Campingplatzgeflüster II

Auf dem emplacement neben uns stand ein Wohnwagen mit Vorzelt und zusätzlicher Vorterrasse, bewohnt von einem holländischen Opa und seiner Vrouw.
(Ich möchte voraus schicken, dass ich so nahe -4 km- von der Grenze geboren bin, dass ich mich schon fast selbst wie eine Nederlandse fühle…).

Der Opa war süß. Er sah aus wie Tim und Struppi ohne Struppi und ohne den Haarbürzel von Tim.
Er hatte Tims Drahtigkeit, seine leicht vorgebeugte Haltung und seine rasante Art – das ganze Paket in deutlich älter eben.

Jeden Morgen gegen halb sieben erwachten OpaTim und seine Vrouw. Sie stellten das Radio an, den Sender weiß ich nicht genau, bestimmt war es Radio Hilversum. Das Radio war halbwegs auf Wohnwagenlautstärke eingestellt, allerdings musste sich das Ehepaar, welches es wohl ein bisschen an den Ohren hatte, ziemlich anschreien, um sich zu verständigen.

Gut, davon konnte man schon mal wach werden. Ein bisschen ärgerlich, wenn man Langschläfer ist…
Sie diskutierten sehr engagiert, leider verstand ich nicht, worüber, denn der Krach vom Radio störte. Vielleicht machten sie es ja auch deshalb an.
Der arme Tim zog jedenfalls immer den Kürzeren, die Debatten endeten meist mit seinem weinerlich-gepiepst-hohem „Neeneeneeneenenee!!!“.

Wenn ich, was zum Glück selten nur vorkam, schon gegen halb acht ins dumme Klohaus wankte, (Zumutung! Das hasse ich beim Camping! Es war genau 200 Schritte weit weg!!) dann machten Oma und Opa dort bereits kleine Feinwäsche, die man später auf einem Trockenständer besichtigen konnte. Jeden Tag hingen da unter anderem mindestens drei Paar weiße Tennissocken ohne Streifen.
Weiße Socken trug ER nämlich täglich zu knöchelhohen beigen Timberlandschuhen. Da sah irgendwie an OpaTim ganz flott aus. Dazu erdfarbene gut gebügelte Bermudas, ein immer farblich passendes T-Shirt und die Trekkingweste (Tchibo?)an kühleren Tagen nicht zu vergessen! Opa war zu jeder Tageszeit wie aus dem Ei gepellt. Seine Vrouw übrigens auch. Die hatte vor allem zu jedem Outfit die farblich passenden Schlappen!
Wir hingegen waren nur mäßig ordentlich, ich hatte z.B. jeden Tag denselben ollen Jeansrock an und Männe kehrte nur mal im Notfall das Zelt aus.
Aber wenigstens störte mich noch die ganze Zeit, dass ein alter Fahradreifen und ein paar schwarze golden bestickte Seidenschuhe an unserem Zaunabschnitt hingen! (Wir lagen gleich am Zaum zu der Feuerschneise hin, wo bekanntlich die größten Plätze sind). Die Schuhe habe ich irgendwann mal angeekelt entsorgt – Männe meinte, ich hätte in meiner Bazillenangst voll übertrieben, als sie mit einem Stöckchen vom Zaun angelte und in den Müll balancierte. Der Radmantel blieb hängen – den wegzuschmeißen hatte ich als engagierte Radfahrerin nicht das Herz.
OpaTim hatte natürlich viel mehr als wir zu tun, er musste mal am Wohnwagen herumnesteln, mal die Fiets ölen oder bei neuen Nachbarn helfen, ein Zelt aufzubauen. Seine Vrouw kehrte eigentlich unaufhörlich den Sand vom Teppich in der Terrasse. Ihr ganze Terrin war einfach picobello und bestimmt das aufgeräumteste auf dem großen, weiten Platz.
OpaTim hatte aber auch so was Praktisch-Geschäftig-Drahtig-Sportliches, wir waren uns schnell einig, bestimmt war der mal beim Militär. Dazu passte auch der glattrasierte bürzellose Schädel!
Opa lag immerzu auf der Lauer, ob er irgend jemandem etwas Gutes tun könnte. Er hatte mit uns als Nachbarn richtig Pech, denn wir waren ja schon mit Freunden da (Carl und Marlene) und nicht so sonderlich auf Außenkontakte angewiesen. Bloß, als uns die Kühltasche mit Inhalt geklaut wurde, lief er zu Form auf. (Bei ihm fehlte natürlich nichts, er hatte abends ALLES weggeräumt.)
So kam es dann doch noch zu dem einen oder anderem Geplauder über den nicht vorhandenen Gartenzaun, dabei stellte er gezielte Fragen, aber leider erzählte er gar nichts von sich, was ich ja schon wieder verdächtig finde.
OpaTim war bestimmt früher nicht beim Militär, sondern beim Nachrichtendienst.
Aber gibt es so was überhaupt in Holland? Fahren da die Agenten unauffällig mit einem bromfiets herum wie OpaTim? Man fragt sich…

