Emre macht sich Gedanken

“Alle meine Schüler bitte mal mitkommen !“ruft Frau Herz. „Sorry, Frl. Krise, aber Sie wissen , wegen des Vorfalls neulich. Die Polizei ist schon da..“. Ich nicke und meine Schüler gucken neidisch. Ohhh…die dürfen gehen, noch bevor wir angefangen haben. Und sie nicht…
„So,“ sage ich, als das Herz-Personal unter Getöse abgezogen ist und wir zu Neunt übrig bleiben, „der Tag fängt ja heiter an! Ich wollte eigentlich…“
„Lass mal bisschen erzählen, Frl. Krise!“ sagt Gamze. „Ja!“ ruft Necla, „ist so schön, wenn die anderen weg sind.“
„Ich war gestern mit meiner Mutter und meinen Geschwistern auf dem Weihnachtsmarkt am Kirchplatz! Müssen wir auch mal hingehen!“ legt Azzize gleich los.
Ehe ich mich versehen kann, ist eine kleine Plauderei im Gange.
Necla, unsere Gemütlichkeits-Beauftragte von eigenen Gnaden, dimmt das Licht, der künstliche Weihnachtsbaum leuchtet aus seiner Ecke, der Lichtervorhang spiegelt sich im dunklen Fenster und Hassan zündet noch rasch die Kerze am Adventskranz an.
Fast wie früher, denke ich, im 7. Schuljahr, da habe ich dann immer etwas vorgelesen….
„Voll gemütlich,“ freut sich Necla.
„Gehst du mit deiner M u t t e r auf Weihnachtsmarkt?“ fragt Ömür etwas ungläubig nach.
„Ja, klar!“ sagt Ganze, „Immer!“
Ömür brummt etwas und Emre sagt: „Ich geh mit meinen Eltern nirgends hin. Niemals. Ehrlich, Frl. Krise, die kennen gar nichts von der Stadt!“
„Meine Mutter auch nicht. Eigentlich!“ bekräftigt Ömür.
„Meine wohl!“ widerspricht Gamze.
„Aber ich geh jetzt immer mit Katarina und ihren Eltern mit!“ Emre guckt mich ernsthaft an. „Das macht voll Spaß. Echt jetzt. Wir waren schon im Theater und bei’n Handballspiel in der großen Sportarena und im Kino. Frl. Krise, kennen Sie das kleine Theater in der Goldstraße? Da läuft immer so Comedyshow. Das war voll lustig.“
Alle staunen Emre an, als wäre er ein Kalb mit zwei Köpfen. Ich bin auch ganz überrascht.
„Und das gefällt dir – mit den Eltern von Kati weggehen?“ frage ich sicherheitshalber noch einmal nach, denn Emre beteuert ja seit bestimmt zwei Jahren immer wieder, wie unabhängig er von den Erwachsenen ist.
„Gucken Sie ma!“ Emre setzt zu einem kleinen Vortrag an.
„Meine Eltern sind ja nicht hier geboren. Die sind schon lange hier, aber nicht hier geboren. Die kennen so was nicht aus ihre Kindheit. Haben die nicht gemacht in Türkei. Und meine Eltern sprechen auch nicht so gut Deutsch. Früher hat mein baba gut gesprochen, na, jedenfalls besser. Aber jetzt, er ist Frührente wegen sein Rücken und er hat Deutsch verlernt. Er spricht ja nicht mit Deutsche. Er hat deutschen Pass, aber er fühlt nicht wie Deutscher.“
„In sein Herzen ist er Türke .“ sagt Ömür.
„Genau,“ sagt Emre. „Der kommt noch von andere Zeit. Aber die Eltern von Kati sind ganz anders. Die gehen weg und machen ganz viel. Alle zusammen mit Kindern und ich darf mit.“
„Super!“ sage ich. Ich finde das echt grandios.
„Wenn ich mal Geld verdiene, mache ich das auch mit meine Eltern!“ beteuert Emre. „ich zeig denen, was es alles gibt hier in unserer Stadt. Damit die auch mal was sehen!“
Es ist ganz still. Nur Gamze plappert dazwischen: „Ich geh immer shoppen mit meine Mutter und meine Schwester. Macht auch voll Spaß!“
„Es ist nicht leicht, wenn man in ein fremdes Land geht,“ sage ich.
Necla nickt nachdenklich. „Die waren früher Gastarbeiter, wa?“ fragt sie. Emre meint: „Vielleicht wollten sie zurück zuerst, aber dann haben sich gewöhnt und sind geblieben.“
„Ich würde nich Türkei gehen,“ sagt Ömür und schüttelt sich. „Ostanatolien, brrr, nur für Ferien bei meine Oma.“
„Aber Emre hat recht, “ sage ich, “ Eigentlich müsst Ihr euere Eltern an die Hand nehmen und ihnen alles zeigen, wenn sie das nicht machen. Wir haben doch schon so viel besichtigt!“
„Wie Sam! Der geht immer nach unseren Wandertagen mit seine Eltern noch mal da hin, wo wir waren!“ erinnert sich Necla und amüsiert sich…
„Genau“, sage ich, „der schreibt sich doch sogar immer auf, welchen Bus oder welche Bahn wir genommen haben.“
Sams Eltern kommen aus China, sie sind ziemlich bildungsbewusst, im Gegensatz zu ihrem Sohn, der neuerdings im Unterricht tief und fest schläft..!

