Sürprise, sürprise!

Gülten studiert mit gerunzelter Stirn die Tabelle, in der alle ihre Noten stehen, und zwar genau so, wie sie zum jetzigen Zeitpunkt sind. Morgen ist nämlich Eltersprechtag.
Dann sieht sie mich mit offenem Mund an.
Ich muss nicht sagen: ‚Realschulprüfung? Wovon träumst du nachts, liebes Kind? Deine Punktzahl reicht nicht aus und statt der geforderten Dreien in den Hauptfächern sind nur müde Vieren zu sehen…!‘
Nein, das muss ich nicht sagen, die Fakten sprechen für sich. Ich habe es ja auch schon oft genug gesagt. Es ist nicht so, dass diese Fakten nicht bekannt wären. Wir sprechen andauernd mit jedem, also auch mit Gülten.

Seit den Sommerferien hat Gülten mir immer wieder fröhlich vorgeträllert, wie sie das Halbjahr mit links machen wird, wie erfolgreich sie sein wird, wie sie die Realschulprüfung machen wird, ja, manchmal verstieg sie sich in ihren bunten Träumen sogar in Richtung gymnasialer Oberstufe….Abitur, wie ihre Schwester… „werdenSieschonsehen, Frl. Krise, jajaja!“ Es wurde viel gewettet und geschworen, es wurden viele in-und mashallas bemüht und nun dies.

Ich kann dabei zusehen, wie die liebgewordene Träume zerplatzen, nicht nur bei Gülten. Träume, gegen die wir seit Monaten die Realität stemmen. Aber die Träume waren zu süß und auch heute kommen wir nicht ganz gegen sie an.

„Du kannst es noch schaffen,“ sagt Musti leise zu Erkan. „Weißt du nicht mehr, was der Typ in dem Theaterstück neulich gesagt hat: ‚Egal, was deine Lehrer sagen, du kannst es schaffen’!“
Ich bin fast gerührt. Das hat er behalten!
„Ja“, sage ich, „leider hat der Typ in dem Theaterstück nicht gesagt: ‚Junge! Du musst du arbeiten, schuften, lernen, dich krumm legen! Dann kannst du es schaffen, egal, was deine Lehrer sagen! “ Erkan sieht mich finster an. Immerhin hat er schon seit ein paar Tagen gescheckt, wie es um ihn steht. Irgendwas ist mit ihm passiert. Er lacht nicht mehr, er liegt nicht mehr ständig auf dem Tisch, sein Blick ist nervös und er beteuert in einer Tour Besserung. Die wird allerdings auch bitter nötig sein, damit er wenigstens den einfachen Hauptschulabschluss noch packt…
Etwa die Hälfte der Klasse droht ohne Abschluss zu bleiben. Nur wenige, fünf oder sechs, werden wir zur Realschulprüfung vorschlagen können. Ob sie bestehen werden? Ich bin besorgt.
Der Rest wird mit dem erweiterten Hauptschulabschluss zufrieden sein müssen. Wie Cihan, der Azubi von neulich, der auch erst spät bemerkte, dass der kein besonderes Qualitätsmerkmal ist.

Die Stimmung ist gedrückt.
Eine Weile.
Wir recherchieren im Internet nach freien Ausbildungsplätzen. Noch zwei Wochen werden wir um das Thema Bewerbung kümmern, dann ist erst mal Schluss damit. Drei Monate müssen reichen, das ist viel mehr als andere Schulen machen. Dann müssen sie alleine den steinigen Bewerbungsweg gehen…

„Das muss unbedingt eure neue Wochenendbeschäftigung werden!“ predige ich, „Bewerbungen schreiben, Bewerbungen schreiben, Bewerbungen schreiben, auch online!“ Gülten und ich sitzen eng aneinander gequetscht vor dem Rechner. Ich finde die Kontaktadresse auf der Seite des großen Drogeriemarktes auch nicht! Wo soll man denn die Bewerbung hinschicken? „Verdammt,“ fluche ich, „so eine unübersichtliche Mistseite!“

„Ja, wa, Frl. Krise, voll schwer?!“ sagt Gülten und klopft mir leise und zart auf die Schulter.
„Könnten wir uns nich mal treffen, so am Wochenende?“

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41 Antworten zu Sürprise, sürprise!

