Öd und blöd und leer…

Ein Ferienjob? Dieses Jahr nicht, hatte ich mir geschworen! Bloß nicht wieder Erdbeeren pflücken oder Detektivin spielen! Aber dann rief Freitagabend Maurice an, ein alter Freund.
„Genießt du deine Ferien, Frl. Krise?“ fragte er heimtückisch.
„Hm, naja, geht so! “ sagte ich arglos, „bin gerade wiedergekommen, ist langweilig.“
„Schön, schön!“ sagte er und holte tief Luft.
Das Ergebnis dieses Gesprächs: Den ganzen Samstag über spielte ich „Vertretungs-Galeristin“ in Maurices (der alte Angeber heißt eigentlich Moritz!) Galerie.
Sie ist eigentlich ganz schön und besteht aus zwei großen, weißgekalkten Räumen. Im ersten Raum befindet sich so eine Art grünlicher Glastresen, an dem ich saß und Unnahbarkeit verströmte. Ich sahaus wie eine erfolgreiche Galeristin, die gerade ihren Urlaub in…äh… ( wo machen Galeristen eigentlich Urlaub?) hinter sich hat. Meine Haare,von Natur aus dunkel, sind von der Sonne leicht hell gesträhnt, ziemlich ladylike. Ich trug ein schmales schwarzes Kleid und dazu schlichten Silberschmuck und meine tiefe gleichmäßige Ürlaups-Bräune kam vor den weißen Wänden einfach grandios zur Wirkung.
Ich gab mir alle Mühe möglichst blasiert und arrogant zu gucken, dabei aber freundlich zu lächeln. Ist echt schwierig.
Die Galeriebesucher trauten sich nicht, mich anzusprechen und das war gut so. Die Bilder, die hier hängen (komische südamerikanische Landschaftschaften, aufgeblasene Blumen-und Früchtebilder), finde ich nämlich ziemlich scheußlich und ich hatte nicht die geringste Lust, sie auch noch anzupreisen. Der Besucheransturm hielt sich in Grenzen….
Beim letzten Regenguss flohen ein älterer Herr und seine deutlich jüngere Begleiterin herein. Ich schwöre, an Kunst hatten die null Interesse! Die wollten nur ins Trockene! Der Olle (beiger Burberry Trenchcoat und teure italienische Schuhe) und die Lady ( weißer Regenmantel und mindestens 14cm hohe High Heels ) grüßten mich nicht mal, sondern stolzierten nur einmal durch die Räume. SIE sah sich nur die Preis auf der Liste an und ER tat nicht mal so, als ob hier Bilder hingen.
Der nächste potientelle Kunde war auch keiner, sondern wollte er mir nur ein paar Flyer zum Basar der Kirchengemeinde da lassen. Na, meinetwegen. Ich nahm sie huldvoll an. Landen aber im Papierkorb. So was passt nicht zu unserem Style, aber man will es sich ja nicht mit den Nachbarn verderben.
Dann kam stundenlang niemand. Das war echt megaöde. Dagegen ist eine Schule das reinste Vergnügungsetablissement. Ich frage mich, wovon Maurice lebt! Vom Bilderverkauf wohl eher nicht! Ich schnüffelte erfolglos in den Ordnern herum, besichtigte das Mini-Bad (mit künstlerisch wertvollem Miro-Klodeckel!)und malte mir die Lippen knallrot an. Das machen Galeristinnen so. Außerdem kochte ich mir Kaffee in der Kochnische ( spült hier nie einer?) und filzte kurz das kleine Bilderlager. Ich sage euch! Null Alarmanlage oder so! Gut, dass ich kein Mitglied einer Gang bin, die auf Kunstraub spezialisiert ist…
Dann kam endlich ein netter Mensch hereinspaziert.
Männe!
„Ich wollte dir was zu essen bringen“, sagte der Gute und legte ein Stück fettige Pizza auf den Tresen. Der Mann hat echt keine Kultur, aber die Pizza war lecker. Hinterher musste ich allerdings lüften…Pizza-Ausdünstung passt nämlich AUCH nicht zu unserem Style.
Männe las sich in der Zwischenzeit die Biographie des Künstlers durch und gab dabei unwillige kleine Töne von sich.
Die offene Tür lockte endlich wieder jemanden an: Ein etwas unsicher wirkendes Pärchen mittleren Alters, Touristen, das sah man sofort. Während die leicht irritiert auf die Bilder guckten, rief Männe zu mir rüber: „Entschuldigung, darf ich Sie mal etwas fragen?“
„Natürlich, fragen Sie!“ sagte ich und dachte, spinnt der jetzt völlig, warum siezt der mich?
„ Dieser Maler hier – das ist doch der, der in Chile momentan so gehypt wird?“
„Genau,“ sagte ich gnädig, „er steht auch in Europa unmittelbar vor seinem ganz großen Durchbruch!“ Glatt erfunden, aber irgendwas musste ich ja sagen.
Männe wackelte bedenklich mit dem Kopf und sagte: „ Na, dann werden die Preise hier aber demnächst mächtig anziehen, oder?“
Ich sagte hohheitsvoll: „Tschja…man muss eben wissen, wann man kauft!“
„Ganz recht!“ sagte Männe und lächelte die Touristen auffordernd an.
„Also…“, der Mann guckte etwas ratlos auf sein Eheweib. „Gefallen dir die Bilder, Anke? Meine Frau versteht was von Kunst. Sie ist Kunstlehrerin!“
Beinahe wäre mir ein „Ich bin auch Kunstlehrerin!“ rausgerutscht. Aber ich konnte mich gerade noch beherrschen und und hüstelte statt dessen vornehm.
Anke winkte ab. „Die Bilder sind mir viel zu manieriert!“
Männe zuckte zusammen. Bestimmt weiß der nicht, was das ist, manieriert.
„Ja, aber genau darin besteht ja gerade ihr Reiz!“ sagte ich überheblich. Das aber konnte Anke in keiner Weise überzeugen und Männe ging auch kleinlaut, um die Sportschau nicht zu verpassen.
Den Rest des Nachmittags verbrachte ich damit, einsam und alleine Sölitär auf dem Computer zu spielen.
Als endlich Moritz-Maurice zum Abschließen kam, lag ich wie sonst Erkan mit dem Kopf auf dem stylischen Tresen und kämpfte mit dem Einschlafen…
„Ich habe leider nichts verkauft,“ sagte ich ein bisschen verlegen.
„Das habe ich auch in keiner Weise erwartet“, sagte Maurice, „schließlich hast du ja KEINE Ahnung von der Materie.“
„Wie bitte?? Ich bin Kunstlehrerin!“ sagte ich empört.
„Ja, mein Schatz, eben drum! Aber trotzdem danke! Hier! Für dich!“
Er drückte mir eine winzige, ziemlich scheußliche Graphik (vermutlich eins der unverkäuflichen Werke) in die Hand und zog die Türe hinter uns zu.

