Halloweenmonday

Sarah ist ungenießbar, sie hat Streit mit ihrem Verlobten. Sam rülpst laut, Mustafa schielt wie das Opossum Heidi, Azzize schreit ständig rein, Hassan spielt unterm Tisch mit dem Handy und Esra und Gamze erzählen sich ungeniert die News vom Wochenende…
Wenn ich e i n e n Schüler mühsam auf den steinigen Pfad des Lernes zurückbefördert habe, sind schon längst wieder zwei von selbigem abgewichen!
Das alles in meinem Deutschunterricht in der 9. Stunde.
Ich breche den Unterricht ab und rege mich auf.
“Ist doch Montag, Frl Krise!“ sagt Ömür milde und Azzize ruft: „Ist doch Halloween!“
„Ich freu mich schon!“ erklärt Necla und Aysun schnauzt sie an: „Worauf denn? Willst du noch Süßigkeiten klingeln, du Opfer?“
Das kleine Wortgefecht, das sich daraufhin entwickelt, möchte ich hier nicht wiedergeben – es fielen zu viele F- und V-Wörter.
Im Nebenraum müht sich Kollege Abel in Vertretung mit dem Parallelkurs ab, in dem sich die anderen Schüler meiner Kräm de la Kräm befinden. Durch die Zwischentür hört man: Fuat gibt komische Tiergeräusche von sich, Aynur keift, Stühle werden hin und her geschoben, der Kollege schimpft – enspannte Arbeitsatmosphäre klingt anders.
Da fliegt auch schon die Tür auf. Leila stürzt herein. Sie heult und schreit und ihr folgen Fuat, Aynur und alle anderen. Zum Glück sind heute nur sechs Leute da. Zum Schluss erscheint auch noch der Kollege auf der Bildfläche.
„Was ist mit dir los?“ fahre ich Laila an. So ein Affentheater! Das hat mir gerade noch gefehlt!
„Mein Händy! Mein Händy ist weg!“ Leila beginnt schniefend um die Tische zu traben und tastet hier und da fahrig auf und unter den Plätzen herum. Die ersten Blätter und kleine Gegenstände fallen schon zu Boden.
„Frl Krise! Sie war in anderes Zimmer und hat Arbeit nachgeschrieben!“ trompetet Aynur. „Und wie sie wiederkam, war Händy weg!“
„Aber wir warens nicht,“ beteuert Erkan, „wir haben gearbeitet!“
Naja… g e a r b e i t e t …so hörte sich das nicht gerade an.
Dem Kollegen ist die Angelegenheit peinlich. Der kennt meine Klasse nicht und er denkt, ich denke, er hätte es nicht drauf.
„Ich würde ja Taschenkotrolle machen…“sagt er, „aber….“
„Was glaubt er, wer er ist! ÜFFF! Taschenkontrolle! Niemals!“ entrüstet sich Necla aus meinem Kurs.
„Wann hattest du dein Händy zuletzt?“ frage ich Leila. „In der Mittagspause!“ schluchzt Leila.
„Taschenkontrolle hat jetzt wenig Sinn,“ sage ich zu dem aufgelösten Kollegen, „die waren doch alle mal draußen und jetzt das hier…“ Ich weise auf die Schüler, die sich inzwischen kursübergreifend vermischt haben.
„Wegen mir können wir Taschenkontrolle machen! “ gibt sich jetzt Aynur kooperativ. Sie stürzt nach nebenan und fängt gleich an unter Getöse ihre Tasche auszuschütten. Die anderen folgen und der Kollege eilt achselzuckend hinterher.
Schnell die Tür zu!
„Voll gemein!“ Necla regt sich auf. „Hat er nicht auf die Sachen aufgepasst! Muss ER ersetzen, wa Frl. Krise?“
„Wen meinst du mit ‚ER‘?“
„Na, ER, der Lehrer!“
„Bei dir piepts wohl“, sage ich und Necla schreit: „Aber er hat Aufsichtsdings, er hat doch Aufsicht..wie heißt das…äh….er muss aufpassen!“
„Ja, auf die Schüler! Aber doch nicht auf die Händys,“ sage ich, „die sollt ihr gar nicht mitbringen und außerdem finde ich das voll gemein, wenn die sich jetzt anfangen gegenseitig zu beklauen. Ist ja wohl das Allerletzte!“
Necla schweigt verdutzt. Die anderen debattieren den Fall noch ausgiebig, dann klingelts auch schon.

