Putzfrau gesucht!

„Steht nichts in der Zeitung!“ sage ich vorwurfsvoll zu Emre.
„Doch,“ behauptet er, „ in der Wochenbeilage, ich glaube, morgen!“
Das befriedigt mich nicht hinreichend. Ich muss die Projektleiterin ohnehin anrufen und frage unauffällig nach.
„Ja, Frau Merkel war wirklich da,“ sagt sie, „ aber nur auf einen Sprung,“
(Ich denke, Sprung, hä? Geht die nicht z. Zt an Krücken????), „dafür hat sich aber der Herr Oberbürgermeister ausführlich mit den Jungen unterhalten. So nette Jungs!“

Die netten Jungs und alle anderen haben jetzt zwei Stunden Kunst. Und danach noch eine Stunde Putzen. Das ist kein neues Fach, sondern wird ab und zu mal empfohlen….
Es ist wirklich dreckig bei uns. Das liegt nicht an den Reinigungskräften, sondern daran, dass sie extrem wenig Zeit haben und nur für die Böden zuständig sind. Wir haben einen alten Parkettboden im Raum, der höchstens mal in den Ferien gewischt wird. Wenn überhaupt. Der Rest versinkt auch in Staub und Moder…

Während alle schön malen, räume ich schon mal den Schrank auf. Außer mir macht das ja keiner….Die Duden liegen wie Kraut und Rüben durcheinander, die Atlanten sind überall und nirgends und überhaupt sieht es hier aus wie Sodom und Gomorrah.
„Alle Bücher geknickt! Mann! Denkt ihr, das kostet nix? Die sind voll teuer!“ lamentiere ich vor mich hin. „Und da, die neuen Duden! Ich könnte zuviel kriegen! IHR bezahlt die ja nicht. Unglaublich….!“
„Sie reden schon genau wie meine Mutter,“ sagt Hanna und gähnt gelangweilt und Jenny ruft: „Ey, Frl. Krise, treffen Sie sich mit mein Vater. Der labbert auch so!“
„Hmpf! Wartet mal ab, bis ihr Kinder kriegt! Und eure Zimmer will ich lieber nicht sehen,“ mosere ich vor mich hin.
„Tschüüsch! Was wollen Sie! Mein Zimmer ist voll ordentlich!“ Fuat guckt mich muffig an.
„Und? Wer räumt das auf? Lass mich raten! Deine ane!“ sage ich triumphierend und er schweigt vorsichtshalber. Ich war schon mal in seiner Wohnung. Da ist alles picobello, die reinste Puppenstube. Fuat macht da keinen Handschlag, da bin ich hundertpro sicher.

Und hier darf ICH aufräumen! Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Deshalb sagte Emre gestern, ich wäre ihre zweite Mutter…!

Wer will, kann in der Putzstunde weiter malen. Mit 20 Leuten zwei Räume säubern geht gar nicht. Zwar müssen alle ihre Tische abwischen, aber das geht im Handumdrehen, die sind noch ziemlich sauber. Karl achtet darauf. (Wieso der nicht hier ist? Der hat schon frei – voll gemein!).
Musti schrubbt mit brutalem Körpereinsatz solange auf seinem Tisch herum, bis die ganze Oberfläche matt ist. Es ist ihm aber immer noch nicht sauber genug….
„Jetzt hör mal auf,“ sage ich, „du übertreibst. Wir wollen ja in diesem Raum keine OP am offenen Herzen durchführen!“
„Bei wem denn?“ fragt Ömür interessiert. „Hässlichkeit!“ schreit Aynur, „bei dir natürlich!“ Ömür zuckt zusammen und geht vorsichtshalber in Deckung. Bei Aynur kann man nie wissen…
Zafer versucht die Tafel sauber zu bekommen. Gerade noch im letzte Moment kann ich ihm das seifige Putzmittel entreißen.
Mitten im Wischen hält Zafer ( er ist neu bei uns…*ggrrr) ein und sagt mit schlichtem Gesichtsausdruck: „Kriegen wir HEUTE Ferien?“
Ach, diese zeitlose Jugend. Bloß, weil wir manchmal vor den Ferien putzen, denkt er schon, es wäre soweit. Hassan will sich darüber totlachen und wirft vor Begeisterung den dreckigen, nassen Schwamm in die Luft, der über uns abregnet.
Ich kriege einen kleinen Anfall. Die Klasse ist bereits in einem unbeschreiblichen Zustand,  der Abfall fliegt überall rum und  jeder planscht in einer anderen Ecke…

