Der Jahreszeit entsprechend…

„Manjak!“ schreit Fuat, „Hurensohn!“ gibt Oktay wild zurück.
Die beiden stehen sich Auge in Auge, Nase an Nase gegenüber, den Oberkörper vorgebeugt, die Brust geschwellt, den Kopf leicht eingezogen, die Arme abgewinkelt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit – einer sehr kurzen Zeit – bis die Fetzen fliegen.

Gerade war es noch so schön friedlich! Der Hof ist fast leer, kleine gelbe Blätter schweben leise zu Boden, es ist noch einmal richtig warm geworden und die milde Herbstsonne beleuchtet mit schrägen Strahlen die Szenerie…
Und nun das!Ich habe die halbe Mittagspause über Aufsicht und werde den Teufel tun, mich zwischen die Kerle zu werfen! Bin ich lebensmüde? Aber irgendwas muss passieren….
„Hallo! Aufhören! Schluss!“ schreie ich und zuppele vorsichtig an Oktays Jacke. Nur nicht zu nahe rankommen! Der bemerkt das nicht mal. Ich ziehe noch mal etwas kräftiger, aber Oktay macht nur eine Handbewegung, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen.
Die beiden beginnen sich zu bewegen. Sie kreisen ganz langsam um einen gedachten Punkt. Oktay atmet schwer und Fuat ist ganz blass…..
Jetzt kommen schon einige Schüler herbei gerannt, aber nicht um zu helfen! Gott bewahre! Um zu glotzen! Was sonst! Endlich passiert was!
Das wird die schönste Schlägerei, ich sehe es kommen!
Also greife ich zum Äußersten, ich schreie so laut ich kann: „Hitzefrei!“
Die Zuschauer sind verunsichert. Für einen Moment stocken sie, sie sehen mich an, Elvis sagt ungläubig: „Hitzefrei?“ und ein anderer ruft: „Echt jetzt?“
Ich schreie noch mal so laut ich kann, nun fast in Fuats Ohr: „Hitzefrei!“ Durch die beiden Streithähne geht ein Zucken.
Das Zauberwort bahnt sich offensichtlich nur mühsam und langsam einen schmalen Weg durch das Dickicht der Aggression und landet mit einem kleinen Plumps in jenem Hirnareal, das nur darauf wartet, an Körper und Geist das Signal SCHULSCHLUSS! weiterzugeben.
Die anderen freuen sich bereits ungläubig, ihre Aufmerksamkeit ist für einen Augenblick auf mich fokussiert und Fuat geht irritiert ein bisschen zurück. Elvis, der in einem Verein boxt, schiebt sich zwischen die Kontrahenten und Erkan versucht Fuat ein Stück beiseite zu ziehen…
„Fass mich nicht an!“ schnauzt der.
Aber irgendwie ist die Luft raus aus dem Beinahe-Kampf. Oktay lässt noch eine Schimpfkanonade ab und Fuat spuckt der Ordnung halber in seine Richtung auf den Boden.
Ich erkläre inzwischen: „Das mit mit dem Hitzefrei stimmt natürlich nicht! War nur Spaaaaaaaß, hahahah!“
Keiner lacht, alle ärgern sich und einige debattieren, ob man nicht wirklich Hitzfrei geben könnte und müsste: „Abooooo! Ist doch voll warm!“
Fuat guckt mich feindselig an. Undankbarer Genosse! Dabei habe ich ihm das Leben gerettet! Bei Oktay steht plötzlich Herr Schmidt, der auf ihn einspricht.

Da kommt Frau Nolte, meine Ablösung, um die Ecke gewackelt. Wie passend! Ich winke ihr lässig zu und mache den Abflug.
Ich höre gerade noch, wie irgend jemand ruft:

„Frau Nolte, wir ham doch jetzt hitzefrei, wa?“

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31 Antworten zu Der Jahreszeit entsprechend…

  1. imjuli schreibt:

    Falls ich die bisherigen Blogeinträge richtig verstanden habe, handelte es sich hierbei um einen grandiosen Fall paradoxer Intervention, oder? Hut ab! Wobei…vielleicht wollte man mit diesem pubertierenden Stierkampf nur den kommenden Ausfall in katalanischen Arenen kompensieren…? Fragen über Fragen…Übrigens: Bester Blog der Welt!!

  2. rotezora schreibt:

    Sowas nennt man wohl paradoxe Intervention, bricht jeder Aggression die Spitze, genial!

  3. claudia o. schreibt:

    Sie haben aber auch immer die besten Ideen, Frl. krise!

  4. Helene schreibt:

    Da stand Freud wohl Pate, denn es ging ja tatsächlich hitzig zu!

  5. Michael Fromm schreibt:

    Chapeau! (Pardon … wieder mal französische Phase … aber dennoch …) Besser geht’s kaum! Aufschreiben, weiterverkünden! Das können auch klitzekleine, zierliche Frauen – elegant und witzig gelöst.