Nie wieder Kunsthandel!
Da geh ich doch lieber Schule!

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34 Antworten zu Öd und blöd und leer…

  1. puzzle schreibt:

    Hätten Sie „leer“ nicht in dem Fall auch mit 2 ö schreiben dürfen? es sind doch noch Ferien.

  2. Jogurtbecher schreibt:

    Ausgezeichnet geschrieben und sehr unterhaltsam. Sie sollten Autorin werden 🙂

  3. RogueEconomist schreibt:

    Ich hab ja erst „mariniert“ gelesen und fragte mich schon ob Kunst heute alle Sinne ansprechen muss. „Hier lecken sie doch mal an diesem Stück…“ Naja. Kunsthandel klingt ja echt öde. Da macht der ganze Style nix wenn man mit dem Kopf auf dem Tisch hängt. Sollten sie Erkan auch mal sagen, einen auf Gängsta machen und dann mit dem Kopf auf dem Tisch hängen…
    Immerhin wieder was bei ihnen gelernt. Und das in den Ferien. Ich werde mich bemühen beim nächsten Objekt was ich bei Bekannten entdecke ein abfälliges „Mh naja ich weiss ja nicht, MIR persönlich wäre das ja zu manieriert…“ von mir zu geben. 🙂

  4. zahnwart schreibt:

    Die Graphik wird sicherlich demnächst unvorstellbar wertvoll.