Übrigens, als wir etwas überstürzt unsere Zelte abbrachen (es war Regen angesagt), schlich OpaTim herbei und fragte unauffällig nach den Schuhen vom Zaun.
Hä?
Ja, gestand Opa etwas verlegen, die Schuhe gehörten… ähm… seiner vrouw. Und der Reifen sei von ihm!
Ich war platt.

Das hat mein Bild von OpaTim ein bisschen durcheinander gebracht…..

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12 Antworten zu Campingplatzgeflüster II

  1. Blinkfeuer schreibt:

    Wie denn? “ Krach vom Radio“ kann NUR WDR4 sein. Kennt NL in dieser Penetranz ja nicht….aber:

    http://delicast.com/radio/jazz/Arrow_Jazz_FM

  2. mithrandir schreibt:

    ja und? was haben Sie gesagt? Die Wahrheit, oder gelogen?

  3. nixloshier schreibt:

    haha, sehr gut! und mit „bromfiets“ wieder ein wörtchen gelernt. 🙂

  4. Ulla 39 schreibt:

    Ach, ja, was Sie da so erzählt haben, erinnert mich irgendwie und ziemlich deutlich an Schrebergärtner… Nix gegen Schrebergärten an sich, das ist noch immer eine sinnvolle Sache, aber so mancher, der dort…
    Wie schön, daß Sie wieder zurücksind in Ihrem Blog!

  5. mauzipauzi schreibt:

    Auf dem Campingplatz kann man Leute kennenlernen… Auch ohne sie kennenzulernen.

  6. Zaphod schreibt:

    Man kann unauffällig bromfiets fahren? Gibts davon inzwischen eine leise, campingplatztaugliche Version?

  7. Saint schreibt:

    Bermudas und weiße Tennissocken ohne Streifen erinnern mich an:
    Punk isn´t dead … it just looks diffrent.

    Der gute Mann könnte beim militärischen Geheimdienst gewesen sein, sowas gibts auch.
    Bei der Bundeswehr ist das der PSV.

    Hier ein richtig toller Agent bei der Arbeit.

    • Panama Jack schreibt:

      Echt?
      Ich dachte immer, das wäre der MAD
      (Böse Zungen behaupten, der Name wäre Programm … )

      • Saint schreibt:

        Mit dem MAD gebe ich ihnen Recht, der PSV ist diesem möglicherweise unterstellt.
        In dem Punkt, daß es auch beim Militär einen Geheimdienst gibt sind wir uns aber beide einig und darauf wollte ich ja letztendlich hinaus.

  8. cutique schreibt:

    Das nenn ich noch Campingalltag! 😀 Da gibt’s wenigstens noch was zu sehen.
    Camping ist nach wie vor immer noch die lustigste Ferienvariante.

    Noch mehr Alltagswahnsinn? würde mich über einen Blogbesuch freuen! http://cutique.wordpress.com

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