Egal, ich will mich lieber schöngeistiger Arbeit hingeben, erklimme umständlich einen Tisch und hefte neue Bilder an die Wand. Die Musik hier hinten im Klassenraum ist ganz anders als  vorne….Vorne duddelt türkische Popmusik, von der ich gerne Kopfschmerzen bekomme und hier hinten wird geräppt. Es ist insgesamt so laut, dass mir die konkurrierenden Geräuschquellen noch gar nicht aufgefallen waren. Oder ich bin doch schon ein bisschen taub…
Alle hier hinten räppen mit, den Text kann sogar ich schon auswendig, so oft, wie ich den mithören durfte. So richtig lebensnah ist der ja gerade nicht:

Nein, du verstehst nichts, du hast nur leicht reden.
Du weißt nix über mich und mein Scheißleben.
Oder wie es ist wenn die Bullen morgens um 6 Uhr,
deine Scheißtür eintreten, und dich abführ’n, unter Tatverdacht.
In Handschellen, vor den Augen der Nachbarschaft.
Ich hab die Schnauze voll.
Halt deine Fresse,
ich hab gelernt ein echter Mann zeigt keine Schwäche.
Doch wie gesagt, was du denkst, ist nicht richtig,
Du urteilst über mich ?
Nein Mann!
Doch fick dich !
Eins noch, ich wollte nie als schwarzes Schaf bekannt sein.
Jetzt verpiss dich, ich muss in die Bank rein. (Fard heißt der Meister dieser Zeilen)

Ich hänge also leicht headbängend malfeuchte Bilder auf und als es endlich klingelt, sind – oh Wunder- beide Klassenräume mies sauber und aufgeräumt.
Vallah, voll die erfolgreiche Aktion!

Ich allerdings fühle mich wie eine Ruine…

Jetzt frage ich mich…wer wird wohl morgen MEINE Wohnung aufräumen und putzen? Die hätte es schließlich auch mal nötig… (siehe Überschrift!)

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26 Antworten zu Putzfrau gesucht!

  1. moebelexperte schreibt:

    Haben Sie denn Karl schon eimmal die Stelle angeboten? Er scheint gut geeignet, hat Zeit und ein Händchen dafür. Vielleicht sucht er ja noch einen Nebenjob?

    Wünsche ein erholsames Wochenende
    🙂

  2. Frau Buntstift schreibt:

    Liebes Fräulein Krise,
    hatte heute auch Kunst in einer 7. Klasse in der 5. und 6. Stunde.
    Ein lieber Justin kleistert seinen Hintergrund mit Acrylfarbe hin und reinigt dann – hast dus nicht gesehen – nur gerochen – seinen Tisch mit Feuerzeugbenzin, das die Klassleiterin so rumstehen lässt!
    Da krieg ich ja voll die KRISE!

    Ja diese beiden Stunden sind immer der Höhepunkt der Woche!

    Schönes Wochenende!
    (Und zu Hause putzt bei mir Frau K.)
    Frau Buntstift

  3. Hannah schreibt:

    Wenn ich das alles hier so lese, freue ich mich, dass ich noch ein paar Jahre Zeit habe, bis ich auf die Schüler losgelassen werde. Oder eher die Schüler auf mich? Und ich drücke mir selbst die Daumen, dass es Linoleumfußboden sein wird.

  4. meineperspektive schreibt:

    Die Parallelen zu einem Schulungsraum in der Berufsvorbereitung sind frappierend – vom Verhalten (der mutmaßlich älteren) Teilnehmer einmal ganz zu schweigen.Ich werde das Gefühl nicht los, dass es fast egal ist, wo man in der Bildungsszene steckt – der Grundgeschmack scheint immer irgendwie gleich zu sein.

    Beste Grüße,
    FX

  5. schokopirat schreibt:

    Konstruktiver Vorschlag: Die Schüler mit falschen Versprechungen locken und denen Putzzeugs in die Hand drücken, wenn die in der Wohnung auftauchen.

    Ich freue mich auf den Blogeintrag danach 😛

  6. fraufreitag schreibt:

    ich ahbe auch stumpfes parkett. heute schmadderten Elif und esra, die ihre Pappmacheobjekte mit wandfarbe grundiert haben überllall die farbe über den boden. und weil sie sich nicht einigen konnten wer es war – musste ich auf die knie gehen und schrubben. ich hasse farbe auf dem parkett. und ich vermute, dass nicht mal in den großen ferien der boden bei mir feucht gewischt wir. wenn mir mal mein wollmantel runterfällt – na halleluja.

