlemissbad schreibt:

    Der „Körnel“ hat mir besonders gut gefallen. Ich liebe ihre Sprachspiele

  18. Nemo schreibt:

    Ich kann mir gut vorstellen, dass er das gesagt hat. Also mal ehrlich, die Namen durcheinander zu schmeißen, das hätte mir auch passieren können. Natürlich kann ich die Personen auseinanderhalten, aber die Wörter purzeln manchmal etwas durcheinander im Eifer des Gefechts. Leonardo DiCaprio ist auch kein Italiener, also hat Ali vielleicht diesen anderen Typen gemeint…

    Und wenn ich hier schon mal kommentiere: Ich habe dein Blog vor einiger Zeit entdeckt und von Anfang an durchgelesen. Seitdem bin ich regelmäßiger Leser und finde es immer wieder unterhaltsam.

  19. nehalennia schreibt:

    Himmel, es gibt doch soooo viele Italiener – wie soll man sich denn da die ganzen Namen merken? Von den Exil-Italienern ganz zu schweigen! Himmel…! Neben facebook, der Mode, Kinofilme und Musik kann man sich doch nicht mit so was „zumüllen“ 😉

  20. Inch schreibt:

    Also ich finde auch, Sie sollten da nicht so kleinlich sein. Leo ist Leo. Und wenn dann beide noch so einen Italienischen Nachnamen haben und noch so ein da oder de oder di oder so, da kann man doch mal durcheinanderkommen. *kicher*

  21. Hajo schreibt:

    „Hur…äh..Hässlichkeit“, da hat Eine aber gerade noch die Kurve gekriegt 😀

  22. Tricia McMillan schreibt:

    Ich finde das auch schon beeindruckend! Da gab es schon Kandidaten bei „Wer wird Millionär?“, die peinlichere Sprüche von sich gegeben haben!

  23. Lia schreibt:

    Haha, schöne Pointe!

  24. poprischtschin schreibt:

    Ich bin mit Leila, dem Ali hät´ich auch was geflüstert 😉

    Ich kenne den jungen Mann natürlich nicht, aber besteht da in den nächsten Wochen nicht die Gefahr eines Ali´schen Höhenfluges aufgrund der ihm seinen Mitschülern gegenüber erteilten Weisungsbefugnisse? Ich kenne da so einige Exemplare aus meiner Historie welche nicht mehr zu stoppen waren.

    ps putzen ist doof…

  25. luetzgendorff schreibt:

    So etwas kommt in den besten Familien vor. Ich hab auch mal beim Griechen ein Glas Domestos bestellt.

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