Die Zukunft wird voll hollywood….

Ich rutsche nolens volens in den Ferienmodus….alle meine Schüler der 10. Klassen sind heute in Prüfungen verstrickt, meine Mädchen haben girl’s day und viele Jungen sind zu einem Fussballwettkampf abkommandiert.
Ich soll den trüben Rest in Englisch unterrichten, genauer gesagt: Jenny, Ömür, Azzize und Viktor (aus der Parallelklasse).
Azzize erklärt mir, warum sie nicht girl’s day ist: „Vallah, Frl.Krise, Donnerstag ist voll mein Lieblingstag in der Schule! Wär’ girl’s day am Mittwoch oder Montag, wär’ ich sofort gegangen!“ Das leuchtet mir ein. Bloß nicht perspektivisch denken….
Jenny sitzt depressiv auf ihrem Platz, sie hat Abschiedsschmerz und erkundigt sich sofort, ob ich sie auch vermissen werde.
„Bestimmt nicht….,“ fügt sie gleich selbstkritisch hinzu, „ weil ich immer so schlimm war….“
Ich lege ihr den Arm um die Schulter und sie bricht fast in Tränen aus.

„Kein Englisch! Lass ma lieber Kunst machen, Frl. Krise,“ befiehlt Ömür und bringt uns auf den Boden der Tatsachen zurück.

Beim Malen kann man sich herrlich unterhalten.
„Ich geh Polizei!“ verkündet Ömür. Eins seiner Lieblingsthemen!
Sein Traum: Emre und er fahren Streife in einem Polizeiwagen, Emre läuft den Gängstern hinterher und er macht den Schreibkram.
„Ömür, du weißt, da musst du aber abnehmen!“ sage ich wie immer, „bestimmt zehn Kilo! Oder wachsen! 20 Zentimeter, schätze ich und SPORT machen.“
Ömür klopft sich auf den Bauch.
„Klopf dir nicht immer so auf den Bauch wie ein Opa!“ sage ich .
„Das sagt meine Mutter auch immer,“ sagt Ömür und klopft ungerührt weiter.
„Aber bei Polizei gibt es doch diese SPORTprüfung!“ ruft Jenny.
„Ja! Ja! Ich mach ja schon Sport!“ behauptet Ömür. „Ich laufe jetzt mit Emre!“
„Wann? Wo? Wie weit?“ fragt Azzize misstrauisch.
„Zwei Kilometer,“ sagt Ömür, „aber hab ich nicht geschafft. Danach kam ein Türke, der hat gesagt ‚Nicht laufen! Du bist zu dick. Ist voll gefährlich’!“ Ömür redet sich in Rage. „Ja, wirklich, der hat sogar zu Emre gesagt: ‚Lass nich dein Freund laufen, Junge ist zu dick!’ Vallah, was redet der so! Kennt der mich oder was?“
„Also, da gibts nur Eins: Du darfst kein Cola mehr trinken und nie mehr Döner essen!“ sagt Jenny herzlos und Ömür seufzt schmerzlich.

