Vorsätzliches…

„Wollt ihr eigentlich mal Kinder haben?“ frage ich meine Klasse in der letzten Stunde .
Kurzes Schweigen. Dann rufen alle durcheinander:
„Ja, wieso?“
„Aber erst später!“
„Aber nur zwei!“
„Neeee, lieber nicht!“

„Nicht solche wie wir!“ sagt Nesrin.

„Ach!“ sage ich, „wie soll ich das denn verstehen?“

Dabei verstehe ich das natürlich sehr gut. Seit Stunden ärgere ich mich hier schon rum. Null Arbeitshaltung, null Motivation, null, null, null! Dafür jede Menge Rumgezicke und Unlust. Kunst in der 1. und 2. Stunde ging ja noch, aber in der 3. und 4. Stunde hat mich Frau Schneider dreimal aus meinem Unterricht im 8. Schuljahr rausgeholt, weil sich einige aus meiner Klasse komplett daneben benehmen.

Ich bin ziemlich abgegessen. Schön, es gibt bald Ferien! Keiner hat mehr richtig Bock, aber muss das so ausufern?

Nesrin setzt sich gerade hin und holt tief Lust. „Guck mal Frl. Krise“ sagt sie, „wenn ich Kinder kriege, werden die vielleicht wie ich. Das fänd‘ ich nicht gut!“
„Wie bist du denn?“ erkundige ich mich.
Erkan ruft etwas auf Türkisch in die Klasse.
„Sprich deutsch!“ fahre ich ihn an.
Gamze übersetzt: „Er hat gesagt: ‚Das muss nich passieren, meine Mutter ist fett, aber ich bin schlank!’ “
Nesrin funkelt ihn böse an, sie nämlich nicht gerade die Dünnste.
„Nicht fett! Hab ich nicht gesagt! Übergewichtig habe ich gesagt!“ versucht sich Erkan rauszureden.
„Du Spast! Wir reden nicht vom Aussehen, lan!“ faucht Nesrin ihn an. Sie droht ihm mit der Hand und schickt noch einen türkischen Fluch hinterher.
Dann wendet sie sich wieder an mich.„Na ja, …also, ich …Na, sie wissen schon, ich und die anderen auch, wir sind nicht so gut in Schule und benehmen uns nicht so gut…also nicht immer! Mein Vater sagt immer, Nesrin, du gehst nicht in die Schule zum Arbeiten, du gehst zum Spielen. Also, er meint, dass wir Schule nicht erst nehmen!“
„Ist das so?“ frage ich
„Jaa…nein..ok. wir nehmen es nicht totenernst! Und….Dehalb weiß ich nicht, ob ich Kinder will.“
„Ich will welche, sagt Erkan,“ Zwei. Die schicke ich auf Privatschule!“
Die anderen wenden sich genervt von ihm ab. Was der so alles faselt, wenn der Tag lang ist…

„Mein Vater sagt, er schämt sich für uns,“ berichtet jetzt Leila. „Er ist noch voll anders als wir. Er lebt noch in anderer Welt. Er ist noch in Türkei auf die Welt gekommen und seine Eltern, vallah , vollstreng! Sie können sich nicht vorstellen!Mein Opa! Bei dem darf man gar nichts!“
„Hätten eure Eltern euch denn anders erziehen müssen?“
Nein, alle schütteln den Kopf und sind sich einig. Die Eltern trifft keine Schuld. Sie haben ALLES richtig gemacht. Keiner lässt etwas auf seine Eltern kommen….
„Eigentlich haben meine Eltern mich gar nich erzogen, „sagt Emre. „Ich mach schon ganz lange alles, wie ich will! Ich bin von alleine so geworden.“
„Ich mache feste Regeln bei mein Kind!“ Gamze guckt wild entschlossen.“Da muss sie sich dran halten oder er! Aber ich bin auch mal nett, ich schimpf nicht immer gleich! Mein kind soll guten Schulabschluss bekommen.“
„Das wünschen sich deine Eltern für dich auch!“ sage ich.
„Frl. Krise, ich benehm’ mich jetzt!“ Gamze wird ganz weinerlich.. „ich schwöre auf Koran! Nächstes Schuljahr! Sie werden sehen! Ich änder‘ mich voll! Ich will Schulabschluss machen und mein Vater soll stolz auf mich sein und Sie auch!“
„Ich auch! Ich glätte mir nicht auch mehr die Haare und schminke mich nicht mehr so doll und in der Zeit lerne ich! Nach den Ferien fange ich gleich an! Am ersten Tag! Ich schwörs!“ Nesrin legt die Hand auf ihr Herz.
„Vielleicht könnt ihr schon mal ein bisschen zu Übungszwecken damit DIESES Jahr anfangen“, sage ich. „Das war heute wirklich richtig schlimm mit euch! Und bis zu den Ferien haben wir noch jede Menge Unterri…“
„Frl. Krise, MÜSSEN wir immer Unterricht machen? Können wir nicht mal rausgehen?“ Gamze nun wieder!
„Ja, wir können doch am vorletzten Tag schwimmen gehen und am letzten Tag machen wir Frühstück und morgen ….“ Sie wird direkt kreativ.
„Ach ja! Morgen habe ich euch ja in Vertretung!“ fällt mir ein. „Die ersten zwei Stunden! Chemie! Frau Meister ist krank, …da machen wir Deutsch!“

