Frau Nachbarin

So, Samstag. Ich will heute Klamotten kaufen gehen. Lust dazu habe ich nicht. Shoppen ist nicht mein Ding. Ich kaufe gerne mal was im Vorrübergehen, aber geplantes Einkaufen finde ich gräßlich.
Aber es muss heute einfach sein, schließlich verlangt die Klientel einen halbwegs modisch aufgemotzen Lehrkörper.

Ich also kurz vor halb elf die Treppe runter (um halb elf kommt der Bus) und noch flott in den Hinterhof, eine Tüte mit Restmüll entsorgen. Der Bus müsste schon im Anrollen sein…
Da kommt gerade die komische Frau, die irgendwo im rechten Seitenflügel wohnt, aus ihrer  Haustür. Sie ist ungefähr Ende fünfzig, arbeitet nicht, wohnt in einer ollen Einzimmerwohnug (wie sie selber sagt) und ist die Unzufriedenheit in Person. Ich kenne niemanden, der permanent so schlecht gelaunt und nörgelig ist.
Ich habe diese Frau  noch nie einen positiven Satz sagen hören. Noch nie! Ehrlich.

Ich grüße kurz und versuche an ihr vorbeizukommen.
„Moment mal!“ ruft sie. „Der hat sich umgebracht, der Böhm!“
„Der Böhm…,“ sage ich ein bisschen hilflos.

„Umgebracht!“ wiederholt sie unheilvoll, „die Polizei hat’s nicht direkt gesagt, aber die haben mich gefragt, ob der Böhm mal von Selbstmord gesprochen hat.“
Wenn ich jetzt wüsste, wer der Böhm ist! Trotzdem nicke ich und will weg.
Sie hält mich am Jackenärmel fest: „Hast du nix mitgekriegt? Dass der tot ist?“
Langsam geht mir ein Licht auf.
„Meinen Sie den Mann, bei dem die neulich die Wohnung aufgebrochen haben?“ Ich zeige auf das zerbrochene Fenster, das noch immer mit einer Holzplatte gesichert ist.
„Der BÖHM!“ schreit sie mich an.
„Ich kannte den nicht!“ sage ich. Sie kommt mir viel zu nahe, das macht sie immer und sie stinkt total unangenehm nach altem Rauch. Sie hat blond gefärbte lange Haare und einen rosa geschmminkten Mund.

Sie hält mich immer noch am Ärmel fest. Den Bus hab ich jetzt verpasst, das steht fest.

Ich ergebe mich in mein Schicksal- was bleibt mir übrig-  und lasse mir erzählen, dass Tag und Nacht in der Wohnung von „dem Böhm“ (von dem ich immer noch nichts weiß, außer, dass der sich regelmäßig morgens um halb acht schon das erste Bier holte) Licht brannte. Dann hat die Frau aus dem vierten Stock des linken Seitenflügels „diese polnische Schlampe, na, ich will nix gesagt haben“ die Polizei gerufen.

„Der hatte keine Lust mehr, der Böhm, der arme Hund,“ sagt meine Nachbarin, aber ohne jeden Anflug von Empathie und dann fragt sie auf einmal:
„Wie geht’s dir?“
Dabei fixiert sie mich kritisch, so als müsste sie prüfen, ob auch ich demnächst…
„Gut, gut!“, sage ich schnell, „so, ich muss los, mein Bus…“
„Hast du mal ein paar Zigaretten für mich?“ fragt sie und rückt mir noch näher auf den Pelz. Sie hat sich zwischen mich und die Tür geschoben.
„Ich rauche nicht mehr, schon lange,“ sage ich und greife an ihr vorbei nach der Türklinge.
„Kannst du mir 5 € leihen? Ich gehe Montag Geld holen. Ich such mir jetzt auch eine Arbeit. Kriegst du dann Montag wieder,“ ihr Gesicht ist meinem ganz nahe gekommen. Sie hat wässerige rotumrandete Augen.

Mann! Ich will die loswerden. Ich angle aus der Hosentasche den Fünfeuroschein, den ich mir zum Busfahren griffbereit eingesteckt hatte und gebe ihn ihr.

„Kriegst du Montag wieder!“ ruft sie und lässt mich durch. Sie läuft hinter mir durchs Haus auf die Straße. Dabei redet sie in einer Tour. „Scheißhinterhaus. Keiner wohnt da mehr . Hier vorne wird alles gemacht, aber wir da hinten, wir können ja verrecken……“

Die Bushaltestelle ist leer. In meinem Kopf rattert es: Wenn ich jetzt auf den nächsten Bus warte, stellt die sich dazu und quatscht mich nieder, wenn ich die 300 Meter zur nächsten Haltestelle laufe, geht sie mit, weil da der Tabakladen ist, noch mal nach oben gehen, lohnt nicht, das Fahrrad steht im Hinterhof, da will ich jetzt nicht wieder hin….

