HairGott nochmal!

Nesrin, Azzize und Gülten waren wie vom Erdboden verschluckt… verloren gegangen in der großen Stadt.
Das konnte eigentlich nicht sein!
Die Friseur-Innung lag doch nur 200 m entfernt von der Bushaltestelle, an der ich auf die anderen Schüler wartete. Die Drei wollten nicht mitwarten, sondern waren schon vorgelaufen.
„Ich weiß doch, wo es ist!“ hatte Nesrin noch gesagt.
Als ich eine Viertelstunde später zum Innungsgebäude kam, lungerten da nur Mustafa und Sam herum – aber keins der drei Mädchen war hier angekommen.

Ich stoße ein paar saftige deutsch-türkische Flüche aus, springe auf mein Rad und heize ums Carree. Das hat mir gerade noch gefehlt.
Irgendwo müssen die drei doch sein, bestimmt schluffen sie die Straße lang, achten nicht auf die Hausnummern und unterhalten sich so angeregt im „Und da habe ich ihn gesagt und da hat er mir gemeint – Modus“, dass sie gar nicht bemerken, dass sie längst am Ziel vorbeigelatscht sind. Und wenn es dann dunkel wird -Stunden später- und sie realisieren, dass sie ohne Geld und Händyguthaben fern der Heimat umherirren, werden sie laut weinen und sagen, dass wieder an allem das böse Frl. Krise schuld ist…

Die Suche bleibt erfolglos.
Zurück zur Innung und der Dame, die uns betreuen soll, Bescheid gesagt! Die nickt ungnädig und verzieht sich in ihr Büro. Ist das peinlich! Wir sind schon fast zehn Minuten über die Zeit! Neun Schüler waren angemeldet! Zwei sind da, drei sind verschollen und die vier anderen sind erst gar nicht gekommen.

Ich versuche Karl anzurufen. Er ist mit der zweiten Hälfte der Klasse bei der Schreiner-Innung. Ich will ihn fragen, ob er zufällig die Händynummer einer der Vermissten hat…

Ich denke, jetzt wird er mich sicher gleich sehr bedauern und sagen, ach, du armes Frl. Krise, du hast aber auch immer ein Pech! Aber Karl sagt statt dessen mit Grabesstimme:
„ Zwei sind bei dir? Herzlichen Glückwunsch! Bei mir ist noch keiner! Ich stehe hier ganz alleine mit Frau Hirte, unserer Berufseinstiegsbegleiterin!“

Ich setzte mich entnervt zu Sam und Musti auf die Eingangstreppe des Gebäudes.
Wann werden diese Kinder endlich erwachsen? Geht das denn überhaupt nicht vorwärts? Nehmen die Reife-Verzögerungs-Pillen oder ist das genetisch bedingt?

Die Sonne scheint, drei Spatzen zanken sich um ein paar Kekskrümel, der Postbote stopft die Post in den Briefkasten und zwei junge Mütter schieben glücklich ihre Kinderwagen vorbei (Die werden sich auch noch umgucken, denke ich grimmig).

Und endlich, endlich, erscheinen langsam, sehr langsam unsere drei verlorenen Schafe am Horizont….

Der Tag wurde dann noch ganz schön. Wir hörten erst einen Vortrag (ich erfuhr, dass die Friseure uns Frauen in nur drei Gruppen unterteilen: Buisiness, Romantik und Drama, und dass schwule Friseure die angenehmsten Arbeitskollegen überhaupt sind) und dann sagte die Meisterin:
„Jetzt bekommt jeder einen Übungskopf!“
Die Idee gefiel mir.
Aber wir mussten leider doch die eigenen Schädel aufbehalten.

