Erste Annäherung…

Ach…! So ein erster Schultag nach den Ferien… schönschrecklich irgendwie!

Schrecklich, weil die Gehirne ( besonders meins)  bloß  im Stand-by–Modus funktionieren und schön, weil alle noch so entspannt und friedlich sind.
Jedenfalls in unserer Klasse.

Ich werde VOLL freundlich begrüßt (Nesrin nennt mich Schnucki) und erst einmal gründlich durchgecheckt – wie üblich natürlich in der 3. Person Einzahl:
„Hu, sie ist voll chic!“ (Nesrin)
„Sie hat neue Jacke, vallah, voll schöne Farbe!“
„Sie hat Haare gefärbt!“ (Hassan, stimmt nicht!!)
„Sie sieht voll müde aus!“ (Musti, stimmt!)

Dann werden drängende Fragen gestellt:
„Warum waren Sie nie facebook, Frl. Krise?“
„Waren Sie Hotel?“
„Haben Sie Kuss gesehen? Kuss dauerte 1,2 Sekunden!““
„Frl. Krise, haben Sie früher Bauchtanz gemacht?“ ( ???)

Und zum Schluss gibt es noch wichtige Mitteilungen:
„Ich hab mir Bart weg rasiert!“ (Emre) Welchen Bart?
„Ich hab keinen einzigen Döner gegessen, nur gestern!“ (Ömür) Sehr gut!
„Ich hatte Geburtstag! Sie müssen mir noch gratulieren!“ (Necla)
und „ Ich war Konzert mit TARKAN! VOLL BOMBE!!!!!!!!! (Nesrin)

By the way…Bombe! Osamah bin Laden? Fehlanzeige. Auch die ‚Wurzel‘-Araber sind nicht interessiert. Was der gemacht hat, ist längst vergessen (Erkan neulich: „War das der, der in den Fernsehturm geflogen ist?“) Und dass so ein Kommando den einfach umlegt….wie im Kino eben… !

Dann verkünde ich, dass schon in etwa 6 Wochen Zeugniskonferenzen sein werden und löse damit bei einigen wenigen eine kleine, zum Glück rasch vorübergehende Panikattacke aus.
Als wir mit Bio richtig loslegen, ruht Erkans Schädel schon wieder auf dem Tisch und Musti gähnt so gotterbärmlich, dass wir alle mitgähnen müssen.
Dies frühe Aufstehen, vallah, das geht aber auch gar nicht!

Die beiden Stunden verlaufen locker, jedoch ohne größeren Nährwert. Nur einmal kommt kurz Spannung auf, als Aynur erzählt, wie sie in der Türkei von einem Affen gebissen wurde, den sie netterweise mit einem Maiskolben füttern wollte. Ansonsten müssen wir die Dame mehrmals daran hindern „Osterlieder“ im Unterricht zu singen, z. B. ‚Häschen in der Grube‘.
(Doch! Wir sind im 9. Schuljahr!)

In der Mittagspause, die Karl und ich montags in der Klasse verbringen, fällt mir auf, dass Azzize sehr dünn geworden ist…
Nein, sie äße voll viel, sagt sie und ihre Mutter achte darauf, dass es jeden Tag nach der Schule warmes Essen gäbe…
„Du bist bestimmt doll gewachsen,“ stellt Karl fest und Ömür stöhnt voller Selbstmitleid auf.
„DU musst auch wachsen – für etwa zehn Kilo weniger“, sage ich herzlos und Ömür tätschelt mal wieder liebevoll seine kleine Wampe, die sich heute vergebens unter einem pinkfarbenen Poloshirt zu verstecken sucht..
„Ja,“ sagt er, „ will ich auch, aber wie?“
„Wie groß ist denn dein Vater?“ frage ich. Seine Mutter kenne ich, die ist winzig.
“Mein Vater ist so 1,60!“ sagt Ömür, „Glaube ich jedenfalls, ich weiß nicht. Meinen Sie, ich werde 1,60?“

Karl zaubert mit Kreide und dem großen Lineal eine Messleiste an die Tafel und misst jeden. Die Mädchen sind fast alle klein, höchstens knapp 1,6o m, aber der größte Junge, Musti, ist 1,90m. Er kann AUF den Schrank gucken. Voll beeindruckend!