Peng! Da wird die Türe aufgestoßen und Herzens stolpern laut und aufgeregt in die Klasse. Vorbei ist es mit der Besinnlichkeit…
Katharina setzt sich schnell neben Emre.
Ömür und ich gucken uns an.
„Na, dann lasst uns mal anfangen,“ sage ich, „Jetzt ist Schluss mit Quatschen. Erzählt euch alles andere in der Pause. Teilst du mal bitte die Mappen aus, Ömür?“

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40 Antworten zu Emre macht sich Gedanken

  1. puzzle schreibt:

    Ein schöner und sehr plausibler Beitrag. Als Landkind kenne ich das von meinen früheren durchweg deutschen Mitschülern aus Landwirtsfamilien ganz genau so. Sie waren nie mit ihren Eltern irgendwo anders als auf den üblichen Familien- und Dorf-Veranstaltungen, nie zusammen beim Baden, nie Fahrradausflüge, nichts dergleichen.

  2. littlemissbad schreibt:

    Schön. Das erinnert mich an den Film „Almanya“.

  3. fraufreitag schreibt:

    ach schön. dann geht emre mit seine eltern biz, bowling und schlittschuhlaufen…

  4. karfunkel86 schreibt:

    Schön für Emre, dass ihm das seine Eltern erlauben mit Kati und ihren Eltern unterwegs zu sein. In manchen türkischen Familien wäre auch das nicht erwünscht.

  5. Olaf schreibt:

    Hallo Miss Isippi Krise,

    hauen Sie einmal so etwas wie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ in die Runde (wenn die Oberschulschräte Ihrer Stadt derartiges gestatten können) – so zum Zweiten oder eher Dritten Advent. Per DVD mit Plätzchen und Tee, Lichterkette, Kerzen oder so.
    Emre könnte nach meinem Gefühl auf dem richtigen Wege sein, die anderen könnten darauf kommen. Wenn nicht seine Eltern es schaffen/ haben schaffen können, dann die von Katharina. Emre ginge seinen Eltern ja dadurch nicht verloren.
    Bei mir war es in den 70ern so ähnlich. Meine Eltern waren in den 60/ 70ern einfache Leute der Unterschicht (sind es immer noch, worüber ich mich NICHT beschweren will – es war/ ist einfach so und damit gut), die Eltern von Schulfreunden am Gymnasium eher gehobene Oberschicht mit 220 qm-Wohnungen etc. Ich habe damals viel daraus gelernt ohne „Verrat“ der eigenen Herkunft.
    Früher hieß das „Rasselbande“ und wahrscheinlich gab es einen belebenden Schmuddelkinderfaktor dabei – eventuell möglicherweise unter Umständen vielleicht von solchen Typen wie mir repräsentiert in der Welt der Nobelkids. So richtig aus dem Leben gegriffen.
    Wie bei Ihnen in Ihrer Welt in Ihrer Großstadt.
    Na ja – das waren nur so Gedanken von mir nach einem Becher Glühwein. Hier ist es nieselig.

    • frlkrise schreibt:

      will auch glühwein….

