Haue und Händy….

„Frl. Krise! Leila und Azzize haben sich geschlagen!“
Kollege Huber bremst mich gleich am Eingang des Lehrerzimmers aus. „Diese Mädchen!! Du kannst dir nicht vorstellen, wie heftig das war! Wir, also der Praktikant und ich, konnten sie fast nicht trennen !“
„Weshalb haben die denn sich überhaupt geschlagen?“ frage ich. Eigentlich möchte ich lieber in Ruhe einen Kaffee trinken und mich nicht um so pubertären Quatsch kümmern…
„Keine Ahnung!“ Kollege Huber seufzt schwer. „Ich habe nur gesagt, Azzize, setz dich neben Leila. Das wollte die nicht, aber ich hab drauf bestanden. Dann ist Azzize doch zu Leila gegangen und dann haben sie sich auf Türkisch beschimpft, naja, und dann geschlagen!“
„Wer hat angefangen mit den Beschimpfungen?“
Huber zuckt mit den Schultern. „Das ging so schnell!!“
Ich nehme meine Kaffeetasse und gehe in den Aufenthaltsbereich. Dort sitzt Azzize. Sie sieht blass und zerrupft aus. Auf ihrer linken Wange befindet sich eine blutige Kratzspur. Zum Glück hat sie schon mit der Erzieherin geredet, so dass ihre größte Wut verraucht ist. Sie beteuert, dass sie völlig schuldlos sei und dass sie Leila, dieser Schlampe, zukünftig aus dem Weg gehen werde. Ich schicke sie mit ein paar warmen Worten auf den Hof.
Dann suche ich Leila. Die steht laut schluchzend vor dem Spiegel in der Mädchentoilette. Auch sie hat frische Kratzer, aber zur Abwechslung am Hals. Leila ist völlig aufgelöst. Das ganze Gesicht ist mit Wimpertusche verschmiert, ihre Hochsteckfrisur hat sich selbständig gemacht und hängt in Fetzen herunter.
Aber nicht etwa wegen der Prügelei ist sie so fertig!
NEIN! Bewahre!
Man hat ihr das Händy weggenommen!
Sie schreit und schimpft und schluchzt und stampft mit dem Fuss auf – ich kann beim besten Willen nicht herausbekommen, wer ihr das a n g e t a n hat, aber es muss ein Lehrer gewesen sein, vermutlich Herr Huber. Das Objekt ihrer Verzweiflung befindet sich jetzt im Sekretariat und wird von der voll hässlichen Frau Schnell nur an einen Erziehungsberechtigten heraus gegeben.
„Ich brauch mein Händy! Heute! Sofort!“ heult Leila. „Mein Vater ist Krankenhaus! Er wird operiert! Ich muss wissen, wie es ihm geht!“
Der Händyverlust geht bei unseren Schüler in der Regel mit lebensbedrohlichen Zuständen eines Verwandten einher… das kenne ich schon und bin entsprechend ungerührt. Ich will auch nicht über das Händy reden, sondern über die Prügelei. Die interessiert Leila aber nicht.
Händyverlust ist schlimmer als Blutverlust!
Sie schreit mich an: „Vallah, Sie sind schuld, wenn ich mein Vater nie mehr sprechen kann!“
„Jetzt halt mal die Luft an!“ sage ich, „Wenn dein Vater heute operiert wird, kannst du ihn sowieso nicht gleich anrufen. Deine Mutter kann das Händy außerdem gerne abholen, dann kann ich auch gleich mal mit ihr sprechen.“
Es ist Freitag, denke ich, wenn die Mutter jetzt nicht bald kommt, steht Leila ein händyloses Wochenende bevor… nicht auszudenken!
Deshalb auch dieses Theater!
Zur Schlägerei macht Leila nur dürftige Angaben. Die ‚behinderte‘ Azzize ist jedenfalls alles schuld, soviel steht fest.
„Aber bitte, bitte, Frl. Krise, mein Händy! Bitte!“ Sie schluchzt herzerweichend. Ich schiebe sie schnell zu den Erzieherinnen rüber mit dem Auftrag ein schriftliches Protokoll anzufertigen und entschwinde.
Die Pause ist auch schon fast rum, es ist doch zum ‚Überbrechen’…
Ein paar Minuten später klopft es an die Türe des Lehrerzimmers. Leila!
„Meine Mutter ist da,“ faucht sie, „ im Sekretariat ist keiner! Aber ich will mein Händy!“
Ich bin plexi! So schnell ist die Mutter gekommen! Wegen dieses Scheiß-Händys. Sonst bekommt man sie das ganze Jahr nicht zu Gesicht…
Leilea jüngerer Bruder ist auch dabei, er muss übersetzen. Ihrer Tochter scheint die Mutter nicht zu trauen.
Ich erzähle, dass Leilas Leistungen und ihre Arbeitsmoral schwach sind, dass sie sich aber in den ersten Schulwochen etwas weniger oft verspätet hat und auch regelmäßiger im Unterricht war als vor den Ferien. Die Mutter hört sich alles schweigend an und sagt dann auf deutsch: „Zu Hause Leila alles schön!“