Ömür IST 1,60m und freut sich halbtot. „Ich bin größer als Sie!“ fantasiert er und baut sich neben mir auf. Dann haut er Nesrin mit dem Lineal auf ihre hochtoupierte Frisur. Mindstens fünf Zentimeter Höhe habe sie dazu gemogelt, beschwert er sich. Und meine hohen Schuhe erst! (Ich trage flache Ballerinas!)
Karl wundert sich, dass keiner  zu Hause gemessen wird. Ich kann das auch nicht verstehen. So eine herrliche Leiste, an der alle Kinder gemessen werden, ist doch eigentlich Standart in jedem Haushalt… dachten wir.
Drei Jungen aus der Parallelklasse schneien herein und werden auch sofort vermessen. Der Kleinste ist nur 1,45 m groß. Ömür ist hochbeglückt.

„Vielleicht sollte ich morgen mal meine Waage mitbringen,“ überlege ich laut und werde niedergeschrieen.
“Wenn  Sie  D A S  tun, dann…dann…dann…!“ Nesrin fallen keine Drohungen ein, die der Schwere des Vorhabens angemessen wären und Ömür beschließt, sich noch heute von unserer Schule abzumelden.
„Na gut, bringen Sie mit, aber dann müssen Sie und Herr Wolf auch auf die Waage!“ entscheidet Hanna und ich nehme vorsichtshalber Abstand von meinem Plan .

So, das war doch heute ganz ok. oder?

Ich hoffe bloß, dass sich in meinem Hirn bis morgen wieder ein paar Verknüpfungen bilden und dass die gute Laune bei den Schülern anhält….

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39 Antworten zu Erste Annäherung…

  1. Frau Buntstift schreibt:

    Voll süß die Klasse!

    Sollte öfter so 1. Schultage nach den Ferien geben = öfter Ferien!

    Voll bescheuert Frau B.
    (grüßt trotzdem herzlich)

  2. Sebastian Krämer schreibt:

    >>So, das war doch heute ganz ok. oder?<<

    Jep, klingt ganz so!
    Stopp-Uhr kann man auch vielseitig einsetzen übrigens .-)

  3. Flash schreibt:

    Es liest sich heute wieder so herzerwärmend. Immer wieder unterhaltsam. Man könnte glatt denken, das wären alles nette Kinder und alles wird gut!

    Daß sie sich nicht für Obamas Ableben interessieren, ist wirklich verwunderlich. Ob da die Schule noch an irgendeiner Stelle mehr „politisches Bewußtsein“ versucht, zu wecken? Eigentlich war er doch für viele „der“ Held. Oder sehe ich das falsch?

    • frlkrise schreibt:

      Kurz nach dem 11.9. haben sich auch viele unserer Schüler verhalten gefreut. Aber das ist sehr lange her…..
      Bin Laden – wer ist das? heißt es heute eher.

    • Olaf schreibt:

      Ein verzeihlicher Fehler, ist schon Nachrichtensprechern bzw. Moderatoren vor laufender Kamera unterlaufen.
      Es war O-s-ama, nicht O-b-ama. Obama lebt noch, jedenfalls hat er letzte Nacht noch eine Rede gehalten. Über Osama wird berichtet, daß er in dieser Nacht in Abbottabad erschossen worden sei.
      Insoweit ist es nicht wirklich verwunderlich, daß sie sich (noch) nicht für Obamas Ableben interessieren.

    • mayarosa schreibt:

      Obama. Osama. Die Tücke im Detail. Diese Verwechslung ist mir heute schon öfters untergekommen. Was will uns das nur sagen 😉

  4. 6kraska6 schreibt:

    Endlich wieder Schule! Und Frl. Krise überholt zurück! Voll schön, das. – Und das „Schnucki“ lassen Sie so durchgehen, Frl. Krise? Vallah, mies cool…

  5. meineperspektive schreibt:

    Das Ableben von Osama hat auch bei uns heute bemerkenswert wenige reaktionen hervorgerufen – ich hatte ebenfalls anderes erwartet.

  6. michael schreibt:

    > „Frl. Krise, haben Sie früher Bauchtanz gemacht?“ ( ???)

    Und haben Sie ? Wäre doch mal was für Ihre Theateraufführung.