  1. Olaf schreibt:

    Oh je –

    so dürften sich ein Angeklagter vor einem Gericht fühlen, dem es sehr konkret dämmert, daß es definitiv keinen Freispruch und damit Knast ohne Bewährung geben wird und eine Fernbedienung oder eine playstation einfach nicht zur Hand ist, mit der das laufende Programm gestoppt werden kann… (es sträuben sich dann die Nackenhaare und die auf den Armen, es wird warm am Kopf, der starre Blick setzt ein etc.).
    Ich bin mir sicher, daß Sie für Ihre Schüler und mit ihnen viel bis alles gemacht haben, was nur geht – keine Frage, ich lese ja schon länger mit.
    Nur weshalb zündet es bei den Kindern nicht eher ? Glauben die Ihnen nicht ? Hilft tatsächlich nur die „sinnliche Erfahrung“ durch den Knall gegen die Wand, daß es tatsächlich e.i.g.e.n.e Mühe und e.i.g.e.n.e Taten braucht, um ein oder das Ziel zu erreichen ? Ist das eine „Traumwelt“, in der sie unterwegs sind ? Mit Fernbedienung, jederzeit abstellbar oder mit Kanalwechsel ?
    Sind sie zuhause oder anderswo so „beschützt“, daß in anderen Lebenslagen immer jemand da ist, der doch noch dafür sorgt, daß irgendetwas gut ausgeht ?
    Ich würde so gern einmal in die Köpfe gucken, um es zu verstehen.
    Ich mag sie alle, von denen Sie berichten, trotzdem. Irgendwie. Und drücke natürlich trotz allem die Daumen.
    Ach ja: Was machen Ömür und Emre ?

    • frlkrise schreibt:

      Emre ist immer noch mit Katharina zusammen und Ömür ist schlecht gelaunt, hat ein kleines bisschen abgenommen u. fehlt zu oft. Ich bin mit beiden ein bisschen unzufrieden….aber heute hat Emre gesagt, er will sich lieber wieder in Deutsch neben Ömür setzen, statt neben Kathi und Ömür hat gestrahlt.

      • Olaf schreibt:

        Dank für Ihre Antwort.
        Es hat schon einmal jemand vor einiger Zeit geschrieben: „First Bro‘ – then Ho‘.“
        Aber Katharina und Ömür müssen sich ja für Emre nicht im Wege stehen.
        Helfen Sie ggf. nach, Miss Krise, sollte es hilfreich sein.
        Wenn Ömür abgenommen hat, dann soll es vielleicht gut sein.

      • Joachim schreibt:

        @Olaf: Bro’s before hoe’s.

    • Besserwisser schreibt:

      Das ist die gleiche Frage wie die, warum es immer noch Menschen gibt, die täglich von getippten/gedruckten Texten umgeben sind und trotzdem nicht raffen, dass man niemals ein Leerzeichen vor das Satzendzeichen tippt…
      Sehen solche Leute nichts von ihrer Umwelt? Ist es ihnen egal? Finden die ihr ästhetisches Empfinden bedeutsamer als anerkannte Din-Normen? Man weiß es nicht… manchmal sollte man einfach nicht versuchen alles zu verstehen….

  2. shelkagari schreibt:

    Da scheint es wohl jetzt bei manchen Ihrer jungen Leute ein böses Erwachen zu geben… Ich wünsche und hoffe so sehr, dass dies für Niemanden, wirklich für Niemanden!, ein ungutes Ende nehmen wird!…

  3. die Schmith schreibt:

    „Ich finde die Kontaktadresse auf der Seite des großen Drogeriemarktes auch nicht!“

    Zumindest im Impressum muss doch was stehen. Irgendwas. Und dort kann man dann im Zweifelsfall nachfragen.

  4. Anka schreibt:

    Wochenenden werden ohnehin völlig überschätzt.

  5. Jürgen schreibt:

    Voll süß, mit dem Wochenende!

  6. michael schreibt:

    > Ich muss nicht sagen: ‘Realschulprüfung?
    Hmm, hat nicht Gülten ihrem Vater versprochen, den Realschulabschluss zu schaffen ? Wenn das mal nicht Prügel gibt, oder der sie mit einem Ziegenhirt in Anatolien verheiratet.

    • frlkrise schreibt:

      Morgen kommt Gültenbaba…werden ihm mal den Zahn ziehen. Übrigens: Ist dein Gedächtnis sogut oder liest du immer alles nach? Ich hab mich schon öfters gewundert.(Es war übrigens Gamze und nicht Gülten!)