Lautes Wehgeheul…

Ach, die guten Vorsätze! Vor den Zeugnissen ist ihre Halbwertzeit noch viel kürzer als zu Silvester …..

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31 Antworten zu Vorsätzliches…

  1. michathecook schreibt:

    Gute Vorsaetze ? Was kuemmert mich mein Geschwaetz von gestern ? Warum soll es ihnen mit Ihren Schuelern anders gehen als den ganzen „gute Vorsaetze nehmer“ an Sylvester die schon am 1.1. morgens um acht alles wieder vergessen haben und sowieso immer das Gegenteil behaupten.
    Ich nehme mir nix mehr vor. Dann kann ich auch nix falsch machen 🙂

  2. Blümchen schreibt:

    Auch Einsicht will langsam angebahnt werden. Also nicht verzweifeln liebes Frl Krise.
    Nach den Ferien ist eh alles wie zuvor 😉

  3. fraufreitag schreibt:

    oh mann, hast du heute in meiner klasse unterrichtet? Klingt wie meine schüler. Ich schwöre, ich schwöre – haben meine letztes jahr auch gesagt. und was war? nüscht war!!!!!

  4. Amakha schreibt:

    Ich habe Ihren Blog erst vor einer Woche entdeckt und freue mich jetzt jeden Abend auf Ihre Geschichten. Ich hoffe, dass ich solche Situationen in meinem zukünftigen Lehrerdasein genauso gut meister!

  5. Don Ferrando schreibt:

    Wie man sieht steckt ja doch in den meisten ein ganz guter und vernünftiger Kern. Aber die angeborene Bequemlichkeit und Disziplinlosigkeit ….

    • Ulla 39 schreibt:

      Sind Bequemlichkeit und Disziplinlosigkeit ANGEBOREN????? Das bezweifle ich.
      Sie sollten mal in die Türkei fahren und den einfachen Türken bei der Arbeit zusehen (nicht der oberen Mittelschicht und der Oberschicht, bei denen gibt’s von wenigen Ausnahmen abgesehen nichts zu sehen). Die rackern sich noch immer für ein paar Lira ab unter z.T. haarsträubenden Bedingungen.

    • Nele schreibt:

      Ist Bequemlichkeit und Disziplinlosigkeit angeboren oder angewöhnt? Ich persönlich bin ein sehr fauler Mensch und würde die Arbeit nur zu gerne links liegen lassen, um mich den Dingen zu widmen, die mich privat interessieren – trotzdem hat mein Über-Ich immer gesiegt und mich in meinem Leben Erfolg haben lassen.

      Was ist bei mir gutgegangen, was bei diesen Schüler nicht so gut läuft? Wenn ich die Antwort wüsste, hätte ich schonmal ein Rezept für meinen eigenen Schüler. Ich habe aber keine Antwort…

    • M. schreibt:

      Ja tatsächlich! Bisher hatte ich oft den Eindruck Frl.Krises Schüler wären bezüglich der Motivation gar nicht so anders als ich/wir damals – aber völlig verschieden im Bezug auf das Benehmen und „Gewissen“…und ein Gefühl dafür wie man auf andere wirkt. Jetzt zeigt sich für mich ehrlich gesagt das erste Mal so richtig, dass ihnen durchaus bewusst ist wie schlecht sie sich benehmen bzw. mit wie wenig Ernst sie an die Schule rangehen. Schön dass sie (Frl.Krise) noch das Gute sehen, fördern und Zuversicht haben. Ich hätte schon am ersten Tag alles hingeschmissen.

