Opferlehrerin an Opferschule….

„Warum lassen Sie uns nicht einfach früher gehen?“ Meine Zehntklässler gucken mich voller Unverständnis an. „Es fehlt doch eh die Hälfte!“
„Miriam, kann dein Vater seinen Arbeitsplatz einfach verlassen, wenn er keine Lust mehr hat?“
Miriam zuckt mit den Schultern. „Weiß nicht,“ sagt sie. „Der arbeitet nur schwarz.“
Volltreffer.
Ich nehme Alper ins Visier.
“Ja, ‚türlich,“ sagt der , „mein Vater hat eigenes Taxi.“

Das war offensichtlich der falsche Argumentationsstrang.
„ Ich DARF nicht früher Schluss machen,“ sage ich. „Eure und meine gemeinsame Arbeitszeit geht bis 16.00 Uhr. Punkt. Ende der Diskussion.“
„Aber das merkt doch keiner…!“ Miriam gibt so schnell nicht auf.

Ich lache nur höhnisch auf. Die beste Methode, sich allen im Haus eindrücklich in Erinnerung zu bringen, ist es, eine Klasse –  ach, was sag ich, zwei,drei Schüler reichen schon – früher gehen zu lassen. Sie werden aus dem Klassenraum treten und sofort anfangen, sich lauthals zu streiten, zu beschimpfen, zu singen, die Treppe runter zu poltern und an alle Türen zu klopfen (Im besten Fall! – Im schlechtesten reißen sie die Türen auf – mal nachsehen , ob die Freundin auch schon fertig hat…).

„Ihr habt ein Recht auf 45 Minuten Unterricht,“ sage ich  und weiß schon, jetzt kommt ein großmütiges: „Ach, darauf können wir heute mal ausnahmsweise verzichten!“…

Immer wenn ich diesen doofen Satz sage, fallen mir Herr Knurrhahn und Frau Spieß ein. In meiner Ausbildungsschule hatte Herr Knurrhahn irgendeine Funktion in der Schulleitung und Frau Spieß war die Oberputzfrau oder es kam mir vielleicht auch nur so vor, dass sie das waren.
Jedenfalls hatte ich als Referendarin voll Angst vor ihnen, denn sie standen in der Schulhierarchie  Lichtjahre weit über mir. Eigentlich hatte jeder an dieser Schule mehr zu sagen als ich. JEDER!  Sogar jeder Schüler.
Ich war voll die Opferlehrerin. Damals kannte ich aber den Begriff noch nicht.
Ich war „Opferlehrerin an Opferschule“ …
( Das hat mir ein Schüler an meiner jetzigen Schule mal nachgerufen, weil ich ihm im Deutschunterricht sein aufgeblasenes Kondom angepiekt habe…worauf es zerbarst. Der hat aber schwer Ärger bekommen, der Junge und zwar nicht wegen des Kondoms!)

Ich hatte damals als Referendarin auch eine zehnte Klasse in Kunst und habe bevorzugt aufwendige, aber stark schmutzende Arbeiten anfertigen lassen…
Das war ein sehr schlauer Zug von mir, denn am Ende hauten die Schüler alle ab und ich saß  mit dem restlos versauten Kunstraum da.
Während ich dann halbherzig aufräumte und schrubbte ( „Warum eigentlich ICH????) kam meistens Frau Spieß rein und guckte mich missbilligend an.
Dann ging sie zu Herr Knurrhahn und petzte.

Frau Spieß trieb sich auch gerne im Flur vor den Klassen rum und kontrollierte, ob wir nicht etwa zu früh Schluss machten und ob auch ja alle Stühle hoch gestellt waren.
So kam es mir jedenfalls vor, vielleicht hatte ich auch nur ein bisschen Verfolgungswahn. Wenn was nicht in Ordnung war, ging sie zu Herrn Knurrhahn und petzte.

Einmal ließ ich eine Klasse fünf Minuten vor dem Klingeln gehen, aber wir rannten schon in der Klassentür in Herrn Knurrhahn und die fies grinsende Spieß rein, die uns HEIMTÜCKISCH aufgelauert hatten.
Herr Knurrhahn hatte so eine sympathische Art einen mit leicht blutunterlaufenen Augen anzusehen und betont leise zu sprechen….
„Frl. Krise,“ flüsterte er.
(Er konnte flüstern, alle Schüler wurden sofort ganz still, wenn ihn nur sahen…)
„Frl. Krise, darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Ihre Schüler ein Recht auf
45 Minuten Unterricht haben?“
Betreten schlichen wir zurück in die Klasse und harrten schweigend aus, bis es klingelte. Dann gingen wir ganz bescheiden raus aus dem Raum.
Der Flur war leer.

