Born to be wild…

Zur ersten Stunde sind mehr Schüler unpünktlich als pünktlich. Ich rege mich nicht mehr auf. Jedenfalls versuche ich es. Wenn man im 10. Schuljahr noch nicht kapiert hat, warum man pünktlich zu Unterricht kommen sollte, dann weiß ich’s auch nicht. (Gleitzeit nützt da übrigens auch nicht – haben wir schon probiert.)
Ich trage also cool und wortlos ein, wer wieviel verspätet ist. Gülten 2 Minuten, Aynur 5 Minuten, Fuat zehn Minuten, usw.
Komischerweise hat mein Desinteresse immer den Effekt, dass sich alle langatmig zu rechtfertigen suchen: „Vallah, Frl.Krise, war nich meine Schuld! Ehrlich jetzt! Mein Bus! Er war voll zu früh! Ich musste laufen!“ Oder: „Ich kann nichts dafür! Echt, Frl. Krise, niemand hat mich geweckt und mein Wecker ist kaputt!“
Ich nicke nur huldvoll. Mir doch egal. Ich hab es jetzt ungefähr viertausendmal gesagt….ich bin raus aus der Nummer.

Wir fangen an. Zuerst machen wir eine Leseprobe. Die letzte Szene unseres Theaterstücks…. dieses Stück entwickelt sich langsam zu einem Jahrhundertwerk. Vielleicht gelangt es ja doch noch zur Aufführung, bevor ich diesen Kurs ins Leben hinaus entlasse….

Da wird die Tür aufgerissen. Fikret und Azzize.
„Tür zu!“ rufe ich, „Ihr wartet draußen, bis ich euch hole!“
Auf keinen Fall lasse ich die jetzt rein. Bis die sich in den Kreis eingefummelt und alle begrüßt haben, ist jede Arbeitsathmo im Eimer.

Als wir mit dem Lesen fertig sind, darf Aynur sie einlassen.
„Tschuldigung, Frl. Krise! Ich konnte nicht dafür, ich musste Fikret helfen,“ sagt Azzize und tut gerade so, als ob sie Mutter Theresa persönlich wäre.
Fikret steht auf Krücken neben ihr und guckt belämmert.
„Du hast ihn die Treppe raufgetragen oder wie?“ frage ich spitz. Fikret ist ein Koloss, groß und dick und Azzize gehört mehr in die Fliegengewichtsklasse.
„Niemals!“ Azzi guckt mich finster an. „Was reden Sie? Ich bin mit ihn rauf gegangen…hab..äh.. ihn…so…äh…!“
Ironie ist auch für viele ein Fremdwort…

„Was war los, Fikret?“ frage ich und zeige auf die Gehhilfen.
Frikret seufzt schwer. „Ich bin vom Motorrad gefallen, gestern,“ sagt er dann bedeutungsschwanger.
„Bei sein Onkel!“ schreit Aynur, die wie immer bestens Bescheid weiß.
„Wie jetzt?“
„Also…,“ Frikret setzt sich schnaufend nieder und lässt seine Krücken synchron zu Boden krachen.
„Mein Knöchel! Ist verletzt, Knöchel.“
„Warst du beim Arzt?“erkundige ich mich.
„Was Arzt!“ Fikret schüttelt sich. Komisch, sonst laufen die bei jedem Kratzer in die Klinik oder zum Arzt, aber wenn sie vom Motorrad fallen….
„Ich war bei mein Onkel und wollte mitfahren auf sein Motorrad nach Hause. Aber ich hab mich nicht festgehalten und da ist er losgefahren und ich bin runter. Peng, auf mein…“
„Kopf!“ schreit Onur.
„Ich klatsch dich gleich!“ bietet ihm Fikret freundlich an. „Auf mein Knöchel, du Spast!“
„Warum hast du dich nicht fest gehalten? Wolltest voll cool sein, wa?“ Aynur feixt.
„Und dein Onkel?“ frage ich interessiert, “ ist der weitergefahren bis zu Hause? Oder hat er noch gemerkt, dass…“
Die anderen haben jetzt auch noch ein paar Fragen.
„Hat er Führerschein, dein Onkel?“
„Was hat er für ein Motorrad?“
„Hattest du Helm auf?“
„Wie alt ist dein Onkel?“
„Zeig mal Fuß!“
Fikret sieht uns giftig an.
Jetzt ist das Theaterstück weit weg.
So ein vom Motorrad Gefallener ist aber auch zu interessant..

Ach, Fikret!
Was mancher nicht alles tut, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen….!

