Bir nisan!

Ich habe einen finsteren Plan: Den Kunstunterricht in meiner Klasse werden ich heute etwas aufmischen, indem ich folgende Mitteilung an die Tafel schreibe:

Sonder- Projekttag nur für die Klassen 7b, 8d, 9b und 10b
Thema: Richtiges Verhalten in der Schule
Termin: 9. 4. 2011,
8.00-12.30 Uhr

Dann werden sich alle freuen (kein Unterricht und nachmittags frei!!!),  bis – Stunden später- irgendeiner checkt, dass das ein Samstag ist.
Sie werden alle furchtbar schreien und ich werde überaus cool bleiben und überheblich sagen, dass ich mir auch etwas Angenehmeres am Samstag vorstellen könnte, aber das hätten sie jetzt von ihrem schlechten Verhalten und die Schulleitung wolle jetzt endlich andere Saiten aufziehen…..
Und viel später erst würde ich dann APRIL, APRIL darunter schreiben! (Auf Türkisch heißt das übrigens bir nisan, glaube ich jedenfalls.)

Meine Kinderlein sind wohl gelaunt und begrüßen mich wie immer unter lautem Getöse und mit einer Unzahl von Mitteilungen, Wünschen, Beschwerden, Küsschen rechtslinks rechts (Nesrin und Aynur) und einem halbtoten Emre.
„Er hat GANZ doll Kopfschmerzen“, berichtet mir Ömür sofort.

Ich verspreche, mich gleich darum zu kümmern und flitze in den Kunstraum nebenan und schleppe alles Material herbei. Voll umständlich, aber ich will mit meiner Klasse vorläufig im Klassenraum bleiben. Diese Fachräume bieten Pubertierenden in einer instabilen Phase einfach zu viele Möglichkeiten sich unbotmäßig zu verhalten und mir auf den Nerven herum zu trampeln….

Ich teile jetzt alles schön aus , denke ich, und wenn sie angefangen haben zu arbeiten, schreibe ich den Sonderparteitag an die Tafel
Ich muss schon leicht in mich hineinkichern. Schüler verarschen… Herrlich!

Natürlich muss ich fünf bis sechs mal nach nebenan laufen. Irgendwas fehlt immer noch.
Ömür ist schon ganz aufgebracht, dass ich mich nicht um Emre kümmere.
So, jetzt noch ein Eimer Wasser neben das Pult– wir arbeiten zu allem Unglück mit Deckfarben und haben keinen Wasseranschluss in der Klasse und dann endlich:
„Emre, was ist los?“
Emre liegt inzwischen wie angeschossen platt mit Kopf und Armen auf seinem Tisch, den er wie immer ans Pult herangeschoben hat. (So viel Kontakt muss sein…)

„Emre,“ sage ich, „Emre, was hast du denn?“
Keine Antwort.
Ich rüttel ein bisschen an seiner Schulter….nichts!
„Emre, sprich mal mit mir!“
Null Reaktion.
„Meinen Sie, er ist bewusstlos?“ Ömür guckt mich besorgt an.
„Ach, Quatsch!“ sage ich, aber ganz wohl ist mir nicht in meiner Haut. Schließlich war Emre letztes Jahr wochenlang krank, er hat eine Odysee durch Kliniken und Arztpraxen hinter sich….gefunden hat man damals nichts.
Allerdings neulich die veränderten Blutwerte! Und da hatte er doch die Diagnose nicht verstanden…
Inzwischen stehen fast alle um Emre herum. Ich ziehe ihn vorsichtig an den Schultern hoch, sein Kopf wackelt bedenklich.
Bewusstlos ist der nicht, aber was hat der bloß?

Der Wassereimer! Er steht genau neben mir. Ich tauche meine Hand in das kühle Nass und spritze Emre leicht ins Gesicht.
Keine Reaktion…oder doch?

Ein kleines Grinsen vielleicht?
Na warte! Ich spritze ihn volle Kanne nass! Dieser Halunke!

„April, April,“ piepst Ömür.

Emre lässt sich vom Stuhl fallen und lacht und schreit und alle lachen und schreien mit.. Den ganzen Eimer sollte man ihm über den Kopf schütten! Ich bin erbost! Mich so hinters Licht zu führen! Die reinsten Schauspieler, vallah!

Es dauert ein Weilchen, bis sich die Lage beruhigt hat.
Ich spiele erst mal die beleidigte Leberwurst und lasse Ömür und Emre links liegen.

Meinen schönen Plan habe ich vor lauter Schreck auch vergessen.
Erst kurz vor dem Ende der Doppelstunde fällt er mir wieder ein.
Ich schreibe etwas lustlos den Text an die Tafel. Und es kommt zuerst auch genauso, wie es mir vorgestellt habe, nur ruft Jenny schon nach zwei Minuten: „April, April!“ und alles fällt in sich zusammen wie ein Hefeteig bei Durchzug.
„Mist!“ sage ich. „Das war ja voll ein Schuss in den Ofen!“

Emre springt auf und umarmt mich. „Sind Sie noch sauer?“ fragt er.
„Ja, wenn du mich nicht SOFORT los lässt!!!!“ sage ich, „das grenzt ja schon an sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz!!!!“
„Nee, wa?“ Emre guckt mich voll verblüfft an.

„April, April,“ piepst Ömür und zwinkert uns zu.

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18 Antworten zu Bir nisan!

  1. RogueEconomist schreibt:

    Wer anderen eine Grube gräbt…

  2. die Schmith schreibt:

    *kichert meedchenhaft*

  3. sockenbergen schreibt:

    tja, es kommt doch immer anders als man denkt
    *grins*

  4. Loki's Son schreibt:

    LehrerInnen verarschen… Herrlich!

  5. susa schreibt:

    merhaba ! habsch disch voll verlinkt auf meim blog, ej.
    weil da lach isch immer voll viel beim lesen.

    lg,
    susa

  6. kuestensocke schreibt:

    Wunderbare Geschichte! Frl. Krise, was Sie immer tolles erleben….
    Meine Kollegen haben den anderen Kollegen, die nun 4 Tage unterwegs waren einen Streich gespielt und den Schreibtisch leer geräumt, ein Mitarbeitergespräch angesetzt und sich selbst im Teamkalender als „beurlaubt“ eingetragen. Recht verwandt mit Ihrer geplanten Disziplinarmaßnahme….

  7. Hajo schreibt:

    toller Schuss in‘ Ofen 😀
    aber sind das nicht auch Tage, an denen der Beruf so richtig Spass macht? Irdgendwie sind diese Kinder doch
    .. menschlich 😉

  8. 10senses schreibt:

    Ich finde Nesrin, Aynur, Ömür, Emre und all Ihre anderen Kinderlein
    echt cool eh … 😉

    Schön, dass es die Klasse gibt, sonst gäbe es diesen Blog und die täglichen Schmunzelgeschichten vielleicht gar nicht. Das wäre megaschade.
    Wallah Billah 😉

  9. mountainmona schreibt:

    BU HALIL ALMAZDIM
    heißt „ich möchte diesen Teppich nicht kaufen“ und ist meiner Meinung nach immer eine gute Anmerkung. 😉
    Ihre Blogeiträge schaffen es immer mich zum Lachen zu bringen, weiter so!

  10. zelositia schreibt:

    süße Geschichte 😉

    celosity.wordpress.com

  11. Kay schreibt:

    Muhahahahahaha, sehr schön!

  12. Hellhound schreibt:

    *prust*

  13. Frau Lehmann schreibt:

    🙂

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