Schon wieder berappelt…?

Mit Mathe habe ich nichts am Hut, aber das schützt nicht vor Vertretung. In eine achte Klasse muss ich gehen…. mit einem Stapel Arbeitsblätter, den mir eine Mathekollegin in die Hand gedrückt hat. Wenigstens das.

Mathe!

Ich komme mir benachteiligt vor. Ich gucke mir die Blätter an und denke , mich selbst muttivierend: Na, das dürfte  doch wohl noch zu schaffen sein…!

Die Schüler erwarten mich schon auf dem Flur mit lautem Geschrei. Ich scheuche sie in den Raum, aber sie entfleuchen immer wieder.
Rein – raus- rein – raus.
Wie sind die denn drauf?
Endlich sitzen alle, aber bestimmt nicht auf ihren Plätzen. Meinen Namen kennen die Schüler, ich ihren nicht. Das ist schlecht.

Ich teile die Arbeitsblätter aus und ernte erbostes Gebuhe. Diese Kinder scheinen ziemlich undiszipliniert zu sein, stelle ich fest. Alle schreien durcheinander.

„Ich kann das nicht!“
“Wie geht das?“
“ Vallah, kein Bock!“
„Frl. Krise, oder wie Sie heißen! Haben Sie Taschenrechner?“
„Ich will nicht, dass DIE neben mir sitzt!“
„Die Sonne blendet!“
„Wo ist Frau Hoppe?“
„Kann ich Händy nehmen als Rechner?“
„Warum haben wir mit Sie?“

Diese letzte Frage hätte ich auch gerne beantwortet.

Tapfer schalte ich den Overheadprojektor an und lege eine Folie auf. Die erhellt aber weder die Schüler noch mich. Ich nehme die Folie kleinlaut wieder runter. Muss doch auch ohne gehen…

„So, nun  aber mal an die erste Aufgabe!“ sage ich aufmunternd und lasse einen Jungen vorlesen. Einzeln scheinen die überhaupt nicht arbeiten zu wollen, machen wir es eben gemeinsam! Die Aufgabe ist leicht. Sogar ich verstehe spontan, was gefordert ist. Aber fast alle beteuern, so was noch nie gerechnet zu haben, nicht zu verstehen, was das soll, nicht zu wissen, wie das geht und überhaupt schon mal gar keinen Taschenrechner dabei zu haben. Kopfrechnen scheint ja völlig aus der Mode zu sein…

„Können wir Händy?“

Nein! Ich durchschaue die Absicht.
Händy…so weit kommts noch!

Ehrlich gesagt komme ich mir ziemlich hilflos vor. Irgendwie habe ich keine methodisch- didaktischen Kniffe zur Hand wie sonst in meinem Unterricht. Ich fühle mich wie ein blutiger Anfänger, der noch nicht mal die Namen der Gören seiner neuen Klasse kennt.

Mann, das ist ja vielleicht ein Scheißgefühl.

Außerdem sind mir die Kinder ein bisschen unsympathisch. Sie beschimpfen sich mit üblen Ausdrücken, nehmen sich die Sachen weg und benehmen sich wahrscheinlich GANZ genau so, wie sich meine Klasse bei ihnen unbekannten Lehrern benimmt.

Ach!  Wie gerne wäre ich jetzt in meiner Klasse. Da ist es ja  richtig gemütlich dagegen..

Aber meine Schüler  sitzen jetzt  in der Mathevergleichsarbeit und schwitzen über gemeinen Aufgaben, die Armen. Sie tun mir leid.
Auch wenn sie manchmal fies und gemein sind, schlecht lernen, andauernd zu spät kommen und mir meinen letzten Nerv ruinieren…ich finde sie plötzlich tausend mal netter als diese doofe fremde Klasse mit ihrem bescheuerten Matheunterricht.

Auf dem Schulhof treffe ich dann die Meinen. Sie kommen aus der Prüfung und sind fix und foxi. Ich bedaure sie und sie sind ganz dankbar für meinen Zuspruch : „War echt voll schwer, ich schwör“, sagt Necla mit klagender Stimme und lehnt sich an mich. „ Mir ist voll schlecht….“

Hassan plustert sich männlich markant vor mir auf und behauptet: “Gar nicht!  War voll leicht, Frl. Krise!“

Sind die süß!

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19 Antworten zu Schon wieder berappelt…?

  1. Schwester A. schreibt:

    Man weiss erst was man tolles hat, wenn man´s nicht hat!

    „Sind die süß!“ 😀

  2. sockenbergen schreibt:

    Na da lobe ich mir einen gutenVertretungsplan bzw. gutes Konzept: nur Vertretung mit Lehrern, die ie Klassen sowieso betreuen und dann Fachunterricht des gerade in der Klasse seienden Lehrers. SO hat man zwar mal mehr Mathe als Deutsch die Eine Woche, doch meist gleicht es sich im Schuljahr dann doch aus.
    Das fanden wir als Schüler damals sogar toll.

  3. fraufreitag schreibt:

    mein lieblingssatz: Außerdem sind mir die Kinder ein bisschen unsympathisch

  4. Hajo schreibt:

    Mensch, FrlKrise, ist DAS nicht etwas, was den Beruf des Lehrers wieder ergreifenswert sein lässt 😉
    Aber mal etwas Anderes: mit neuen Aufgaben wächst der Menshc doch, oder? 😀

    • frlkrise schreibt:

      Mit diesen Aufgaben nicht. Nicht mit Mathe.

