Brüderlein und Schwesterlein

Die Schule ist halb leer. Die sportlichen Schüler sind mit den sportlichen Lehrern zu einem Waldlauf rund um einen See entwichen, die unsportlichen Schüler dürfen mit den unsportlichen Lehrern Unterricht machen. Ich beklage mich nicht! Ich bin froh, dass mir der Seelauf erspart bleibt, denn mir macht es keinen Spaß andauernd  in die Büsche zu krabbeln und rauchende Schüler aufzuscheuchen.

Von den Zehnern kommen nur drei Gestalten in den Kunstunterricht (8.u. 9. Stunde).

Drei brave Mädchen. Eins bräver als das andere. Sonst wären sie nämlich auch längst über alle Berge…mit Sicherheit sind die anderen auch nicht alle zum Waldlauf weg! Gestern war der letzte Teil der schriftlichen Prüfungen zum mittleren Bildungsabschluss und die Damen und Herren sind wohl extrem erholungsbedürftig. (Mathe war gestern dran – voll schwer…sagen die drei Grazien.)
Lust auf meinen exzellenten Unterricht haben sie nicht.
„Können  Sie uns nicht einfach gehen lassen?“ fragt Sonja und Sarah und Emine schauen mich flehend an.
„Nein“, sage ich bedauernd, „das kann ich natürlich nicht.“
Im Stillen denke ich natürlich: Wie blöd sind die? Sie haben doch gesehen, dass alle anderen weg sind! Wieso kommen die und FRAGEN!?
„Merkt doch keiner!“ sagt Emine.
Ja, bravo. Ich soll ihnen die Absolution geben. Denkste.

„Wir machen es uns nett,“ sage ich und biete ihnen großzügig alles Material an, das ich habe. Sie wollen nicht viel. Nur Filzstifte. Na, meinetwegen.
Ich male auch ein Bild mit Gouache, diese Farben erregen ihren Neid, aber sie wollen nur Filzstifte. Ich glaube, damit sie nachher beim Einpacken schneller fertig sind!

Wir unterhalten uns schleppend. Wenn Mädchen so brav sind, haben sie meistens wenig zu erzählen. Ich quetsche Emine über ihre Familie aus. Drei Geschwister hat sie noch. Zwei studieren. Mathe und Physik auf Lehramt.
„Super!“ sage ich. „Türkischstämmige Lehrer brauchen wir. Und Physik sowieso!“
Emine trägt Kopftuch und einen langen Mantel, den sie auch im Hochsommer nicht auszieht..
„Trägt deine Schwester auch Kopftuch?“
Emine nickt. Ohje, denke ich, da hat sie ja prima Aussichten in den deutschen Schuldienst zu kommen…. Emine scheint Gedanken lesen zu können, denn sie fügt hinzu. „Sie kann ja woanders Lehrerin werden!“
„Klar!“ sage ich, „ in der Türkei oder in Holland.“
Emine grinst. „Nein, nicht in der Türkei,“ sagt sie, „eben woanders.“
Als ob das so einfach wäre. Gut, lassen wir das Thema.

„Ist ja lustig, dass deine Geschwister beide die selben Fächer studieren,“ fällt mir noch dazu ein.
„Ja, sie studieren auch in der selben Stadt, in Paderborn! Sie wohnen auch zusammen,“ sagt Emine.
„Ach so!“ Jetzt wird es mir klar. Der Bruder muss auf seine Schwester aufpassen. Schon dass sie nicht zu Hause wohnt und in einer anderen Stadt studiert, ist erstaunlich.
„Mein Bruder ist so unselbstständig,“ erklärt sie weiter, „meine Schwester muss sich ein bisschen um ihn kümmern.“
Na ja…da bin ich ja skeptisch. Vielleicht kann er gar kein Physik und sie muss ihm alles erklären. Oder sie muss seine Wäsche waschen und schön kochen.
„Meine Schwester hat im ersten Semester ein Netbook von der Uni geschenkt bekommen,“ berichtet Emine. „Und dein Bruder?“ „DER kam zu spät dafür,“ sagt sie.
Dieser Bruder scheint ja echt nicht der Reißer zu sein.
„Der hat zuerst was anderes studiert, in Heidelberg, ich weiß aber nicht was. Er hat aber nicht geschafft.“

Hm.

„Und du?“ frage ich. Willst du auch mal studieren?“
„Ich glaube, ich bin durch die Prüfung gefallen,“ sagt Emine. „Ich versuch es noch mal und dann mach ich vielleicht Fachabi.“
„Und gehst du dann auch weg, von deinen Eltern?“ Das will ich jetzt wissen. „Da ist doch dann noch ein Bruder übrig.“
„Nö,“ sagt sie. „Der studiert niemals. der ist voll schlecht in der Schule. Und ich bleib lieber bei meinen Eltern. Zu Hause ist besser.“

Dann versandet das Gespräch.

