Grammatisches Heiraten….

„Ich habe mich verlobt!“ platzt Aynur mitten in eine vorbildlich ruhige Phase des Deutschunterrichts hinein.
Geistesgegenwärtig rufe ich: „Ach, der arme Mann!“
„Was armer Mann!“ Aynur schnauft empört. „Ich dachte, Sie sagen, arme Aynur!“
„Nö“, sage ich, „stimmt ja sowieso nicht, dass du verlobt bist“.
„Ok“, Aynur grinst, „aber Frl.Krise, wissen Sie aus der zehnten Klasse, Canan, die ist verheiratet! Die ist 18 . Kennen Sie die?“
„Hm,“ sage ich und überlege, „ich glaube nicht.“ Irgendwie ist mir, als hätte neulich eine Kollegin davon gesprochen, aber ich bin nicht gewillt, dieses Thema hier und heute hochkommen zu lassen. Wir erarbeiten uns gerade unter Schmerzen die Satzteile, das ist hart genug.
„Sie hat mit ihren Cousin geheiratet!“ verkündet Nesrin, die genau weiß, dass das ein Reizthema für mich ist.
Ich schreie auf!
„Ja, ist nicht gut, wa?“ sagt Nesrin zufrieden.
„Ich habe geschrieen, weil du schon wieder ‚Sie hat  MIT IHREN Cousin geheiratet‚ gesagt hast,“  sage ich mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Wie oft soll ich euch noch sagen, das heißt, sie hat ihren Cousin geheiratet!“
(Im Türkischen heißt es sehr wohl mit jmd. heiraten.)
Nesrin interessiert das nur peripher.
„Nesrin, auf wie vielen Hochzeiten warst du schon dieses Jahr?“
Sie rollt die Augen und sagt: „Auf 30? Oder 60? Keine Ahnung. Viele!“
„Und du hast das bestimmt bei jeder Hochzeit falsch gesagt!“
„Ja…!“ sagt Nesrin ohne jedes Schuldbewusstsein.

„Wieso ist das falsch, ist doch RICHTIG. Sagen doch alle: MIT ein Mann heiraten“, mischt sich jetzt auch noch die urdeutsche Jenny ein.
„Ja, dann sagen das eben alle falsch!“ rege ich mich auf. Schon tausend Mal haben wir darüber gesprochen. Ich verzweifele bald!

Und was meine Schüler auch gar nicht können: Dativ und Akkusativ auseinander halten.

‚Ich liebe ihm, sie gibt ihn ein Kuss, du schenkst ihn ein Ring, er hat sich von sie getrennt’…so geht das den ganzen lieben langen Tag.

Ich sage mit aller Geduld, zu der ich fähig bin:
„Guck mal, Hassan, ist doch ganz einfach: Frag doch einfach!!!! Heißt das : WEM gibt sie einen Kuss oder WEN gibt sie einen Kuss?“
Hassan guckt mich verzweifelt an: „Keine Ahnung!“, sagt er. „Ich weiß nicht, wann ich wen oder wem sagen muss. “
Die anderen wissen es auch nicht. Das war letzte Woche.

Also rollte ich über das Wochenende die ganze Chose auf. Ich machte mich schlau, wie man in diesem speziellen Fall vorgehen kann, studierte Bücher, die sich mit Deutsch als Zweitsprache beschäftigen und erstellte nochmal Übungsmaterial. Gestern und heute  ließ ich üben, üben, üben. Der Erfolg blieb bescheiden.

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Kollege Zufall mir ab und zu die  richtigen Ergebnisse verschafft.
Wie sollen meine Schüler aber auch ein Sprachgefühl entwickeln, wenn ALLE falsch sprechen, sogar Hanna und Jenny ?
Nur ich kann es richtig.

„Frl. Krise, meinen Sie, dass sich Justin Bieber und Selena Gomez verloben?“ Nesrin scheint diese lebenswichtige Frage ernsthaft zu beschäftigen. Wir stehen auf dem Hof und ich bin leicht genervt.
„Mir völlig egal, mit wem der mal verlobt oder verheiratet ist“, sage ich unwirsch und ernte markerschütterndes Geschrei.
„Mit WEM er heiratet ist FALSCH!!!!!!“
„Habe ich gesagt, er heiratet mit wem?“ Ich kann das nicht glauben….
Nesrin, Aynur und Azize behaupten das steif und fest.
Ich werde unsicher.

Erst ein paar Minuten später fällt mir wieder ein, wie  ich den Satz wirklich gesagt habe…..
Aber ich schweige.

