Ein bisschen Ernst des Lebens!

„Ich hab mich voll schnell beeilt!“ schnauft Ömür und schmeißt sich auf seinen Stuhl.
Da tut er auch gut daran, denn heute schreiben wir die Vergleichsarbeit!
„Wer zu spät kommt, darf nicht mitschreiben und bekommt eine Sechs!“ habe ich gestern verkündet und gedacht: HUH! Jetzt haben die aber alle Angst!
Aber tatsächlich! A l l e  sind da und alle sind pünktlich. Ich bin tief beeindruckt. Das hatten wir noch NIE! Nur Azize fehlt, die ist aber wirklich krank und muss nachschreiben.
Die Tische stehen einzeln, auf jedem Tisch liegt ein Duden und die Fenster sind weit geöffnet. Noch scheint die Sonne herein….
Alle suchen sich einen Platz und installieren sich. Colaflasche hinstellen, Schoki auspacken, ins Brot beißen, Jacke über den Stuhl hängen…
Die Stimmung ist knisternd, so kurz vor dem Startschuss…

„Bitte alle Händys abgeben!“ rufe ich da betont beiläufig in die Runde.
Das schlägt ein wie eine Bombe!

Schockstarre!

18 Augenpaare sind auf mich genagelt…
„Händys abgeben?“ „Warum das?“ „Niemals!“

„Tut mir leid, ist Vorschrift,“ sage ich sehr offizell und deute auf eine große flache Ablage auf dem Pult.
„Hier bitte reinlegen, die Händys!“

Händy abgeben, meine Kinderchen müssen sich erst mal an diesen ungeheuerlichen Gedanken gewöhnen…Händy abgeben…das geht gar nicht…das ist …wie…wie… wie nackig ausziehen …wie Nabelschnur durchschneiden zu allem, was das Leben ausmacht…!

Sehr zögernd kommen sie nach vorne und legen ihre Händys fein nebeneinander in die Ablage. Aus Solidarität lege ich meins dazu. Natürlich hat es keinen Touchscreen, leider, und ich blicke neidisch auf die Händys meiner armen Schüler, die sich keine Schulbücher kaufen können und wenn man die Händys sieht, weiß man auch, warum.
„Voll alt“, sagt Hassan und zeigt auf mein bescheidenes kleines zweijähriges Händy.
„Voll die Telefonzelle, mit so was geh ich kämpfen…nein…Spaaaaaß, Frl. Krise!“
Nun drängeln sich alle ums Pult. Die Händys werden begutachtet und verglichen, man kennt sie zwar, aber so nett nebeneinander sieht man sie schließlich nicht jeden Tag.
„Welches ist das schönste, Frl. Krise?“ fragt Hanna und ich zeige auf ein rosafarbenes Teil. „Meins!“ ruft Hanna erfreut. „das wussten Sie , oder?“
„Niemals“, lüge ich.

Die Vergleichsarbeit?
Ist gerade aus den Köpfen entschwunden…! Fröhlich und stolz begutachten sie ihre Schätze, irgendwie süß! Mal wieder ganz im Hier und Jetzt…..!
„Ganz schön teuer, alle zusammen!“ stellt Fuat fest.
„Schluss jetzt,“ rufe ich und klatsche in die Hände, „Leute, wir müssen anfangen, bitte alle hinsetzen!“ und sie trotten – wie aus einem schönen Traum erwacht –  auf ihre Plätze.
Die Tür geht auf und Karl guckt herein. Er erhebt die Hände und zeigt an, dass er allen die Daumen drückt.
„Voll süß!“ sagt Gamze gerührt.

Dann geht’s los.
100 Minuten. Ganz still und konzentriert wird gearbeitet. Die Arbeit ist leicht,
und wenn sie schwer wäre, wäre es auch egal, weil es nur ein Problauf ist.
Erst im nächsten Jahr wird diese Arbeit für die 9. Klassen bedeutsam werden. Diesmal gilt die Arbeit nur soviel wie eine Klassenarbeit. Aber daran denkt ( außer Erkan, der nicht alles ausfülltzu mühsam!), anscheinend niemand.