  5. Gertje schreibt:

    Mariniert ist überhaupt das Wort des Tages. Werde ich mir auch merken und wenn mal wieder… ja dann ist mir das auch zu mariniert. Würde daqnn auch viel besser ausdrücken, was ich eigentlich sagen wollte.

  6. Frau X. schreibt:

    „…einsam und alleine Solitär…“

    Herrlich! Ich könnte mich kugeln!

    Aber so Gespräche unter Kunstfachleuten haben schon etwas. Ich war mal bei einer Vernissage in einer Galerie und hatte das Vergnügen, zuhören zu dürfen, wie die Kunstexperten unter sich fachsimpelten. Einfach nur göttlich, zumal sich kurze Zeit später herausstellte. dass das in allen Einzelheiten ausinterpretierte Kunstwerk tatsächlich falsch herum aufgehängt worden war. Kein Witz in dem Fall. Da bekommt das Wort fachSIMPELN gleich eine ganz andere Bedeutung!

    Ach übrigens, habe ich es schon gesagt? Ich habe fertig! Will sagen, ich habe es heute geschafft, bis zum Ende des Krisen-Blogs zu lesen. Einschließlich aller Kommentare, und ich bin nach wie vor begeistert und freue mich schon, wenn die Schule wieder losgeht!

    • frlkrise schreibt:

      AH! Hier ist wieder ein Fleißkärtchen fällig! Und das in den Ferien! Ich bin sehr erfreut!!!!

    • Littlemissbad schreibt:

      Mittlerweile habe ich das auch geschafft (allerdings krieg ich wohl kein Fleißkärtchen, ich hab die Kommentare ausgelassen 😦 ) und versuche jetzt, zwei Jahre Frau Freitag nachzulesen.
      Frl. Krise bleibe ich natürlich treu.

      • frlkrise schreibt:

        Doch, das gibt auch Fleißpunkte! Auf jeden Fall !!!!!

      • krizzydings schreibt:

        ich habe selbiges im mai gemacht und musste feststellen, dass das weglassen der kommenatre so einiges mal den gesamtzusammenhang abhanden kommen ließ, jedoch war es auch so recht amüsant (hilfe wie schreibt man das auf dt.?)
        bei frau freitag hingegegen habe ich bisher erst das erste jahr und die jeweils aktuellen einträge ab entdecken „der blögge“ aber bei mir fangen die „ferien“ (bis 30 Okt) ja erst an…
        (2tes*) aber erst wartet nach verschiedenen bonhoefferbüchern (<3) das spaßtßbuch (finanziert durch die letzten 10€ des monats juni) darauf gelesen zu werden …

        *=(gehört sich rhetorisch ja eig.sowas von garnicht)

  7. Mrs. Porcelain schreibt:

    Herrlich! Die Galerie kenne ich!!! Oder sind die alle so…

    In „meinem“ Geschäft war heute aber ebenfalls tote Hose! Also blieb mir nur lesen und abwarten…

  8. Olaf schreibt:

    Herrrliche Geschichte aus einer anderen Welt. Der Welt des schönen.
    Und Sie haben nicht vorher gefragt: „Ist das Kunst oder kann das weg ?“ 😉
    Na ja. Es ziemt sich in dieser Situation wohl nicht.
    In dem Büro, in dem ich bis Ende 2010 über sechzehn Jahre am Werk war, gab es auf 440 qm Bürofläche etwa alle zwei Jahre Bilder – bzw. Künstlerwechsel mit der üblichen Vernissage (ich hasse dieses Wort mittlerweile). Bis nach dem dritten Mal niemand aus der Kundschaft mehr zu dieser in Wirklichkeit PR-Vernissage kommen wollte. Mir war das ohnehin schon peinlich, wenn ich wieder „meine“ Kunden dazu einladen mußte (einhellige Reaktion: „Och nöh – nicht schon wieder. Können wir beide nicht einfach etwas gutes essen gehen ?“)
    Diese merkwürdige Eitel- und Wichtigkeit der krawattentragenden Kunst- und „Szene“-Konventionsfanatiker der Firma fand ich auch eher befremdlich.
    Und diese Künstler, die dann sensibelnervös einige Tage vorher ihre Bilder brachten, waren in alltagslebensweltpraktischer Hinsicht schlichte Töffel. Schmerzhaft.
    Ich war dann terminlich wegen Auftragsverhandlungen verhindert und (vorzüglich) essen gewesen. 😉

