Im Tempel der Würste

Die von meiner Schwester und mir heimlich so genannte „Wurst-Anna“, eine Kusine zweiten Grades von meiner Tante ihr Enkelkind sein Schwager, sagte bei unserer großen Familienfeier am Sonntag zu mir: „Du und dein komischer Blog! Du denkst wohl, nur in der Schule tobt das Leben! Komm mal EINEN Tag in meine Wurstbude…..!“
„Ebensowenig, wie es der Würstchen heißt, heißt es auch der Blog,“ sagte ich leicht pikiert, „und einen Tag bei dir? Nichts lieber als das!“
Schließlich habe ich lange davon geträumt, eine Frittenbude DIREKT neben der Schule zu eröffnen…statt mich noch länger mit dem Unterricht herum zu plagen…

Anna war hocherfreut, mich zu sehen und verpasste mir als erstes ein etwas zu enges, rotes Poloshirt und ein Basecap. Auf beidem prangte der Name ihres Geschäfts: Anna’s WURST-TEMPEL. (Anna war mal kurzzeitig Buddistin, ich glaube, der Name stammt noch aus dieser Zeit.)
„Hoffentlich hast du bequeme Schuhe an!“ sagte Anna besorgt. Sie weiß, dass ich einen Hang zu unangemessenem Schuhwerk habe („Wärst du eine Indianerin, würdest du bestimmt „Wrong Shoe“ heißen“, sagt Männe immer).
„So,“ sagte Anna, „du kümmerst dich um die Bratwürste! An der Frittöse ist es zu gefährlich. Hier, das ist der Grill. Vorsicht! Der ist schon heiß! Gegrillt hast du doch schon mal, oder?“
„Natürlich! Grillen kommt bei mir gleich nach Bloggen!“ log ich ohne mit der Wimper zu zucken und nahm souverän ein großes Paket mit sehr bleichen Würstchen entgegen.
„Immer schön wenden und tauschen!“ schärfte mir Anna ein und drückte mir auch noch ein elektrisches Riesenmesser in die Hand. „Hier! Dabei kannst du nebenbei die Brötchen aufschneiden! Pass aber auf, dass die Hälften nicht auseinanderfallen. Mehr als ein Halb aufschneiden, aber weniger als drei Viertel!“
Hä?
Sofort rastet in meinem Hirn hörbar die Matheblockade ein. Bruchrechnung in der Würstchenbude!!! Erst beim zehnten Brötchen löst sie sich langsam…ist doch klar…also etwa fünf Achtel. Hätte sie mir auch gleich sagen können!
Vor lauter Rechnerei hatte ich einen Moment nicht auf die Würstchen geachtet… Vallah, ich kam richtig ins Schwitzen. Würstchen wenden, Würstchenplätze tauschen (der Grill war ziemlich unregelmäßig heiß) Schneiden, Bücken, Ketchup, Curry, Anreichen, Senf! Puh! In der Bude waren es gefühlte 100 °Grad heiß und ich sah nach fünf Minuten so attraktiv aus wie eine alte Speckschwarte. Außerdem klebten mir andauernd einzelne Haarsträhnen im Gesicht fest und mein Deo versagte schnöde seinen Dienst.
Anna hingegen wirkte kühl und frisch, dabei war sie an der heißen Frittöse zugange. Sie frittierte, bediente, kassierte, plauderte und charmierte. Alles auf einmal. Sie zeigte auf mich.
„Das ist meine.. ähm… Kusine,“ sagte sie, „Lehrerin! Die hilft mir heute mal ein bisschen!“
„Oha, Lehrerin!“ sagte Jansens Pitter, ein Stammkunde. „Gehorchen die Würstchen besser als die Pänz? Meine ist geplatzt! Hoho!“ Sehr lustig.
Ich lächelte leicht gequält und versuchte den Ketchup gleichmäßig auf der nächsten Wurst zu verteilen. Die blöde Soße floss bei Anna wie gemalt aus dem Spender, bei mir gab es entweder fette Kleckse an der falschen Stelle oder es kam gar nix raus. Dafür gabs Luftausstoß und unmanierliche Geräusche, die Pitter sehr lustig fand.
Am geilsten fand ich Annas elektischen Currywurstschneider!
„Massive Ausführung aus rostfreiem Edelstahl, seidenmatt poliert, mit gehärtetem und geschliffenem Doppelsichelmesser, luftgekühltem Einphasenkondensatormotor – geeignet für Dauerbetrieb und völlig wartungsfrei,“ erklärte mir Jean, Annas Dauerverlobter, der mal kurz reinschaute, um zu sehen „….wie sich das Frl. Lehrerin so macht…“
„Sehr praktisch auch die Wurstschnittbreitenverstellung von ca. 5 mm bis ca. 35 mm. Theoretisch könnte man ca. 450 Scheiben pro Minute erzielen,“ dozierte er weiter. Donnerwetter! Eigentlich ist das Teil für Annas Betrieb völlig überdimensioniert, dachte ich, aber Jean ist Vertreter für Gastrogeräte… Und so eine Maschine macht ja auch Eindruck bei den Kunden.
Die fand ich übrigens fast alle nett.
Pitter, Jupp, Matthes und die anderen Stammkunden standen am Stehtisch, tranken entspannt ihr Bierchen unterm Sonnenschirm, aßen eine Currywurst, tranken noch ein Bierchen und dann noch eins und so ging das den lieben langen Nachmittag.
Die anderen Kunden waren auch alle friedlich, bis auf eine Tussi, die ihre Wurst „ja noch fast blutig fand“ (Bullshit), eine ältere Dame, die sich die Mayo auf ihre beige Seidenbluse plemperte, wofür WIR ja nun wirklich nichts konnten und zwei blöde Kinder, die unseren Mülleimer umwarfen und dann das Weite suchten. ( Als Lehrerin war ICH natürlich prädestiniert, alles wieder einzusammeln.)
Ich durfte auch mal bedienen, aber nur sehr kurz, denn Anna hatte gleich raus, dass es bei mir mit dem Kopfrechnen nicht weit her ist.
„Ich dachte immer, Lehrer beherrschen wenigstens die Grundrechenarten“, sagte sie spitz.
Gegen acht Uhr war ich fix und foxi, meine Füße brannten, mir war magenmäßig etwas komisch zumute (zwei Curry, einmal Fritten mit Senf, ein Eis) und ich hatte das Gefühl ein leichter Fettfilm umschlösse mich wie eine zweite Haut.
„Geh nur nach Hause,“ sagte Anna, „gleich brummts hier richtig. Aber der Jean kommt noch! Übrigens, du hast dich gar nicht so schlecht geschlagen!“