      • M. schreibt:

        Um das noch kurz klarzustellen: Das „angeboren“ habe ich überlesen, da stimme ich gar nicht zu. Besonders wenn es mit Blick auf die „türkischen/arabischen“ Kinder gesagt wurde (was ich nicht glaube aber den Post kann man durchaus so verstehen).

        So und jetzt acker‘ ich mich mal weiter durch die Einträge, bald bin ich ganz durch 😉

  6. WolfgangS. schreibt:

    Ja, das frage ich mich auch: Wie die Enkel jener türkischen „Gast“arbeiter, die wie blöd malochten und sich alles gefallen ließen (Wallraff!) zu so einer „scher‘- mich-um-nichts-Jugend“ werden konnten! Vielleicht sind deren Kinder die Hoffnung: „Du sollst es besser haben als wir, also lerne!“ Eigentlich müsste man wie die alten Sozialdemokraten im Kaiserreich Vorleser anheuern, die den Kollegen während der Arbeit Bücher und Wissen nahebrachten.

    P.S. Zu dieser „lost generation“ zähle ich alle, auch die Wurzeldeutschen! Nur die türkischen Gastarbeiter waren mir als extrem fleißig und anspruchslos bekannt, daher ist mir dieser Widerspruch so unverständlich!

    • Halab schreibt:

      Um diese Frage zu beantworten, empfehle ich das Buch von Amy Chua. Sie berichtet dort von einer chinesischen Weisheit, die besagt, dass der Erfolg nie über zwei oder drei Generationen anhält.
      Gegen das „NIE“ muss man halt ankämpfen.
      Meiner Meinung nach hat sie recht. Wenn es die Großeltern und Eltern geschafft haben, dass es den Enkeln besser geht, warum sollen diese dann von selbst vorwärts kommen wollen?
      Ich bin übrigens eine Wurzeldeutsche und kann es als Enkelgeneration nur bestätigen.

    • topi schreibt:

      Das kommt auch von dem verklärten Multi – K. Bild, welches grün u. rot so gerne verbreiteten,
      anstatt sich um diese Menschen ( inkl. Wurzeld. ) zu kümmern.

  7. Ich auch mal schreibt:

    „Mein Vater sagt immer, Nesrin, du gehst nicht in die Schule zum Arbeiten, du gehst zum Spielen. Also, er meint, dass wir Schule nicht erst nehmen!“

    Das sagt meine Mutter auch immer, dass die deutsche Schule wie Spielen ist. „Als ich in deinem Alter war“, kommt dann immer „konnte ich die ganze Familie versorgen! Ich konnte einkaufen (ich auch), kochen (ja ich auch), Wäsche waschen (kann ich auch Menno!) und stricken für Geld (oooh, das kann ich nicht…). Und du sitzt den ganzen Tag nur rum (ähm nein?) und machst nichts (nee nee stimmt nicht!), du bist so un-dank-bar! (:::)“

  8. mauzipauzi schreibt:

    Nicht solche wie wir…Aha. Oje. Aber wenn ich mal Kinder habe, sollen die bitteschön auch nicht genau so sein wie ich. Bitte mach ein Buch aus all diesen wunderbaren Geschichten, damit ich sie immer und überall mithinnehmen kann. Bald!

  9. Nicolle schreibt:

    „in der 3. und 4. Stunde hat mich Frau Schneider dreimal aus meinem Unterricht im 8. Schuljahr rausgeholt, weil sich einige aus meiner Klasse komplett daneben benehmen.“

    Ähm, echt? Und was machen sie dann? Macht Frau Schneider sich so nicht erst recht zum Vollpfosten, so wird sie doch nie ernst genommen von „ihrer“ Klasse oder von sonst einer…

    Der Rest ist wieder sehr berührend und stimmt nachdenklich. Da kann ich gar nix zu sagen…

    LG Nicolle

  10. Johannes schreibt:

    Wie wäre denn die Idee, solche Commitments schirftlich festzuhalten und im Klassenraum auszuhängen? Sozusagen eine Magna Carta für jeden einzelnen. Das würde vielleicht dieses „Suchen des Fehlers bei sich selbst“ und ausnahmsweise mal nicht bei anderen länger in Erinnerung rufen?
    Aber ich unterrichte an einer Uni. Ich habe ohnehin keine Ahnung von Pädagogik.

