Wahrnehmungsverschiebungen?

Theaterprobe…ich wusste gar nicht, was mir alles in den Ferien gefehlt hat….

Wir sollen unser Theaterstück  nun doch noch mal Mitte Mai aufführen.
Ich fände das ja ganz schön…Applaus tut gut! Andererseits erinnert sich keiner mehr an den Text… die Hauptdarstellerin ist momentan abgetaucht, ihr jugendlicher Liebhaber trägt seit ein paar Tagen eine fest verankerte Zahnspange, die seiner ohnehin leicht nuscheligen Aussprache nicht gerade dienlich ist und Freddy, der wegen allerlei familiärer Probleme bisher fast nur durch Abwesenheit glänzte, scheint in diesem Kurs mehr als fehl am Platze zu sein. ..
Wir sitzen im Kreis und beraten, d.h. ICH würde mich gerne mit meinen Schauspielern beraten, aber die haben andere Sorgen…
Aynur hat so eine komische Wölbung unter ihrem T-Shirt! Die zieht die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Madame ist aufgedreht wie immer und lacht und gackert und redet mit jedem, nur nicht zum Thema. Die anderen versuchen herauszubekommen, was das da unter dem Shirt ist…
Die Auführung? Wen interessierts?
Mehmet, der neben mir sitzt, tippt auf meine Fingernägel und sagt: „Frl. Krise, sie haben die Nägel lackiert!“, so als ob ich das noch nicht gemerkt hätte. Er will auch ein bisschen Beachtung, aber ich kann darauf  keine Rücksicht nehmen, denn jetzt stecken gerade mehrere Zehnklässler ihre Köpfe zur Tür herein und suchen den Musikkollegen. Natürlich müssen sie sich noch ein bisschen mit meinen Schülern unterhalten, was so klingt:
„Aynur, du Missgeburt, warte mich nach Mittagspause!“
„Halts Maul, du Spast!“
„Frl. Krise, sie sagt mir SPAST!“
„Und er hat mir MISSGEBURT gesagt!“
Ich springe auf und schlage die Fremdlinge in die Flucht. Kaum sitze ich, sagt Mehmet: „Frl. Krise, haben Sie schlechte Laune?“
„Nein!“ brülle ich ihn an. Mehmet zuckt zusammen.
„Darf man nicht mal fragen?!“  sagt er und ist beleidigt. Zu Recht, aber mir geht das hier tierisch auf den Nerv.

„So kommt man doch nicht weiter, was ist nun? Spielen wir noch mal oder nicht?“ frage ich, aber niemand hört mir zu, weil Aynur gerade eine gefüllte Wärmeflasche aus ihrem Oberteil hervor zaubert. Alle schreien auf.
Ich fasse die Flasche an. Sie ist kalt.
“Ich hab sie ja auch schon seit der zweiten Stunde!“ verteidigt sich Aynur, „ich hatte voll Bauchschmerzen, sie wissen schon…, weil….!“
„Ich verstehe, du musst dir auf diesem Wege Aufmerksamkeit verschaffen, SONST kriegst du ja auch keine,“ sage ich erbittert, denn wenn sich eine stets und ständig in den Vordergrund drängelt, dann ist das Aynur.
„Bring das unnütze Ding sofort zu Sabine!“ Sabine ist eine unserer Erzieherinnen.
Aynur steht lahm auf und verschwindet.
Alle schreien hysterisch auf!
Ein Schauer prasselt plötzlich gegen die Scheiben! Es ist auf einen Schlag dunkel geworden und es rauscht bedenklich. Bis auf Mehmet und mich stürzt die ganze Bagage ans Fenster.
„HimmelHerrgottnochmal! Habt ihr denn noch nie Regen gesehen….!!!“ Weiter komme ich nicht. Jetzt hagelt es, als ob die Welt untergehen wollte.

Ich bequeme mich also auch zum Fenster. Draußen versucht ein Sportlehrer hektisch irgendwelche Bälle und Seile in Sicherheit zu bringe, während seine Schäfchen sich halbwegs geschützt unter einen dicken Baum scharen. Gut, dass wir drinnen sind!

Warum Theaterspielen?
Wetterbeobachtung ist auch ganz schön.
Da kommt Aynur wieder reingedonnert, verregnet und die Wärmeflasche immer noch in der Hand.
„Vallah, ich konnte nicht Sabine gehen,“ sagt sie triumphierend, „es regnet draußen voll und es hagelt. Ich bin voll nass von unterwegs. Haben Sie Bürste, Frl.Krise?“
„Ich haben ein Hagel gefangen“, jauchzt Nesrin, die inzwischen ein kleines Fenster aufgerissen hat.

So…Schluss.