Mit einer Frittentüte (rotweiß) in der Hand schlich ich nach Hause. Die Tüte entsorgte ich schleunigst an der nächsten Ecke.
Erst Holland, dann Würstchenstand – was zuviel ist, ist zuviel!

Und das mit der schulnahen, eigenen Frittenbude muss ich auch noch mal gut überdenken…

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37 Antworten zu Im Tempel der Würste

  1. Seifenfrau schreibt:

    Köstlich, frl krise!
    Da bin ich ja mal gespannt, wo sie sonst noch Ferienpraktikum machen!
    😉

  2. puzzle schreibt:

    süß, daß es von Ihnen auch mal eine „Cousinengeschichte“ gibt 🙂

  3. michathecook schreibt:

    …erst Holland und dann Frittenbude, das ist zuviel…………..

    mmmmmm ist das so rein kulinarisch eigentlich nicht sehr aehnlich bis beinahe das gleiche ?
    Falls sie mal wieder einen Gastronomie Ferienjob suchen schicken sie mir doch eine kurze E Mail. Ich kann da eine Riesenbanddbreite and Jobs mit den enttsprechenden Erlebnissen anbieten. Und weit genug weg von Holland waer es auch.

  4. Bouquinesse schreibt:

    … bei uns im Garten gibt es genug Gurken für eine anständige Gurkendiät. Kommen Sie doch mal zum Pflücken her, da hätten Sie einen neuen Ferienjob und mein alter Herr würde sich über Hilfe freuen! 😉 Wir wohnen ebenfalls auch weit genug von Holland weg, versprochen.

  5. Mr_4 schreibt:

    und wieder was tolles gelesen ohne nen buch in der hand gehabt zu haben 😉
    das ist die zukunft! 😀

    ich wünsch ihnen nur das beste, frl krise!

  6. mayarosa schreibt:

    Liebes Frl. Krise, jetzt hab‘ ich für Sie extra nochmal den Duden befragt, damit ich hier (vor Lehrerins Auge) auch nix Falsches schreibe. Aber es stimmt: der Blog ist ebenso richtig wie das Blog. Da ist unser lieber Duden tolerant.
    Und so’n Blog von der Würtschenbude. Dat stell ick mir lustig vor. Vielleicht mag die werte Cousine ihre täglichen Erlebnisse zwischen Friteuse und Stehtischchen vorm Tresen der Netzgemeinde mitteilen?
    Sie würden der Dame bestimmt beim Einrichten helfen 🙂

    • frlkrise schreibt:

      DER blog finde ich eigentlich auch viel klangvoller!