Glaubt mir eh keiner.

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41 Antworten zu Grammatisches Heiraten….

  1. die Schmith schreibt:

    Wem ist eigentlich dieser Bieber?

  2. Chris schreibt:

    Solange es auf eine mir unerklärliche Art und Weise für besagtes ‚urdeutsches‘ Personal ‚cool‘ ist, so zu sprechen wie die andere Fraktion (mit Migrationshintergrund) – also da kann man Sprachgefühl suchen bis man schwarz wird.

    Eine kurze Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einer leidlich durchschnittlichen Stadt offenbart da noch ganze andere Dinge, als wem/wen-Schwächen. Egal wo die Protagonisten (oder deren Eltern) geboren wurden…

    Traurig aber wahr.

    • die Schmith schreibt:

      Jops, und swe Tonfall dann auch noch dazu.
      Ich hab mal ein Mädel (geschätzte 13) mit – glaub ich jedenfalls – ihrer großen Schwester erhören müssen. In Der Straßenbahn. Sie hat sich da über irgendwen aus einer Internetplattform aufgeregt und meinte ihn immer schön ärgern zu müssen. Die große Schwester argumentierte völlig vernünftig, dass das doch total dumm wäre und bis nicht einer aufhöre ginge das immer so weiter. Aber der Typ sei ja voll schwul und dumm und den würde das alles voll aufregen und deshalb erst recht, blablabla.
      Mir ist da ein wenig schlecht geworden. Das ging in Richtung Mobbing und die Argumente des kleenen Mädels waren so unterirdisch… Hilfe!
      Von ihrer Grammatik fang ich besser nicht erst an.

      Schlimm ist ja, dass sich sowas auch gern ins Erwachsenenalter überträgt und dann noch genauso dümmlich gelabert wird. Wenn man dann aber selbst die Eltern so reden hört, ist einem sofort alles klar. Kann ja nich besser werden, bei solchen „Vorbildern“. 😦

  3. Fisch schreibt:

    „Das tangiert mich nur peripher!“

  4. mayarosa schreibt:

    Ich fürchte, wenn mayarosa Englisch oder Spanisch spricht, hört sich das mindestens noch furchtbarer an … vor allem die Spanier mit ihren zwei Wörtern für „sein“ und ihrem indefinito und subjontivo – das kann sich doch kein Ausländer merken, geschweige denn richtig anwenden.
    Herr P. hat bei Nachbarskindern folgende Entdeckung gemacht und sie sich sehnlichst zum Geburtstag gewünscht: http://www.alfons.de/ – vielleicht habt ihr ja PCs an der Schule … jedenfalls hat er einen Heidenspaß beim Computerspielen und Mama mayarosa kann ich guten Gewissens spielen lassen 😉

  5. Frau Buntstift schreibt:

    Also da kann ich Ihnen nur bedauern!

    So wenig Sprachgefühl bei Ihren Schülern! Tsss!
    Gruß!
    Frau Buntstift

  6. eins schreibt:

    am montag erst, vor dem supermarkt:

    “ ey, jappy, so, ne, iss doch eigentlich voll deutschunterricht. also man tut schreiben und lesen, so. reicht doch voll!“

  7. Arne schreibt:

    Aber „mit jemandem verheiratet sein“ ist doch richtiges Deutsch. Es ging doch nur um den Ausdruck „mit jemandem geheiratet“. Und die zweite Variante ist wirklich furchtbar. *schüttel*
    Bei mir zuckt ja immer alles bei „größer wie“ zusammen.

    • frlkrise schreibt:

      Ja, natürl. ist das „mit jemandem verheiratet sein“richtig! Aber ich war schon leicht verwirrt von den vielen Debatten….

    • RockCat schreibt:

      „Graißa wia“ ist bayrischer Dialekt und bei uns durchaus gebräuchlich und richtig! Wahrscheinlich ist in der Übersetzung ein Fehler passiert und darum sagen wohl alle „größer wie“. Fürchterbar!!!

      LG ausm Weißwurscht Äquator!