Ich biege also überraschend nach rechts in den nächsten Hof ab, zu meinem Stellplatz und springe in mein Auto. Nur weg hier. Frau Nachbarin ist ein bisschen verdutzt stehen geblieben. Ich fahre an ihr vorbei und sie  sieht mich finster an. Sie macht sich auf dem Weg  zum Tabakladen…

Und ich fahre fluchend mit dem Auto in die Stadt.
Super Idee! Samstags mit dem Auto in die Stadt. Ins Parkhaus! Kostet bestimmt 8 €.
Herr Böhm…. Ich kannte ihn zwar nicht, aber kein schöner Gedanke, dass der sich umgebracht hat…. Aber genau weiß die das auch nicht. Unangenehme Person. Und dann hab ich ihr auch noch Geld gegeben. Mir kommt es nicht auf die fünf Euro an, ich hab bloß keine Lust, dass die mich jetzt womöglich immer anschnorrt. Damit ist aber Schluss….einmal, ok….

Ich hab mir dann ziemlich schlecht gelaunt eine Jeans, zwei T-Shirts  und einen Rock gekauft. Ging aber schnell und war auch nicht besonders nervig. Das Parkhaus hat übrigens nur 7 € gekostet.  Na, den Bus hätte ich ja auch bezahlen müssen!

Bin ich froh, dass ich niemanden anbetteln muss…

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29 Antworten zu Frau Nachbarin

  1. frl. freizeit schreibt:

    Ohne Worte…

  2. frlkrise schreibt:

    @ Frl. Freizeit! Arbeiten Sie heute nicht so viel, ich rufe Sie morgen!

    @ Tades 75! GENAU und danke!

  3. Aidualc schreibt:

    Gutes Karma gesammelt!!!
    Volkswirtschaft angekurbelt!
    Supa!
    Wat willste mehr vonnem Samstag 😉

  4. Rana schreibt:

    Funktioniert bei mir auch immer gut, das mit dem schlechten Gewissen machen…und zacki hat man irgendwelche Leute am Hals, ich wünschen Ihnen ein angenehmes schnorrerfreies RestwE! LG von Rana

  5. Hajo schreibt:

    also: Shoppen hat nix mit Einkaufen zu tun, das ist nur ein Nebeneffekt, muss aber nicht sein (wurde mir gesagt 🙂 )
    und der Weg über „den Böhm“ war schon ein heftiger Umweg (hast‘ mal ‚en Euro?)
    aber immerhin hast Du EINEN Euro gespart
    .. oder doch nur nicht ausgegeben?
    Erhol‘ Dich gut! 😀
    Ob Du die fünf Euro wiedersiehst?

  6. frechhild schreibt:

    irgendwie wohnt so ein mensch in fast jedem mietshaus auf dieser welt. meist haben diese menschen dann noch geriatrische dackel und nurnoch 50% lungenkapazität… was sie dir erzählen während sie einen zigarillo auf lunge rauchen.

  7. clara schreibt:

    Ohje, ich hätte ihr glaube ich auch einfach Geld in die Hand gedrückt, nur um sie loszuwerden… unangenehme Person! Ich mag das gar nicht, wenn mir fast Fremde so nahe kommen.

  8. mona schreibt:

    „…und greife an ihr vorbei nach der Türklinge.“
    Sehr schöner und nachvollziehbarer Freudscher Verschreiber. 🙂

    Sagt außer mir eigentlich noch jemand statt „shoppen“ lieber „bummeln“? Oder ist der Stadtbummel längst ausgestorben?

  9. renosch schreibt:

    Danke Frl. Krise!

    Jetzt hatte ich die Wahl mein Buch weiter zu lesen oder einfach Deinen Blog als Gute Nacht Geschichte zu lesen. Ich habe mich für Deine Geschichte aus dem wahren Leben entschieden.

    Gute Nacht

  10. die Schmith schreibt:

    Wäh, ich glaub, ich hätt nich annähernd so ruhig reagieren können. Allerdings hätt ich auch kein Geld aus meiner Tashe gezaubert. Schnorrer kriegen generell nix von mir. Oder nix mehr. Irgendwie hab ich wohl zu oft die Erfahrung gemacht, dass das Geld nie wieder zurück kommt…

  11. Seifenfrau schreibt:

    …ich glaub, das war ein Fehler….
    Das merkt sich die Frau, dass du eine Geldquelle bist.
    Sehr unpädagogisch eigentlich. Aber verständlich.
    Seufz.