Es war übrigens sehenswert, was die beiden Jungen dann mit den blonden Probeköpfen anstellten. Sam kämpfte mit einem Zopf und Mustafa sagte düster, während er ungeduldig versuchte, die Bürste durch heftiges Zerren wieder aus dem langen Haar zu befreien:
„Wenn das mein Vater wüsste! Ich als Friseur! Der würde mich ermorden!“

Die Mädchen hingegen kämmten und bürsteten und flochten und lockten und glätteten und plapperten, was das Zeug hielt. Ich durfte auch mitspielen.

Nesrin hatte ganz rote Wangen vor Aufregung.
„Vallah, ich weiß nich. Soll ich jetzt doch Friseuse werden und nich Assistentin, Frl. Krise?“ fragte sie mich und drehte fachgerecht eine Haarsträhne um den Lockenstab.

Ich nickte heftig.
Antworten konnte ich nicht, denn ich hielt gerade eine Handvoll Klämmerchen mit den Lippen fest.

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29 Antworten zu HairGott nochmal!

  1. hattifnatte schreibt:

    Liebes Frl Krise,
    mit ihrer Assoziation zu den Übungsköpfen retten Sie mir den Tag, Vielen Dank!

  2. Frl. Krise, Friseurin muss das gute Kind werden! Hab ich in der familie, ist super, gibt immer Rabatte und wenn mal Not am Mann ist, wird auch ausserhalb der Ladenöffnungszeiten gefönt (oder repariert, je nachdem).

  3. Shidave schreibt:

    Sehen Sie es poritiv, aus der Statd können sie den weg nach Hause wiederfinden, da gibt es Busse und Taxen. Ich will gar nicht wissen was unsern Lehrern damals durch den Kopf gegangen ist, als die zwei Mädels auf der Expo plötzlich verschwunden und nciht zu erreichen waren. Da war ja überhaupt kein wegkommen. ( Die sind dann nach fast 3 Studnen wieder aufgetaucht, sie standen „nur“ am falschen Eingang und haben sich gewundert wo denn alle sind.)

  4. claudia o. schreibt:

    Liebes Frl. Krise!
    Mal gut, dass sie Ihren eigenen Kopf nicht verlieren, bei all der Dramatik. Weiter so, Kopf hoch, Gruß claudia o.!

  5. Olaf schreibt:

    > „Jetzt bekommt jeder einen Übungskopf!“
    Die Idee gefiel mir. <
    Herrlich – danke !
    Ich hätte auch gern einen Übungskopf, aber für andere Dinge. Wenn also im Kopf etwas drin ist, was denken kann. Manchmal bin ich etwas doof, es könnte mir eventuell zur Zeit helfen.
    Kömmem Mie gemade sprmechen mit den Kmammern im Mund ?
    Was ist aus Ihrem Übungskopf geworden – wäre es eine berufliche Alternative für Sie ?

    http://www.hairweb.de/friseur-lohn-gehalt.htm

  6. fraufreitag schreibt:

    wo sind die Kämmchen jetzt????

  7. fraufreitag schreibt:

    die klämmerchen meine ich.

  8. Jürgen schreibt:

    Ja Frau Krise,
    so ging es uns auch. Dann hatten wir die Nase voll. Seitdem nehmen wir alle Kids an der Hand und führen sie dorthin, wo sie hin sollen.

  9. mouton noir schreibt:

    Wofür Übungsköpfe? Sie hätten doch untereinander an den eigenen Haaren üben können. Das wär immerhin ein Grund, sich wirklich Mühe zu geben.

  10. Mel schreibt:

    Ich finde es richtig toll,(aber irgendwie auch etwas traurig), was alles an Ihrer Schule unternommen wird, damit die Jugendlichen an Berufe herangeführt werden und dass sie hoffentlich eine Lehrstelle finden/bekommen. Und das alles auch noch in der Unterrichtszeit.

    • sternfisch schreibt:

      In meiner Schulzeit (liegt etwas ueber 10 Jahre zurueck), war das aber auch so, dass in der 10. Klasse Berufspraktika organisiert wurden, die waehrend der Unterichtszeit stattfanden. Wie sollte man das denn auch anders organisieren?