Es klingelt, die Mittagspause ist beendet. Ich muss in den Unterricht.

Vier oder fünf Tage später ist Elternabend. Leilas Eltern sind auch gekommen. Der Vater sieht gesund und fit aus, aber ich frage ihn trotzdem teilnahmsvoll, wie es ihm denn nach seiner schweren OP gehe.

Er sieht mich verständnislos an….

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49 Antworten zu Haue und Händy….

  1. Maxi schreibt:

    „Händyverlust ist schlimmer als Blutverlust!“
    Ich schmeiß mich weg!

  2. flosch schreibt:

    Ich wette, Händy ist auch wichtiger als Luft. Luft anhalten können die Damen schließlich mindestens 60 Sekunden lang!

  3. PeterLe schreibt:

    Tu bitte nicht so Frl Krise! Warum haben die beiden sich denn jetzt so zerrupft?

  4. mouton noir schreibt:

    Kranke/Verletzte/Tote Verwandte bringen manche Studenten noch als Ausrede für Terminverschiebungen bei Hausarbeiten vor. Offenbar wächst man da nicht raus… ^.^

    • Blümchen schreibt:

      Hey! Manchmal ist das aber ernsthaft so! Was tun, wenn man bei Veranstaltungen mit Anwesendheitspflicht im Wintersemester schon einmal wegen Erkältung gefehlt hat und dann noch ein Freund oder Verwandter verstirbt? Das ist echt bitte, wenn die ollen Dozenten einem nicht glauben und man sich entscheiden muss: Beerdigung oder Schein… Zum Glück gibt es einige Dozenten die Ausreden von Realität unterscheiden können und einem nicht sofort schlechte Absichten unterstellen….

      • Jürgen schreibt:

        Oh Blümchen…

      • mouton noir schreibt:

        Wir hatten eine, die bei Hausarbeiten keinen Termin gegeben hat, weil sie meinte, sie wolle nicht mehr die armen Omas sterben lassen. Sie hat uns nur gewarnt, dass Dozenten irgendwann verschwinden – und manche, die ihre Hausarbeit 4 Semester später abgeben wollten, hatten wirklich das Pech, dass sie weg war.
        Zwei bis drei Mal fehlen war bei uns auch bei Anwesenheitspflicht erlaubt. Jetzt ist sie abgeschafft, was ich persönlich nicht für die großartigste Idee halte, die die Verantwortlichen je hatten…

  5. Rana schreibt:

    Krass eh, an deiner Schule nehmen Lehrer Händys weg??? Und Menschenrechte, hä???

  6. rotezora schreibt:

    Ja, da sind Eltern gut dressiert, sie wissen ganz genau, dass jede Verzögerung in diesem Fall mindestens 48 Stunden Hölle bedeutet,

  7. Frau Weh schreibt:

    Frl. Krise, zu Hause ist IMMER alles ganz prima in Ordnung! Nur in der Schule…, also irgendwas machen die Lehrer doch falsch.

    Neulich beim Elternsprechtag: „Dä Tim, dä dun dat nit. Dä sitzt zo huss immer vor et Videospiel.“

  8. Wendy schreibt:

    Soviel Verwandtschaft, wie da immer kurz vorm wegsterben ist hat nichtmal ein türkisches Kind 😉

    • Ulla 39 schreibt:

      Köstlich! Sehr erfrischend am Morgen und gute Vorbereitung auf die Urlaubsreise, auf der zeitweise auch gearbeitet werden soll/muß. Da sind wieder Verwandte reihenweise schwerst erkrankt oder, noch zwingender, man kann nicht kommen, weil man zu einer Beerdigung gehen muß.Was meinen Mann schon zu der Bemerkung veranlaßt hat, wenn all die Menschen, deren Beerdigung von der Arbeit/einer Sitzung etc. abgehalten hat, tatsächlich gestorben wären, hätte Istanbul nur noch die Hälfte der (16 Mio.) Einwohner. Klar, daß, wer so etwas sagt, kein „richtiger“ Türke mehr ist, sondern ein Almancı, ein Deutschiger. Lieber Ömür, wir wissen, wie Du Dich fühlst, wenn Du das hören mußt!