      • foo schreibt:

        „grösser wie“ ist ein recht weit verbreitetes konstrukt.
        unabhängig davon, dass ich das auch als eher unangenehm empfinde, ist es aber auch nur eine konvention, das als falsch zu bezeichnen (angesichts der weiten verbreitung kann man ja auch fragen, warum ausgerechnet „grösser als“ richtiger sein soll).

        in manchen norddeutschen dialekten heisst es dafür aber zum ausgleich (und in’s hochdeutsche übertragen) „grösser als wie“

      • schiffmo schreibt:

        Grauslig wirds bei „dreimal so groß als“.
        Wir Bayern mit unserer Diglossie erfahren zumindest bereits in der Grundschule, daß es nicht „wem sei Federmapperl is des?“ sondern „wessen“ heißt und daß man mit Komparativ (das Wort sparen die sich an der Grundschule zwar) „als“ heißt. Auch wenn es nicht alle glauben. So, und jetzt ab einkaufen, der Butter ist aus.

    • Debby schreibt:

      hör mir bloß auf. Ich bin gebürtige Niedersächsin und lebe grade in Bayern.

      Die kennen kein „als“. Da ist entweder alles „wie“ oder schlimmer noch „als wie“ ….

  8. Ceecilion schreibt:

    Sieh es Positiv. Wenigstens haben sie sich gemerkt, dass es falsch ist.

  9. TheFeldhamster schreibt:

    Schick Deine Schüler nach Ö, hier kann kein Mensch 3. und 4. Fall auseinanderhalten. 😉
    Im Ernst: da helfen wirklich nur Bücher für Deutsch als Zweitsprache. Anscheinend gibt es da wirklich so Regeln a la „wenn in dem Satz ‚zum‘ vorkommt, dann…“ von denen man als Muttersprachler noch nie gehört hat. Hat mich mal unser italienischer Kollege, der einen Deutschkurs besucht hat total mit verblüfft.

  10. traumataenzer schreibt:

    Immerhin setzt der Lernerfolg ein wenig ein – wenn auch nur bei Fehlern anderer. Aber die nimmt man ja eh stärker wahr, als die eigenen…

  11. yvys schreibt:

    Öh nö ey, krass. Man! Jetzt muss ich alle Einladungskarten neu bestellen! Heißt dann ja doch nicht: Die Yvys heiratet mit dem ihre Schatz!
    ———
    Ich bewundere Sie immer wieder für Ihre Geduld. Ich glaube ich wäre eher explodiert – nicht erst an der Stelle mit dem Cousin 😉

  12. michael schreibt:

    > Heißt das : WEM gibt sie einen Kuss oder WEN gibt sie einen Kuss?

    Heißt das : WEM gibt sie einen Kuss oder WEN tritt sie?

  13. MiA schreibt:

    Hallo Frl. Krise,

    ich bin noch neu auf diesem Blog, drüber gestolpert beim Kinderdoc, und habe eigentlich den ganzen Abend nur gelesen, gelacht und gestöbert. Wunderbarer Blog! Ich werde bleiben und habe natürlich gleich meine Blogroll erweitert 😉
    Ich bewundere ihre Arbeit und ihre Nerven…

    Mir graut es schon, wenn mein Sohn in die Schule geht.. Der Blog hilft mir aber hoffentlich, einfach auch das oft fehlende Verständnis für Lehrer zu haben und vor allem nicht zu den nervigen Eltern zu gehören…

    Liebe Grüsse,

    MiA

  14. sockenbergen schreibt:

    Etwas scheint ja doch hängen geblieben sein.
    Ich wünsch Ihnen weiterhin viel viel Geduld. Und bitte, bitte, nicht aufgeben. Es ist so wichtig, dass man die Sprache des Landes weitesgehend beherrscht, in dem man lebt und später arbeiten möchte.
    Aber es ist schon ein langer, mühsamer Weg. Und mühsam und lang sind nicht gerade die Adjektive, die Jugendlichen und Kinder und vorallem Schüler mögen/lieben.

  15. Flash schreibt:

    Und was haben Sie denn nun wirklich gesagt auf dem Schulhof? Wenn keiner das fragt, dann tue ich es eben jetzt. *neugierig bin*

    • Sandro schreibt:

      Man lese und staune…

      „Mir völlig egal, mit wem der mal verlobt oder verheiratet ist“, sage ich unwirsch und ernte markerschütterndes Geschrei.

  16. fraufreitag schreibt:

    hmmmmm, klar ist was hängengeblieben… klar, die haben das jetzt kapiert und du wirst nie wieder hören er heiratet mit sie… träum weiter…

  17. Knut schreibt:

    Die deutsche Grammatik ist aber auch verdammt bekloppt, wir als Muttersprachler merken das nur nicht so, weil wir es können. Das Beispiel von Michael ein paar Antworten weiter oben zeigt das ja schon. Kann hier jemand sagen, warum man bei dem Satz…

    „Wem gibt sie einen Kuss?“ …Wem benutzt, bei dem Satz…
    „Wen trifft sie?“ …aber wen benutzt?