„Ich trinke aber auch immer Cola,“ sagt Viktor, der lang und dünn ist und endlich auch mitreden möchte. „ Frl. Krise! Ich werde Immobilienkaufmann. Dann nehme ich Kredit und mache mich selbstständig.“
„Mach nicht so!“ Azzize ist entsetzt. Sie erzählt, dass ihr Vater vor vielen Jahren‚ mit einem Kaffeeladen pleite gegangen ist.
„Er muss immer noch bezahlen,“ sagt sie. „Du kann dann gleich Schuldenberater gehen, weißt du? Zu Herr Zwegat in RTL!“
„Na, gut, dann nicht. Dann geh eben ich zu mein Vater, dass der mir Geld gibt,“ Viktor ist da leidenschaftslos. Er holt ein dickes Brot aus der Tasche und beißt herzhaft hinein.
„Brot weg,“ sage ich, „was macht dein Vater beruflich?
„Hat Juwelierladen, Ankauf, Verkauf.“ nuschelt Viktor, beißt schnell noch einmal ab und verstaut das Brot in der Tasche.
„Ist der Goldschmied oder so was?“
„Nee, der hatte früher Autowerkstatt, aber er kann alles, Ringe ändern und Gold einschmelzen und so.“
Aha.
Jenny will Einzelhandelskauffrau werden. „Was macht man da eigentlich?“ fragt Ömür und Jenny weiß es auch nicht so genau. Ich verweise auf das Berufebuch, das jeder hat und in das nie einer reinguckt….
Azzize berichtet, dass ihr Vater einen Friseursalon hat. „Wenn ich und meine Schwester da arbeiten, machen wir noch mehr Geschäfte auf,“ sagt sie und sieht träumerisch in die Ferne.
Himmel, sehen die sich ALLE schon als Chef?
„Und Sie, Frl. Krise?“ fragt Viktor.
„Wie, ich?“
„Wollen Sie etwa immer Lehrerin bleiben?“
„Ich glaube schon….,“ sage ich unschlüssig,“…soll ich jetzt noch mal was Neues machen? Dafür bin ich zu alt!“
„Sie sind doch nicht alt!“ sagt Ömür großzügig.
„Was wollt ihr?“ ruft Jenny. „Sie hat es doch voll gut! Sie verdient voll viel und dann hat sie noch voll viel Ferien! Wa, Frl. Krise?“
„Genau,“ sage ich. „Jenny hat Recht. Werdet doch auch Lehrer! Macht voll Spaß!“
Alle sehen mich mitleidig an.
„Niemals!“ sagt Viktor und Ömür schüttelt sich.
„Aber ich könnte ja mal ein Cafe aufmachen“, überlege ich laut.„Ömür, du backst dann bei mir Kuchen!“ Ömür sieht seine Uniform davon schwimmen und nickt verhalten.
„Ich mach Kellnerin!“, schlägt Jenny erfreut vor.
„Und ich suche Ihnen Lokal!“ ruft Viktor.
„Was mach ich, Frl. Krise?“ fragt die künftige Frisörin besorgt.
„Du kannst putzen, Hässlichkeit!“ sagt Jenny und schon gibt’s einen kleinen Streit.

„Zankt euch nur feste,“ sage ich. „Das Cafe nenn ich ‚Cafe Krise‘! Das passt dann voll gut zu euch!“

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41 Antworten zu Die Zukunft wird voll hollywood….

  1. meineperspektive schreibt:

    Wie schön, dass es noch Träume gibt 🙂

    Die Kids kommen früh genug auf den harten Boden der Tatsachen zurück – Träume vom Chefsein sollen ihnen vergönnt sein 🙂

    Beste Grüße,
    FX

  2. RogueEconomist schreibt:

    Cafe Krise. Das haben sie tatsächlich gesagt? Herrlich. Das wäre ein Selbstläufer 😉

    • frlkrise schreibt:

      Ich fände den Namen perfekt! Schüler lass ich da aber nicht rein!

      • RogueEconomist schreibt:

        Hm. Und ich dachte, sie lancieren das wirksam auf Facebook. Das wäre voll Jackpott, die Kasse würde klingeln wenn ihre Schüler und die Ex-Schüler vorbei schauen. Aber wenn man schonmal Chef ist und sich sein Publikum aussuchen kann, muss man das auch ausnutzen.

    • die Schmith schreibt:

      Da komm ich gern mal nen Kakao trinken. Darf man sich da als Gast auch voll ausheulen kommen? Hörst du dann auch zu, Krisi?

      Und übrigens sind das dann ja keine Schüler mehr, weil die müssen ja erst mal Schule abschließen und so. 😉

  3. fraufreitag schreibt:

    cafe Krise – „ein Künstlercafe, super, ich komm‘ jeden Tag“ sagt der freund. ich sage wollladen!

    • EDVler schreibt:

      Wolladen is nix, Frau Freitag. Da kommen jeden Tag Leute rein und nehmen Ihnen Ihre Wolle weg. Ich kenn das von mit mein Frau: wenn Wolle weg ist, ist Drama angesagt. Und das obwohl se überall WOLLBERGE hat..

      PS: Chefsein ist überbewertet.. zumindest in kleinen Inhaber geführten Betrieben.

      … immer noch keiner der Computermensch werden will. Bah.

    • die Schmith schreibt:

      *GLOTZT* Wollladen? Nimmste mich mit? *klappert schon mal mit den Nadeln*

    • frlkrise schreibt:

      Wollladen fällt aus. ENDGÜLTIG!