  11. Hajo schreibt:

    liebe Frl Krise, die gute alte Tante Volksmund sagt doch: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“
    .. von Schülern (m/w) kann ich da nichts erkennen 😀

  12. Halab schreibt:

    Ich denke nur immer wieder: Mein Gott, wie hält diese Frau das nur aus…
    Im Grunde genommen ist man mit der richtigen Erziehung dieser Kinder doch 13 Jahre zu spät dran.
    Ich ziehe meinen Hut vor allen Lehrern dieser Welt!!!
    An unserer Schule ist es üblich, dass die Kinder ab der 5. Klasse zur Begrüssung aufstehen. So sollen sie in ein höfliches Benehmen sozusagen reinrutschen.
    Sollte man das an ihrer Schule einführen, wäre wohl kein normaler Unterricht mehr möglich.

    Halten Sie die Ohren steif! Die Kinder brauchen Sie.

  13. Wieland schreibt:

    Ihr Anstrengung und Geduld mit den Jugendlichen ist wirklich immer wieder bemerkenswert.

    Aber eines kann ich wirklich nicht verstehen. Unpünktlichkeit scheint ein massives Problem zu sein. Nach ihren Einträgen zu Urteilen scheint keines der Schüler auch nur regelmäßig zu irgendeiner Veranstaltung pünktlich zu kommen. Ich will jetzt nicht spießig erscheinen aber gerade wenn es um Beruf und Ausbildung geht ist Verlässlichkeit und damit auch Pünktlichkeit das absolute muss. Wie sind diese Kinder denn erzogen? Wie kann es sein das sie zu jeden Termin zu spät kommen? Das muss doch mal konsequenzen haben und zwar deutliche.
    Ist denen nicht klar das sie selbst mit einen 1er Abi nichtmal Frisör werden könnten wenn sie unpünktlich sind? Kann man da nicht härter durchgreifen? Später ist es zu spät.

    • frlkrise schreibt:

      Wir greifen schon so hart wie möglich durch…aber die Schulstrafen sind kein scharfes Schwert…und die Eltern, die alle 2-3 Wochen auf dem Postweg über sämtl. Verspätungen u. Fehlzeiten informiert werden, sind entweder machtlos o. desinteressiert.

    • Croco schreibt:

      Als schulische Maßnahmen ist so gut wie nichts mehr erlaubt und der Rest greift nicht.
      Die ganz Wilden freuen sich noch über ein paar Tage Schulausschluß.
      Dafür müssen aber x Sitzungen abgehalten werden.
      Und wenn mal einer dem Hausmeister helfen soll, den Hof fegen, ist ratzfatz ein Brief vom Rechtsanwalt da, entwürdigende Arbeit und so.
      Nicht für den Hausmeister, für der Früchtchen.

  14. Gertje schreibt:

    Ich bin ja Gott sei Dank keine Lehrerin, habe beruflich auch nur mit Studenten zu tun. Wobei… man denkt ja, die haben Abitur, die sind über 18.. aber lassen wir das.
    Freizeitlich habe ich häufig Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 betreut. Die kamen nicht immer freiwillig, sondern wurden manchmal auch von den Eltern geschickt.
    Das Positive an einer Risikosportart ist, dass man da einfach diktatorisch agieren muss (zur Sicherheit der zu Betreuenden) und dass man beim Klettern genug Schlingen und Karabiner mit hat, um schwere Fälle tatsächlich, und das meine ich wörtlich, irgendwo anbinden zu können. Und dann hat es noch den Vorteil, dass man diese Kinder und Jugendlichen einfach nur einmal mitzunehmen braucht. Danach fliegen sie raus, im Interesse der Sicherheit aller zu Betreuenden.
    Ja, das ist ein großer Vorteil. (Allerdings habe ich gelernt, dass selbst die scheinbar schwersten Fälle sehr schnell lernen, auf die Anweisungen der Betreuer zu hören, weil sie sehr wohl in der Lage sind, zu erkennen, dass dies nicht aus Schikane geschieht, sondern zu ihrer Sicherheit. Es scheint auch, dass manche diese Grenzen geradezu genießen. Und ich habe in 20 Jahren nie erlebt, dass wir eine/n „raus schmeißen“ mussten. Kinder wirken untereinander im Übrigen auch sehr erzieherisch)