Warum ich das erzähle?
Ich habe heute Nacht von Herrn Knurrhahn geträumt. Echt.
Dabei ist der schon tot.
Glaube ich jedenfalls.

Er erschien mir im Schlaf, guckte mich aus geröteten Augen an (vielleicht hat der ja auch immer bloß gekifft?!) und sagte:
„Frl. Krise, ich habe im Spiegel-online gelesen, sie schreiben einen Lehrerblog. Das ist nicht erlaubt!“

Oh my god…..

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25 Antworten zu Opferlehrerin an Opferschule….

  1. einehutzel schreibt:

    Ich will heute auch früher gehen und kann und mach das auch.
    Frl. Krise, es ist egal, was Herr Knurrhahn meint, in echt!

  2. Shannon schreibt:

    Das lässt doch eine Entwicklung erkennen, früher hätte er erstmal warten müssen, bis Frau Spieß ihm das petzt. 😉
    Aber es ist schon irgendwie beängstigend, dass man das so gut kennt. Ob es so Menschen an jeder Schule gibt?

    • frlkrise schreibt:

      Offensichtlich…aber an meiner jetzigen Schule gibt es sowas nicht!!!!!!!!!

      • black4bull schreibt:

        … sind sie da ganz sicher, frl. krise ???
        ;-)))

      • WarMalSchüler schreibt:

        Ja, wenn es so einen nicht gibt, dann könnte man ja die Schüler durchaus paar Minuten früher gehen lassen.

        Das hätte dann vielleicht sogar eine therapeutische Wirkung und Sie müssten Nachts nicht mehr vom Herrn Knurrhahn träumen.

        Bei uns hiess der Knurrhahn übrigens Matuschek (leicht verfremdet) – hatte Vollbart, rauchte Pfeife – auch im Unterricht.. und war Direktor. Die Frau Spiess war männlich und hatte die offizielle Bezeichnung Hausmeister.

        Hausmeister sind ganz schlimm, aus Schülersicht zumindest. Schlimmer noch als Lehrer. 🙂

      • Shannon schreibt:

        Bei uns ist es auch nicht so schlimm, mehr eine abgschwächte Form. Aber dennoch. 🙂

      • RogueEconomist schreibt:

        Na dann wird es doch mal Zeit, dass sie diesen Platz ausfüllen. Kriminalistisches Gespür haben sie ja schon oft genug bewiesen. IM Krise… Passt aber ehrich gesagt nicht zu ihnen.
        Ich glaube übrigens, Leute wie Herrn Knurrhahn gibt es tatsächlich überall und die sind unsterblich (untot trifft es da sicher besser). Zu meiner Schulzeit (Gymnasiumsopferschule) gab es auch einen Herrn Knurrhahn, bei dem die Schüler auch in der Oberstufe lieber ihre Zigarette verschluckt haben als sich von ihm erwischen zu lassen. Und laut werden musste der auch nie.

    • Conny schreibt:

      An fast jeder. Aber jede Lehrerin und jeder Lehrer ist Herrn Knurrhahn und Frau Spieß schon begegnet.l

  3. petrahannover schreibt:

    Herr Knurrhahn muß ja nen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, wenn er einem heute noch im Traum erscheint 😉

  4. theomix schreibt:

    Und ich dachte, auf der Musterschule von Frl. Krise hat der Direktor Schneider oder du weißt schon wer alles im Griff, selbst diesen Blog?

  5. DasDodo schreibt:

    Puh, geschafft, ich hab alle Artikel gelesen. ^^
    Echt interessant, erinnert mich an meine Gesamtschulzeit in Berlin-Wedding, Ausländeranteil min. 75%.