  6. mellesworld schreibt:

    Voll gemein die Kids mit hitzefrei zu verarschen und ihnen die Schlägerei wegzunehmen 😦 Ich schmoll mal mit denen 😛

  7. shivani schreibt:

    Sie vermögen die Worte zu führen wie der Judoka seine Hände beim Jodo. Sein sich bewegender Körper beschreibt ein schmückendes Bild – voller Faszination könnte man ihm den ganzen Tag zusehen. Schaut man genauer hin, erkennt man dass es eine Kampfhandlung ist. Die Leichtigkeit seiner Bewegungen und das Lächeln auf seinen Lippen hätten dies niemals zu erkennen gegeben. Chapeau!

  8. Andreas schreibt:

    Gute Fräulein Krise ,
    Ihre Alltagsbeschreibung auf den Schulhof hat mir sehr gut gefallen und spiegelt den alltag wieder. Und das so ziemlich real. Sehr gut gefallen mir Ihre Gefühlosbeschreibungen und Gedanken dazu.

    GG
    Andreas

  9. sockenbergen schreibt:

    Par exellence.
    Wobei hitzefrei hätt es heut echt geben können …

  10. notizbuchfragmente schreibt:

    Brilliant. 😀 Unorthodox, aber brilliant. Chapeau! 😀

  11. KC schreibt:

    Auf die Idee muss man erstmal kommen…unglaublich 😀

  12. Seifenfrau schreibt:

    Hitzefrei – sie sind mir eine!
    Sehr kreativ.

  13. Stefan K schreibt:

    Gelungene Intervention, wirklich. Und (klammheimlich) werden die zwei wohl auch erleichtert darüber gewesen sein, dass sie ihnen einen Ausweg ohne Gesichtsverlust ermöglicht haben.

  14. Tricia McMillan schreibt:

    Oh Frl. Krise, Sie sollten in den Diplomatischen Dienst gehen, oder Krisenintervention bei Geiselnahmen machen!

  15. Johannes schreibt:

    Rein juristisch betrachtet ist das interessant. Niemand hätte den Kindern einen Strick daraus drehen können, wenn sie einfach gegangen wären. Immerhin haben Sie als Organ der Anstalt Hitzefrei bekanntgegeben.
    Es handelt sich allerdings wohl eher um ein akademisches Problem, da die Schüler – zumindes lässt der Blog darauf schließen – ohnehin machen was sie wollen und es kaum nennenstwerte disziplinarische Konsequenzen gibt. Wie auch. Damit erreicht man sie auch nicht mehr.

    Ein geistreicher Zug. Meinen Beifall haben Sie!

  16. KleinFrodo schreibt:

    Würde das beim nächsten Mal auch noch funktionieren?

  17. DesertHamburg schreibt:

    Da scheint einmal in Norden die Sonne und es gibt fast Hitzefrei. Sehr hanseatisch!

  18. Kasumi schreibt:

    Wow, gut gelöst!

  19. Rana schreibt:

    Genial, alternativ könnten sie noch rufen: Freibier, Brad Pitt oder Deutschland sucht den Superstar… LG von Rana

  20. umblaettern schreibt:

    Das ist ein bisschen wie der Rat, dass man Feuer rufen sollen, wenn man Hilfe benötigt ^^ Auf die Idee muss man erstmal kommen.

  21. fakelovestory schreibt:

    wundervoll 😀

  22. Pingback: Alltag hoch 2 « kuschelpaedagogik

  23. tastenspringer schreibt:

    früher schrie man „feuer“

  24. Problemschüler schreibt:

    Hallo Frl. Krise,
    unregelmäßig, aber mit Interesse lese ich Ihren (und Frau Freitags) Blog. Vielen Dank für die vielen interessanten und häufig amüsanten Beiträge. Sie bringen Abwechslung in meinen nicht pädagogischen Alltag.
    @Konfliktlösung bei pubertierenden, kräftemessenden Jungs in der Schule: Erfahrungsbericht (Übertragbarkeit ungewiss, möchte Ihnen dies jedoch nicht vorenthalten)

    Ein Lehrer hat mal einen ähnlichen Konflikt (Kampf zweier pubertierender Jungs) gelöst, indem er die beiden Kampf- / Streithähne auseinander geholt und im Anschluss vor der gesamten Klasse ein faires Armdrücken hat machen lassen (Ausgang: Unentschieden).
    Danach haben die beiden sich respektiert und sind sogar im weiteren Verlauf ihrer „Schulkarriere“ Freunde geworden.

    Ihre Lösung hat jedoch auch einen gewissen Charme 🙂

  25. ST schreibt:

    „Das Zauberwort bahnt sich offensichtlich nur mühsam und langsam einen schmalen Weg durch das Dickicht der Aggression und landet mit einem kleinen Plumps in jenem Hirnareal, das nur darauf wartet, an Körper und Geist das Signal SCHULSCHLUSS! weiterzugeben.“
    Literatesk! Metaphesk! Humoresk! Superb formuliert! *mag*

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