Zwischen Kinderlied und Knast….

Unsere Ghetto-Kids! Nein, natürlich sind sie keine, aber sie tun gerne so. Dazu gehört, dass man sich in aller Freundschaft wahlweise die „Missgeburt“ (ein Wort, das in meiner Klasse gerade ein unerwartetes Revival erlebt), die „Hässlichkeit“ oder den „Hurensohn“ an den Kopf wirft, behauptet, auf der Straße aufgewachsen zu sein und zu Hause ein kleines Waffenlager sein eigen nennt.

Na, heute zeigten sie sich im Kunstunterricht jedenfalls mal von einer etwas anderen Seite….

Ich thronte am Pult und benotete alle möglichen Bilder und meine Schäfchen arbeiteten sich verbissen durch eine herrliche Aufgabe.
Alle also schwerst beschäftigt! Sogar Erkan, der sich gerade in Sport einen schriftlichen Tadel zugezogen hatte („ Voll gemein! Vallah! An meinem Geburtstag!!!)“.
Nur Emre schwächelte ein bisschen, er lag halb auf dem Tisch, denn er hatte sich in der Pause „überbrochen“ – nach dem Genuss eines k a l t e n Döners. ( Ömür: „Frl. Krise, meinen Sie, der war mit Samonellen? Oder heißt das Sardellen? Wie heißt das nochmal?“)

Ein bisschen Musik war auch dabei und so es war eigentlich mehr als überflüssig, dass Necla wieder ihr zartes Stimmchen erhob, um ausgerechnet gegen Tarkan (Nesrin: „Tarkan ist voll süüüüüß!“) anzusingen.
Und was sie sang!
„Ein Mops lief in die Küche“ „Drei Chinesen mit ’nem Contrabass“, „Der Kuckuck und der Esel“, „Häschen in der Grube“, und noch viele andere schöne alte Weisen aus dem deutschen Kindergarten- bzw. Grundschul-Liedgut.
Zuerst flehten wir noch um Gnade, wünschten uns, dass sie aufhören möge, aber langsam, langsam, sangen schon die ersten mit und auch ich erwischte mich, wie ich vergnügt „Dri Chinisin“ vor mich hinbrummte, ohne zu bedenken, dass wir ja einen solchen in der Klasse haben. Sam nahms mit asiatischer Gelassenheit.
Einige Jungen fielen in den Chor ein, wurden gleich aber von Necla rüde abgekanzelt:
“Wir ihr singt, ihr Spasten! Leise und ruhig singt man so Lieder!“
„Kennst du die Lieder noch aus der Grundschule?“ fragte ich törichterweise, denn woher sollte sie sie denn sonst kennen…. Die türkische Oma wird sie ihr nicht vorgesungen haben…
„Ich sing die immer meiner kleinen Schwester vor,“ sagte Necla.
„Kennst du denn auch türkische Kinderlieder?“
„Nö!“ sagte Neccla und Gamze meinte: „Das gibt’s nicht in Türkisch“
Aber auf einmal fielen ihnen doch drei oder vier türkische Lieder ein und unter vereinten Kräften wurden selbige reanimiert und gesungen.
Dazu malten sie übrigens ein Bild nach den japanischen Flowers von Takashi Murakami.
Ich glaube, ich vergaß wohl bisher zu erwähnen, dass ich an einer internationalen Schule unterrichte…voll elitär.
Dann gings englisch weiter. Die Ausbeute war zwar gering („Old Mcdonald had a farm“ und „Twinkle, twinkle little star“) aber dafür gabs noch das französische „Frère Jacque.“
Ganz zum Schluss kam, na, was wohl?
Der Jahreszeit nicht ganz entsprechend, aber in unseren charts ganz oben: „In der Weihnachtsbäckerei…“!!!! Sehr gemütlich…..

Ach…..! Dass einer von unseren Jungs zur Zeit für ein paar Tage im Jugendarrest sitzt, weiß zum Glück außer mir noch keiner…vallah!

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35 Antworten zu Zwischen Kinderlied und Knast….