  7. Anja schreibt:

    Dass sich die Schüler so wenig für den Tod an Osama interessieren, liegt vielleicht auch daran, dass sie am 11.09.2001 einfach noch zehn Jahre jünger, also im Grundschulalter waren. Was während meiner Grundschulzeit alles so passiert ist, habe ich auch nicht wirklich intensiv mitbekommen… Trotzdem: Man sollte die Nachrichten verfolgen…

  8. EDVler schreibt:

    Das größte Problem mit uns „Scheiss Amis“ haben doch eh die urdeutschen Kartoffelnasen. Die mit Migrantenhintergrund in meinem Umfeld stören sich nicht an uns Exil Amis..

    • nixverstehn schreibt:

      Hmmm meinst Du? Aber mal ehrlich: Ist das ok, wenn die Leute auf der Strasse tanzen und feiern? Und sich unsere Angi „freut“ ob der Nachricht, dass ein Sonderkommando jemanden „beseitigt“ hat?
      Ich befürchte, dass deswegen schon Leute sauer sein werden und sich mehr, als nur auf-den-Schlips-getreten fühlen. Und alles ohne Prozess… irgendwie schwierig.

      • die Schmith schreibt:

        Das einzig Positive, das ich daran sehe, ist die Kostenfrage. Hätte man ihn vor ein internationales Gericht und dann noch in irgend einen Knast gesteckt, hätte das wieder elendig viel Geld verschlungen. Wenigstens diese Misere bleibt uns damit erspart. Aber einfach abnickeln ist nun nicht gerade der richtige Weg. Wissen wir denn nun, ob er seine Schandtaten eingesehen hat?

      • EDVler schreibt:

        >>Aber mal ehrlich: Ist das ok, wenn die Leute auf der Strasse tanzen und feiern?<<

        Ich sag jetzt mal so: ich bin nicht zufällig im "Exil" in Süddeutschland. Diese Jubelszenen sind der selbe Mist wie die Jubelbilder nach 9/11.

        Auch sonst unterscheidet sich da nicht viel. Wenn die USA wirklich jemals eine "Vorbildposition" gehabt haben sollte, was ich bezweifle, so hat sich das im letzten Jahrzehnt gründlich erledigt…

      • frlkrise schreibt:

        DU SAGST ES! Dieser jubel ist peinlich…

  9. die Schmith schreibt:

    Ach, deine Klasse ist irgendwie voll süüüüß.
    Tihi, da kann ich mit meinen 1,67 m (morgens) viele deiner Schüler ja glatt überragen. 😀
    Und dabei komm ich mir doch immer sooooo klein vor.
    Und, ja, so früh aufstehen ist voll unterirdisch. Kann man doch nicht machen. Einfach Schönheitsschlaf unterbrechen.

  10. Ah endlich, endlich wieder Schule!!
    Aber das mit der Messleiste, wir hatten sowas auch nicht zu Hause. Allerhöchstens wurde mit dem Zollstock gemessen und das nur sehr selten, denn es bringt ja bekanntlich Unglück sich im Wachstum befindliche Kinder und Jugendliche mit Zollstock zu vermessen 😉

  11. féizào schreibt:

    Das mit der Messerei ist ja cool! Ich find sowas immer spannend, auch wenn ich mit meinen nur 1,65 m ja ziemlich hadere. Immerhin „überrage“ ich meine beiden Freundinnnen jeweils um etwa einen Zentimeter. 😉

    Aber 1,60m für son jungen Mann.. hoffentlich wächst der noch ein bisschen. *g*

  12. mama007 schreibt:

    hallo Fräulein Krise,
    schön, dass wieder Schule ist – jedenfalls wenn man bei Ihnen so mitliest. Die Ferienpause fand ich hart….aber dafür haben Sie ja hoffentlich im Westen Erholung gefunden.
    Hab Sie schon gleich mal weiterempfohlen, Frau Mutter ist Lehrerin an „Gymnasiumschulle“. Kann sie mal sehen wie das so bei anderen ist! Vielleicht waren das ja ihre Kinder/Schüler, damals in dem Bus…..

