Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah….

„Noch keiner da, Frl. Krise!“ Der Sportplatz füllt sich zwar zusehens , aber auf der Tribüne sitzt unter dem Schild 10b nur einsam und alleine mein Hassan. Rechts und links tummeln sich die Schüler aus anderen Klassen mit ihren beneidenswerten Lehrern. Weshalb nur sind unsere immer so unpünktlich? Aber das frage ich schon seit über drei Jahren und erwarte keine Antwort mehr…

Ich setze mich leicht depressiv zu Hassan. Schweigend beobachten wir vier türkisch- oder arabischstämmige Frauen, die um den Platz joggen. Sie tragen halblange zugeknöpfte Wollmäntel, bodenlange Röcke und Köpftücher. Zwei schieben auch noch einen Kinderwagen.
„Voll warm!“ sage ich.
„Das sind die gewöhnt!“ sagt Hassan.
„Würdest du auch so laufen?“
„Tschüüüch! Niemals!“ Hassan schüttelt sich.
Ich seufze und Hassan sagt: „ Wenn die das doch wollen…“
„Find ich aber super, dass die joggen. Trotz Kopftuch und so!“
„Hm…“ antwortet Hassan.
Ich beschließe, keine Diskussion anzufangen. Nicht hier. Nicht heute. Nicht jetzt.
Schließlich haben wir Sportfest.
Wo und wie kann man einen der wirklich letzten heißen Tage im September auch angenehmer verbringen als zusammen mit etwa 400 Schülern auf einem Sportplatz?

Ich habe wie immer an diesem Tag die ehrenvolle Aufgabe meine Klasse zur jeweiligen Wettkampfstätte zu geleiten.
Dieser Satz bedarf allerdings gleich einer Relativierung: Nur sechs Mädchen und sechs Jungen aus meiner Klasse m ü s s e n sich an den Wettkämpfen beteiligen, die anderen können später am Fussballturnier teilnehmen, kleine Bewegungsspiele machen oder den anderen auf die Nerven fallen, indem sie z. B bei einem Lauf plötzlich in die Bahn springen oder die Athleten mit wahlweise Eicheln oder Kürbiskernen bewerfen.
Und geleiten bedeutet: ich trabe wie ein asthmatischer Hütehund platzauf, platzab um meine Schäfchen für den jeweiligen Wettkampf zusammenzutreiben.
Macht voll übertrieben Spaß.
Nach zwei Wettkämpfen merke ich, dass nicht die verabredeten sechs, sondern nur drei Mädchen mitmachen.
Das geht ja gar nicht! Jede darf eigentlich nur an EINEM Wettkampf teilnehmen.
Aber die anderen sind nicht zur Teilnahme zu überreden: Jasmin KANN nicht (warum, hat sie sich noch nicht überlegt), Nesrin hat „Pschpschhhhpschh“ (flüstert sie mir ins Ohr – „gerade bekommen!“) und Hanna ist vorsichthalber nicht erschienen.
Ich übersehe also dieses, nicht ganz auf meine Klasse abgestimmte Regelwerk – sonst fliegen wir womöglich ganz aus der Wertung raus. Gülten haut mir auf die Schulter und sagt anerkennend: „Frl. Krise, Besteeeee!!!!“
(Kommt mir jetzt bitte nicht mit pädagogischem Gewissen oder ähnlich klugen Einwänden!)

Auch bei den Jungen ist die Personallage eng, aber nicht ganz so dramatisch.
Emre stürzt gleich beim ersten Lauf und fällt im wahrsten Sinne des Wortes aus! Ömür hat Hals und war sogar schon Arzt – vor neun Uhr! Er wedelt mir mit einem Attest vor der Nase rum und berichtet empört: „Arzt hat mir nichts verschrieben!“ Ich versorge ihn mit einem Fishermans friend und empfehle dringend Tribünenruhe.
So langsam sind auch alle eingetrudelt und ich beginne Gefallen an der Veranstaltung zu finden. Erkan wirft 77 Meter weit. Unglaublich! Gülten rennt um ihr Leben und Necla hopst wie ein Flumie in die Sandgrube. Nur nicht ganz so weit.
Die Ergebnisse werden von mir höchstpersönlich in eine Tabelle eingetragen, was ich , ehrlich gesagt, ein bisschen leichtsinnig von den Veranstaltern finde….Schließlich bin ich doch gerade in der Rolle so einer Art Eislaufmutti! Und was geschehen würde, wenn man denen die Verantwortung über die Weitergabe der Ergebnisse ihrer Kinder überließe, kann man sich doch an den Fingern abzählen…oder?
Aber Frl. Krise ist ziemlich korrekt und schummelt nicht… Aufrunden dürfte ja gestattet sein!?

