Hier bleibt nichts unversucht….

„Wer hat denn den schwarzen Fineliner dabei?“ frage ich meine neuen Schüler. Letzte Woche habe ich gesagt, dass sie sich für heute so ein Teil besorgen müssen. Mehr brauchen sie für Kunst erstmal nicht. Alles andere haben wir in der Schule….
Ich kenne diese Klasse, eine Neun, nur flüchtig von drei Vertretungsstunden und habe das ungute Gefühl, dass das Unterrichten hier nicht leicht wird.
Deshalb habe ich auch vorgesorgt….

Niemand meldet sich.
Ich frage noch einmal und diesmal meldet sie EIN Mädchen. Özlem heißt sie. Ich lobe sie über den grünen Klee und reiche ihr die Bleistiftskizze, die sie letzte Woche angefertigt hat. Die darf sie jetzt mit ihrem Fineliner fertigstellen.

(Vor der Türe stehen übrigens noch sechs Schüler, die zu spät gekommen sind, die müssen erst mal warten, bis ich die Klasse angeschoben habe. Garantiert hat von denen auch keiner einen Fineliner! denke ich und behalte recht.)

„Tscha….“, sage ich milde, „ das ist ja dumm, dass ihr alle ohne euer Arbeitsmaterial seid. Dann können wir nicht zeichnen, sondern werden uns heute theoretisch mit einem Künstler beschäftigen, genauer gesagt mit seiner Biographie.“
„Wie jetzt – ‚beschäftigen’?“ fragt Soner, der sich offensichtlich plötzlich daran erinnert, dass ich angekündigt habe, dass Leute ohne Arbeitsmaterial schreiben dürfen.
Ich antworte nicht, sondern teile stumm eine kleine Biographie des Künstlers aus. Sie enthält einiges an Text, aber auch Bilder.
Meine Schüler stöhnen auf. „Sollen wir das etwa a b s c h r e i b e n?“ fragt Soner.
„Ja, genau,“ sage ich, „da ihr ja keinen Zeichenstift habt! Und dann noch die Fragen unter dem Text beantworten!“
Ich muss jetzt zu Beginn den „harten Hund“ geben, sonst kann ich das Unterrichten hier knicken, so viel steht fest..
Es kostet mich ein kleines bisschen Arbeit, aber nach etwa 8 Minuten ist es totenstill. ALLE schreiben. Abed sitzt im Nebenraum und Samir auf dem Flur. Zara habe ich ans Pult geholt und einige andere Bagaluten umgesetzt.
Nun hört man nur noch leises Papierrascheln und tiefe Atemzüge des Selbstmitleids.

Die Türe geht auf. „Vallah, ich dachte, keiner da!“ sagt Marcel verblüfft, der nun wirklich als Allerletzter eintrudelt. „Was das? Voll ruhig hier!“
Ich bedeute ihm durch Gesten sich ruhig hinzusetzen und zu schreiben. Er ist zu überrascht, um sich zu wehren.

Die Tür zum Flur steht offen. Ich gehe auf Zehenspitzen raus, um mir bei meiner Kollegin Frau Saum nebenan Tesafilm zu holen.
„Frl. Krise, ist die 9d nicht da?“ fragt Frau Saum und gräbt in ihrem Schrank nach dem Kleber.
„Doch!“ sage ich, „die SCHREIBEN. Keiner hatte einen Fineliner dabei. Strafe muss sein!“
„So still waren die ja noch nie!“ sagt Frau Schaum beeindruckt. „Da bin ja mal gespannt, ob die nächste Woche Fineliner haben!“

Ich auch.

Als alle fertig sind, sprechen wir noch uber den Künstler und sehen uns ein Bild von ihm an. Die Klasse ist ganz gut bei der Sache und ich bin betont freundlich.