  9. Olaf schreibt:

    Als ich noch meinen letzten Beruf (selbständige Tätigkeit) ausgeübt hatte, sind auch unglaublich viele Leute, die der jeweiligen Familie angehört oder nahegestanden hatten, „gestorben“, es müßten daraufhin im Laufe der Jahre ganze Landstriche entvölkert gewesen sein (was aber den statistischen Landesämtern wohl entgangen ist). So viele Tote…
    Oder wenn (m)eine Rechnung kam, setzte häufig eine verbeitete und eigenartige Krankheit ein, nämlich die Lähmung der Schreibhand, so daß eine Überweisung leider nicht möglich war. Oder die mentalen Leistungen ließen schlagartig extrem nach und es kam zu „Zahlendrehern“, woran dann die Überweisung gescheitert war (öfter sogar angeblich mehrere Versuche). Ein fruchtbares Feld für Diplomarbeiten oder Dissertationen. Oder „die Bank“ konnte elementare Vorgänge wie eine Überweisung aus unerfindlichen Gründen nicht mehr ausführen u.n.d s.o w.e.i.t.e.r…
    Aber schön, daß es Leilas Vater wieder gut geht. 😉
    Sie sollten ihn einmal nach seinem Arzt fragen. Solche Leute sollte man kennen, falls es einem mal schlecht gehen sollte.

  10. die Schmith schreibt:

    Krisi, du bist einfach viel zu alt, um das zu begreifen. Händy = lebenswichtiges Organ. Verstehste? Zumindest so ein bisschen? Die brauchen das. Ist wie mit Glätteisen und unglatten Haaren. Die Damen müssen das Ding auch jeden Tag benutzen und weil dann die Haare so austrocknen, brauchen die besondere Pflege. Und Händy ist Körperteil, quasi. Is wie Amputation, Händy wegnehmen.

    • frlkrise schreibt:

      Ohne mein Händy? Geht gar nicht!
      Aber ich simse auch nicht im Unterricht oder schlage Leute, filme die Tat und schicke die bBlder allen Freunden und Bekannten!

      • frlkrise schreibt:

        Bilder…meinte ich

      • die Schmith schreibt:

        Ach, sowas machen die doch nicht. Bestümmt nicht. Die machen Fotos von neueste Frisur und guckmalhabichneuemakeupdrauf und krassneuehosen und so. Verstehst du alles nich. Ist voll Teeniekram. 😉

        Hach, ich bin total froh, dass wir damals noch keine Händys hatten. Mich schüttelts bei dem Gedanken daran, dass gewisse Dinge hätten gefilmt werden können. Aber mein erstes Händy hatte ja noch nicht mal Farbe. An eine Kamera war da noch lange nicht zu denken. Kam viel später. Zum Glück für mich.

        Aber stell dir vor, du müsstest Neuigkeiten verpassen, nur weil du dein Händy nicht dabei hast. Was ist die Gerüchteküche ohne den schnellen Buschfunk? 😉

      • Tricia McMillan schreibt:

        Das kann ja noch werden, zum Beispiel wenn Turgut wieder in Ihre Klasse zurückkommt! 🙂

  11. Jürgen schreibt:

    Also Frau Schmith, das hat ja wohl mit Alter nicht zu tun.
    Schule ist Schule und Unterricht ist Unterricht und telefonieren können sie die ganze Nacht.
    So was!

    • frlkrise schreibt:

      Was heißt überhaupt, das hat mit dem Alter zu tun??? Bin ich alt oder was?

      • Jürgen schreibt:

        Frl. Krise, und wenn Sie 103 wären!
        Ich würde Sie sofort an die Schule nehmen.
        Aber hier sind die Mieten soooo hoch, und der Mann…ob der will und kann…
        Nee, Quatsch!
        Mich nerven diese Altersargumente. Manchmal sind 60jährige geistig jünger und flexibler als manche Endzwanziger, die meinen, jung sein ist auch ein Argument.