Aynur gibt als erste und Emre als letzter ab.

Hinterher sind alle aufgekratzt und überdreht. Sie haben jetzt  FREIFREIFREI und ziehen fröhlich von dannen. Chillen und shoppen, das hat man sich wohl verdient!

Nächstes Jahr um diese Zeit…
Ich seufze und gehe langsam die Treppe runter zum Lehrerzimmer.

Nächstes Jahr um diese Zeit wird es dann wirklich ernst!

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22 Antworten zu Ein bisschen Ernst des Lebens!

  1. Fritz schreibt:

    Alte Handys sind toll. Meines ist nunmehr 6 Jahre alt. Nokia Handys (zumindest die älteren Modelle) sind wohl für die (halbe) Ewigkeit gemacht 😀

  2. Olaf schreibt:

    Oyoyoy – 100 Minuten Arbeit schreiben ohne Handy. Das ist hart.
    Ich vermute, daß im Zeitalter der Flettreht Dauerverbindungen mit Hädsett befürchtet werden. So eine Art Lexikon- oder Dudenfunk ?
    Wie haben wir das damals eigentlich noch gemacht (in den Sechzigern und Siebzigern) ? Ich weiß das schon gar nicht mehr so ganz genau (eine Meisterleistung weiß ich aber noch). Der Mist war damals jedenfalls, daß ich das, was ich auf einen Schummelzettel geschrieben hatte, dann nicht mehr brauchte, weil ich es danach wußte. Meistens war dann sowieso anderes in den Aufgabenstellungen gefragt.
    Übrigens: So langsam bekommen im Laufe der Zeit Ihre Schüler für mich (natürlich von mir selbst imaginiert) Gesicht bzw. Gestalt. Eigenartig, es gefällt mir. Das liegt vermutlich an Ihnen. Mal wieder ein Danke an Sie für die allabendliche Lektüre.
    Noch etwas: Kann man bei Ihnen auch (Pixel-)Patenschaften übernehmen ?
    Und gibt es eigentlich noch Schülerstreiche ?
    Ach ja – die Schule… Noch einen Schluck Bowle. 😉

    • frlkrise schreibt:

      Schülerstreiche? Was das? (Nur einen habe ich bisher beschreiben können: der „bewusstlose“ Emre am 1.April….)
      Pixelpatenschaften….für wen z. B.?

      • krizzydings schreibt:

        …am besten einfach klassenfoto reinstellen haha ;)…nee aber wieso fällt mir jetzt verdammt nochmal nicht ein wo ich im fernsehen DEN perfekten ömür gesehen habe?! …

      • Olaf schreibt:

        Schülerstreich war bei uns z. B., wenn nach Silvester im Tafelschrank hinter dem Lehrer ein zigarettenglimmgezündeter Böller hochgeht, die Klassentür ausgehängt angelehnt steht und Lehrer sie beim Hereinkommen umschmeißt oder auf der (Klapp-)Tafeloberkante ein Plastikbecher mit Wasser steht, der beim Aufklappen dann runterfällt… Und dergleichen (wir waren eine reine Jungenschule, von daher vielleicht etwas ruppig im Vergleich).
        Na ja – und „Pixelpatenschaft“ war vorhin eher so eine flachsige Schnapsidee, die wir hier so neben „Fanclub“ hatten (wir dachten da an Ömür, wegen Frau Merkel). 😉
        Geht ja sowieso nicht, ich wüßte jedenfalls nicht wie.

  3. RogueEconomist schreibt:

    Und, wird ihnen bei der Korrektur Angst und Bange beim Gedanken an nächstes Jahr? Nur mal so nebenbei gefragt, was passiert denn wenn die Klasse im Rahmen der „echten“ Vergleichsarbeit im nächsten Jahr bspw. extrem schlecht abgeschneidet?

    • frlkrise schreibt:

      Nächstes Jahr gibt es keine Vergleichsarbeit. In der 10. Klasse gibt es die Prüfung für den mittleren Bildungsabschluss (früher Realschulabschluss) und den wird keiner aus meiner Klasse bestehen….und da passiert sonst nix, außer dass all die Illusionen meiner Schüler zerplatzen werden wie Seifenblasen…..