      • krizzydings schreibt:

        Man prägt sich Ihre Schäfchen nach einer Weile so ein, dass man meint man selber hätte verantwortung für die…

      • michael schreibt:

        Ich les nicht nach, sonst hätte ich die Namen nicht verwechselt. Der eine oder andere Blogeintrag bleibt halt länger im Gedächtnis. Weihnachtsbäckerei zum Beispiel. Oder „Die Kanzlerin bezahlt nich. Niemals!“ behauptet jetzt Ömür.

      • Ulla 39 schreibt:

        Wie war das nun mit dem Zahnziehen bei Gültenbaba???

      • frlkrise schreibt:

        Er kam nicht…

    • Tades75 schreibt:

      „Wenn das mal nicht Prügel gibt, oder der sie mit einem Ziegenhirt in Anatolien verheiratet“
      Willkommen im süßen Land der Vorurteile!
      Dieser Kommentar könnte glatt aus dem „Politically Incorrect“-Blog stammen.

      • Ulla 39 schreibt:

        Warum, Tades75? Dieser Vater wäre nicht der erste, der schlägt. Und Ziegenhirt? Nun gut, vielleicht Schafshirte.
        Manchmal, lieber Tades75, fühlt man sich so hilflos, daß man Dinge sagt oder schreibt, die auch in so einem PI Blog stehen – doch gehört man trotzdem nicht zu denen.

      • Tades75 schreibt:

        Ulla 39,
        natürlich wäre dieser Vater nicht der Erste, der schlägt. Aber automatisch und kategorisch davon auszugehen, dass es so kommen wird, stößt mich sauer auf. Und Du selbst hast an meinen Kommentaren sicherlich schon sehen können, dass ich weiß Gott niemand bin der bei der geringsten Kritik gleich „NAZI“ ruft und jede Dummheit der Migrationskinder verteidigt, sondern im Gegenteil immer die schärfsteste und kompromissloseste Kritik an Jenen übt.
        Wie würde sich umgekehrt ein Ostdeutscher fühlen, wenn ich sämtliche Ossis kategorisch als Neonazis bezeichnen würde, was Diese selbstverständlich nicht sind.

  7. Walking-Girl schreibt:

    Einfach herrlich. 🙂

  8. 6kraska6 schreibt:

    Hach, bittersüße Melancholie….

  9. DonFerrando schreibt:

    ….wenn Schülerfaulheit auf Wirklichkeit trifft….

    Bei wieviel Prozent Ihrer Schüler schätzen sie, Frl. Krise, dass es an der Faulheit/Abwesenheit/Einsellung liegt, und bei wieviel an der Intelligenz/Begabung mit dem Abschluss? Das würde mich mal interessieren!

  10. Der Mathehügel schreibt:

    Ich kann diesen Bewerbungsmist auch nicht mehr hören.
    Ich will Musik, will Spiel und Tanz,
    will dass man sich wie toll vergnügt,
    wenn man mich . . .

    • Hajo schreibt:

      da kenn Einer „seinen Hoffmann“
      .. aber willst Du wirklich schon jetzt .. 😉
      P.S.: übrigens: es heisst im Original: „ich will Gesang, will Spiel und Tanz ..“
      #kleine-braune Früchte-Ausscheidemodus AUS# 😀

      • Der Mathehügel schreibt:

        Na, bei der ganzen Bewerbungssch… möchte ich schon manchmal. Es nervt einfach nur noch. Aber das ist natürlich keine Lösung. Vermutlich muss ich dann nämlich beim Schreiben der Einlassbewerbung in den Himmel helfen.

        P.S. Natürlich „Gesang“ nicht Musik. Pardon. Bin schon ganz kirre . . .

  11. Inch schreibt:

    Also, egal was man ihnen vorher gesagt hat, wie man sie versucht hat, mit der Realität vertraut zu machen, in dem Moment, wo ihre Träume zerplatzen, tun sie einem doch leid. Oder nicht, Frl. Krise? Also mir tun sie leid, die Kids.Einen kurzen Moment jedenfalls

  12. fraufreitag schreibt:

    ich muss jetzt doch dazu nichts sagen, oder? vielleicht brauchen die schüler mehr erlebnisräume.