  11. Halab schreibt:

    Ich glaube, man sollte einmal betonen, wie schwer es diese Kinder unbewusst eigentlich haben.
    Ich habe in einem vorherigen Beitrag gelesen, dass sie von selbst merken müssen, wo es langgeht.
    Ja, genau das ist ja das Problem. Ich behaupte einfach mal, diese Kinder haben seit ihrer frühsten Jugend niemanden gehabt, der ihnen immer wieder vorgelebt und eingebleut hat, dass man nur durch Bildung weiterkommt.
    Da empfinde ich es schon als unglaublichen Meilenstein, dass sie Ihre Fehler selbst erkennen.
    Diese Fehler zu kennen und auch noch zu beheben ist aber zweierlei. Nichts ist schwieriger, als an sich selbst zu arbeiten. Weiß ich aus eigener Erfahrung:-)

  12. dasrotkaeppchen schreibt:

    Nach dem ich mich nun seit letzter Woche durch Ihr Blog gelesen habe (bin eben fertig geworden – und das im Büro!), Frl. Krise, ist dieser Post ein guter Abschluss. Es ist bezeichnend – die Fehler sind bekannt, und doch macht man sie immer wieder. Das ist – leider – nicht nur bei Ihren Schülern so, zumindest bei mir ist es ganz genauso.

    Es ist zu hoffen, dass die Balance zwischen Einsicht und diese in den Wind zu Schlagen mit schwindender Pubertät sich zu Gunsten der Einsicht verschiebt.

    Ihr Blog zu lesen macht großen Spaß, nicht nur, weil man manchmal einfach Schmunzeln bis laut heraus Lachen muss dabei, sondern vor allem, weil man Ihre Truppe nur lieb gewinnen kann, so wie Sie über sie schreiben – trotz allem, das Sie an ihnen zum Wahnsinn treibt und sicher jeden würde.

  13. oxypelagius schreibt:

    Liebe Leser! Was wir Dank unseres mehr als verehrten „Fräulein“ ( Deminutiv-Form von Frau, altmodisch gebräuchlich für Jungfrau) erleben dürfen ist ein Trend. Ein Trend, welcher hier beschrieben nur in Phasenverschiebung nach unten auffällig ist! Es gibt, zum schlimmen Beispiel, junge Dipl. Volkswirte, welche noch nie das Wort “ borniert“ gehört haben. Es gibt Abiturienten, welche das Wort “ identisch“ nicht kennen! Es gibt Germanistikstudenten, welche den Hinweis „Nach einem Konsonanten kommt nie ein „d“, beschriftet beim Wort „Gewichde“, fragen was gleich wieder ein Konsonant sei!! Es wird von Jahr zu Jahr weniger gelesen. Der Wortschatz verkümmert und es tut niemanden weh… oder. Was da in des Fräulein Schulklassen abgeht sind nur Leuchtspuren des Niedergangs.. und das in einem Land, welches von Rohstoffveredelung durch Hirn lebt. Den Kiddies nur Nettigkeit entgegenbringen heißt den Beschäftigten der Arbeitsagenturen Jobs sichern…

    • Miss M schreibt:

      Hmm, kurze Nachfrage: „Trend“, „niemanden“ (oder niemandem), „sind“ etc. Mir fallen viele Worte ein, in denen d nach einem Konsonanten steht.
      Frl. Krise, Sie müßten das doch wissen, oder?

      • frlkrise schreibt:

        Neeee…das ist mir auch fremd! Ich versteh dit nich!

      • oxypelagius schreibt:

        Ihr habt Recht! Könnte schwören das ist ein Lehrsatz ausser Schule gewesen.. Sehe immer nur ein „ch“ und ein „d“.. .. aber trotzdem es bleibt beim Rest der Ansage..
        l: basdeln.. basteln.. Es gibt eine Logik.. nur wo war sie… oh, schau: verwirrd geht nicht..

    • teachert. schreibt:

      nach Doppelkonsonant komt nie ein d?!

  14. banalesundbonbons schreibt:

    Selbsteinsicht ist erste Weg zu Besserung.. 😉

  15. Ich kenne diesen Blog erst seit ein paar Tagen und komme aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus. Manchmal stehen mir die Sorgenfalten aber auf der Stirn, denn der eine oder andere Dialog hätte genauso gut in der Kita-Gruppe meines Ältesten stattfinden können. Sprachlich oft gar nicht weit entfernt. Und er ist gerade knapp 4. 😉

  16. oxypelagius schreibt:

    uff. dachte schon bin plem plem… Also nachgefragt:
    “ Eine GUTE FAUSTREGEL: Nach einem Konsonanten kein „D“… blamabel trotzdem… pardon

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