    Mama007

  13. Steffen schreibt:

    Steht da wirklich Standart? Ich krieg die Krise…

  14. cassa schreibt:

    Herrlich! Haben Sie die Messungen gleich für nachfolgende Rechenaufgaben genutzt? Sowas wie: „Wenn Ömur 1,45 cm groß ist und Nesrin 1/10 größer, wie groß ist dann Nesrin?“ ;o)

    • die Schmith schreibt:

      Voll Falsch. Das darf nicht heißen „wie groß ist dann Nesrin?“, sondern, „wie weit kann Musti spucken, wenn er nur zwei Stunden Schlaf in der Nacht hatte?“. 😀

      • cassa schreibt:

        Vallah! Korrekt – Isch teil glatt meinen Döner mit dir… :o)

      • die Schmith schreibt:

        Oh, Mist. Das hätte ich mal eher lesen sollen. Hab mir heute einen Döner mit extra viel Fleisch nachm Training gegönnt. War lecker. *errötet etwas*

  15. mariebastide schreibt:

    In einem Blog wurde der Dialog zweier junger Araber zur Ermordung (sage ich, zum Tod, sagten sie) bin Ladens zitiert. Sie meinten, dass das ok sei, weil er das Bild des Islam falsch dargestellt habe und allen Muslimen damit geschadet habe. Mag ja sein. Trotzdem: solange es so krasse Unterschiede gibt in den Schulen in Deutschland, wird es hier nicht genug politisch autarkte Menschen geben. Bzw. wird nicht verwundern dürfen, dass die Elite dünn bleibt und die Geschicke der Gesellschaft eben bestimmt werden von Ex-Gymnasiasten, die sich ihre eigenen Gedanken machen, die über den Döner-Tellerrand hinaus gehen (mann bin ich froh, dass mein Sohn studiert und zur verändernden Elite gehören wird 🙂 !

  16. michathecook schreibt:

    Wie waere es den so als kleines Motivations Projekt jeden Montag als ersten Tag nach den Ferien zu zelebrieren ? Koennte eventuel eine Motivation sein das die Schueler Montags gut gelaunt von den Erlebnissen des Wochenendes berichten und die Woche sehr positiv beginnen lassen.

  17. zimtapfel schreibt:

    Kicher! Das mit der Waage sollten Sie sich künftig als generelles Druckmittel für kritische Situationen vorbehalten. Bei den Panikreaktionen! „Ömür, Nesrin, wenn ihr nicht sofort still seid und eure Aufgaben erledigt, dann bringe ich morgen die Waage mit!“ Was glauben Sie, wie die plötzlich spuren… 😀
    Hach. Wir hatten früher im Haus meiner Oma in dem Zimmer, in dem meine Schwester und ich dort immer schliefen, an der Wand neben der Tür unsere Wachstums-Chronik. In jeden Ferien wurden wir dort aufgestellt, Brettchen auf den Kopf, Bleistiftstrich an die Wand und dann nachgemessen und noch das Datum dazugeschrieben. Was war ich beleidigt, als diese Ecke Jahre später beim Renovieren übermalt wurde!

  18. Stimpy schreibt:

    Als Lehramtsstudent les ich deinen Blog immer mit Spaß und v.a. Schrecken, Frl. Krise. Aber gut zu wissen, was einen im schlimmsten Fall erwartet 😀

  19. verwackelts schreibt:

    Hach, erster Schultag nach den Ferien *träum*… das waren noch Zeiten. Der erste Arbeitstag nach dem kläglichen Wöchelchen (wegen der Länge, nicht der Qualität) Urlaub war sicher gaaaaaaanz viel schlimmer 🙂

  20. zeit schreibt:

    Es heisst Standard nicht Standart, ausser natuerlich es geht um eine Art zu Stehen.

  21. tobiasblogt - Tobias Griebel schreibt:

    Bei anderen Leuten war der erste Schultag nicht so entspannt.

  22. sockenbergen schreibt:

    Hach ja, so eine Messlatte. Hatten wir auch mal.
    Aber erstaunlich, dass die alle so klein sind. Wenn ich überlege, dass hier die Größte der ersten Klasse schon 1,38 m groß ist.
    Ich wünsch Ihnen und Ihren Schülern ein restliches entspanntes Schuljahr, hoffentlich werden die Zeugniskonferenzen nicht so erschütternd wie es sich die Schüler vorstellen,w enn ich da an die Panikattaken denke …

  23. Annonymus schreibt:

    Ich find das mit den Osterliedern ja toll…

    Da muss ich leider Partei für Ihre Schüler ergreifen, Oster- und auch jede andere Art von Lied kann man immer und überall singen! Und daran ändert auch die neunte Klasse nichts…
    Ich bin zwar Zwölftklässler, aber Osterlieder sing ich sogar im November, wenn mich jemand dran erinnert…

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