  15. Die Blöde schreibt:

    Ab Montag wird meine 10. Klasse zur Marienkäfergruppe. Ja, genauso wie im Kindergarten – mit allem drum und dran!!
    In Zweierreihen aufstellen, Händchen halten, Hausschuhe, Mittagsschlaf, ….
    Ich mag mir gar nicht ausmalen, was passieren wird, wenn wir im Oktober zum Tag der Ausbildung gehen. Horror!
    Vielleicht wäre Pippi Langstrumpf auch nicht schlecht. So nach dem Motto: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!

  16. Annabell schreibt:

    Vor zwei Wochen habe ich begonnen ihren Blog von Anfang an durchzulesen, heute bin ich fertig geworden. Es ist wirklich zugleich zum lachen und zum heulen. Respekt, wie sie die Kinder immer noch unter ihre Fittiche nehmen können ohne durchzudrehen. Es ist traurig, dass so viele Kinder so weit unten stehen mit kaum einer gescheiten Zukunftsprognose und mit so wenig Stabilität in ihrem Leben.

  17. mellesworld schreibt:

    Schade, dass meine Lehrer nicht mit uns in Berufe reingeschnuppert haben, aber auf dem „Günasion“ ist das wahrscheinlich nicht so wichtig, denn die Mittelschule in der gleichen Stadt macht es schon seit Jahren so (lässt dabei aber die Schüler nicht alleine laufen, sondern immer in Gruppen mit Lehrern- damit es keinem so ergeht wie Karl) 😉

  18. Don Ferrando schreibt:

    Hast du kein Händy, guckst du nur!

  19. Tanja Werdenberg schreibt:

    Also ich wäre auch oft gerne kindisch und unreif, nicht für mich selbst verantwortlich, ich geb’s zu!

    Wann ist man in dieser web-amorphen, sich ständig wandelnden Welt, in der lebenslanges Lernen angesagt ist und alles so schnell geht, dass die Gegenwart kaum Zeit hat, Form zu gewinnen, bevor sie Vergangenheit ist, überhaupt „reif“?

    Frl Krises Schüler/innen mögen in Fragen ihrer Berufs- und Businessaussichten manchmal etwas naiv sein, aber so gesehen……

  20. Ulla 39 schreibt:

    Für wenige Tage aus dem Land der Ahnen von Ömür und Emre und Nesrin und anderen zurück, mußte ich unbedingt das Neueste bei Ihnen lesen. Ja, es ist ein bißchen lustig und ein bißchen sehr traurig.
    Pünktlichkeit, ach ja…Die ist auch Erwachsenen von „dort“ schwer zu vermitteln. Schuldisziplin, die beschäftigt mich eben besonders. Habe nämlich wieder Schulklassen mit einer großen Zahl von SchülerInnen gesehen, die ein Museum besuchen, in Istanbul. Da wird man geradezu andächtig. Die Mädchen kichern, die Jungen proben ein Imponiergehabe, trotzdem gehen sie gesittet, und Lehrer kommen sich nicht vor wie Hütehunde mit Maulkorb.
    Nach zwei Tagen, wieder in IST im Museum, will ich mich nach Gruppenbesuch von Schülern erkundigen und dann mal Lehrer interviewen, wie sie das machen. Und wenn das Ergebnis meine Zensur passiert, kurz berichten.

  21. sockenbergen schreibt:

    Nesrin als Frisörin – jepp unbedingt. Unbedingt unterstützen, da bekommt man wenigstens nen Ausbildungsplatz, aber nachher kein Geld verdienen.

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