Ein Meister unter Strom….

Der Meister verbreitet ungemütliche Stimmung. Er ist klein, untersetzt, spricht ein bisschen sächsich und steht kurz vor der Rente. Er siezt die Schüler und wirkt, obwohl er noch gar nichts gemacht hat, voll autoritär. Alle setzen sich schweigend hin. Der Meister rügt als erstes Gamze (Kaugummi), dann Ali ( Käppi) und schließlich Aynur, weil sie auf ihrem Stuhl sitzt „wie auf einem Barhocker“. Aynur hampelt auf dem Drehstuhl herum und regt sich auf: “ Was Barhocker? Ist voll der komische Stuhl hier, kann man nicht drauf sitzen, vallah!“
Der Meister guckt sie strafend an: “ Ich rate Ihnen und überhaupt allen, jetzt und besonders später einem Meister nicht zu widersprechen. Er ist Ihr Chef! Sie arbeiten für ihn, damit er einen Benz fahren kann. Wenn Sie das nicht akzeptieren, können Sie gleich Hartz 4 beantragen. Tipp von mir: Machen einfach auch Ihren Meister, dann sind Sie der Chef.“ Er erzählt noch, dass er Meister und zweifacher Ingenieur sei – schließlich wolle man sich doch was leisten im Leben….
Dann hält er einen längeren und schwer verständlichen Vortrag über den Beruf des Elektonikers für Energie und Gebäudetechnik, so heißt ein Elektriker nämlich heute. Alle schnarchen so langsam ab, ich sehe es an den leeren Augen und mir wird auch ganz schwummerig.
Der Meister stellt zum Abschluss noch ein paar Fragen. Nur Aynur meldet sich. Aynur ist ja nicht blöd, sie kann gut reden und sich in Szene setzen, wenn sie will. Sie will – warum auch immer – und beginnt ein bisschen mit dem Meister zu flirten…( Ich weiß gar nicht, ob ich schon mal geschrieben habe, dass Aynur übertrieben hübsch ist? Wirklich!)
Schon nach drei Minuten ist der Meister ganz entzückt von ihr und ich beginne mich zu ärgern…
Aynur! Sich hier so zu produzieren. Heiße Luft, mehr nicht! Na, vielleicht besser so als das Gequatsche von gestern….denke ich.

Die praktische Arbeit beginnt. Ein Stromkreis soll zusammengebastelt werden, ein Schalter, eine Lampe, eine Stromquelle hängen an einem Drahtgitter und sollen mit reichlich Kabel verbunden werden.
Oh Himmel, so einfach geht das nicht!
Man muss zuhören, aufpassen, was der Meister vormacht, das richtige Werkzeug erwischen und möglichst alles Eins zu Eins umsetzen. Voll kompliziert.
Der Seitenschneider ist laut Azzize „voll schwach“ und die kleinen Schräubchen an den Schaltern sind „voll asozial“, weil sie so schlecht drehen lassen. Alle kämpfen mit der Tücke des Objekts und ich beglückwünsche mich im Stillen dazu, dass ich heute nicht wie gestern mitarbeite, sondern „beobachte“. Einige kämpfen sich ganz nett durch ihre Aufgabe, andere sitzen teilnahmslos auf ihren Plätzen und warten darauf, dass die Lichtquelle von alleine aufleuchtet.
Zum Beispiel Aynur und Gamze.
Der Meister naht. Er zeigt den beiden Damen noch mal, was sie machen müssen und bastelt den Stromkreis bei der Gelegenheit rasch zusammen. Aynur guckt mich triumphierend an und setzt sich gemütlich zu Ali, der mit den kleinen Lüsterklemmen kämpft. Sie will ihm „helfen“. Ich könnte platzen.
„Sehr sozial. DIE macht ihren Weg,“ sagt der Meister anerkennend, „DIE ist selbstständig!“ und zeigt auf Aynur.
„Ja, die kann gut reden,“ sage ich verdrossen,“aber sonst ist da nicht viel dahinter!“
Oller Schmecklecker…..wie man im Rheinland sagt, denke ich.
„Aber die Jungs da, die haben, glaube ich, Probleme!“ stellt er nun fest. Er meint Emre und Ömür, die sich ganz alleine durch ihre Kabel wurschteln.
Ich bin entrüstet. „Das sind die Fleißigsten aus meiner Klasse, auf die lasse ich nichts kommen!“
Der Meister schlendert zu ihnen hin und guckt sich die Chose an.“Gute Arbeit !“ sagt er dann. „Bisschen langsam, aber genau!“ Ich bin versöhnt.
So geht das zweieinhalb Stunden lang. Ich gähne unauffällig und sehne mich nach den Konditoren, Bäckern, Friseuren, Malern und meinetwegen Tischlern. Also, eins weiß ich, Elektro ist KEIN Beruf für mich.