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32 Antworten zu Born to be wild…

  1. Johannes schreibt:

    Lese ich da ein wenig – berechtigte – Frustration in Ihren Worten?

  2. Jürgen schreibt:

    Get your motor running head out on the highway
    looking for adventure in whatever comes our way
    yea darling gonna make it happen take the world in a love embrace
    fire all of your guns at once and explode into space

    I like smoke and lightning heavy metal thunder
    racing with the wind and the feeling that I’m under
    yea darling gonna make it happen take the world in a love embrace
    fire all of your guns at once and explode into space

    Like a true nature’s child we were born born to be wild
    we can climb so high I never wanna die

    • Olaf schreibt:

      Danke, das ist eine meiner Hymnen aus Jugendzeiten.
      Verblüffend bzw. irritierend ist es, wenn ich mir heute „Easy Rider“ ansehe und den Film ganz anders wahrnehme als damals. Na ja -auch wieder nicht .;-)

      • EDVler schreibt:

        Das könnte an der fehlenden „Begleit-Substanz“ liegen. Manche Meisterwerke dieser Zeit entfalten nur in bestimmten Zuständen ihre volle Wirkung. Musikalisch gesehen bevorzuge ich allerdings den Ritt aufm magischen Teppich.

  3. kamerakidz schreibt:

    na, wenigstens einer, der nach dem kurzzeitigen futsch-sein wieder aufgetaucht ist 😉 der onkel ist aber wohl echt ’n flotter feger, sonst fällt man doch nicht so einfach vom mopped.

  4. JoFü schreibt:

    Ironie ist ein jeder Altersstufe ein immer gern gesehener Hort der Freude… die Kinder verstehen sie einfach nicht und das ist gar nicht böse gemeint! Irgendwie sind sie wahnsinnig süß, wenn sie einen mit großen Augen vollkommen irritiert ansehen 😀

  5. shelkagari schreibt:

    Diese Szene an sich ist ja durchaus schon so etwas wie ein Theaterstück…

  6. Olaf schreibt:

    Frollein Krise,

    machen Sie doch aus einer solchen Debatte (in dieser z. B. ab hier: „Da wird die Tür aufgerissen. Fikret und Azzize.“ bis „Fikret sieht uns giftig an.“) einfach ein Theaterstück. Scheint für die Schööler ja interessant zu sein, stammt mitten aus dem Leben (ist geradezu von ihm selbst geschrieben) und die Ausrede „Können wir nicht.“ o. ä. funktionierte dann auch nicht.

  7. zweitesselbst schreibt:

    eija, alles gar nicht so einfach. (H)

  8. Inch schreibt:

    Klingt mir auch ein bisschen frustriert, wie Sie da schreiben. Frl. Krise, Frl. Krise… müssen wir Sie zur Kur schicken???

  9. michael schreibt:

    > „Und dein Onkel?“ frage ich interessiert, “ ist der weitergefahren bis zu Hause? Oder hat er noch gemerkt, dass…“

    Was sagt denn das pG dazu ?

  10. fraufreitag schreibt:

    mach doch mal ein theaterstück zu: „das schaffen wir schon! Ich schwöre, ich verbessere mich. ab montag wird alles anders…“ wäre eine art märchen.

  11. Tades75 schreibt:

    „Komischerweise hat mein Desinteresse immer den Effekt, dass sich alle langatmig zu rechtfertigen suchen“
    Weshalb wundert Sie das? Schließlich will man es sich mit seiner Lebensabschnittsteilzeitmama/-pädagogin/-psychologin/-bespaßerin/-nervobjekt nicht verscherzen. Und keine Reaktion ist schlimmer als schlechte Reaktion.
    Aber einige Sachen sollten Sie irgenwann einmal erläutern, die kenne ich aus meiner Pennälerzeit gar nicht. Z.B. Karl. Zweiter Klassenlehrer? Gleitzeit? Kurzstunden? Gabet früher nicht. Was das?
    Außerdem… Wie weit will man den Schülern heutzutage noch entgegenkommen? Und dennoch solche Leistungen, solch eine Einstellung…
    Oh Mann, kurz- und mittelfristig sehe ich schwarz für die heutige Jugend und langfristig für meine Rente.