  4. Lakritze schreibt:

    Ha! Ehrlich, das Cafe würde ich gehen.

  5. sockenbergen schreibt:

    cafe krise – ach nee, frl. krise.
    wo soll ich denn da all die schönen dinge aus der schule lesen.
    Aber träumen sollte jeder, doch ein wenig realität würd auch nicht schaden.

  6. MiA schreibt:

    Träume muss man haben 😉 dann wird das schon! Und das mit dem Cafe finde ich prima!

    Habe ich eigentlich was verpasst? Wahrscheinlich.. ich habe keine Ahnung, warum Jenny die Klasse verlässt =( Was macht sie denn stattdessen? (Also gut, dass mit dem „machen“ ist natürlich.. nun ja… „hust“… ).

    Liebe Grüsse

  7. michael schreibt:

    Wollen Sie nicht ein Cafe mit angeschlossenem Friseurl- und Kosmetiksalon aufmachen? Dann können Sie ja ihre halbe Klasse unterbringen.

  8. Design Elements schreibt:

    das cafe würde ich auch gehen 🙂

  9. michathecook schreibt:

    Cafe Krise mit Lesungen aus dem Blog, tuerkischen Baklawa und einem Frisoer im Hinterzimmer……Da braucht es keinen Zwegat und auch keinen Restauranttester von RTL….da kommt der Erfolg von ganz alleine…

  10. Seifenfrau schreibt:

    Ich find das neue Projekt „Cafe Krise“ super!
    Bleiben sie dran!

  11. sophie schreibt:

    Liebes Frl. Krise,

    heute Nacht hab ich geträumt, mit deinen Schülerinnen ein Beratungsgespräch zu machen.
    Weil mitten unter dem Gespräch ihr Handy laut mit einer furchtbaren Musik geklingelt hat, habe ich es genommen und aus dem Fenster des Autos, in dem die Gespräche stattfanden, geschmissen.
    Die Mädchen haben sich aufgeregt, ein Polizist ist gekommen, also bin ich losgerannt zum Flughafen, um heim nach Salzburg zu fliegen. Das Flugzeug überrollte leider eine Stewardess und zeigte während des Fluges eine Werbung, die eine Verschmelzung der Fastfood-Ketten McDonalds und „Ömürs Couscous-Bude“ ankündigten O___O

    P.S. Danke für den spannenden Blog!

  12. Olaf schreibt:

    „…sage ich. ‚Das Cafe nenn ich ‘Cafe Krise’!'“
    Großartige Idee – dafür käme ich von Hamburg nach Berlin zu Besuch. Bestimmt dürfen Sie als Beamtin eine Nebentätigkeit ausüben, wenn sie beantragt/ angezeigt ist und keine Einschränkung Ihrer Lehrtätigkeit bedeutet. Dann können Sie noch ganz viele Jahre mit allen zusammen verbringen. Neben Frisör im Hinterzimmer könnten Sie noch Vinylplatten (das sind die schwarzen mit dem Loch in der Mitte, ja ja – lange ist’s her) verkaufen, handies gingen auch und für ein kleines Nagelstudio wäre sicherlich auch noch Platz. Flugtickets und Versicherungen nicht vergessen ! Und Danni Lowinski klappt dann ihre Anwaltskanzlei im Sommer vor der Tür auf und macht im Winter drinnen weiter. Wie wär’s ?
    Von wegen „noh fjutscher“ und so. Nix da, die Welt öffnet sich Ihnen und den Kids gerade einmal wieder.

    • frlkrise schreibt:

      Das hört sich aber furchtbar anstrengend an….da brauche ich einen sehr fähigen Geschäftsführer….Olaf?