Ich lasse die drei eine halbe Stunde zu früh gehen. Aus lauter schlechtem Gewissen schrubbe ich dann noch alle Tische ab. Auf dem Tisch, an dem die Mädchen saßen,  steht: Alis Hirn fonktioniert von 12 bis mittag.

Ich hoffe nur, Emines Bruder heißt nicht Ali.

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33 Antworten zu Brüderlein und Schwesterlein

  1. michathecook schreibt:

    Dafuer ist die Familie doch da um sich gegenseitig zu helfen.
    Und sollte das bei einer so traditionellen Familie (langer Mantel auch im Sommer und Kopftuch) der Fall sein, so ist das doch irgendwie doppelt schoen…..

    und irgendwann fonktioniert auch das Gehirn Ali s laenger und besser 🙂 hoffentlich.

  2. RogueEconomist schreibt:

    Wohl ein vollkommen weltfremder Kommentar: Wird man mit Kopftuch echt nicht in den deutschen Schuldienst aufgenommen?

    • frlkrise schreibt:

      Nein. Nicht in allen Bundesländern, soweit ich weiß. Männer auch nicht, übrigens, aber die kämen ja niemals auf die Idee irgendwas von ihren Filmkörpern zu verhüllen.
      Kopftuch gilt als Zeichen der Unterdrückung der Frau und ihre Trägerinnen sind nicht das geeignete Vorbild für Mädchen.

      • ck schreibt:

        Ja ja, diese Nonnen.

      • empty schreibt:

        „Kopftuch gilt als Zeichen der Unterdrückung der Frau und ihre Trägerinnen sind nicht das geeignete Vorbild für Mädchen.“

        Das ist ja wohl mehr als kurzsichtig.
        Als ob sich durch das fokusieren auf so etwas irrelevantes wie ein Kopftuch die Stellung der Frau in irgendeiner Weise verbessern würde.

        Natürlich tragen viele unterdrückte Frauen auch ein Kopftuch – warum sollte man aber andere selbstständige Frauen für die Wahl ihrer Kleidung diskriminieren (nichts anderes ist das). Das ist mehr als bizarr.
        Weiter gedacht werden diese Frauen wiederum von der Gesellschaft „unterdrückt“, da sie fürchten müssen bei ihrer beruflichen Karriere benachteiligt zu werden, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) ein Kopftuch tragen.

        Ich bin selbst kein Freund von Kopftüchern oder Verschleierungen, aber solche Pauschalaussagen und Schubladengedanken machen mich sehr traurig und schaden mehr als sie bewirken.

      • Tina schreibt:

        Das Kopftuch/Schleier steht meiner Meinung nach für das Weltbild der Männer in Bezug auf Frauen; da gibt es nämlich genau zwei Sorten: anständige Frauen und Nutten. Punkt.

        Wobei dieses sehr einfach gestrickte Weltbild natürlich auch von Frauen, den anständigen natürlich, weitergegeben wird.

        Ich finde es korrekt, wenn dieses Weltbild gehörig in Frage gestellt wird.

    • Soweit ich weiss darf man als Beamter im Lehrdienst keinerlei Zeichen offensichtlicher religiöser oder politischer Zugehörigkeit tragen, um den Schüler nicht dadurch zu beinflussen. Geht also nicht nur gegen das Kopftuch.

  3. JNj. schreibt:

    Doppelt sicher?

  4. puzzle schreibt:

    Wenn sie im Grunde nur den „Blindenhund“ spielen darf, damit der Bruder irgendwie durch das Studium kommt, klingt das nicht eben nach einer Chance für das Mädchen, eher nach Kalkül.

  5. fraufreitag schreibt:

    „Kopftuch gilt als Zeichen der Unterdrückung der Frau und ihre Trägerinnen sind nicht das geeignete Vorbild für Mädchen.“ frl. krise, na da begibst du dich ja wieder in gefährliche gewässer. ich trage mein kopftuch voller stolz und aus freiem willen. es ist zeichen meiner religion…

  6. Flash schreibt:

    Heute vermintes Gelände hier.

    Manche(r) glaubt sogar noch an den Weihnachtsmann, die erfahrenen Lehrerinnen eher nicht…

  7. Smilla schreibt:

    Wie schön, dass auch an Gymnasiumschule tendenziell die Mädchen brav und eifrig dem „genormten Ablauf“ folgen und tendenziell die Jungs zicken. …

  8. zahnwart schreibt:

    Äh. Ich habe auch mal ein paar Semster Mathe studiert. Und Blindenhunde hatte ich auch, eine ganze Lerngruppe voll, wohlmeinende Kommilitonen, die mir unter die Arme griffen, wo sie nur konnten. Half aber alles nichts: Nach zwei Semstern ahnte ich dumpf, dass ich dieses Fach nie verstehen würde, egal wie engagiert man mir hilft. Nach drei Semstern wusste ich es. Und nach vier Semestern war der Fachwechsel auch offiziell unter Dach und Fach.

