Der Anfang vom Ende?

Allmählich beginnt in allem ein kleiner leiser Abschiedston mitzuschwingen.
Unser letzter Wandertag!

Wirklich? Die Schüler sind ungläubig. Aber wir haben doch noch zwei!

Nein! Es ist der letzte… Der Nächste soll zu einer (letzten…!) individuellen Beratung von Eltern und Kindern genutzt werden und am allerletzten ist dann schon eine der Abschlussprüfungen.

Um Neun treffen wir uns vor dem Eisstadion. Ich hechele zwei Minuten vor Neun um die Ecke, gerade noch pünktlich, das kommt davon, wenn man mit dem Fahrrad Schleichwege benutzt, die ins Nirwana führen. Alle anderen sind schon da – bis auf Jasmin und Mahtab, die kommen erst eine Viertelstunde später, als wir uns gerade die Schlittschuhe anschnallen.
Ich schnalle nicht, sondern binde ganz herkömmlich.“Voll schön!“ sagt Gülten neidisch zu mir, „Ich will auch so weiße Eisprinzessinnenschlittschuhe!“ und guckt verächtlich auf ihre blauen Hockey-Leih-Schuhe.

Die erste Runde ist wie immer eine wackelige. Es ist unglaublich, wie gemein eng Schlittschuhe sind und wie eisig die Füße gleich werden, aber nach ein paar Minuten fühlt man den Schmerz zum Glück nicht mehr, weil alles abgestirbt..
Es ist kalt auf der offenen Bahn, die Sonne scheint von einem knallblauen Winterhimmel auf das glitzernde Eis und die Musik trägt uns.
Nur Ömür nicht, der hangelt sich wie immer krepelig an der Bande entlang.
Jeden Winter das gleiche Schauspiel! Immerhin hoppelt er nicht mehr so doll wie im 7. Schuljahr, sondern kann inzwischen auch schon mal eine paar Zentimeterchen gleiten.
Die anderen sausen wie die Wilden mit strahlenden Gesichtern über die Bahn. Man hört kein Schimpfwort, kein Gekeife, nur Lachen und gut gelaunte Zurufe.
Warum kann es nicht immer so sein…?
„Voll schön, wa, Frl. Krise !“ schreit Nesrin winkend und Gülten und Necla fahren mich beinahe über den Haufen, weil sie mich unbedingt an die Hand nehmen müssen.
Mahtab bekundet, sie würde sich totlachen, falls ich „runterfalle“. Den Gefallen tue ich ihr nicht – das ist aber auch der einzige negative Satz, den ich heute höre.
Karl macht mitten auf der Eisfläche ganz viele Fotos von uns. Alle halten sich umfasst und smilen, nur Ömur liegt vor uns wie ein geschlachtetes Kalb. Ihm fehlt die Bande.
So einträchtig wie heute hab ich unsere Kinderlein lange nicht erlebt. Es tut mir ein bisschen leid, dass Musti und Sam nicht mitkommen durften. Wir haben sie dazu verdonnert, in der Schule unter Aufsicht an ihren Bewerbungen zu arbeiten – sie sind immer noch nicht fertig.
Nach zwei Stunden wird stressfrei zum Abmarsch geblasen und nicht mal beim Abgeben der Schlittschuhe gibts Gedrängel. Ach, wie angenehm so eine zehnte Klasse sein kann! Die Siebte, die sich gerade in die Umkleide reinwälztschubstquetscht möchte ich nicht geschenkt haben….
„Tschüss bis Montag!“ „War voll schöööö!“ „Können wir nicht noch einen Wandertag machen?“ „War der schöööööööönste von allen!“ „Ich lade gleich die Fotos bei Face hoch!“ „Tschüüüüüüssiiii!“

Weg sind sie.
Karl und ich bleiben noch einen Moment stehen. Nächstes Jahr… wer weiß, was dann ist.

Komisch…der kleine leise Abschiedston gefällt mir nicht…

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22 Antworten zu Der Anfang vom Ende?