  12. Steffen schreibt:

    Da sind wir Lehrer schon recht bevorteilt, grad die Beamten unter uns. Wenn ich jetzt dran denken würde, Geld einzustecken, dann würde ich nie schnorren müssen.
    (Ich gebe das Geld aber immer schnell zurück, meistens.)

  13. michathecook schreibt:

    ..ein modische aufegmotzter Lehrkoerper 🙂
    Klappte zumindest in meinen Schulzeiten recht selten.Die meisten Lehrer sind gerne knapp aber sichtbar an dem was man so modisch nannte vorbeigeschrammt. Und das war nicht immer schoen anzusehen.

  14. Sarrazynismus schreibt:

    Das ist zwar off topic, aber dennoch erlaube ich mir, im Gedenken an die Opfer zum 18. Jahrestag auf die Ermordung der fünf Frauen und Kinder 1993 in Solingen hinzuweisen:
    http://hassmenschen.blogspot.com/2011/05/solingen-1993-menschenhasser-verbrennen.html

    • frlkrise schreibt:

      Wieso off topic? Wenn ich mit meiner Klasse unterwegs bin, hören wir hier und da Kommentare mit eindeutig rassistischem Hintergrund, besonders wenn sich unsere Schüler mal nicht top benehmen. (Aber das machen wurzeldeutsche jugendliche ja auch oft. Die werden auch angepflaumt, aber anders. )

      • Ulla 39 schreibt:

        Man muß kein Schüler sein, vielleicht dunkleren Teint haben und mal ein wenig über die Stränge schlagen, um Schlimmes von Deutschen zu hören. Ich brauchte einen neuen Personalausweis, der Angestellte stolpert über meinen Namen, ich erkläre, daß es ein türkischer Name ist. Der (Un)Mensch fragt: „Hast du nix besseres gekriegt als ’nen Türken?“ Ordnungsamt Frankfurt Main 1967. Solche Äußerungen und noch Schlimmeres ziehen sich durch die Jahre. Das Neueste: Wenn ich irgendwo wegen einer Auskunft anrufe, werde ich dann mehrfach gefragt: „Verstehen sie mich? Haben sie verstanden.?“ Drehe jetzt den Spiess um und antworte, daß ich sehr wohl verstanden hätte, denn der andere spreche ja ein passables Deutsch.“…

  15. Silke schreibt:

    Also ich kann ja solche dicht aufrückenden und ständig andere angrapschenden Menschen überhaupt nicht vertragen und mache denen das auch unmissverständlich klar. Damit hat sich das Schnorren dann in der Regel auch erledigt.

    Einen halbwegs modisch aufgemotzten Lehrkörper habe ich mir damals auch immer gewünscht 🙂

  16. Nele schreibt:

    Das könnte auch alles hier bei mir am Dortmunder Nordmarkt passieren…

  17. sockenbergen schreibt:

    Einen Menschenfreund die Frl. Krise.
    Ach wie schön.
    Und die Schüler können sich auf neue Outfits freuen.

  18. RoFrisch schreibt:

    Der Böhm also. Und nichtmal das Licht hat er ausgemacht. Wollte vielleicht gefunden werden, oder ihm war die Ökobilanz des Planeten auf einmal egal.

    Sachen gibts, nä schrecklich, sowas.

  19. RogueEconomist schreibt:

    Übrigens schön wie sie ganz unbewusst über den Multiplikatoreffekt unser armen deutschen Volkswirtschaft gutes tun. Fünf Euro für die alte Schachtel, da freut sich der Kioskbesitzer wegen verkaufter Zigaretten (wer weiss was der sich davon so schönes kauft), da freut sich der Tabakkonzern und natürlich Vater Staat über die Tabaksteuern. Und ich freu mich das sie indirekt über die Tabaksteuer bspw. die innere Sicherheit querfinanziert haben. Sie müssen das einfach mal im großen Ganzen sehen, Frl. Krise. Nicht immer nur klein-klein… 😉
    Und zum Thema Nachbarn: Gehören einfach abgeschafft. Vorallem die Sorte, die Geld dafür verlangen kann (wie in ihrem Fall), damit sie endlich von einem ablassen. Aber vielleicht sollten sie die Dame einfach mal in ihren Unterricht einladen zum Thema „Was passiert ohne Schulabschluss“. Wäre vielleicht eindrucksvoller als manch anderer Unterrichtsbesuch. So ein Lackaffe mit Anzug und Krawatte kann ja viel erzählen wenn der Tag lang ist, von wegen das Schule wichtig ist und so.

  20. Pingback: Nachbarins Neid | frl. krise interveniert

  21. renosch schreibt:

    Und wie wär’s wenn Du sie mal danach fragts, dass sie Dir das Geld zurück gibt?

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