Aus! Bildung!

Im Moment dreht sich ALLES um die Suche nach Ausbildungsstellen. Zeitungen werden gekauft und gewälzt, Anzeigen ausgeschnitten und die Weiten des Internets durchsurft. Es wird sich auf Jobbörsen, Kurs- und Ausbildungsplattformen getummelt und man rückt Verwandten und Bekannten auf die Pelle. Nachts schläft man schlecht, weil die Frage: ‚Welcher Beruf ist der einzig Richtige?‘ die Schlafphasen durcheinanderbringt. Außerdem macht einen das Überangebot an weiterführenden Schulen und sonstigen Bildungswegen kirre! Und die vielen Agenturen und Bildungsberater! Da blickt ja kein Mensch mehr durch. Hilfe!

Das alles macht mich ganz nervös.
Mich?
Ja, mich!
Was dachtet ihr denn? Ich rede von mir!

Von wem denn sonst?

Meine Schüler haben doch andere Probleme….!
Die sind voll gechillt aus den Ferien gekommen. Nur zwei Jungen, Mustafa und Sam, haben ein Minipraktikum bei einem großen Industrieunternehmen gemacht und sich da sogar online beworben. Ach nee, nur Musti hat sich beworben. Sam hat mittendrin aufgegeben, weil er dann doch lieber daddeln wollte….wenn er schon mal gerade im Netz war.
Das Praktikum fanden die beiden übrigens voll cool, besonders imponiert hat ihnen die große Kantine! Sehr leckeres Essen für drei Euro…!

Die anderen haben sich lieber ausgeruht. Ist ja auch wichtig. So kann man sich die Anzeigen für Ausbildungsplätze, die ich mitbringe, wenigstens mit frischem Hirn anschauen.
„Vallah! Wer schreibt eigentlich so komige Anzeigen?“ fragt Asli. Voll kompliziert!
Das geht schon gleich im ersten Satz mit dem Wort „Dienstort“ los. Dienstort? Was das? Und was ist ein „Anf-orde-rungs-profil“?
Und überhaupt, wenn das Bundeskriminalamt Ausbildungsplätze anbietet, dann ist doch klar, dass man dann auch Polizei wird, oder? Emre ist ganz irritiert.
Wieso suchen die KfZ-Mechatroniker? Vielleicht, weil die Polizisten die Autos alle kaputtfahren? Bei Verbrecherverfolgung und so. Abooo! Sieht man doch immer im Film…

Zum Glück sind wir gerade in der Schule, da kann man ja all diese Fragen klären. Echt schade, dass sich keiner für die Antworten interessiert.

Ach, was soll man sich auch hier und jetzt verbiegen, wenn man doch wiederholen kann! Also, dieses Schuljahr wiederholen, meine ich! Das Zehnte! Wo man eh keinen guten Abschluss bekommt……
Außerdem: Wenn man sich das jetzt im Herbst schon vornimmt, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe:
1.Man kann es sich den Rest des Schuljahrs schön gemütlich machen.
2.Man braucht sich nicht um diese dubiosen Bewerbungen kümmern.

Und man kann sich noch ein paar Monate lang vorgaukeln, dass man sich im nächsten Jahr dann mal anstrengen wird. Aber r i c h ti g anstrengen! Voll viel lernen! Jeden Tag! Und voll gute Noten bekommen. Sogar Fachabitur kann man dann machen, Designerin für Schmuck und Gerät werden oder gleich ein kleines Shishalokal aufmachen. Weil, dann ist man schon achtzehn…
Kann doch nicht so schwer sein, nach mehreren komplett verbummelten Schuljahren den Schalter mal rasch umzulegen. Echt mal!

Das wird schon gehen, Frl. Krise, werden Sie sehen! Wollen wir wetten?

Frl. Krise sagt nicht mehr viel.

Sie denkt an Frau Freitag, die das alles schon letztes Schuljahr durchexerziert hat.

Mit ohne Erfolg.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Achtung Fallgrube! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

41 Antworten zu Aus! Bildung!

  1. Inch schreibt:

    Klingt ziemlich demotivierend. Ich meine für Sie, als Lehrerin

  2. Olaf schreibt:

    Ich bin erleichtert. Nach dem ersten Absatz dachte ich, Sie suchen einen anderen job.
    Oder suchen Sie auch ? Angesichts der Erfahrungen von Frau Freitag und auch Ihrer Geschichten könne ich das ja manchmal verstehen. Aber dann wieder doch nicht, sie mögen sie alle viel zu sehr, oder nicht ?

  3. RogueEconomist schreibt:

    Ich würd ihnen ja jetzt sagen „Chillen sie doch einfach mal Frl. Krise. Ist doch nicht ihre Zukunft, ihr Gehalt korreliert (zum Glück!) doch nicht mit den Abschlussnoten ihrer Schüler.“ aber ich kann mir ansatzweise vorstellen wieviel Energie sie in den letzten Jahren in die Klasse gesteckt haben. Und dann so kurz vor Schluß, und manche wären gar nicht so doof wenn sie nicht so faul wären und und und… Deshalb sag ich es nicht.