  1. shelkagari schreibt:

    Das zeigt irgendwie, dass eigentlich in allen Ihren „Bengeln“ und „Bengelinnen“ doch noch eine Spur Engelchen vorhanden zu sein scheint. Und der leise Hauch von Abschiedweh ist ganz normal, wenn man so engagiert bei der Sache ist wie Sie. Wenn sich mein Vater seinerzeit wieder einmal nach etlichen Jahren von einer Klasse verabschieden musste, hat ihn das auch stets geschmerzt, die ersten Ferientage ist er dann immer recht still und in sich gekehrt gewesen…

  2. Normann schreibt:

    Was ist denn nun los – irgendjemand schneidet hier Zwiebeln. *schnüff*

  3. fraufreitag schreibt:

    4 Minuten – vom vom Eis scheuchen, inclusive schuhe abgeben, bis zum Abmarsch… und meine sind 7.

  4. Jürgen schreibt:

    Da haben Sie recht – die Zehnte.
    Bei uns sind die Neunten schon so angenehm, die Zehnten gibt es in Bayern (noch) nicht in der Haupt-, nein, Mittelschule.

  5. Lea schreibt:

    Hach, Schlittschuhlaufen… So langsam verfluch ich meinen gebrochenen Arm 😦
    (aber, DREI wandertage im Jahr? Menno, das ist gemein, bei mir gibts nur einen und an dem werden wir alle möglichen Berge hoch und runterg gescheucht…)

  6. Hajo schreibt:

    Fotos? F O T O S
    wo? 😀

  7. Olaf schreibt:

    „Weg sind sie.
    Karl und ich bleiben noch einen Moment stehen. Nächstes Jahr… wer weiß, was dann ist.“
    Ich weiß oder ahne zumindest, was Sie meinen. Ist es ein warm und süßlich ergreifendes Gefühl, so ähnlich wie Heimweh ?
    Hier kommt Trost: The fundamental things apply as time goes by…

  8. http://des-lebens-ganze-fuelle.blogspot.com/ schreibt:

    Das Heute kann morgen eine schöne Erinnerung an das Gestern sein, da kann man nicht genug von haben. Sie geben den Kids davon ganz viele mit auf den Weg und sie werden als Verursacherin nie vergessen sein.

  9. pubertierendezicke schreibt:

    Ist es denn nicht irgendwie immer so, dass es am Ende am schönsten ist?
    Bzw wenn alles vorbei ist und man mit einem Lächeln auf die Zeit zurückschauen kann.
    Mir gehts heute so, dass ich sage, die Schulzeit war die schönste meines Lebens. Stimmt vielleicht, ist aber mit Sicherheit glorifiziert durch die schwärmerische Erinnerung plus Verdrängung von allem Negativem.

  10. Fluffi schreibt:

    Mir ahnt was nächstes Jahr ist. Am Ende müssen wir dann auf diesen wunderbaren Blog verzichten??

  11. klosterfrau schreibt:

    Nicht weinen, bis zum Schuljahresende ist es noch weit und bis dahin bleiben Ihnen die lieben Kleinen erhalten.

  12. heini schreibt:

    Frl. Krise, ich les ja immer hier so mit, auch bei der Fr. Freitag. Und bei der Kollegin isses dieses Jahr so langweilig, dass ihre Einträge schon manchmal an Dadaismus erinnern und sie den Klassiker „Essen im Unterricht“ auskramen muss. Das darf hier nicht auch noch passieren, wie soll ich mich sonst vom Büroarbeiten abhalten? Deshalb vielleicht mit der Klasse Berufsschule oder Oberstufe gehen. Wenns doch grad so schön ist, sind bestimmt alle voll motiviert für den Stoff, damit man länger zusammenbleiben kann…

    Würd‘ auch gern eislaufen jetzt, aber bin total verkühlt, diese Woche war kein Spass.

  13. Solche harmonischen Momente müssen im Kalender markiert werden.

  14. sockenbergen schreibt:

    „weil alles abgestirbt“ – so so …
    So Nostalgieschühchen haben schon was. Wer hat sie schon?
    Dabei waren eine Zeitlang die Eishockeyschuhe total in und jeder wollt sie haben.
    Zeiten ändern sich.

  15. tinchen schreibt:

    Hallo!
    Wenn die Mode mit den gaaaanz laaaangen Schaaals wiederkommt, gibt es eine wunderbare Anseilhilfe für die nicht ganz so sicheren Eisprinzen …..

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