    Hm, also ich darf bei meiner Arbeit gehen wenn alles erledigt. ^.~

    Noch viel Spaß
    wünscht DasDodo

  6. Herr Knurrhahn schreibt:

    Frl. Krise, Frau Spieß hat mir berichtet, dass sie auf dieser komischen Seite Geschichten aus der Schule veröffentlichen. Das ist schon verboten genug, aber jetzt auch noch mich zu erwähnen, ist eine bodenlose Frechheit! Aber ich habe damals schon immer gesagt, dass aus Ihnen niemals eine anständige Lehrerin wird!

  7. Neulehrerin schreibt:

    Oh man, das kenne ich auch! An meiner Ausbildungsschule gab es das auch.

    Und die Schüler sind auch überall gleich. Meine wollten mir heute „entgegenkommen“: Sie wollen eine Doppelstunde unterrichten, wie wollen keine Stunde unterrichtet werden. Einigen wir uns doch darauf, dass wir nach einer Stunde gehen dürfen!

  8. Catze schreibt:

    Herr Knurrhahn… Lol!

  9. die Schmith schreibt:

    Auweia, bist du voll Queen of Opferlehrers. Alpträume können so fies sein…

  10. verwackelts schreibt:

    frlkrise hat es auf SPON geschafft? Gibts dazu einen Link?

  11. justforvisit schreibt:

    Welchen Sinn macht diese ganze Diskussion eigentlich, wenn man mal bedenkt wie gnadenlos veraltet das deutsche Schulsystem zu größten Teilen ist und wie ignorant und blind die Politik daran geht? Ich bin zwar schon eine Weile aus der Schule (und auch froh daerüber), aber bekomme immer noch oft Bauchschmerzen wenn ich dann von manchen „Bildungsministern“ höre, um der Pisa-Studie entgegen zu wirken müsste man einfach nur Ganztagsschulen einführen.

    Die mesten Schulumfelder die ich hier in NRW kennen lernen durfte (und es waren ein paar) sind schon demotivierten genug, auf viele trifft „Knast ohne Gitterstäbe mit Bildungsauftrag“ ganz gut zu, die ihren Bildungsauftrag dann auch nur halbherzig erfüllen, in meiner Schulzeit bestanden rund 80 % des Unterrichts daraus das der Lehrer aus dem Raum verschwand und uns mit sinnlosen Beschäftigungsmaßnahmen wie Worträtselblättern zurückließ. Nicht die Länge des Unterrichts muss gesteigert werden, sondern die Qualität, diese allerdings 10 x so stark wie die Länge.

    Klar kannst du als Lehrerin da nicht viel ausrichten, aber ich würde mich an deiner Stelle vllt. mehr darüber aufregen wie verkaklt und verrostet DE in dieser Hinsicht ist, der allererste Schritt in die richtige Richtung wäre, ein angenehmeres Klima an den Schulen zu schaffen, aber das ist nun wieder Auftrag der Regierenden indem man sich besser um die Förderung sozialer Brennpunkte kümmern würde (nur einer von vielen Faktoren, aber gerade der der mir am sauersten aufstößt).

    • welt2 schreibt:

      Sehe ich auch so. Unsere Tochter beendet bald die 6. Klasse. Ich hatte erwartet, daß sich im System Schule irgendwas geändert hat im Vergleich zu meiner Schulzeit, aber doch nicht zum Schlechteren! Vollere Klasse, weniger Mitbestimmung, mehr Frontalunterricht, schwärzere Pädagogik, weniger Interesse für die Elternperspektive und völlig unkritischer Einsatz von Noten als pädagogisches Mittel. Dafür „smartboards“ in jeder Klasse. Wenn ich nicht wüßte, daß wir die früheren schulischen Mißstände auch ohne ernstzunehmende Schäden überstanden haben, dann hätten wir unser Kind eigentlich in eine Nische bugsieren müssen, Waldorf oder so.

      Dennoch gibts immer wieder Leute, die es mit dem Richtigen im Falschen versuchen – und wenn wir die nicht hätten, könnten wir die Hoffnung auf ein besseres Leben auch gleich aufgeben, wa?

      • justforvisit schreibt:

        Und plötzlich denke ich wieder an Don Quichote…

        Aber ja, es muss solche Leute geben auch wenn ihr eigenes Tun vergebene Liebesmüh ist, um andere auf Missstände in der Geselschaft aufmerksam zu machen, da besteht überhaupt kein Zweifel und da stimme ich dir völlig zu.

        Erschreckend finde ich nur auf wie vielen Themengebieten wir heutzutage Don Quichotes benötigen.

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