      • Thymi schreibt:

        D a s haben Sie sich aus dem ganzen Kommentar gemerkt??
        Aber, aber, Frl. Krise 😉
        Die Eltern von Katharina waren, glaube ich, nie Türken, Olaf!

      • frlkrise schreibt:

        Ja! Ich bin dann sogar mit dem Rad zum nächsten Spätkauf gefahren u. hab ne Pulle Wein geholt….

    • Olaf schreibt:

      Thymi,

      das hatte ich so auch nicht verstanden, daß Katharinas Eltern türkischer Herkunft sind. Mir ging es darum, daß man auch zusammen mit oder in anderen Familien als der eigenen (z. B. die von Freunden) interessantes und aufschlußreiches erleben bzw. lernen kann.
      Vielleicht habe ich es nicht eindeutig oder klar genug ausgedrückt.
      Almanya hatte ich nur erwähnt, weil ich mir vorstellen kann, daß die Kinder der Klasse ihre Eltern und deren Leben etc. besser verstehen könnten, zumal es einfach ein
      herrlicher Film ist.
      Glühwein ist übrigens wirklich gut in diesen Zeiten (das Wetter hier ist lausig, stürmisch und regnerisch) – erst recht dann, wenn man extra noch einmal da raus geht und eine Pulle Wein holt, weil man sich dann aufwärmen muß. 😉
      Allen ein schönes Wochenende.

      • frlkrise schreibt:

        Wenn ich auch nur auf den Glühwein reagiert habe, so habe ich dennoch alles gelesen und sogar verstanden, lieber Olaf!

      • Olaf schreibt:

        Ich hatte nie daran gezweifelt. 😉
        Sie sind großartig. Bitte nie aufhören mit bloggen.

      • Thymi schreibt:

        Liebes Frl.Krise, lieber Olaf,
        ich war nur in Gedanken noch so bei den „Nobel-Kids“ (nana..) und den Schmuddelkindern und daß ich jedem Nobel-Mädchen ein männliches Schmuddelkind wünsche, dessen Lied es singt und der es fürs Leben fitmacht (der Nutzen ist durchaus gegenseitig, aber größer auf der Seite des Oberschicht-Kindes!),
        aber s e l b s t v e r s t ä n d l i c h gönne ich Ihnen den Glühwein !!!
        Hoffentlich haben Sie den Rum schon zu Hause gehabt.
        Ein schönes Wochenende!

  6. kamerakidz schreibt:

    wäre ich lehrerin, ich wäre andauernd in versuchung in solchen gesprächen zu verweilen.

    • paule t. schreibt:

      Was heißt „Versuchung“? Solche Gespräche sind doch Gold wert!
      Man muss es auch nicht überpädagogisieren und kann dann nach ner Weile abbrechen und zurück zum Stoff kommen, aber wenn so was kommt und man etwas darauf eingehen kann ist das doch ganz große Klasse!

  7. Jaifraic schreibt:

    Was ist denn „neulich vorgefallen“? Anscheinen hab ich da was verpasst…

  8. Tades75 schreibt:

    Mir fällt bei dieser Geschichte der Film „Das Leben – Ein Sechserpack“ mit Will Smith und Donald Sutherland ein, die Geschichte eines charmanten, jungen Hochstaplers, der sich mit einer erfundenen Geschichte bei einem wohlhabenden Ehepaar des Bildungsbürgertums „einschleicht“, einquartiert und danach verschwindet ohne etwas zu stehlen und das alles nur weil er sich nach einem Leben in diesen gebildeten, weltoffenen Kreisen sehnte, ein Gefühl welches Emre momentan sicherlich nachvollziehen kann.
    Der Junge weckt Hoffnung in mir. Und der Film ist wirklich sehr schön, kann ich jedem hier sehr empfehlen.

  9. Blinkfeuer schreibt:

    Menno, jetzt schon in 2 Startrubriken, welch Elend.

  10. Katjusch schreibt:

    Liebe Frl. Krise,
    solche besinnlichen Minuten sind doch das Salz in der Suppe unseres Alltags, mir glaubt immer keiner, dass meine Kids in der siebten die angrenzenden Bezirke, erst recht nicht den Wald am Rand der Stadt kennen. (Weil da sind voll Wölfe und Bären – echt gefährlich und so!)
    Ich find’s toll dass es dich gibt – du Freude meines Alters und Erleichterin meines Alltags im Hamsterrad einer Großstadtschule. (Mussichechtmasagn!)