Am Ende bekommt Tim aus der 8a von mir einen Tadel, weil er einem Mädchen ein Bein stellt, Mustafa, der sich während des 1000Meterlaufs ein bisschen mit Chris prügelt, wird vom Fussballturnier suspendiert, (unsere Klasse wird trotzdem Dritter), Gülten sucht ihre Tasche, Erkan wird schulbester Werfer, Frau Herz hat Sonnenbrand auf der Nase, Hanna kreuzt überraschend doch noch auf (verschlafen!), unser Chef findet die Veranstaltung toll, meine Socken qualmen und Karl sammelt die herumliegenden Pfandflaschen ein und beschließt, sich davon einen Ferrarie zuzulegen, einen gelben.
In seinem nächsten Leben …vermute ich, falls er noch mal Lehrer wird…

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43 Antworten zu Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah….

  1. Olaf schreibt:

    Respekt, schulbester Werfer. Was hat Erkan denn nun 77 Meter weit geworfen ? Handy ?
    Insgesamt jedenfalls ein sehr spannendes und beeindruckendes Finale für alle, besonders für Herrn Karl. Frauen sollen gelbe Ferraris sehr mögen.

  2. Jürgen schreibt:

    Sportfeste sind schlicht der Höhepunkt im sommer- oder herbstlichen Lehrerleben.
    Da macht Schule wieder Spaß.
    Ich hab mir über die Jahre einen gelben Porsche gekauft („Buy British, oh sorry, German!“).

  3. frauvau schreibt:

    Sehr schöne Schulgeschichten, vielen Dank! Irgendwie muss man die Kids wirklich alle gern haben!

      • Olaf schreibt:

        Weil die Kids so herrlich alles an Mumpitz schaffen, was uns „damals“ nicht gelungen ist (als wir noch dran waren), weil wir uns das nicht getraut oder es wegen Schlauheit einfach nicht geschafft haben.
        Sehen Sie es einfach so: Irgendwer in dieser irren Welt muß auch dafür sorgen, daß diejenigen Dinge geschehen, die eine gelungene Satire auf das darstellen, was es eigentlich sein sollte.
        Sie wissen, was ich meine – Ihr Blog und Ihr Buch verraten es mir. :-)) (Heute habe ich einfach gute Laune)

  4. zweitesselbst schreibt:

    ah ich hatte es mir gleich gedacht. Ferrari ohne e!!

  5. KC schreibt:

    „Aber Frl. Krise ist ziemlich korrekt und schummelt nicht“ Ich lese natürlich erstmal Frl. Krise SCHIMMELT nicht 😀 😀 😀

    Hach ja Sportfeste…die sind auch irgendwie an jeder Schule gleich, nur hatten wir immer das Pech, dass unsere übereifrigen Sportlehrer gleich 3-4 davon im Jahr organisiert haben. Einmal Sporttag, einmal Sports Fun Fete (das Ding hieß wirklich so) und nicht zu vergessen, die ganzen Parkour- und Fußball-Constest auf diversen Schulfesten. Und das große Manko von Sportplätzen ist doch irgendwie klar: Null Schatten, wo sich Lehrer mal hinhauen könnte. Aber als Frau hat man es eigentlich noch gut 😀 Man muss nicht in die Lehrer-Fußballmannschaft 😛

  6. frau freitag schreibt:

    kommt mir alles sehr bekannt vor. ich frage mich nur, warum ihr jezt dieses sportfest habt. ist voll nicht die richtige zeit dafür. bei euch ist sodom und gomorrah. und hast du keinen mit asthma?
    morgen ist alles vorbei und abends mach ich dich beim pokern platt – wir spiel übrigens um geld…

  7. Mrs. Porcelain schreibt:

    Wo und wie kann man einen der wirklich letzten heißen Tage im September auch angenehmer verbringen als zusammen mit etwa 400 Schülern auf einem Sportplatz? – na klar: HEIDEPARK!!!