    Was ich aber nicht verstehe: Wenn jemand schon ein anderes Fach begonnen und nicht kapiert hat – wie will er dann ausgerechnet Mathe kapieren? Und Physik?

  9. A.K. schreibt:

    Hier enfachen sich ja echt heiße Diskussionen 🙂 Toller Blog übrigens! Dass Frauen mit Kopftüchern nicht so gerne eingestellt werden, dafür kann Frl. Krise ja nix!

  10. Optimist schreibt:

    „…und dies Kopftuch hat keineswegs ausschließlich mit Unterdrückung zu tun. Das hat auch was mit Stolz und Identität zu tun. Und oft sind es auch diese jungen Frauen mit Kopftuch, die viel besser Deutsch können und viel besser integriert sind, als ihre vollkommen überassimilierten, bauchnabelgepiercten Arschgeweihschwestern.“ – Hagen Rether, „Neues aus der Anstalt“. ZDF, Folge 25 vom 26. Mai 2009. Zeitpunkt 39:30

  11. Susa schreibt:

    Der Fairness halber sei gesagt, dass Emines Bruder, wenn er vorher tatsächlich schon in Heidelberg studiert hat, nicht selbst daran Schuld ist, dass er in Paderborn kein Netbook geschenkt bekommen hat – das bekommen (bekamen?) da nämlich nur StudienANFÄNGER in bestimmten Semester… 😉

    • frlkrise schreibt:

      2009 im ersten Semester, soviel ich recherchiert habe, nachdem ich das kaum glauben konnte.

      • RogueEconomist schreibt:

        „Heutzutage“ müssen die Unis wohl um ihre Studenten kämpfen und sie anlocken. Auch mit Läptops. Wer studiert schon gerne in Paderborn (mal ernsthaft, ist das in Paderborn schön, ich war da noch nie?), wenn er auch bspw. im wunderschönen Heidelberg studieren könnte… Tja. Die Zeiten ändern sich. Ich wäre im Grundstudium schon froh gewesen, immer einen Sitzplatz im Hörsaal zu finden 😉

      • fraukatharina schreibt:

        Ganz ehrlich: Es IST schön in Paderborn. Nicht gerade die spannendste aller Städte, aber schön ist es hier wirklich.
        Und die Uni soll auch ganz gut sein, hab ich mir sagen lassen. (Dazu kann ich persönlich nix sagen, ich habe in Siegen studiert, der schönsten *räusper* Stadt in ganz Deutschland.)

  12. frlkrise schreibt:

    Die richtig fetten Storys kann ich natürlich hier auch nicht posten, dieser blog ist ein bisschen euphemistisch….aber an den Förderschulen gehts sicher noch mehr ab.

  13. Thymi schreibt:

    …und lachst Du…bzw. i c h …
    Danke für die bissigen Kommentare!
    Ein Gegenpol zum perfekten Frl. Krise.

  14. Halab schreibt:

    Mal eine Frage: Es geht ja im Grunde nicht nur um das Verbot des Schleiers im Schuldienst, sondern auch in anderen (um nicht zu sagen in allen) Berufen. Ich erinnere mich vor einigen Jahren um Diskussionen über verschleierte Arzthelferinnen.
    Ich meine immer, die westliche Welt hat einfach nur Angst. Angst vor dem vermeindlich Fremden.
    Womit wir wieder bei meiner These mit den Weltbürgern wären. Wobei da natürlich Offenheit von allen Seiten gefragt ist. Ich denke hier an orthodoxe Stadtteile in arabischen Länder, in denen sich keine Frau unverschleiert aufhalten sollte.

  15. Fr. Schaunurmalrein schreibt:

    Ich lese diesen Blog seit einigen Tagen mit Interesse und kann auch immer wieder Gemeinsamkeiten mit meinem Alltag als Lehrerin in einer Hauptschule erkennen. Das Thema dieser Diskussion jetzt betrifft mich persönlich und weil ich einige Aussagen echt traurig fand (auch von Ihnen Frl. Krise), wollte ich mich kurz melden. Ich selbst bin wie gesagt Lehrerin UND ich trage Kopftuch UND auch diesen „Mantel, den ich auch im Sommer trage“. Ich unterrichte in Österreich, wo ich auch meine Ausbildung gemacht habe und ich muss sagen, wenn die Kinder und Kollegen über den ersten „Schock“ hinweg sind, und erkennen, dass da ja doch ein „normaler Mensch“ steht, geht es meist ohne Probleme. Eine staatliche Diskriminierung finde ich einfach unerträglich, da es absolut absurd ist, Frauen „helfen“ zu wollen, sich von jeglicher Unterdrückung frei zu machen und ihnen als „Hilfe“ den Zugang in die Berufswelt zu erschweren oder zu verhindern. Und man soll es nicht glauben, aber es gibt Frauen, die das Kopftuch freiwillig und gerne anziehen, obwohl ihre männlichen Verwandten das nicht so toll fanden – so wie bei mir. Also mal nicht alle über einen Kamm scheren bitte!

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