Mit Chic und Bauch…

Emre hetzt in der letzten Sekunde vorm Klingeln in die Klasse und baut sich vor mir auf.
„Was das? Weißes Hemd?!“ sage ich „Warum so fein heute?“
„Ich und Ömür gehen heute Praktikum“, sagt Emre. „Eigentlich sollten wir Freitag gehen, aber die Frau hat heute morgen bei mir angerufen und gesagt, wir sollen heute kommen mit feines Hemd und Hose.“
„Wo ist überhaupt Ömür?“
„Frl. Krise, der kommt bisschen später. Der muss sich auch chic anziehen. Aber passt ihm nichts. Er hat zugenommen.“
Ich seufze. Probleme haben die!
Ich versuche anzufangen, wir haben Deutsch in der ersten und zweiten Stunde,
aber Emre findet sich noch nicht genug gewürdigt.
„Wie sehe ich aus? Frl. Krise? Schön, wa? Aber ich hatte nicht schwarze Hose, meinen Sie, das ist schlimm?“
„Du siehst sehr gut aus, Emre,“ sage ich. „Sehr erwachsen!“
Das stimmt auch. Und er sieht nicht nur so aus, er ist es auch. Emre ist ein Jahr älter als die meisten anderen aus der Klasse. Er hat eine Freundin und einen Plan, wie sein Leben weitergehen soll. Außerdem ist er nicht nur groß, schlank und hübsch, sondern auch ausnehmend nett und höflich. Nur seine Noten…dabei ist er ziemlich fleißig.

„Wir sind doch im Hotel,“ erklärt er mir, „ aber ich habe keine schwarze Hose, aber Gürtel ist neu!“
Ich nicke und öffne den Mund, um meine übliche Morgenbegrüßung abzulassen….
Da stürzt Ömür zur Tür herein. Er schnauft und pellt sich rasch seine schwarze Jacke vom Leib. Ömür ist klein und rundlich. Seine Ane verwöhnt ihn wohl ein bisschen zu sehr.
„ Hatte nichts zum Anziehen,“ keucht er, “ wegen Praktikum! Tschuldigung, ging nich schneller!“
Immerhin trägt er eine schwarze Hose und ein gestreiftes Hemd. Das Hemd ist ein bisschen eng….
„Mach mal sofort den obersten Knopf auf, Omür,“ sage ich, „ich kriege ja schon Erstickung, wenn ich sehe, wie das Hemd den Hals einschnürt.“
Emre lacht und hilft ihm fachmännisch die beiden obersten Knöpfe zu öffnen.
„Sehr gut“, sage ich, „ so sieht das gleich viel besser aus.“
Leider ist das Hemd auch am Bauch sehr eng, aber Ömür vertraut darauf, dass es sich noch weitet im Verlaufe des Morgens….
Hoffentlich halten die Knöpfe durch, denke ich und rufe: „So, Leute, jetzt geht’s aber los!“
„Frl. Krise, ich wollte Smoking anziehen, aber mein Beine passten nicht mehr in Hose!“ unterbricht mich Ömür.
Alle Mädchen schreien: „Smoking!“
Wir klären das auf: Es handelt sich wohl nur um einen dunklen Anzug, der ihm vor einem Jahr noch passte. Ömür klopft auf seinen Bauch.
„Habe ich zugenommen!“ stellt er fest. „Dabei habe ich gestern nur halbe Pizza und Spagetti gegessen.“
„Viel zu viel!“ sagt Nesrin, die auch nicht gerade die Dünnste ist.
„Aber ich habe doch Sport gemacht, gestern “ verteidigt sich Ömür.
„Na ja,“ sagt Emre „Sport….“

Ich fange jetzt an…diese Jungs halten den Betrieb heute echt auf.

Emre hatte sich um das Praktikum bemüht und Ömür mitgeschleppt. Ich hatte allen Schülern die Flyer des Veranstalters gegeben, aber meine Herrschaften glauben sich ja noch Lichtjahre entfernt von der Berufswahl. Jetzt sind alle ein bisschen neidisch, besonders weil die beiden zu den fünf Terminen früher gehen dürfen. Um 14.00 müssen sie los, wir anderen haben bis 15.00 Uhr Unterricht.

Ich denke: Das größte Problem wird sein, das weiße Hemd heil über den Morgen zu bringen und erstarre, als ich sehe, dass sich Emre, als es die Pause beginnt, lässig eine Milchschnitte in die Brusttasche steckt. Verpackt natürlich, aber trotzdem!
„Mach nicht so!“ rufe ich panisch, aber Emre winkt mir ganz überlegen zu und verschwindet Richtung Schulhof.

Ömür entdeckt in der 3. Stunde, dass er das Schreiben, auf dem die Praktikumstage testiert werden sollen, zu Hause liegen ließ! Vallah, wegen der Anprobiererei! Ich schicke ihn nach Hause, das Blatt holen. Was bleibt mir übrig.