Genau das sagt Hanna auch bei der Schlussrunde.
„Da hast du ja etwas erreicht heute, wenn du das erkannt hast,“ sagt der Meister, den ich inzwischen ganz ok. finde. (Er hat eben zu mir gesgt: „Ganz nette Truppe, das!“)
„Allerdings heißt das nicht ‚Elektro‘!“ fährt er fort und guckt sich suchend um. „Wer weiß noch mal die genaue Berufsbezeichnung?“
Alle verfallen in tiefes Brüten. Ich weiß es auch nicht mehr so ganz genau…
Zum Glück meldet sich Aynur.
„Elektroniker für …äh…,“ sagt sie, „äh..Elektroniker für Energie und Sanitär!“

Die Gesichtszüge des Meisters entgleisen.
Geschieht ihm ganz recht, denke ich schadenfroh.

Und morgen?
Wir gehen Metall!
Wird bestimmt auch voll schön.

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17 Antworten zu Ein Meister unter Strom….

  1. Mars schreibt:

    Ach, Frl. Krise, ich glaube, ich kenne Aynur! Bei mir heißt sie aber „Kaya“ 😉 Ich bin schon gespannt, wie ihre „nette Truppe“ sich bei Metall macht.

  2. mayarosa schreibt:

    Großartig, Ihr Elektromeister:
    „Ich rate Ihnen und überhaupt allen, jetzt und besonders später einem Meister nicht zu widersprechen. Er ist Ihr Chef! Sie arbeiten für ihn, damit er einen Benz fahren kann. Wenn Sie das nicht akzeptieren, können Sie gleich Hartz 4 beantragen. Tipp von mir: Machen einfach auch Ihren Meister, dann sind Sie der Chef.“ – Herrlich 🙂
    Ich glaube ja ganz ehrlich – so ein bisschen Dampf im Kessel, ein bisschen Strenge, ein bisschen Autorität mit der Aussicht auf ein Ziel – das tut Ihren Jungs ganz gut (oder irre ich mich da?)
    „Ja, die kann gut reden,“ sage ich verdrossen,“aber sonst ist da nicht viel dahinter!“
    Na, dann kann sie doch was und das in Kombination mit Augenweide. Gibt genug Berufe, bei denen es darum geht, andere um den Finger zu wickeln oder einfach nur gut auszusehen und gut reden zu können – allerdings gehört auch dazu eine Perspektive und ein Ziel 😉
    Wenn ihre Jugendlichen das kriegen, eine Idee von ihren Talenten, eine Perspektive und ein Ziel – dann werden sie ihren Weg machen.

  3. chefarbeiter schreibt:

    Vom abschließenden Griff ins Klo ( <– Wortwitz! 😉 ) mal abgesehen, kann man Aynur nur gratulieren: Sie hat erkannt, dass es im Arbeitsleben nicht primär darum geht, die beste Leistung zu zeigen, sondern seine mittelmäßige Leistung gut zu verkaufen…

  4. ska schreibt:

    Sehr amüsant …
    und fast gar nix Böses heut – von keiner Seite.