  9. Anke schreibt:

    Hallo Frl. Krise, malerischer Text! Nur schade, dass „Anke“ so eine doofe Figur ist. Aber das kenne ich schon. Ein Freund von mir hatte im elterlichen Haus einen Dackel, der hieß auch „Anke“… Freue mich auf den nächsten Text.

  10. ahornproduction schreibt:

    Mehr hast du nicht bekommen, als eine Grafik? Das ist aber ein mikriger Stundenlohn

  11. michathecook schreibt:

    Ab in den Tresor mit der Graphik…Da wird sicher noch was draus und dann ist die Rente gesichert.

  12. Martina schreibt:

    Hallo Frl. Krise!

    Ich bin jetzt schon seit einigen Monaten eine begeisterte Leserin von Ihnen 🙂
    Momentan hänge ich auch in einer Arbeit fest, die mit dem Wort „LANGEWEILE“ schon gar nicht mehr beschrieben werden kann kann… Allerdings muntern mich Ihre Text immer wieder auf 🙂

    Wollte einfach mal DANKE sagen 😉

  13. Tricia McMillan schreibt:

    Wir wollen jetzt bitte noch einen Tag mit Frl. Krise
    – in der Currywurstbude
    – im Rathaus
    – in der Volkshochschule (zB Kunstkritik für Angeber)
    – als Rikscha-Fahrerin
    – als Postbotin
    – als Taxifahrerin
    – als Filmvorführerin
    – als Bardame im Swingerclub
    Dann sind die Ferien auch schon fast rum und die Schule bringt noch mehr Spaß!!!

    • RogueEconomist schreibt:

      Kunstkritik für Angeber! Das würde ich _sofort_ belegen. Reiht sich nahtlos an mein Latein (non scholae, sed vitae discimus!) für Angeber und Fußballwissen für Angeber (seien wir ehrlich, wer weiss denn ernsthaft was über die ominöse Doppel-Sechs oder die Vorzüge des 4-1-4-1 Systems? Hauptsache früh stören u. mehr über die Flügel machen!).
      Taxifahren kann ich Frl. Krise ganz persönlich wärmstens ans Herz legen. Ich sprech da aus Erfahrung. Man kommt ja richtig viel rum. Sie lernen Ecken ihrer Stadt und Umgebung kennen. Und da lernen sie mal Leute kennen! Aber die geilsten, dass sind die Kollegen… Da finden sie gar keine Zeit mehr zum bloggen. 😉 Könnte nur sein das sie da ihre ehemaligen Schüler als Kollegen haben…

      • RogueEconomist schreibt:

        Nachtrag: Ich wär ja gerne mal Bademeister für einen Tag. Vielleicht sollte im Wananas mal anfrangen ob ich da ein Praktikum machen darf.

    • frlkrise schreibt:

      Interessante Anregungen….bloß die Rikschafahrerin…nee, danke!

  14. christaschule2010 schreibt:

    Marinierte Bilder? Ob das nicht bald die hippige neue Trendrichtung in der Kunst wird? Man müsste den Begriff noch schnell patentieren lassen und dann wird megaviel Kohle gemacht!!! Dann ist nichts mehr mit Ferienjobs – es sei denn man langweilt sich als Lehrerin gaaaanz fürchterlich! Oder?

  15. Das Onlein schreibt:

    Was lernen wir aus diesem Beitrag? Erkan wird Kunsthändler! 😉

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