Nach der großen Mittagpause dürfen die beiden endlich losgehen. Sie sind ein bisschen aufgeregt.
„Wir sollen heute Englisch reden,“ sagt Ömür und reißt seine braunen runden Augen auf.
„Oh my god!“, sage ich passend, “Na, wird schon schief gehen, die haben euch doch letzte Woche so gelobt, habe ich gehört!”

„Sehen wir gut aus?“ Ömur zuppelt an seinem Hemd herum. Alle Knöpfe sitzen erstaunlicherweise noch an Ort und Stelle und Emres Hemd ist fleckenlos rein.

„Jetzt schiebt endlich ab,“  sage ich, „ihr seht super aus. Blamiert uns nicht und viel Spaß!“

Weg sind sie.
Wir haben noch Ethik.
Ich hätte gerne mit ihnen getauscht…….

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21 Antworten zu Mit Chic und Bauch…

  1. fraufreitag schreibt:

    ach wie schön. ich merke es wird frühling…

  2. Seifenfrau schreibt:

    Hach, wie goldig….

  3. die Schmith schreibt:

    Ach, das klingt einfach zu putzig. Musst du morgen unbedingt sagen, wies war. Bin neugierig.

  4. WarMalSchüler schreibt:

    Na dann..

    und warte gespannt auf die Fortsetzung, wie’s den 2 ergangen ist.

    Ein eigener Spind in der Schule, wie es die Amis vormachen, das wäre was.. Oder zumindest ein Regalfach irgendwo.. zu mehr als ner gemeinsamen Bücherkiste im Klassenzimmer hats nie gereicht und das war schon purer Luxus.

  5. Ulla 39 schreibt:

    Ich habe eben erst den Eintrag gelesen – zum Daumendrücken für Emre und Ömür ist es leider zu spät; bin sehr gespannt , wie es weitergeht.

  6. Olaf schreibt:

    Das ist ja richtig spannend.
    Mir fällt mein erstes Praktikum mit 16 Jahren wieder ein (in einer Siebdruckerei, schon sehr lange her, 10. Klasse „Gymnasiumschulle“ [eine herrliche Wortschöpfung übrigens], für die ich angeblich zu blöd war). Und jeder Tag hat etwas von einem Auftritt ohne vorherige Generalprobe.
    Hail the goer.
    Bitte berichten Sie unbedingt über die Abenteuer von Emre und Ömür. Und bestimmt schalten dann alle ein, wenn es heißt: „Emre und Ömür berichten aus Praktikum in Hotel und Frollein Krise sendet es – Teil 1: Die Suppenschüssel…“
    😉

  7. welt2 schreibt:

    Zu den Hemdknöpfen: „Der Klügere gibt nach“ passt sehr schön dazu.

  8. maria schreibt:

    Ach Gott, sind die niedlich. Bitte unbedingt erzaehlen wies weitergeht!

  9. innengeraeusche schreibt:

    Da kann man den beiden ja nur die Daumen drücken. Ihre Beschreibung klingt jedenfalls, als hätten sie’s verdient.

    Viele Grüße
    Rita

  10. Frau Schaf schreibt:

    Wird schon schief gehen! Die Jungs schlagen sich oft
    Besser als man glaubt.

  11. Find ich total gut, dass die so Initiative ergreifen 🙂

  12. Chris Ignatzi schreibt:

    Sehr gut geschrieben, mein Kompliment!

    Sind Sie eine Lehrerin, die aus ihrem Alltag berichtet, oder eine Schriftstellerin, die exemplarische Geschichten schreibt?

    Viele Grüße,

    Chris

  13. Soninke schreibt:

    „Mach nicht so!“ – herrlich diese sprachlichen Neuschöpfungen und schön, dass man sie über Ihren Blog kennen lernen kann.
    Bitte mach so, Frl. Krise, unbedingt weiter!

  14. Miss M schreibt:

    Hallo,

    ich bin auch über den Spiegel-Artikel hier gelandet und habe mich in den letzen Tagen durch das komplette Archiv gelesen.
    Sie schreiben unglaublich gut. Lustig und gleichzeitig hört man heraus, dass Ihnen die Schüler trotz allem am Herzen liegen. Ihre Schüler haben ein wahnsinniges Glück, dass sie eine Lehrerin wie Sie haben. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Ihre Bemühungen irgendwann bei den „Kleinen“ fruchten (und wenn es erst in ein paar Jahren ist/sei(?)).

    Eine Frage am Rande: weiß Karl eigentlich von Ihrem Blog? Wenn ja, schöne Grüße und auch an ihn: Respekt vor Ihrer beider Leistung!

    • frlkrise schreibt:

      Karl weiß nichts davon….und fruchten muss es bald! Sind nur noch knapp anderthalb Jahre!
      Ach ja, fürs Durchlesen des Archivs gibt es bei mir ein Fleißsternchen. Bitte sehr: *

  15. [SO] Olli schreibt:

    Hui… was hab ich lange nicht mehr hier gelesen… muss ich glatt nachholen… Hoffe, dem Frl. Krise geht es gut….

  16. Pingback: Ja!!! | frl. krise interveniert

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