  1. *DievonneGrundschull* schreibt:

    Man könnte fast meinen, dass sei eine verkehrte Welt!
    Ich musste mich heute mit einem SIEBENJÄHRIGEN rumschlagen, der
    die ganze Zeit Wörter wie Fot**** Fi*** und allerlei Kram herumbrüllte &
    beim anschließenden Sozialgespräch tatsächlich sagte, er würde die ganze Sache
    mit dem Sex gerne mal ausprobieren, damit er wisse wovon er redet…..
    Wochenende sei Dank – bis Montag ist mir was pädagogisch wertvolles
    dazu eingefallen 🙂

    • Der Referendar schreibt:

      Ich wurde während einer Hospitation an einer Grundschule von einem 9-jährigen gefragt, ob ich denn Sex habe…und ansonsten hat er immer mal wieder was von Slipeinlagen eingeworfen. Ich war ein wenig perplex. Irgendwas läuft da falsch *verzweifel* …

    • ll schreibt:

      Ach, ich wollte in dem Alter dann auch irgendwann wissen wie das mit dem Sex sich denn nun anfühlt… habe es dann mal mit einem guten Freund und seiner Schwester ausprobiert. Fand es einfach nur langweilig und hab mir wieder andere Spiele gesucht, das Thema hat ziemlich an Attraktivität verloren.

      Von dem her hat der Kleine vielleicht schon den richtigen Ansatz (auch wenn er bestimmt dringend ein paar andere Rollenbilder braucht, das klingt ja ganz schön aggressiv!)

    • Barkai schreibt:

      Mitschülerin von mir hat ihr Schulpraktikum vor geraumer Zeit (7 oder 8 Jahre) in einem Kindergarten in einem Dorf gemacht und wurde dort als 17-Jährige Opfer eines Kindergartenkindes, das ihr einen Klaps auf den Hintern erteilte mit den Worten „ey, du geile Sau!“ oder „du bist eine geile Sau!“ (So genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern).

  2. Daniela schreibt:

    Jepp, die Weihnachtsbäckerei ist nicht totzukriegen und immer wieder gerne auch von unseren 10.Klässlern angestimmt. Ganz beliebt auch noch „Dicke, rote Kerzen“ – kennen Ihre Schüler das auch?

    • frlkrise schreibt:

      Hab ich ja noch NIE gehört!

      • Olaf schreibt:

        Hier ein Versuch zur Hilfe, wobei ich nicht weiß, ob es tatsächlich dieses Lied sein soll:

      • frlkrise schreibt:

        Oha! Das nenne ich SERVICE! Merci vielmals….und das Lied ist mir KOMPLETT unbekannt!

      • Daniela schreibt:

        Ja, es ist das von Olaf. Ich musste es damals auch mal mit Blockflöte begleiten, damit dieser „Chor“ den Ton nicht verlor. Mich gruselt es immer noch, wenn ich dran denke. Die Weihnachtsfeier fand in einem umgeräumten Gewächshaus statt.

  3. michathecook schreibt:

    Na sehen sie Musik, Kunst und Kultur in einem. Das ist mehr als jede internationale Schule je zu bieten haben wird.
    So kann man doch froehlich singend und pfeifend ins Wochenende gehen, oder nicht ?
    Ein erholsames wuensche ich aus der Ferne

  4. Mrs. Porcelain schreibt:

    von der Weihnachtsbäckerei in den Knast vallah frl. krise krasse sache… aber drä chänäsen mät däm känträbäss, säßen äff de sträße änd ärzähltän säch wäs… dä käm dä päläzäi jä wäs äs dän däss…. und bums da schließt dich der kreis… und die bullen sind da!

  5. Frau Buntstift schreibt:

    Jetzt war’s mal grad so üdüllisch mit dem Tannenzweigenduft – da reißen Sie uns wieder in die raue Wirklichkeit – mit dem Jugendarrest!

    Meine 7. Kunstklasse bat mich doch heute Herzen für *MAMI* malen zu dürfen!
    Durfte sie.

    Wochenendgruß!
    Frau B.

  6. die Schmith schreibt:

    Hab ich doch glatt „Waffellager“ gelesen…

  7. fraufreitag schreibt:

    musik, kunst – fächerübergreifend halt. wer macht das nicht?
    woher haben Sie eigentlich diese idee mit den blumen?

  8. Confused schreibt:

    Unglaublich, genau dieses Gespräch hatte ich heute auch mit Teilnehmern!!
    Die sangen in der Pause lustig alte Kinderlieder und als ich frage, woher sie die kennen würden, meinten sie:
    „ich hab doch voll viele Neffen und Nichten und die lernen die im Kindergarten!“

    Ich fand es süüüüß, war mal was anderes als bereits erwähnte Ghettomusik aus dem Handy. 😉

  9. tonari schreibt:

    Voll das Bildungsbloggen hier. Bis vor 2 Minuten hielt ich Murakami für einen genialen Literaten 😉 Allerdings heißt meiner Haruki 😆
    Zum Singsang: Ich denke, es hätte härter kommen können. So Ärzte-Titel, und so 🙄

    • frlkrise schreibt:

      Ärzte? Das finden meine Schöler voll blöd, das gefällt bloß mir!