    Katjusch (ab morgen sechzisch – Abóóóóóóh – voll Gruft! – Stöhn!)

  11. Monika schreibt:

    „Aber Emre hat recht, “ sage ich, “ Eigentlich müsst Ihr euere Eltern an die Hand nehmen und ihnen alles zeigen, wenn sie das nicht machen. Wir haben doch schon so viel besichtigt!“

    Der Beitrag stimmt mich sehr nachdenklich und macht bewusst, was unsere Eltern mit uns alles unternommen haben … auch wenn wir nicht immer Lust dazu hatten.

  12. Inch schreibt:

    Das, Frl. Krise, ist ein wunderschöner Beitrag! Der geht mir richtig ans Herz. Wenn die Kinder ihren Eltern ihre (die der Kinder) Heimat zeigen. Wäre toll, wenn das alle machten, weils dann sicher auch für die Kinder einfacher wäre

  13. airafeuermond schreibt:

    Emre könnte einfach hingehen, seine Eltern und Katharina samt Eltern zusammenbringen. Selbst wenn es nur für eine Tasse Tee ist, wenn er übersetzt kann daraus eine nette Freundschaft werden. Wenn Emres Eltern dann mit Fotos aus ihrer Heimat aufwarten, dann können Katharins Eltern bei einem Ausflug wiederum ihre Heimat zeigen. Wie auch immer, Kinder können eine Menge erreichen.

  14. katerwolf schreibt:

    wie schön geschrieben, als wär man mittendrin 😆

    liebe grüße und einen schönen, 2. advent, katerwolf

  15. kecks schreibt:

    Und das macht man „einfach“ so, wenn man 16 Jahre ist? Die eigenen Eltern bei denen der Freundin vorstellen, auf eine „Tasse Tee“? Schöne Idee, aber leider völlig unrealistisch ;). Selbst bei einem Paar mit demselben Hintergrund…

  16. blogwesen schreibt:

    Ich finde es schade, dass in dem Museum, wo ich 2-4x die Woche arbeite fast nur Schüler aus Gymnasien kommen…
    Wobei ich zugebe, dass man Führungen evtl. etwas anders abhalten sollte für Jugendliche, die evtl. nicht gerade dem Bildungsbürgertum entstammen…
    Im Allgemeinen finde ich Klasse 7-10 immer etwas schwierig… (Liegt oft am Lehrer oder der Gruppendynamik…Ruhig bekomme ich die meistens, aber ich habe oft keine Lust „The bad guy“ spielen zu müssen…Nur weil es der Lehrer nicht hinbekommt…)
    Die Kleinen sind oft recht süß und man kann sie mit Fragen am Ball halten… Die Oberstufe ist meist diszipliniert/interessiert genug, da oft die Leistungskurse kommen…
    Aber zurück zum Thema: Ich finde man sollte Schüler eben auch an solche Dinge heranführen…Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass man bei Haupt- und Realschülern zu sehr auf den praktischen Bereich geht und eine Grenze zu allem ‚Gehobenen‘ zieht. Oper, Theater, klassische Konzerte, Ballett, Museen etc. sollten die auch kennenlernen…Gerade weil die Eltern sie nicht in diese Welt einführen können…

  17. halab schreibt:

    In Kölner Museen gibt es seit geraumer Zeit Führungen in türkischer Sprache.
    Interessenten sind Kinder und Enkel der 1. Generation, die mit ihren Eltern oder Großeltern kommen, damit alle etwas verstehen und ein gemeinsames Erlebnis haben.

  18. sockenbergen schreibt:

    Hört sich nahc einer produktiven unproduktiven Stunde an.
    Gut gemacht Emre. Auch SChüler können andere Schüler begeistern und informieren und motivieren.
    Sie haben einfach eine tolle Klasse.

  19. Teacher schreibt:

    Ich finde es so schön, dass ein Jugendlicher seinen Eltern all die interessanten Dinge erzählt und zeigt, die er in der Schule und durch die Schule kennenlernt. Das sagt viel aus über seine Haltung zur Schule und über das familiäre Verhältnis.

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