      • Olaf schreibt:

        breit grins… etwa so: ;-)))))

        Das bekäme Danni L. mit ihrer etwas irrealen Privatsender-Klapptischkanzlei nebenbei wohl auch noch hin – wir könnten sie ja einmal fragen.
        Zugleich: Wenn es online und mit Anrufumleitung etc. dann von Hamburg aus ginge, wäre ich dabei. Habe ja sonst nichts zu tun (ich hatte bis Ende 2010 über 16 Jahre einen ähnlichen Job wie sie, nur nicht mit Schülern, sondern mit Erwachsenen – und habe alles hingeschmissen, weil ich es ganz „unprofessionell“ irgendwann einfach nicht mehr ertragen habe. Darum: Geben sie nicht auf, aber acht auf sich – manchmal mache ich mir manchmal meine heimlichen Sorgen um Sie, ohne mich aufdrängen zu wollen. Auf Dauer geht so etwas, was Sie da machen, nicht spurlos an einem vorbei).
        Sie sind großartig – genießen Sie die F…ferien !
        Bitte bleiben Sie allen noch lange erhalten.

  13. Silke schreibt:

    Ich beantrage die Umbenennung dieses Blogs in „Café Krise“. Ich trinke sowieso hier meinen Morgenkaffee und hab immer ne Küchenrolle dabei, falls ich mal wieder über Monitor und Tastatur pruste!
    Danke für diesen Beitrag, das war mal wieder voll hollywood.
    Schöne Ferien!!

  14. Gurkenbroetchen schreibt:

    Toller Blog. Aber was ich mich schon länger frage:

    Was bedeutet eigentl. Vallah? Pons sagt als wörtliche Übersetzung „Bei Gott“. Wird das tatsächlich in dem Zusammenhang verwendet oder ist es mehr ein Ausdruck von Begeisterung?
    Wird das >h< wie hier mitgesprochen oder verschluckt (weils in Klammern steht): http://de.pons.eu/tuerkisch-deutsch/vallah

  15. Knoetchen schreibt:

    Frl. Krise, du unterrichtest nicht zufällig in einer großen, norddeutschen Stadt an der Elbe? Gestern war hier nämlich Girl’s Day…

  16. Hajo schreibt:

    „Sie sind doch nicht alt!“
    das war aber ein Kompliment! 😀
    Normalerweise gelten doch alle über 25 als alt, alle über 30 als uralt
    .. erst wenn man über 60 ist, wird man wieder wahr- und ernst genommen 😉
    Liebe Grüße
    Hajo (Jahrgang 1950)

  17. Hajo schreibt:

    übrigens fällt mir in Deinen Berichten ein Schimpfwort auf, dass – angesichts der sonst üblicherweise verwendeten Vokabeln – schon fast literarisch-schön wirkt: Hässlichkeit. 😀

  18. Frau Saum schreibt:

    Also doch keine Imbissbude, voll krass, Kafee. Kuchen Dauerauftrag mit den Weight Watchers

  19. Tanja Werdenberg schreibt:

    Ich glaube, was am „Chef sein“ so fasziniert ist mehr das damit verbundene Prestige.

    Man muss kein Genie sein, um zu durchschauen, dass ein Kleinunternehmer, für den die Formel „Kapital = eigene Arbeitskraft“ gilt, zirka zur Hälfte fürs Finanzamt und die Bürokratie arbeitet. Das überringelt sogar ein/e durchschnittlich talentierte/r Schüler/in mit Migrationshintergrund. Gut, über die Chancenverteilung zwischen „Erfolg“ und „Scheitern“ macht man sich vielleicht als Teenager mehr Illusionen.

    Was ist wohl besser? Scheitern an der eigenen Illusion vom schnellen unternehmerischen Reichtum oder Scheitern an der Illusion vom eigenen kreativen Talent? Und wann lohnt es sich jeweils, einen Versuch zu unternehmen?

  20. black4bull schreibt:

    frl.krise’s neue wiese,
    ist das projekt cafe krise.
    😉

  21. michael schreibt:

    > Ich soll den trüben Rest in Englisch unterrichten,

    War mit noch gar nicht augefallen, seit wann unterrichtet Frl. Krise Englisch ?

    > „Wenn ich und meine Schwester da arbeiten, machen wir noch mehr Geschäfte auf,“ sagt sie und sieht träumerisch in die Ferne. Himmel, sehen die sich ALLE schon als Chef?

    Was gibt es denn daran eigentlich auszusetzen? Soll das Frl. doch froh sein, wenn wenigstens eine sich ein halbwegs erreichbares Ziel gesetzt hat. Dass das mit viel Arbeit verbunden ist, wird die noch früh genug merken.

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