    • frlkrise schreibt:

      Die müssen nur 1-2 mal im Jahr die klassenräume feucht wischen. Ich finde das skandalös….Nur die flure werden oft geputzt.

      • Blümchen schreibt:

        Hm… da frage ich mich ernsthaft: Was machen Sie da bei Ihnen mit Kindern/Jugendlichen mit Hausstauballergie? Werden die zu Hause beschult? Gibt es für die extra, klinisch reine, Schulen? Müssen die in Krankenhausschulen gehen?

      • frlkrise schreibt:

        Stauballergie? Kann man sich nur abgewöhnen! Einen staubigeren Ort als die alten Schulen bei uns kenne ich nicht.

    • michael schreibt:

      Also Frau Freitag!
      Sie hätten beide putzen lassen sollen! Mitgehangen mitgefangen, wie es so schön heißt.

  7. anna schreibt:

    Frl. Krise, haben Sie schon mit Frau Freitag telefoniert? Dann könnten Sie uns doch schonmal verraten, was sie morgen schreiben wird… 😉

    Übrigens: In Kunsträume gehört eindeutig Parkett — „altes versifftes völlig stumpfes parkett“. Es darf auch neu sein, es sieht nämlich schon nach kurzer Zeit alt aus. (Oder die hatten beim Neubau in meinem Gymnasium recycletes Parkett eingebaut, das könnte auch sein.)

  8. die Schmith schreibt:

    Krisi, was zahlst du so die Stunde? Diesen Monat könnte ich nen Zuverdienst echt gut gebrauchen.

  9. michael schreibt:

    > Jetzt frage ich mich…wer wird wohl morgen MEINE Wohnung aufräumen und putzen?

    Männe ?

  10. Ulla 39 schreibt:

    Seit Jahrzehnten frag‘ ich mich, warum eigentlich die Schüler ab einem bestimmten Alter nicht selbst regelmäßig ihre Schule putzen, zumindest z.T. (nicht die Fenster)??? Sie würden sicher viel pfleglicher mit allem umgehen, lernten Verantwortung zu übernehmen. Man lernt in der Schule doch fürs Leben!

    • frlkrise schreibt:

      Weiß ich auch nicht. Aber eins steht fest: Das würde sehr stressig bis völlig unmöglich sein, durchzusetzen, dass ALLE mitmachen. Turgut? Fuat? hahaha!

  11. boxi schreibt:

    nehmen sie die schüler doch einfach mit nach hause. am besten am samstag, dort ein bisschen lernen und dann aufräumen.

    meine geschichtslehrerin hst das gemacht, wir mussten zwar nicht putzen,sondern 2.weltkrieg behandeln,aber wir haben uns riesig gefreut… riesig…

  12. ana schreibt:

    wie ich mir das denke sind hier wohl mehere Lehrer am werk…
    wenn also jemand Lust auf einen zeitweise nach Abwasser stinkenden Altbau einer Privatschule im Zentrum Münchens hat, kann sich bei mir melden… (Boden ist versiffter Linoleumfußboden… )
    Das Problem ist, dass an dieser Schule zur Zeit nur EINE Kunstlehrerin arbeitet und die Mehrheit der Schüler lieber die, durch die zur Zeit abwesende zweite Kunstleherin entstandene Freistunde nutzt… aber es gibt so manchen Schüler (wie mich) der wirklich gerne in Kunst sitzt (vll. auch aus angst dass die Freistunde durch eine Zusatzstunde Mathe ersetzt wird)!
    falls also wer Interesse hat sich mit künstlerisch mehr oder weniger begabten Gymnasiasten der durchaus „intressanten“ schickimicki szene Münchens rumzuschlagen (die auch noch mieserabel in rechtschrift…sind) -> einfach melden!
    😀
    übrigends sehr cooler blog!

    • frlkrise schreibt:

      Hallo???? Ich bin EINE Lehrerin….tsss, wie kommst du auf mehrere????? Sowas….das hat auch noch keine/r vermutet…! Und ich kann das Angebot leider nicht annehmen,denn: Schicki -Micki-Kinder? Ich bin nur so getthokids ( so sehen sich selber gerne…) gewöhnt und was anderes will nich mehr!

  13. sockenbergen schreibt:

    Tjao, ie Putzfrau hätt ich ja auch wohl gerne.
    Aber statt Studieren ist Putzen echt ne Abwechslung – schade nur, dass das Wochenende schon rum ist.

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