„Vallah, Frl. Krise, haben sie eigentlich gewusst, dass wir nichts dabei haben?“ fragt mich Marcel beim Einpacken.
„Wieso?“ frage ich.
„Weil, sie haben die Blätter mitgebracht und so“, sagt er.
„Gewusst habe ich es nicht, Marcel,“ sage ich, „aber geahnt!“
„Meinen Sie, dass nächste Woche alle Stift haben?“ fragt Marcel weiter.
„Bestimmt nicht! Bestimmt haben immer noch 7 bis 8 Leute keinen!“
Marcel nickt verständig.
“Meinen Sie, ICH habe einen?“ sagt er dann nachdenklich.
„Na,auf jeden Fall!“ sage ich. „Du und Özlem, ihr beide habt auf jede Fall einen!“
„Ja, wa?“ Marcel wirft sich in die Brust. „Nach der Schule geh ich gleich Karstadt“, verkündet er. „Sie werden sehen!“
„Ich verlass mich voll auf dich!“ sage ich, klopfe ihm auf die Schulter und schließe den Kunstraum ab.

In der Mittagspause winkt mir Marcel auf dem Hof zu: „Heute Nachmittag!“ ruft er, „ich schwör!“
„Was schwörst du?“ fragt meine Aynur, die gerade zwischen uns steht.
„Geht dich nix an!“ ruft Marcel und zwinkert mir verschwörerisch zu.“ Geheimnis!“
„Geheimnis!“ sage ich voll pädagogisch.
Aynur guckt mich zweifelnd an.

Recht hat sie…..aber was tut man nicht alles für einen schwarze Fineliner…..

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25 Antworten zu Hier bleibt nichts unversucht….

  1. Bagaluten, hmmm . Danke, wieder was gelernt!

  2. Olaf schreibt:

    Ich glaube, daß Aynur es irgendwann doch erfahren wird.
    Könnte Marcel neben Emre und Ömür Ihr/ unser neuer Held werden ?
    Ich wage die Prognose… Mal sehen.
    😉
    Mittlerweile ist es mir fast zur – schönen – Gewohnheit geworden, bei Ihnen so gegen 19:00/ 20:00 Uhr vorbeizuschauen.
    Ihnen mal wieder alles Gute nach hmmhmm – und mal wieder Dank für Ihr herrliches Blog/ Ihre herrliche Blogin/ Ihren herrlichen Blog (wie heißt das bloß nur richtig ?).

  3. Mrs. Porcelain schreibt:

    hihhihi Strafe muss sein – schön gemacht! da staunt auch Frau Saum alias Frau Schaum! Krisi isch liebe Sie und die amüsanten Texte über die Bagaluten!! Überhaupt Bagaluten, was das?!!

    • frlkrise schreibt:

      Bagalut, auch Bagalute, kommt aus der norddeutschen Umgangssprache bzw. dem Niederdeutschen, und bedeutet so viel wie Rüpel oder Radaubruder, aber auch Schuft oder Kleinkrimineller, jedoch mit einer derb-kameradschaftlichen Note.[1] Der Ursprung des Wortes ist nicht geklärt.[2] Vermutet wird das Hervorgehen aus dem englischen bag o’loot (Beutel voller Diebes- oder Plündergut) in alten Seefahrertagen. Ebenso ist bag o’louts (lout = Lümmel, Rüpel, Flegel) als etymologische Wurzel nicht auszuschließen.
      Laut Wikipedia! Jetzt bin ich auch schlauer….

      • Olaf schreibt:

        Das kommt hin, so ist das hier in Hamburg oder auch im Norden. Hat im heutigen Sprachgebrauch (hier in meiner Gegend jedenfalls) eher eine wohlwollende Bedeutung („derb-kameradschaftliche Note“, sehr nett formuliert), wird von manchmal unrasierten Herren, die häufig im Hafen zu finden und dort tätig sind, gelegentlich zur herzlichen Begrüßung über die Straße gebrüllt oder unter Verteilung von freundschaftlichen Knuffen benutzt ;-).

  4. frau freitag schreibt:

    also ich habe immer einen vorrat fineliner, die sie mir dann abkaufen können. dann wollen sie immer gleich zwei oder drei kaufen – gibt aber immer nur einen.
    aber frl krise, kann ich trotzdem diese blätter mit dem künstler haben? welcher war’s denn? Keith haring?

  5. Anna schreibt:

    Bagaluten finde ich auch ausgesprochen hübsch ! 🙂
    Und was die Helden angeht… an Ömür muss er erst mal vobei! Das wird nicht leicht.