      • Hajo schreibt:

        sehe ich das richtig: Du hast eigentlich keine echten Probleme mit den Kids sondern mit Mathe?
        Kann ja mal vorkommen (und soll bei „Mädels“ gar nicht so selten sein #Klischeemodus AUS#), aber Du bist doch noch jung und lernfähig, oder? 😀
        .. muss ja nicht gleich die Infinitesimalrechnung sein 😉

      • frlkrise schreibt:

        Also: Mit Mathe habe ich Probleme, aber noch mehr Probleme mit der Vermittlung von Mathe . Und das in Verbindung mit mit pubertären Jören, die auch Probleme in Mathe haben ….

      • michael schreibt:

        Mathe-Lehrer, die plötzlich Deutsch (Gedichte interpretieren oder so ein Quark) unterrichten dürfen, sind sicher auch nicht glücklich.

      • michael schreibt:

        Hier eine schöne Aufgabe für Frl.Krise

        As I was going to St Ives
        I met a man with seven wives
        Each wife had seven sacks
        Each sack had seven cats
        Each cat had seven kits
        Kits, cats, sacks, wives
        How many were going to St Ives?

        Schummler können ja bei Wikipedia nachschauen.

  5. Huhnic schreibt:

    Mir ist heute _genau_ dasselbe passiert. Nur mit Erdkunde. Vertretung in einer Klasse, in der ich kaum einen Namen kannte, in der die Jungs meinten, alle 2 min ohne zu fragen aufs Klo rennen zu müssen und mir weis machen wollten, dass sie bei ihrem Klassenlehrer ja auch immer „chillen“ dürften usw usw. Ich zitiere einen Schüler aus meiner Klasse: „Ich hätte in die Ecke kotzen können!“
    Was war ich froh, als ich besagten Schüler und MEINE ganzen anderen Schüler nach der Pause wieder hatte. Da war es fast nicht schlimm, dass einer davon meinte, alles und jeden, was/der nicht bei „3“ auf dem Baum war, anspucken zu müssen…

  6. die Schmith schreibt:

    „Warum haben wir mit Sie?“

    Der Satz ist klasse. 😀 😀 😀

    Ach, Krisi. Deine sind eben doch die Besten. 😉

  7. depechka schreibt:

    Hach. Habe eben diese Seite entdeckt…das ist ja großartig, das ist mein Arbeitsalltag! Naja, oder fast. 😉 bin Diplompädagogin und arbeite mit meiner einen halben Stelle an einer Hauptschule…und ich liebe meinen Job 🙂

    beste Grüße,
    Katharina

  8. Ach, Mathe war auch mein Hassfach, deswegen sind die Ersatzschüler auch so anstrengend gewesen.
    Die hassen nämlich alle Mathe und somit konnten sie per default, auch nicht nett zu Ihnen seine, liebe Fr. Krise.

  9. Ich hab ja regelmäßig folgenden Alptraum: Ich stehe kurz vorm Uniabschluss und eine Woche vorher sagt meine Lektorin, ich müsse noch ein Modul Algebra machen (Germanistik studium). Dann wache ich Schweiß gebadet auf. Es gibt nichts schlimmeres als Mathe.

  10. Frau-Irgendwas-ist-immer schreibt:

    Ich habe im Moment das Vergnügen jeden Wochentag 2 Bushaltestellen lang in Neukölln mit Schulteenies Bus zu fahren …. das sind bestimmt die Ihren Frl. Krise.
    Küsschen hier, Küsschen da, dabei, logisch, telefonieren oder SMSen, laut plappern in deutsch-türkischem Kauderweslch …. dann aber wird jeder Kinderwagen respektiert und es wird, ja auch von saucoolen Jungs, geholfen; ältern Mitbürgern der Sitzplatz überlassen und immer alle (laut) fröhlich.
    Wenn ‚die Bande‘ aussteigt ist es urplötzlich sooo leise im Bus. Und nein, natürlich gehen die von der Haltestelle nicht sofort auf den Schulhof, an der Haltestelle stehn ja schon alle und erwarten die Weitgereisten … Küsschen hier, Küsschen da ….
    Liebe Grüße quer durch die Stadt!

    • frlkrise schreibt:

      „laut fröhlich!“ Sehr schön unschrieben…..allerdings, wenn man das stundenlang um die Ohren hat, dann lässt die eigene Fröhlichkeit manchmal rapide nach….

  11. Monika schreibt:

    Durch Umgang mit Kindern gesundet die Seele.
    (Fjodor M. Dostojewski)

    … auch wenn sie einem manchmal den letzten Nerv rauben 😉

    Weiterhin viel Spaß mit Ihren Teens …

  12. welt2 schreibt:

    Der Muttivirus! Wußte ich doch, das ich den bestimmt nicht als einziger entdeckt habe. Von uns werden auch immer sog. Muttivationsgespräche erwartet. Die Idee dahinter ist: Sprich beständig auf Dein Opfer ein, so lange bis es nicht mehr genügend Widerstand aufbringt und tut was Du sagst.
    Hat natürlich rein gar nix mit Motiven zu tun. Am liebsten sind mir die JugendamtsmitarbeiterInnen, die einem ohne ausführliche Vorabinformation einen seit 2 Jahre die Schule verweigernden, aufbrausenden, wilden Drogenmixe konsumierenden jungen Mann an die Hand geben und sich nach 2 Wochen wundern, warum er immer noch nicht zielstrebig auf dem Weg zum Abitur ist.
    Das krieg ich gleich einen muttiviralen Infekt, aber was für einen!

  13. hmmmmpf schreibt:

    Jaja, Mathe. Ich glaube kaum, dass ein Mathe-Lehrer umgekehrt so viele Schwierigkeiten hat Deutsch zu unterrichten. Woran liegt das eigentlich? Warum rühmen sich sogar Lehrer damit schlecht in Mathe zu sein? Das ist mir in meiner Schulzeit auch schon aufgefallen. Scheint ja irgendwie cool zu sein. Oder ist es doch ein Fall von kognitiver Dissonanz? 🙂

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