      • michathecook schreibt:

        das ist aber schon frustrierend wenn man das schon ein jahr im vorraus so sicher weiss, oder ? selbst glaube und hoffnung helfen da nicht mehr ?

      • frlkrise schreibt:

        Glaube und Hoffnung sterben zuletzt, auch bei den Schülern. ARBEITEN müssten die jetzt! Daran fehlts!

  4. Sebastian Krämer schreibt:

    Bei meinem 7 Jahre alten Ungetüm fragen die Kids immer ganz ehrfürchtig, ob man damit a u c h telefonieren könne …

    Aber Vergleichsarbeiten und das Abschneiden bei denselben ist doch eigentlich eher für die Schule als für die Schüler von Bedeutung, oder?

    • frlkrise schreibt:

      Nein, bei dieser Arbeit wird es demnächst darum gehen, ob man den einfachen Hauptschulabschluss bekommt, der bisher mit der Versetzung in die 10. Klasse erworben wurde.

      • Sebastian Krämer schreibt:

        Ich ziehe meine unsinnige Frage zurück .-)

        War ja eigentlich klar herauszulesen, dass es sich nicht um Vergleichsarbeiten des anonymisierten Typs handelt …

  5. die Schmith schreibt:

    Halten deine Schüler überhaupt so lange durch? Kann mir das grad gar nicht vorstellen, dass das bei denen klappt.

  6. Debby schreibt:

    Sorry für die Frage, aber was haben die geschrieben? Und warum haben die nach den 100 Minuten frei?

    Welches Bundesland war das noch mal?

    Irgendwie komm ich mit den Schulsystemen gar nicht mehr mit….

    • frlkrise schreibt:

      Ich auch nicht…*seufz.
      Und das mit dem hinterher frei war eine mördermäßige Ausnahme wegen der vielen anderen wirklichen Prüfungen, die gleichzeitig liefen und die den Schulbetrieb völlig durcheinander bringen. Wir kriegen sonst nie frei, nicht mal wenn alle anderen Länder Feiertage haben!

  7. nixverstehn schreibt:

    Ich habe jetzt noch mehr Respekt vor Ihnen, weil sie ein Handy haben, mit dem andere Leute „kämpfen gehen“ – buahahahahahaaaa ist das diskriminierend und trotzdem lustig!!!

  8. sockenbergen schreibt:

    Hach ja, die Prüfungszeit ist angebrochen.
    Schade, dass Ihre Klasse keine Chance auf den Mittleren Bildungsabschluss hat. Würde doch Ihre Arbeit noch etwas mehr loben.
    Aber schön, wenn sie alle überhaupt einen Abschluss bekommen, wie viele gehen heute ohne Abschluss nach dem 1. Bildungsweg? Zu viele.
    Wie viele werden wohl eine Ausbildungsstelle ergattern können?
    Und wie viele gelten dann als nicht ausbildungsfähig?

  9. croco schreibt:

    ………………..ich blicke neidisch auf die Händys meiner armen Schüler, die sich keine Schulbücher kaufen können und wenn man die Händys sieht, weiß man auch, warum….

    Das sage ich mir auch immer.
    I-phones, wohin man schaut.
    Damit kann man wunderbar Unterrichtsunterlagen fotographieren.
    Bei der Arbeit muss man nur noch scrollen und zoomen.
    Das geht wunderbar mit einem Daumen unter der Bank.
    Und wenn der Lehrer einen erwischt, musste man nur nach der Uhrzeit gucken,
    oder man hat mit dem Händy gerechnet, weil der Taschenrechner zu Hause…blablablaaa…..
    Nimmt der Lehrer dann das Gerät mit zum Lehererzimmer, so sieht man danach, wie Rumpelstilzchen getanzt haben muss.

  10. schloertenaehtwas schreibt:

    „…ich blicke neidisch auf die Händys meiner armen Schüler, die sich keine Schulbücher kaufen können und wenn man die Händys sieht, weiß man auch, warum.“

    Ja, so ist das. Da fehlen mir die Worte…

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