      • Annika schreibt:

        Ach was, „Männer sind Schweine“ ist doch immer wieder ein hit 😄 Wahlweise „Schrei nach Liebe“, da dürfen die Sänger laut und guten Gewissens im Refreng „Arschloch!“ brüllen … die Jugend kennt solche Titel nur leider nicht mehr.

      • Hajo schreibt:

        jetzt weiss ich’s (Du hast Dich verraten):
        FrlKrise ist in Wahrheit Prof. Schnautz und entstammt einem „Gesöff“ der kalten Jahreszeit 😉
        Sorry liebe FrlKrise, aber DAS lag zu nahe 😀
        Liebe Grüße (nach dem dritten Schoppen Südtiroler Rotem)
        Hajo

      • Debby schreibt:

        „Schrei nach Liebe“ is doch von den Hosen oder nicht???!!?!?

        Frl. Krise, stimmen Sie doch mal „Biene Maja“ oder „Löwenzahn“ an…. dann bleiben Ihnen zumindest die Weihnachtslieder erspart … 😉

  10. michael schreibt:

    >FrlKrise ist in Wahrheit Prof. Schnautz und entstammt einem „Gesöff“ der kalten Jahreszeit

    Wat ? Ich dachte immer: Frl Krise = Frau Mahlzahn .

  11. michael schreibt:

    > „Häschen in der Grube“

    wobei mir einfällt:

    Hasenfuat der Bösewicht konnte heut sein Verschen nicht.
    hat gepfiffen und geschwätzt, Hasennesrins Friur zerfetzt,
    eine neue Bank zerkracht, und dazu noch laut gelacht.
    In den Karzer muss er nun. Hei, da kann er Buße tun.

    Naja, Häschenschule halt.

    • frlkrise schreibt:

      Hasenfuat hat heute nur vor sich hin geduselt…. *gähn und kein Pieps gesagt. Auch nicht schön…

      • michael schreibt:

        Die Häschen muss man mit Karotten bei Laine halten, oder Salat.

      • michael schreibt:

        Nun, wenn der Arrestsitzer einer von den hier häufiger erwähnten Jungs ist, würd ich mal auf Hassan tippen. Alle anderen fanden ja bereits Erwähnung.

      • frlkrise schreibt:

        Hassan – no! Es ist einer, der deshalb so wenig Erwähnung findet, weil er kaum anwesend war. (Einmal kam er erst vor, wenn ich mich nicht täusche!)

  12. renosch schreibt:

    Hallo Frl. Krise!

    Wie benotet man eigentlich Kunstarbeiten? Ich bin nun mal nicht sonderlich begabt, hatte dann aber im Kunstunterricht zwei – aus meiner Sicht – ganz gute Arbeiten abgeliefert. Dennoch war es jedesmal nur eine 3.

    Ich meine, nicht jeder ist ein Picasso oder Mondrian. Und welche Note würde ein Schüler bekommen, der ein solches Bild oder so eines abliefern würde?

    Welche Kriterien werden hier angelegt? Ich fand mich damals zumindest unfair behandelt. Aus meiner Sicht, war das Bild gut (ich wollte ja jetzt keine 1 haben, schließlich war ich kein Leonardo da Vinci). Aber was ist richtig und was falsch? Was ist in der Leistung sehr gut und was schlecht?

    mit feundlichen Grüßen

    • frlkrise schreibt:

      Lieber renosch, das Benoten hängt auch immer davon ab, was man vorher für Kriterien abgesprochen habt! Wenn ich z. B. ein Bild in zarten Pastelltönen und weichen Formen haben will (warum auch immer…), da kann natürlich kein Bild mit aggressiven Farben und Formen punpten, obwohl es vielleicht viel genialer ist….
      So allgemein kann ich deine Frage nicht beantworten, selbst wenn ich die Bilder sehen würde.

  13. renosch schreibt:

    Oh, Jugendarrest! Ich habe als Schöffe schon einige Kandidaten erlebt, die nach diesem geläutert waren. Als nächstes droht nämlich nicht nur der Arrest, sondern der Knast!

    Das Problem ist oftmals, dass zwischen Tat und Gerichtsverfahren über ein Jahr vergehen kann. Die Sache mit der Strafe, die auf den Fuße folgt, ist dann nicht (mehr) so wirksam.

  14. Frau Lehmann schreibt:

    Oh wie schön!!!
    Und es kommt mir so seltsam bekannt vor. Während meiner Zeit im Jugendentzug war „In der Weihnachtsbäckerei“ auch ein Evergreen.
    Ich finde es so rührend, wenn die KINDER aus den „harten“ Jungs und Mädchen ausbrechen 😉

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