Herr Abel sitzt unten im Lehrerzimmer. Er macht einen zerrütteten Eindruck.
„Sind die immer so?“ fragt er matt.
„Janein…äh..nein, meine ich, aber manchmal…ja, ist aber schon viel besser,gegen früher…da hättest du erst mal…“ stammele ich.
Dann reiße ich mich zusammen. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen:
„Die sind schon ziemlich heftig,“ sage ich tapfer. „Aber es gibt auch gute Momente! Und klauen tun sie sonst nie!“
Kollege wackelt ein bisschen ungläubig mit dem Kopf und packt entnervt seine Siebensachen ein.
Da merke ich, dass ich meine Jacke oben im Klassenraum hängen gelassen habe. Jetzt könnte ich alle F- Wörter, die ich eben verschluckt habe, ausspucken! Aber was hilfts. Ich gehe zur Treppe- muss nochmal rauf in den vierten Stock. Da kommt Hassan angetänzelt. „Tschüssi, Frl. Krise,“ sagt er, „haben Sie nich frei?“
„Doch, aber ich hab meine Jacke oben vergessen…muss noch mal hoch!“
Hassan rupft mir den Schlüssel aus der Hand. „Hol ich Ihnen!“ ruft er jovial und ist auch schon weg.

Hast du gesehen, Herr Abel?

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26 Antworten zu Halloweenmonday

  1. fraufreitag schreibt:

    Seufzz, ins taschentuch schnief, gerühert grins… ach mach dir doch nichts vor. ein schleimer nützt jetzt auch nichts mehr. bleibt ein sauhaufen, deine klasse. aber dafür kannst du nichts und das musst du dem kollegen sagen, sonst denkt DER nämlich insgeheim, dass du es nicht drauf hast. und wenn du mal deine klasse oder dein wohnzimmer putzen musst dann könnte ich dir ibo schicken. 🙂 süd mich! Ach was, ich süd dich!

  2. Hajo schreibt:

    jeden Tag eine gute Tat!
    .. und wenn’s nach Feierabend ist 😉

  3. Olaf schreibt:

    Hassan – ein Kavalier (Chevalier).
    Sarah – geht es schon los, was Sie et al. befürchtet haben ?
    Halloween – hier ist es schon losgegegangen. Es klingelt ständig, ich öffne nicht. In den letzten Jahren fanden sich am Folgetag abgewickelte Klopapierrollen im Treppenhaus, sapschige Hamburger an der Wand (ketchupschmier, senkrecht rutsch…), Krautsalat.
    Nerv und Mief.
    Aber das soll es wohl auch.
    Es sind ja keine Sternsinger wie im Dezember. Die gab es hier (Kiez !) auch schon – und das fand ich dann doch schön (sechs verkleidete Kinder, mit einer vermutlich Mutter als Begleitung. Tatsächlich, ich war ganz gerührt, daß es so etwas noch gibt). Sie haben wirklich etwas schönes auf jedem Treppenabsatz gesungen. Da habe ich sogar gern Schokolade und Kekse verschenkt. Und auch gespendet. Im ziemlich sicheren Glauben, daß es Bedürftige tatsächlich erreichen wird.
    Laut Elbe-Wochenblatt sollen es damals insgesamt rund 240 EUR gewesen sein.
    Meine Güte, ich werde schon wieder weich. 😉

  4. Christina Zacker schreibt:

    ach es ist immer wieder schön, frl krise!
    So kleine Aufmunterungen, gerade zum „Feierabend“ hin, retten doch den ganzen Tag, oder?
    Happy Halloween wünsch ich Ihnen!

  5. die Schmith schreibt:

    Deutsch in der neunten Stunde? Welche hohle Nuss macht eigentlich eure Stundenpläne? Deine Schüler haben ganz bestimmt nicht erst in der vierten angefangen. Wer soll sich da noch konzentrieren? Solche Stunden legt man in den Vormittag. Sowas hatten wir nicht.

  6. Mrs. Porcelain schreibt:

    was sind V-Wörter?

    • frlkrise schreibt:

      …manche meiner Rechtschreibspezialisten schreiben die F- Wörter gerne mit V….

      • Tades75 schreibt:

        reimt sich wohl auf „Kotze“.

        bzgl. Halloween: noch so ’ne dämliche Amitradition, die sich wie die Ratten verbreitet, genauso wie dieser bescheuerte Valentinstag.
        *hrmpf*

      • Croco schreibt:

        Valentinssingen ? Pfffffffff……da freu ich mich drauf. Schokoherzen gegen Liebeslieder. Minnegesang am Balkon.
        An der Schule haben wir einen Rosenbringdienst. Man kann anonym oder mit Zettel verschicken lassen, direkt in den Unterricht. Das ist der absolute Bringer.

  7. margareteaudrey schreibt:

    ach krisie.
    komm doch in den osten, da ist heute feiertag, nichts mit süßes oder saures, nur schön in die kirche gehen, luther gedenken und entspannen…

  8. LO schreibt:

    die halloweenies sind leider schon durch hier… das wäre mein text an der tür gewesen….nächstes jahr, vielleicht… *g*

  9. EDVler schreibt:

    Hier in der Pampas gibts auch keine Halloweenies. Hat ich mir ja schon fast gedacht, die nächste menschliche Ansiedlung liegt 500m steil bergab, da latscht keiner hoch wegen paar Gummibärchen. Hab trotzdem Knoppers und Gummi-Draculas und extra aus USA importierte Mini Cheetos (ne Art Flips) Packungen gekauft.. Und 24 Dosen Mountain Dew „orange“ – das leuchtet bestimmt in der Nacht.