      • die Schmith schreibt:

        Ach, Jürgen. Es gibt Dinge, die gehen einfach nur in der Pubertät. Und das hat dann nun mal was mit dem Alter zu tun. Wir können nur hoffen, dass die Schüler dem irgendwann entwachsen (manche scheinen da ja ewig drin festzuhängen und benehmen sich mit Mitte 20 immer noch so).

        Und mal eine Frage an dich: Hast du jemals im Unterricht Zettelchen geschrieben/bekommen? Wer sowas nie getan hat, werfe den ersten Stein.
        Heute nimmt man eben das Händy. Papier ist doch voll out.

        Und Krisi ist nur älter als Pubertät. Wie viel älter hat da nix zu sagen. Wenn ja sogar ich für die meisten ihrer Schüler schon steinalt bin…

  12. Shidave schreibt:

    Wie ging es denn danach weiter? Konnte der Vater sich dann doch noch an seine OP erinnern? Und wie hat die Tochter reagiert als Sie den Vater so dreist nach seiner Gesundheit gefragt haben?
    ( Immer diese Clifhanger hier 😉 )

  13. Olaf schreibt:

    > (Sie:) Er war Arzt ? Glaub ich nich….
    (ich:) Wer war Arzt ?
    (SIE:) Leilas Vater war Arzt, äh…b e i m Arzt, wollte ich sagen. <

    Hilfe ! Sie sehen, daß ich offensichtlich alt und debil bin/ werde – ich hätte selber darauf kommen können, was Sie meinten. Kenne ich doch seit etwa einem Jahr diesen Sprech und habe nicht geschaltet. Bitte haben Sie Nachsicht mit mir, nicht hauen.
    Muß ich jetzt bei Ihnen nachsitzen ?
    Oh ja – bitte ! 😉

  14. michathecook schreibt:

    mein highlight des tages : zuhause leila alles schoen
    besser kann man es nicht sagen

    der neue Trend bei mir in der abteilung sind beziehungskrisen…naja nachdem die ganze verwandschaft schon gestorben ist muss nun die beziehung herhalten.schon toll wieviele beziehungen freitag nachmittag oder montag morgen gerettet werden….stellen sie sich schon mal drauf ein…..das kommt bestimmt auch bald an ihrere schule….

    eine frage . lesen ihre schueler eigentlich hier mit ?

  15. Hajo schreibt:

    „.. aber ich frage ihn trotzdem teilnahmsvoll, ..“
    Musstest Du jetzt auch noch in dieser Wunde bohren?
    Hässlichkeit!!
    😉

  16. sockenbergen schreibt:

    Eine Wunderheilung. So, so ,

  17. mona schreibt:

    Interview mit einer Sprachwissenschaftlerin, die Kiezdeutsch erforscht:
    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/358510/358511.php

    • frlkrise schreibt:

      Prof. Kris..äh…Wieses Thesen kenne ich! Aber mal ehrlich, die Sprüche unter dem Artikel sind doch schwach gegen die von unseren Schülern, oder?

      • mona schreibt:

        Ja, ganz klar: an die Schönheit von „Hässlichkeit!“ & Konsorten kommt so schnell nix ran. 😉
        Wobei sich der Zauber nicht auf Anhieb erschließt, das muss man erst einmal alles (und wiederholt) auf sich wirken lassen – aber dann: voll Jäckpotttt.

        Ich mag den Ausdruck Kiezdeutsch und die Klassifizierung als Dialekt. Es gab ja auch mal (mindestens) einen Beitrag, in dem nebenbei zumindest einige Schüler zeigten, dass sie auch anders KÖNNTEN und durchaus sich gemäßigten und standardsprachlichen Ausdrucks befleißigen können – nur wollen sie meist nicht, vor allem nicht, wenn sie „unter sich“ sind.

      • tom625 schreibt:

        Ist die Klassifizierung vom „Kiezdeutsch“ als Dialekt nicht falsch? Das ist doch keine regionale Eigenheit im Berliner Umfeld sondern würde eher als „urbane Jugendsprache in Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil“ durchgehen und wäre damit ein Soziolekt, oder?
        Außerdem gibt’s das doch schon seit den späten Neunzigern und hieß damals noch Türksprech.

  18. tini schreibt:

    Heute hab ich im radio gehört, dass die Leute lieber auf Sex als auf ihr Handy verzichten (angeblich eine Amerikanische Studie)…

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