  4. S. Van Lure schreibt:

    liebes Frl. Krise, kopf hoch, irgendwann ist es durchgestanden. einfach nicht die nerven verlieren und hartnäckig bleiben!
    lg

  5. frl freizeit schreibt:

    Die Wege der Berufswahl sind tatsächlich verworren. Entscheidungen die man lieber der Zvs oder so überlässt…überall bewerben und dann nehmen was kommt.
    So werden aus meinen faulen Gymnasiumkindern jetzt Physiker oder Umwelttechniker, Genderstudies, Philosophie…

    • Walking-Girl schreibt:

      Umso erstaunlicher, dass manche dann doch noch die Kurve in der Ausbildung oder beim Studium kriegen und wirklich anfangen zu lernen. Bei manch einem ist es allerdings erst bei der zweiten oder dritten Berufswahl…

    • Anka schreibt:

      Ein wenig hinkt der Vergleich aber schon!
      Immerhin bewirbt man sich, hat die Voraussetzungen dafür bereits erfüllt und es kommt was, das man nehmen kann?
      Und was ist gegen Physik und Umwelttechnik einzuwenden?
      (Okaaay, Genderstudies und Philosophie ….)
      Anka

  6. Christian schreibt:

    Beruf sollte je auch etwas mit Berufung zu tun haben, aber wozu ist denn der heutige 16- 19 bis 19jährige berufen. Das Interesse für das Berufsleben fehlt völlig, viele wissen nicht einmal, was die Eltern machen und die Anforderungen an die Jugendlichen sind auch schon recht hoch. Zum einen gibt es viele einfache Jobs nicht mehr, die schlichtweg wegrationalisiert worden sind. Zum anderen sind sich viele Jugendliche für Jobs, die anstrengend und vielleicht ein wenig schmutzig sind zu schade. Da bleibt man doch lieber erst mal lieber bei Mama und Papa oder steckt gleich den Kopf in den Sand und richtet sich auf eine Hartz IV-Karierre ein.

    • Lotterleben schreibt:

      Beruf – Berufung? Schön wärs. Unser Kleiner hatte mit 16 noch richtig schöne Träume. Anwalt oder Mediziner, mit 19 die Schule geschmissen, und mit 23 Cadillac-Man geworden. Für ein Fixum von 600 € im Monat muss er täglich kämpfen um die schönen Autos mit (wirklich) allen Mitteln an den Mann bzw. Frau zu bekommen. Der Job bringt Kohle verdirbt aber immer mehr den Charakter und man erkennt oft sein eigenes Kind nicht mehr. Ich hoffe nicht, dass dieser Job seine Berufung ist

  7. Jürgen schreibt:

    Nicht nachlassen, Frl. Krise.
    Es wird. Ist nur ne Krise.

  8. Ulrich schreibt:

    Vielleicht sollten Sie mit den lieben Kleinen mal eine Unterrichtseinheit zum Thema „Wie fülle ich korrekt einen Antrag zum ALGII aus“ einschieben. Dann lernen die nämlich mal was fürs Leben.

    • Roland_09 schreibt:

      Das ist kein Witz. Ich habe von einer Hauptschule gehört, wo eben dieses auf dem Lehrplan einer 7. Klasse steht. Tolle Botschaft.

      • Ulrich schreibt:

        Mein Schwager ist Lehrer. Im berufsvorbereitendem Jahr wird das im Deutschunterricht auch gern gemacht. Wär’s nicht so traurig, müsste man drüber lachen.

      • frlkrise schreibt:

        Wir haben zwei Stunden Berufsvorbereitung pro Woche dafür, aber das reicht eigentl. nicht!

      • Ulrich schreibt:

        Berufsvorbereitung für die Unterichtseinheit „Hartz4-Antrag“? DAS ist ein Witz!?

  9. oachkatz schreibt:

    Ach, Mensch, wie frustrierend.

  10. fast-wurzelkind schreibt:

    Ich kann voll nachfühlen, so fühl ich mich manchmal bei meinem eigenen Kind. Soll man jetzt nachhaken wegen der unerledigten Sache (n?) und der Haussegen hängt gleich wieder schief. Oder macht man es sich selbst bequem und hat dann aber ein schlechtes Gewissen, sich nicht voll reingehängt zu haben. Man will ja auch in den Spiegel sehen können und sich sagen, ich habe alles versucht… Im Prinzip hofft man immer, es macht mal endlich Klick beim Jungvolk wie: hey das ist mein Leben, was ich hier in den eigenen Händen habe.
    Also sollte man nicht nachlassen und immer wieder einen Input geben, es ist aber sehr schwer.

    • Ulrich schreibt:

      Das Aufgabengebiet von Eltern umfasst eben nicht: „Mache dich beliebt“. Dankbarkeit kannst du in frühestens 10 Jahren erwarten – vorausgesetzt, du machst alles richtig.

  11. hafensonne schreibt:

    „Schmuck und Gerät“ gefällt! Was designt man da? Nagelscheren und Glätteisen?