    • Tades75 schreibt:

      Kommentar um 10:09 ? Blaugemacht ? Dumm, dass wir nicht bei Ihren Eltern anrufen können um nachzuhaken, ob SIe wirklich krank sind.
      🙂
      Oder ist es eher der Implantatskrankenschein ? Hab‘ in Ihrem Blog nicht mehr daran gedacht, deshalb auf diesem Weg nochmals gute Besserung !

      Was Ihren Kommentar angeht, Sie haben das zum Glück ja schon hinter sich und noch ’n paar Jährchen Zeit bis es wieder so weit ist und bis zum Ende dieses Schuljahres die Gelegenheit Fräulein „ich-machs-wie-meine-schüler-und-zieh-meine-Jacke-bei-frau-freitag-nicht-aus“ zu trösten.
      😉

  13. Tricia McMillan schreibt:

    Au ja Frau Krise, am Wochenende Bewerbungen schreiben und dann mit zu den Bewerbungsgesprächen gehen und schwören Sie das Ihre Schüler super Azubis sein werden. Und dann fahren Sie jeden Morgen ne Tour und bringen die Kids zu ihren Firmen, damit die nicht zu spät kommen, weil der Bus zu früh kam!!! Vallah, so mußt Du machen, Frl. Krise!

  14. Frau X. schreibt:

    …unter ’n Rasen pflügt.

    Ob das eine Alternative zum Schulabschluß ist, wage ich zu bezweifeln. Dass Jugendliche in der Pubertät in ihrer eigenen Welt leben und eigentlich in dieser Zeit überhaupt keinen Bezug zur Realität haben, ist nicht nur bei Ihren Schülern so, das betrifft auch die, die zur Gymnasiumschulle gehen. Allerdings stehen dort meistens die Eltern hinter ihren Kindern, so dass diese nicht ganz allein sowohl durch die Pubertät als auch durch die Schule kommen müssen.

  15. sockenbergen schreibt:

    Na dann schöne Wochenenden mit ihren Koten äh Kindern.

  16. blogwesen schreibt:

    Sind Ömür und Emre Kandidaten für den Realschulabschluss? (Nach einer Weile hat man echt das Gefühl die Schüler zu kennen) Wie fiktional ist eigentlich der Blog??? D.h. sind die Namen ausgedacht???

    • Tades75 schreibt:

      Irgendwann einmal hatte Fräulein Krise oder Frau Freitag in Ihrem Blog geschrieben, wie Beide auf der Suche nach türkischen Namen waren, bevorzugt Namen, welche sich von Naturereignissen ableiten, wie Vulkan=Volkan, Blitz=Yildirim Regen=Yagmur uws, das heißt also, ja, die Namen sind fiktiv.

    • krizzydings schreibt:

      ich würde behaupten, dass fiktionale namen nicht gleich einen blog fiktional machen…
      wie dem auch sei
      …wie frl krise erwähnte schon häufiger, dass die meisten geschehenisse hier auch so geschildert werden…zumindest nicht stark überzeichnet sind…was die namen angeht verfügt frl krise über min 10 Jahre berufserfahrung und kennt mitlerweile die häufigsten namen…das sind natürlich alles nicht die richtigen lehrer,straßen und schülername…wär doch auch zugegeben etwas gewagt alle einzelheiten unanymisiertzu veröffentlich, oder nicht?

  17. bambooos schreibt:

    Ich würde vorschlagen, Sie lassens bei den Kindern mal wieder richtig prickeln – hab ich heute auch gemacht:
    dersteinigeweg.wordpress.com/2011/11/30/uh-es-prickelt/

    😉

  18. Die Kids können einem irgendwie leid tun..aber sie haben es sich schließlich selbst eingebrockt..

  19. fast-wurzelkind schreibt:

    @tades75: das möchte ich auch schwer hoffen, dass die angesprochene Meinung über den Osten hier nicht vertreten wird…denn die gibts leider überall

    • Tades75 schreibt:

      fast-wurzelkind,

      genau das meinte ich ja. Dieses „Alle über einen Kamm scheren“. Genauso wie nach der „Aufklärung“ der „Döner-Morde“(=welch ekelerregender, entwürdigender Begriff!) z.B. in England, selbst erlebt, nicht wenige dachten, typisch Deutsche, sind halt im Grunde alle noch Nazis. Wie fühlt man sich da, wenn man das hört, was denkt man da ?

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