  8. sockenbergen schreibt:

    Ein schöner Herbsttag mit viel Sonnenschein und dann auf dem Sportplatz eine Runde um die andere laufen, natürlich ohne Bäume drumherum, so dass kein Schatten zum Ausruhen da ist.
    Klar – das kann auch nur in der Schule passieren. Bis einer zusammenbricht … tztztz.
    Gut das September ist und nicht Juli und wir ca. 25 °C haben und nicht zehne mehr.

  9. féizào schreibt:

    Ich lese den Artikel, freue mich über die üblichen wunderbaren Formulierungen und Kommentare und bin dankbar, dass ich eine derartige Veranstaltung zuletzt vor 7 oder 8 Jahren mitmachen musste. Und wohl nie mehr in meinem Leben.

  10. Tricia McMillan schreibt:

    Pschpschhhhpschh gilt doch eigentlich nur als Ausrede bei männlichen Lehrkörpern, weil die Frauen ganz genau wissen, daß man auch mit Pschpschhhhpschh alles machen kann…! So war das jedenfalls bei mir. Lehrer haben einen schnell frei gegeben, damit man bloß mit dem Thema aufhört, Lehrerinnen haben gesagt „Dann ist Bewegung jetzt genau das richtige für Dich. Das hilft gegen die Krämpfe.“

  11. Marvin Gerste schreibt:

    Achja, die guten alten Sportfeste. So lange ist es bei mir noch nicht her. 😉
    Wir hatten allerdings nie solche Mindestteilnehmerzahlen. Bei uns musste jeder mit machen, der keine plausible Ausrede hatte.

    Auf der anderen Seite finde ich es unmöglich, dass viele Kinder es nicht schaffen, pünktlich zum Wettbewerb anzutreten. Ist doch mal was anderes als der übliche Schulalltag. Aber sicherlich wieder ein Erziehungsproblem.

    In diesem Sinne: „Sport frei!“

  12. Bibi schreibt:

    gut, dass ich schon seit schultagen starkes asthma vorweisen kann ^^ so bleibt mir das hoffentlich auch als lehrer erspart 😛

    • Mars schreibt:

      Vergiss es. Bin Lehrkraft mit starkem Asthma und begleite meine Klasse als Hütehund zu JEDEM blöden Sportevent auf den staubigen, pollenumlagerten Sportplatz. Zum Glück gibt es auch immer Schüler, die zwar nicht mitmachen, aber mit müssen, mit denen man dann das Leid und notfalls das Asthmaspray teilt…

  13. Frau-Irgendwas-ist-immer schreibt:

    Oh schön – Sportfest – hab‘ ich immer gemocht.
    Alles ist besser bei diesem Wetter als im Büro zu sitzen!!

  14. Walking-Girl schreibt:

    Nett erzählt! Danke.

  15. sternfisch schreibt:

    ich fand Sportfeste immer schrecklich und war auch voll schlecht, vor allem bei Ballspielen hatte ich immer Angst, den Ball ins Gesicht zu kriegen…

  16. Bartel schreibt:

    Diesen Schülern gehört einmal voll korrekt der Marsch geblasen. Wie kann man sich nur so hängen lassen? Früher war es nicht so einfach, sich vor dem Sport zu drücken. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln…

  17. Fussel schreibt:

    Bartel, geh mal Most holen…

    Auch früher schon haben haufenweise Schüler Sportfeste gehasst wie die Pest. Und wußten sich zu drücken, wenn sie konnten.

    Die beste Sportregelung hatte ich an der Uni: Wenn man in einem Sportverein war und dort regelmäßig am Training teilnahm, brauchte man nicht zu dem öden allgemeinen Sportunterricht zu gehen. Und wenn man sich aussuchen kann, WAS man macht, ist man gleich viel motivierter, tatsächlich Sport zu machen. Schulsport dagegen war eine Quälerei – vom ersten bis zum letzten Jahr.

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