      • christjann schreibt:

        ich sach auch DER Blog, und schreibt sich Buddhistin nicht eigentlich mit H? un hatte Herr Duden nich grad Geburtstach? alles so Fragen…
        aber Wrong Shoe find ich klasse :))

        mein EX-Ex-Ex hat ma ein paar Tage in so ner Frittenbude gejobbt, danach konnte man das Fett in die Haare tagelang selbst nach dem Untertauchen inner Badewanne immer noch riechen… weia! 😉

  7. juniwelt schreibt:

    Unangemessenes Schuhwerk & „Wrong Shoe“ ist absolut großartig!

  8. ahornproduction schreibt:

    =D Interessant deine Ferienjobs, dafür dass du dir geschworen hast keine anzunehmen ….

  9. J. W. schreibt:

    Frl. Krise, „Blog“ ist sowohl „der“ als auch „das“.
    Den meisten liegt „der“.
    Meiner jedenfalls ist maskulin. Aber eigentlich schnurzegal. Auf den Inhalt kommts an, und da finde ich Frl. Krise nebst Fr. Freitag großartig.

  10. Markus schreibt:

    In Gießen gibts eine „Worscht Anna“ – da gibts der beste Bratwurst die ich je gegessen habe!

  11. Gertje schreibt:

    Oh Frl Krise! Ich finde diese wunderbaren Einblicke in mir fremde Welten wie Galerien und Würstchenbuden ja genauso köstlich wie den von Ihnen erlebten Schulalltag. Ich werde ihre Erfahrungen als Praktikantin dann in der Schulzeit ebenso vermissen wie ich es jetzt mit Ihren Frontberichten tue. Trotzdem mache ich mir etwas Sorgen. Sollten Sie sich nicht ausruhen? Kraft tanken für das bald beginnende neue Schuljahr?

  12. Party Girl schreibt:

    Köstlich, schön von Ihnen zu hören!!!!

  13. RogueEconomist schreibt:

    Kommsse vonne Schicht, wat schönret gibtet nich als wie Currywurst! 🙂

  14. Olaf schreibt:

    Hallo Frollein Krise,

    arbeiten Sie jetzt Tricia McMillans Liste von August 3, 2011 um 10:27 (unter „Öd und blöd und leer…“) ab oder ist das eine höhere Fügung ?
    Das Rathaus käme dann als nächstes.
    😉

    • frlkrise schreibt:

      Nenenenenenene! Jetzt ist ist Schluss mit den Praktikümern.
      Heute fahre ich erst mal nach Hause!

      • Olaf schreibt:

        Houw.
        Gute Reise nach Hause.
        Ich hatte u. a. noch auf die „Bardame im Swingerclub“ gehofft (so: Tricia McMillan schreibt:
        August 3, 2011 um 10:27).
        Na ja – nicht so ganz wirklich… 😉
        War mir klar. 😉
        Alles ist gut.

  15. christaschule2010 schreibt:

    „Lehrer beherrschen wenigstens die Grundrechenarten“, – ooooh, das war aber hart und gnadenlos! Wie wärs mit Cousine im Unterricht? Das gäbe sicherlich auch was Witziges ab!

  16. banalesundbonbons schreibt:

    Eigentlich wollte ich gerade einen Salat machen. Leider hab ich nun extremen Appetit auf Curryworscht mit Pommes rotweiß.. Und zum Nachtisch.. vielleicht ein Eis?!

    Ach, was solls.. 😉

  17. die Schmith schreibt:

    Ist Frittenbude nicht total anscahulicher Biounterricht? Da könnten die Kiddies mal berechnen, wie viele Kalorien so ne Wurst hat und was da so drin ist und überhaupt? Also an sich mehr als nur Bio. Physik ist da ja auch noch dabei und Wirtschaft ud Hauswirtschaft, falls das unterrichtet wird. Hach, fachübergreifender Unterricht ist doch das beste. 😉

  18. frl freizeit schreibt:

    Sehr kreativ die Krise!

  19. kereng schreibt:

    Der Goldene Schnitt ist etwas weniger als fünf Achtel.

  20. Fee schreibt:

    Gerade gefunden und gleich köstlich amüsiert. Darauf ’ne Pommes rotweiß…. :)! Grüße ausm Pott, Fee

  21. Hajo schreibt:

    Fazit: das alles ist doch „Wurst wie Pommes“ 😀

  22. BenQ schreibt:

    Liebe Frl Krise, für den Biounterricht mit der Klasse könnten Sie ja auch zu unserem Imbiss kommen. Alles vom Bauern aus der Regio und zum größten Teil Bio 🙂

  23. christjann schreibt:

    Kleiner Lesetipp zum Thema : „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm

  24. godot schreibt:

    Auf 3sat lief gestern spät abends eine Aufzeichnung des Theaterstücks „Verrücktes Blut“. Siehe http://www.ballhausnaunynstrasse.de/index.php?id=21&evt=273 (ggf. auch mal googlen).

    Schiller lesen, sprechen und verstehen unter vorgehaltener Waffe. Bizarr!

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