Ich setze mich in den Kreis zurück.
Wetterbeobachtung statt Theater !
Warum eigentlich nicht…. So eine Art Naturtheater sozusagen…!Jetzt rumbrüllen nützt gar nichts. Nur die Ruhe! La rue, die Ruhe!
Oder wie sagt Frau Freitag NEUERDINGS immer: engagierte Gelassenheit…!
Ich versuche auf Bauchatmung umzuschalten…

Da  kommen alle in den Kreis zurück getrottet und setzten sich erstaunlich friedlich hin.
Kleine Naturkatastrophen scheinen ja einen beruhigenden Einfluss auszuüben, denke ich und nehme mir vor, nach meiner Frühpensionierung, die wahrscheinlich unmittelbar bevorsteht – jedenfalls garantiert noch VOR den Sommerferien- darüber  zu forschen und meinen Doktor in Pädagogischer Wetterbeobachtung  zu machen. Natürlich in Korrelation zur pubertären Psyche…

„Was ist?“ sagt Mehmet. „Fangen wir nicht bald an?“
Vierzehn Augenpaare sehen mich erwartungsvoll an.
„Ja!! Was machen wir denn eigentlich heute?“ Aynur schiebt die Wärmeflasche unter ihren Stuhl und legt ihre Jacke darüber.

Ich muss lachen…

„Ok!“sage ich. „Fangen wir an. Und Entschuldigung, dass ich euch habe warten lassen!“

„Ach, Frl. Krise, das macht doch nichts!“ sagt Nesrin generös und klopft mir tröstlich auf den Rücken.

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15 Antworten zu Wahrnehmungsverschiebungen?

  1. Ich habe auch mal Hagel gefangen…..brauch jetzt Bürste und dann eine Kaltflasche wegen…naja, Du weißt schon….

  2. chefarbeiter schreibt:

    Aaaaach, Frl. Krise, das nächste Mal rennste dann nach der Frage „Was machen wir heute?“ zum Fenster und schreist, wie geil das Wetter ist 😉

  3. Frau Reiter schreibt:

    Pädadogische Wetterbeobachtung! Da melde ich mich doch gleich mal für einen Studienplatz. Gibts denn auch einem NC und muss man Studiengebühren zahlen?

  4. Der Referendar schreibt:

    Ich glaube, ich bin noch zu lieb… ich hätte Aynur nie die Wärmflasche wegbringen lassen. Zumal ich sie bei den aktuellen Temperaturen darum ein wenig beneide. Ist ja wirklich arg kalt geworden wieder (Eisheilige?) …und dann noch “ ’sie wissen schon…, weil….!‘ “
    Aber in meinem Dorfgymnasium ist es eh nicht so spannend, wie bei Ihnen 🙂 Mein Schülerklientel ist (leider?) nicht so divers.

  5. puzzle schreibt:

    Ist „engagierte Gelassenheit“ die Weiterentwicklung von „aktivem Zuhören“? Und wenn ja: in welche Richtung – hin oder weg?

  6. Mrs. Porcelain schreibt:

    Einfach herrlich! Aber ein Doktor in Pädagogischer Wetterbeobachtung klingt wirklich sehr verlockend!! und Applaus tut gut, auch ohne Theater, selbst wenn es nur der Hagel ist, der applaudiert… und dazu beruhigend auf die Schüler wirkt!

    aber warum soll jetzt eigentlich das erfolgreiche Stück in einer Neuauflage aufgeführt werden?

  7. michathecook schreibt:

    Hach, die taegliche Dosis Frl.Krise gefaellt mir so richtig gut. Wie oft lese ich ueber Reaktionen und Aussagen die so oder so aehnlich auch von mir schon gesagt oder angedacht waren.
    Und lernen kann man nebenbei auch noch was ….So soll es sein.

  8. die Schmith schreibt:

    Lass sie doch improvisieren. Streu vorher ein paar Gerüchte und lass sie sich auf der Bühne in die Haare kriegen. Is dann voll echt und alle sind ob des schauspielerischen Talents voll beeindruckt und du klärst hinterher auf. Also bei deinen Schauspielern.

    Na, ist das mal ne Idee?

  9. Ich gestehe ich liebe Frau Krise, weil sie diese Gören freiwillig aushält!!!

  10. Spielkind schreibt:

    Frl. Krise, sie sind meine lieblings Arbeitsablenkung 🙂
    Das braucht es kein Unwetter vor dem Fenster um vom Thema abzulenken (was wohl mein Chef dazu sagen würde…)

  11. blubberball schreibt:

    Theaterprobe mit Grundschülern ist ja nicht ganz so aufregend liebes Frl. Krise, aber beim Lesen macht ihre Theaterprobe wesentlich mehr Spass 🙂

  12. meineperspektive schreibt:

    Je mehr ich hier lese, umso mehr kann ich meine Mutter – die war ihrerseits natürlich Lehrerein – absolut verstehen.

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