  5. Lakritze schreibt:

    Jetzt bin ich sehr gespannt auf Metall.

  6. Mrs. Porcelain schreibt:

    Oller Schmecklecker… igitti!

  7. Die Räubertochter schreibt:

    Sehr schön geschrieben und immerhin scheint es heute ja ganz gut gelaufen zu sein,
    und keine mittlere Katastrophe geworden zu sein.

    Und wenn man weiß, was man nicht machen will, ist das ja auch schonmal was wert. 😉

  8. sockenbergen schreibt:

    DAT hört sich ja voll kompliziert an.
    Ich will auch nicht ELEKTRO.
    ISt auch das einzige, was gerade von Fachmännern bei uns im Haus gemacht wird.

  9. die Schmith schreibt:

    Krisi, fahn wir dann näxte Woche Heidepark?

  10. Cerise schreibt:

    Metall? Oh hilfe…
    Vattern hat auch mal Schulklassen schnuppern lassen bei uns in der Firma. Aber seit „Altaaaa, ey boah, hier will ich nicht hin, alles dreckig. Und voll die Schrottmaschinen da!“ gepaart mit einem Tritt gegen die Kantmaschine hat solche Tage für immer gestrichen.
    Der junge Mann hat sich einen heftigen Anpfiff eingefangen, das man im Handwerk eben auch dreckig wird und diese alte Schrottmaschine mal eben 750tausen Euro wert sei. Und seitdem kommt ihm keine Schulklasse mehr in die Werkstatt.

    Was der Meister am Ende sagte ist auch sehr richtig, wenigstens weiß Hannah nun was sie nicht machen will. Ist ein erster Schritt. Ich drücke ihrem „Problemhaufen“ die Daumen, das sie morgen selbige nicht unter die Abkantpresse legen!

  11. Annika schreibt:

    Coole Aktion, diese Berufswoche. Ich mein, wenn sich da nichts findet?! Ich wünschte, wir hätten so was auch gemacht. Denn auch wenn ich Gymnasiumschule war – viele aus meinem Jahrgang wissen trotzdem nicht, was sie machen sollen, studieren hier ein bisschen jobben da ein wenig … ist auch nicht so toll.
    Finde ich schön, dass Ihre Schule so eine Aktion anbietet!

  12. Hajo schreibt:

    immerhin hat Deine Drohung (Bei Malers – letzter Satz) doch gewirkt.
    .. also doch lernfähig 😀

  13. Solmar schreibt:

    Mal allen Spaß beiseite.. Ich als Azubi kurz vor Ende der Ausbildung (mit vorangenangenem Abitur) zum Mediengestalter mache mir Sorgen, einen Arbeitsplatz zu finden?

    Obgleich die Darstellung von Frl Krise bisweilen ein wenig überspitzt scheint, ist es dennoch Realität, dass reihenweise Dullis (ja man muss manche Jugendlichen leider wirklich so nennen) herangezüchtet werden.. Tz Tz… Die Jugend von heute (sagt ein anfang-20er). -.-

    Aber liebe Frl Krise, vielen Dank für die Erheiterung, die mir ihr vorzüglicher Blog jeden Tag bereitet plus der Gewissheit, dass ich doch noch nicht meinen Verstand verloren habe. 🙂

  14. Tades75 schreibt:

    ???
    Also, irgendwie erschließt sich mir der Sinn mancher deiner Beiträge nicht

  15. Bücher & Bildung schreibt:

    Disziplin bedeutet Freiheit …
    Ich habe Angst um meine Rente wenn ich so etwas lese.
    Ein sächsischer Ingenieur hat Respekt verdient und wenn er aus den Nähkästchen plaudert sollte man gut zuhören. Man kann viel von Ihm lernen und man kann Erfahrungen sammeln über Quellen unseres heutigen tuns.

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