    • Der Mathehügel schreibt:

      Och, keine Panik. Die fangen sich alle irgendwann.
      Z.B. tauchen die größten Nieten irgendwann im dicken Merci auf.
      Einige werden auch gefangen – von den Bullen – oder nem Cousin :-}
      Aber der Großteil packt es doch irgendwann.
      Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten unserer Hauptschüler nach drei oder vier Jahren, also etwa mit 20 alle irgendne Ausbildung absolviert haben und dann auch ganz passabel durchkommen.
      Aber ich bin inner Kleinstadt im Nordwesten – nicht in Berlin :-}

  12. michathecook schreibt:

    ich kenne diese versuche wo man sich selber einredet das man sich auf keinen fall aufregen wird, egal was passiert, wie doof andere auch agieren oder sich benehmen…

    es wird NIEMALS funktionieren…nach n paar minuten regt man sich doch wieder auf und alles war fuer die katz.
    am ende aergere ich mich immer am meisten ueber mich selbst und meine schwaechen. geht es ihnene aehnlich ????

  13. marzipankartoffel schreibt:

    Kann mir einer erklären, was in den letzten 15-20 Jahren passiert ist?
    Dieses Verhalten der Schüler ist so dreist… das gab es in meiner Schulzeit nur bei dem ein oder anderen Totalverweigerer und nicht als „Klassenseuche“, der fast alle zum Opfer fallen. Woran liegt es, dass diese Kinder anscheinend keine Grenzen kennen und keinen Respekt mehr haben?

  14. Christjann schreibt:

    wie ist Schule denn in der Türkei, frage ich mich – genauso frei und öh, undiszipliniert? Oder gibts da noch Prügelstrafe? Vielleicht müsste man mal ein Auslandssemester zu Studienzwecken machen – also, für die Lehrer(in), nur um zu sehen, ob das einfach kulturell ist und man sowieso nix machen kann, und für die kids, damit die wissen, was sie hier für ein Paradies haben – aber vielleicht wird es nicht geschätzt, weil es nicht autoritär genug ist?! ich lese das alles immer gern, aber irgendwie auch fassungslos, DAS wird Deutschlands hoffnungsvolle Zukunft? Wenn sie sich wenigstens ein bisschen mit den Deutschen vermischen würden, dann würde irgendwann ein lockerlässiges Mischvolk daraus, bisschen mehr gechillte Deutsche, aber so lange immer noch Verlobte aus der Türkei eingeflogen werden… Seufz… Und, nein, ich mache mir keine Sorgen um meine Rente, ich weiss, dass ich sowieso keine kriege!
    Meinen Respekt für diesen Flöhehüterjob!
    es zieht den Hut, Christjann aus Cannes

    • frlkrise schreibt:

      Das ist ein Schichtproblem! Unsere Deutschstämmigen sind GANZ genauso!!!
      Es sind einfach zuviele leistungschwache Schüler in einer Gruppe. Thats Schulpolitik…..Da wird dann dann schnell das Negative zum „positiv“en Beispiel……..

      • Frau Ute schreibt:

        Genau! Die Kultur ist nicht das Problem sondern dass z.B. die Schüler in vielen Familien die einzigen sind, die morgens früh aufstehen (sollten) und zur Schule gehen. Alle anderen bleiben liegen und gucken irgendwann „Familien im Brennpunkt“, ischwör!

  15. Die_Gute_Helga schreibt:

    Ich war ja selbst mal in so einer Klasse. Als Schüler. Das war Ende der 80er. Wir waren nur ein paar Kartoffels in der Klasse, aber die paar die immer zu spät kamen, waren eben diese Kartoffels und nicht die anderen.
    Später, im Jugendaufbauwerk, wo ich war, weil ich den Abschluss nicht gepackt hatte (!) waren auch viel mehr andere und es waren wieder die Kartoffels, die den meisten Scheiss gebaut haben und zu spät oder granicht kamen.
    Das nur dazu.

    • frlkrise schreibt:

      Wer sagt, dass Kartoffeln keinen Scheiß machen? Ich hab aber nur EINE in der Klasse! Von daher sinds hier immer die anderen……

      • Die_Gute_Helga schreibt:

        So war das auch garnicht gemeint, ich wollte eher meine Verwunderung kundtun, wie sehr sich das Blatt gewandelt hat. Da wusste ich ja noch nicht, dass eh nur eine Kartoffel in Deiner Klasse ist. Kartoffels sind ja teilweise tam mehr die Lauchs wie die anderen, sowieso (:

  16. sockenbergen schreibt:

    Oh nein, jetzt wird das Fräulein Krise so langsam doch wie viele andere Lehrer: gleichgültig gegenüber Ihren Schülern?.
    Na kann ich ja kaum glauben.

  17. frl freizeit schreibt:

    Abou wieso reden Sie so Frl. Krise, Sturz war bestimmt voll schlimm…

  18. clarissa schreibt:

    „Ich klatsch dich gleich!“ bietet ihm Fikret freundlich an

    Göttlich 😀 Das war der Lacher des Tages!!

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