    • Olaf schreibt:

      Ah ! Noch ein Ömür-Fan bzw. eine „Fanin“. Und Emre nicht vergessen, die beiden gibt’s wohl nur im Doppelpack.
      Ja – die Latte ist von den beiden wohl recht hoch gehängt, aber Marcel fängt bei Frollein Krise ja erst an. Und ein Marcel weicht nicht zurück, ein Marcel nimmt Anlauf.
      Hoffentlich kommt er nicht mit einem L’Oreal fineliner an…
      Wir werden es bestimmt bald erfahren.

  6. Jürgen schreibt:

    Ohne diese „pädagogischen“ Tricks würden wir kaum überleben…
    …und die Schüler zu Abschlüssen, zur Ausbildungsreife bringen!

  7. michathecook schreibt:

    in wechem piratenfilm oder buch unsrer jugend war von bagaluten die rede ? irgendwo hab ich das schonmal gehoert oder gelesen…

  8. Wiebke schreibt:

    Na,kennt ihr denn Alle die Gruppe Torfrock?

    Die machen zu Weihnachten immer ein Konzert, das nennt sich *Bagalutenwienacht* (Niederdeutsch Bagalutenweihnacht). Das sind halt auch so Bagaluten-Rüpel-Jungs.Aber eben freundlich gemeint 😉

  9. Frau-Irgendwas-ist-immer schreibt:

    Wow – Frl Krise als Drill-Instructor – die Klasse soll mal froh sein, das Sie nicht Sport unterrichten!

  10. KC schreibt:

    Muss ich mir merken 😀 😀 😀

  11. claudia o. schreibt:

    Hallo, Frl. Krise! Ich bewundere Sie, Sie machen sich um unsere Zukunft verdient. Denn das ist unsere Jugend und die meisten vergessen das leider total. Es herrschen miserabele Verhältnisse in den Schulen, es wird u.a. nicht genügend Geld für Bildung zur Verfügung gestellt. Es fehlt oft die ausreichende Unterstützung im Elternhaus, kaum Vorbilder, armes Deutschland! Für Ihr Engagement und die hinreißende Lektüre darüber danke ich Ihnen, LG claudia o.

  12. sonyaosmy schreibt:

    Absolut herrlich!

  13. Mel schreibt:

    uaaaah, Macke….wir mussten sogar mal ein Bild von dem nachsticken!!! (ähm wurde bei mir aber nie fertig) Seitdem erkenne ich jeden Macke, wenn ich ihn irgendwo sehe (leider).
    MIt so einer Aktion habe ich sogar mal meinen extrem anstrengenden Nachhilfeschüler geschockt (weil ich ausnahmsweise so hart war…) und er hat wundersamerweise brav geschrieben. Ein Diktat!! Er hatte nämlich fast das ganze Schulzeug angeblich in der Schule vergessen, mal wieder, und deshalb habe ich etwas getan was ich sonst nie mache: Ihn schreiben lassen. Diktat ist auch eine Art Nachhilfe 🙂 Vor allem wenn man zigtausend Fehler macht die man hinterher besprechen muss. Leider war dann krank, keine Lust und dann Ferien und seitdem hatte ich ihn noch nicht wieder und weiß nicht, ob es gewirkt hat 🙂

  14. christaschule2010 schreibt:

    Hahaha, – Klasse – Frl. Krise! Die haben sie erzogen. Bin gespannt auf die nächste Woche!

  15. RogueEconomist schreibt:

    Und wieder haben sie meinen Horizont beim Thema Kunst erweitert. Gefällt mir ganz gut. Macke ist mir auch nicht zu manieriert… 😉 Schade das August Macke von seinem letzten Ausflug nach Frankreich (wie leider soviele andere) nicht mehr heim kam.

    • frlkrise schreibt:

      Der arme August, dabei war er noch so jung…
      Als ich gefragt habe, ob sie sich vorstellen könnte, woran er gestorben sei (1914!) sagten sie : Aids?
      Na gut, ich sehe es ein, das war wohl mal wieder eine Überförderung meinerseits….

  16. Mrs. Porcelain schreibt:

    Selbstverständlich hat sie das!

  17. Arno Nühm schreibt:

    Mit wechselnder Begeisterung lese ich Ihre Anekdoten aus dem Schulalltag.
    Diese hier hat mir wieder mal ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, vielen Dank dafür! 🙂

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