  12. feydbraybrook schreibt:

    ich frage mich immer: wieso wird man eigentlich Lehrer, wenn man seine Schüler für stumpfsinnige, faule und ignorante Idioten hält?

    • frlkrise schreibt:

      Solche Lehrer kennst du?

      • AxelKrueger schreibt:

        Sind sie sich wirklich noch sicher, den richtigen Beruf gewählt zu haben?

        Nicht dahingehend ob es ihnen Spaß macht, das stetige Versagen ihrer Schützlinge zu dokumentieren. So etwas ist aber auf Dauer nur unterhaltsam wenn es auch mal ein paar Happy Ends ohne Ironie und Sakasmus geben wird.

        Sind sie überhaupt noch gewillt ihren Schülern wirklich zu helfen? Dafür müssten sie viel mehr tun. Sie haben sich von den Kindern einwickeln lassen. Sie können nicht gleichzeitig der Lehrer und der Freund jedes Kindes sein. Sie sparen sich dadurch vielleicht viele Nerven aber für ihren Spaß bezahlen am Ende ihre Schüler. Wer steht denn am Ende dieses Spiels mit leeren Händen da? So bilden sie nur Nachwuchs für die JVA aus und dokumentieren am Ende doch nur ihr eigenes Versagen als Pädagogin. Hören sie auf, über ihre Schüler zu schreiben und nutzen sie die gewonnene Zeit um etwas zu unternehmen, das diesen Kindern wirklich hilft. Intervenieren kann ich als Aussenstehender. Sie sind mitten drin im Getümel und müssen den Karren wirklich aus dem Dreck ziehen. Es ist ihre Pflicht diesen Kindern etwas beizubringen! In dem Moment an dem sie darauf keine Lust mehr haben können sie es gerne sein lassen, aber dann sind sie auch keine Lehrerin mehr! Wenn sie es mittlerweile bereuen, dann machen sie etwas anderes. Aber lassen sie nicht ewig die Kinder dafür büßen.

    • Anka schreibt:

      Ich frage mich eher, wie man sich als Lehrer motivieren kann, wenn sich doch fast keiner in der Klasse dafür interessiert, was man so zu lehren hätte?
      Weil man bei sich angleichenden Arbeitsinhalten doch noch deutlich besser verdient als die Sozialarbeiter oder wegen der paar Kinder, die tatsächlich was lernen möchten? Aus unverbesserlichem Idealimus heraus oder am Ende nur noch, weil es zugegebenermaßen sehr launig sein kann?
      Ich gehe jetzt arbeiten und danach meine Gymnasiumschulle-Kinder pushen, denn einer muss ja die gesellschaftlichen Kosten einmal tragen, die hier vor unser aller Augen entstehen.

      • imjuli schreibt:

        Entschuldigung, der Kommentar richtete sich an „feydbraybrook“. Trotzdem immer schön, wenn Ironie erkannt wird…

    • imjuli schreibt:

      Weißt du: Das ist eine der fantastischen Überraschungen, die die Praxis für einen bereithält. In der Ausbildung glaubt man noch, dass man es ausschließlich mit intelligenten, fleißigen und weltoffenen Persönlichkeiten zu tun bekommt. Ich glaube, das ist vom ‚System‘ so gewollt!

  13. sockenbergen schreibt:

    Tja, das heilose Chaos bei der Frage: Was will ich nach der Schule machen.
    Ehrlich, um da durchzublicken braucht man doch mindestens Abitur oder gar gleich einen Studienabschluss. Aber wie komm ich dahin?
    Ich kann Ihre Schüler schon verstehen, und vor allem Sie, wobei Sie wahrscheinlich Abitur un Studienabschluss haben.
    Und diese Berufsbezeichnungen erst …

  14. Karl Eduard schreibt:

    Wie lange darf man eigentlich Schüler bleiben? Bis zur Rente? 🙂

  15. Johannes schreibt:

    @Axel Krueger: Sind Sie wirklich so lebensfremd-idealistisch veranlagt? Oder trollen Sie einfach nur rum, weil Sie schlechte Laune haben?

  16. Ulla 39 schreibt:

    @axelkrueger: Die Sie „sie“ und „ihren“ etc. kleinschreiben, meinen Sie natürlich nicht FrlKrise!

  17. Wild Flower schreibt:

    Ich habe gelegentlich Bewerbungen um Ausbildungsplätze auf dem Tisch, die von 40-jährigen geschrieben wurden… die haben dann erst die Kurve gekriegt oder wurden um sie herumgeführt. Vielleicht hat auch das Arbeitsamt Druck ausgeübt. Der Lebenslauf ist natürlich entsprechend – ich stelle mir die Vorgeschichte so ähnlich vor wie Frl. Krise es hier beschreibt.

  18. Ulla 39 schreibt:

    Wären die Mühen von Frl Krise und unsere Diskussionen nicht in dem Moment hinfällig, in dem die Alternative für Interesselosigkeit etc. ein Zwangsschüleraustausch mit Schülern im Land der Ahnen von etlichen SchülerInnen wäre, wie ihn Tades75 mal vorgeschlagen hat?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s