    Hah, sehr gut, dann ess ich das nun sebst. Süßes oder Saures – alles meins!

    • goldfischmama schreibt:

      Boah, wo gibt es die orange Mountain Dew???? *neid* Mit leerem Koffer nach USA geflogen und eine Palette mitgebracht???
      Bei uns gibt es nur die, die in der Farbe irgendwo zwischen grünem Wackelpeter, verstrahltem Pipi und der Hautfarbe der Simpsons liegt.

  10. Inch schreibt:

    Da muss ich der Schmidt Recht geben. Als ich das hier gelesen habe, habe ich mich auch gefragt: Deutsch in der 9. Stunde? Da muss man sich nicht wundern, wenn die Kids am Rad drehen – und die Lehrer auf’m Zahnfleisch kriechen

  11. Huhnic schreibt:

    Schleimer hin oder her, aber solche Hassan-Momente versöhnen einen trotzdem nach so einem Tag…

  12. kamerakidz schreibt:

    an solchen sachen wie halloween merk ich, dass die kindheit schon ganz schön weit weg ist. gab das damals bei uns nicht. und bin heute auch schon wieder unvorbereitet auf ein wildes klingeln „reingefallen“.
    aber wo war denn nun das handy?

    • frlkrise schreibt:

      Ist weg! Bis jetzt….

      • Ulla 39 schreibt:

        Halloween – als hätte man das gebraucht. Unter der Anleitung von Erwachsenen, meist Frauen, lernen Kinder, durch Nötigung von anderen zu bekommen, was sie haben möchten. Später machens sie’s dann wegen handys etc.
        Die Sternsinger, die wären uns sehr willkommen (wenn sie denn kämen, wir fallen aber in die Rubrik „nicht-katholisch“), denn sie geben etwas, und dann geben wir, sehr gern, für einen guten Zweck.

  13. willpower schreibt:

    Sie können einem wirklich leid tun.
    Halloween ist bei uns nicht wirklich angekommen. Wir hatten zwei Kinder, welche mal bei uns geklingelt haben. Wir gaben ein paar Bonbons undsie sagten, dass sie die letztenwären. Da habe ich in den kleinen Städten mehr zu Halloween erlebt.

  14. goldfischmama schreibt:

    Bei uns waren auch viele Geister unterwegs. Die kleinen verkleideten Hexen, Vampire und Teufelchen sind bei uns gern gesehen und werden von mir reich beschenkt. Im Gegensatz zu den großen nicht verkleideten Nervensägen, Gangstas und Bagaluten, die mit Kartons voll Eier durch die Siedlung ziehen und der Schrecken aller Hausbesitzer sind, die nachts noch Rührei mit Schale von den Fassaden kratzen müssen.

    In meiner Kindheit ging man am 31.10. „Rübengeistern“ (http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCbengeistern – mal schauen, ob der Link funktioniert, ansonsten mal das Wort bei Wiki eingeben). Hier in der Großstadt kommen die Kinder schlecht an Futter- oder Zuckerrüben und Teelichter in Karottengröße habe ich noch nicht entdeckt.

  15. Das Onlein schreibt:

    Fräulein Krise (schnips), das heißt doch Händy und nicht Handy!! (Anfang)

  16. Croco schreibt:

    Und ich dachte, der Hassan stopft das Handy in Ihre Jackentasche, wegen schlechtem Gewissen und so. Und sie finden es dann zufällig.
    Das hatte ich einmal, dass etwas verschwunden war, Teile einer Versuchsapperatur aus Silber. Es gab zwei Wochen keinen weiteren Versuch, nur Tafel, und kein Lächeln von mir, bis das Ding ganz zufällig auf meinem Tisch lag. Das musste ich wohl die ganze Zeit übersehen haben, sagten sie.

  17. KC schreibt:

    Clever ist doch, von den Schleimer sich alles hinterher tragen lassen und sie trotzdem so zu behandeln, wie die anderen 😀

    Irgendwie scheine Ihre Schüler eine große Feierfaszination zu haben, die mit allem zusammenhängt, wo man was dekorieren kann, oder?

  18. Ulla 39 schreibt:

    Gehört zu einem früheren Eintrag, daß nämlich mit der Erziehung etwas schief laufe, finde ihn aber nicht. Vielleicht hilft http://www.gazelle-magazin.de/?p=2340#comment-70 , „Generation Koffer“, ein Buch über die türkischen Kinder heute zwischen 35 und 50 Jahren, die in der Türkei zurückgelassen wurden, von Gülcin Wilhelm. Habe es noch nicht gelesen, bin aber sehr froh, daß dieses bedrückende Thema endlich aufgegriffen wird!

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