    Also ich sehe da nicht durch. Aber ich weiß ja auch nicht aus dem Stand, was ein Plusquarmperfekt ist, obwohl ich ihn wahrscheinlich täglich gebrauche.

    • Pfiffika schreibt:

      Das weiß ich, das weiß ich….
      irgendein Lehrer hat uns die Eselsbrücke mitgegeben, dass
      Plus quam Perfekt übersetzt heißt:
      Mehr als Perfekt im Sinne von „noch mehr in der Vergangenheit liegend“

      Und da Perfekt diese Konstruktion mit den Hilfsverben ist, muss man diese nur in die Vergangenheit setzen und schwupps! ist das Plusquamperfekt da.

      Aber ansonsten geben ich Ihnen unumwunden Recht.
      Die deutsche Grammatik hat es gewaltig in sich und ich schätze mich glücklich, dass meine Kinder sie einigermaßen richtig anwenden.
      Spaß werden wir dann haben, wenn sie erklären müssen, warum sie die Grammatik so anwenden, wie sie sie anwenden.

    • michael schreibt:

      Man kann es natürlich auch hier (http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Grammatik) nachlesen, wenn man es unbedingt will.

  18. foo schreibt:

    nu, vielleicht prägt sich das ja jetzt ein.
    aber kasus usf sind doch ein thema, dass sich auch durch alle deutschen dialekte zieht — und in zumindest den germanischen sprache die ich ausser deutsch noch kenne, haben die kasus verloren (bis auf reste in erstarrten formen und, in der tat, personalpronomen).
    wenn ihre nicht-muttersprachler jetzt schon die gleichen „fehler“[1] machen, wie umwohnenden eingeborenen, ist das doch ein schönes zeichen für integration und sprachgefühl 🙂

    1: welche fehler macht ein muttersprachler? die als „richtig“ bewertete konstruktion ist doch auch nur eine mehr oder weniger willkürlich ausgewählte aus den möglichen, gebrauchten und verstandenen; wie’s bei hochsprachen nunmal so ist …

  19. Die_Neue schreibt:

    Na, wenn’s doch schon die „Prominenten“ im Lieblingsmedium der Jugendlichen vormachen. Zum Beispiel die „Blubb“ Frau für eine Dikont (nur schon diese Bezeichnung) Kette. „Is besser wie als man denkt“…

  20. moebelexperte schreibt:

    Wenn es nicht so traurig wäre, dann könnte man glatt darüber lachen.

  21. michael schreibt:

    > „Sie hat mit ihren Cousin geheiratet!“

    Und was ist eigentlich daran falsch, ausser daß es ‚ihrem‘ heißt ? Es hat sich halt um eine Doppelhochzeit gehandelt. Sie hätte auch sagen können:“Sie hat zusammen mit ihrem Cousin geheiratet!“

  22. Nele schreibt:

    *Schulterzuck* Rein sprachhistorisch gesehen erleben wir momentan den Abbau des Flexionssystems in Richtung eines Systes, das auf einer Kombination von direkten und inderekten Objekten besteht, die durch Satzstellung und Präpositionen markiert werden. Am offensichtlichsten ist diese Entwicklung natürlich bei den L1-Sprechern, die dem schriftlichen Standarddeutsch am entferntesten sind, d.h. bei der Klientel von Frl. Krise, aber der Flexionsverlust zeigt sich auch schon in den öffentlich rechtlichen Medien, wenn man ein wenig aufmerksam ist. Am prominentesten bei Eigennaen/Produktbezeichnungen: „Heute in Das Erste“, „der Präsident von Elfenbeinküste“. Auch andere Schlampereien find sich ganz regelmäßig in journalistischen Texten – einfach mal aufmerksam sein. 🙂

    Nele

  23. Nele schreibt:

    P.S.
    Die englische Sprache hat diese Entwicklung schon vor Jahrhunderten durchgemacht und ist auch nicht an Verdummung gestorben. 😉

  24. Kat schreibt:

    Deutsch ist relativ schwierig, finde ich. Schon z.B das Wort „Bank“ (Geld-Bank, Sitzbank oder Sandbank) erklärt sich nicht von alleine….

  25. qincaoyi1980 schreibt:

    Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Ich habe mir das damals immer so gemerkt:
    Ich habe diesen Mann geheiratet.
    Mein Vater hat mich mit diesem Mann verheiratet. :))

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