Der manische Moritz…

Offensichtlich sind morgens wirklich alle menschlichen Wesen unter 16 Jahren im Kindergarten oder in der Schule… Nirgends sehe ich auch nur ein einziges Gör‘ auf der Straße. Nicht mal einen Kinderwagen erspäht mein scharfes Auge.
Ich gebe zu, ich finde das akzeptabel, obwohl ich ja bekanntlicherweise nichts gegen Kinder habe. ICH  z.B. würde niemals, wie meine Kollegin Frau Kaltermann, meine Ferien  in einem „Hotel ohne Kinder“  verbringen!  Ich finde das voll übertrieben!
Aber gelegentliche Kinderdistanz wirkt beruhigend und ausgleichend auf mich.

Ich spreche übrigens gerade von meinem Einkauf, ich war Lidl, Gemüsemann und Bäcker.

Damit es mir nicht zu langweilig wird, sitzt vor dem Bäckerladen ein niedlicher kleiner schwarzer Hund- angebunden natürlich- so einer von der tapsigen Streichel-mich!-Sorte. Er legt seinen Kopf schief, richtet seine braunen Augen auf mich, stellt seinen Ohren ein bisschen auf und fiept flehentlich.
„Nicht weinen, gleich kommt ja dein Frauchen oder Herrchen wieder“, sage ich tröstlich im Stil einer leicht debilen Tante und komme mir auch so vor.
Zum Glück hat es niemand gehört. Außer dem Hund natürlich.

Das Tier heißt übrigens Moritz, wie sich später herausstellten wird.

Als ich den Bäcker mit meinem Rheinischen Roggenbrot verlasse, bietet sich mir folgendes Schauspiel: Die Frau, die gerade noch vor mir ein Weißbrot und zwei Puddingteilchen käuflich erworben  hat – eine ältere Dame mit erschreckend lila Haaren –  steht wie ein Schupo mitten auf der zum Glück nicht sehr belebten Kreuzung und schaut verzweifelt in alle Richtungen.
„Er ist weg!“ ruft sie mir zu, „ abgehauen, als ich ihn losgemacht habe!“
„Wer?“ frage ich dümmlich, obwohl ich ganz gut verstehe, wen sie meint. Ich habe aber nicht die mindeste  Lust, jetzt nach einem Hund zu fahnden.
„Moritz, Moritz!“ schreit die Frau und zack, kommt der kleine schwarze Hund  gehorsamst um die Ecke geflitzt, umkreist erst mich, dann sein Frauchen, rast noch einmal wie toll im Zickzack über die Straße und saust um die nächste Ecke. Ich hoffe, dass jetzt bloß kein Auto angebrettert kommt…!
Das Frauchen düst hinterher, allerdings bedeutend langsamer und schwerfälliger als das wilde Tier.

Moritz, aha, denke ich, zum Glück heißt der Hund nicht Herr Lehmann, wie der Dackel eines ehemaligen Kollegen.  ‚Herr Lehmann‘,  das hört sich echt bescheuert an, wenn man das öfter rufen muss.

Inzwischen ist noch ein älterer Mann mit einem Hackenporsche stehen geblieben.
Perfekt, denke ich, das gibt jetzt hier eine Rentnerveranstaltung, da gehe ich mal unauffällig weiter.
Aber just in diesem Moment fegt Moritz wieder mit wehenden Ohren über die Kreuzung und der Mann stürzt sich auf ihn. Mit wenig Erfolg allerdings, denn Moritz hat inzwischen verstanden, dass das ein Superspiel ist. Er kläfft auffordernd,  geht für einen Moment mit seinem Vorderkörper fast zu Boden und wackelt provozierend mit dem hoch aufgestellten Hinterteil plus Schwanz. Dann schießt er wieder quer über die Kreuzung in die andere Richtung und der Rentner sieht ihm leicht düpiert nach.
Die lila Dame uffzt herbei und legt mir die Hand auf den Arm. Ich habe Angst, dass sie gleich zusammenklappt.
„Der Hund gehört meiner Tochter,“ schnauft sie „ völlig unerzogen! Der hört einfach nicht! Passen Sie doch mal bitte auf meine Tüte hier auf!“
„Ham Se nich mal ’ne Scheibe Wurst?“ fragt der Renter, ein echter Fuchs, und zeigt auf die Tüte. Die Frau schüttelt den Kopf.
„Nee, nur Brot,“ sagt sie , „das frisst der nicht!“ Die Puddingteilchen verschweigt sie.
Der Rentner seufzt, fischt aus seinem karierten Shopper ein Päckchen hervor und überreichte der Dame zwei Scheiben Wurst, ich glaube, es ist Bierschinken.

Ich will es kurz machen. Dank der edlen Wurstspende ( es könnte auch Mortadella gewesen sein) wurde Moritz, der schon etwas ermüdete,  glücklich gefangen genommen. Die lila Dame und der Mann  gingen in die Bäckerei zurück, um gemeinsam eine Tasse Filterkaffee auf den Schreck zu trinken und ich dachte: Na, wenn das mal nicht eine prima Methode ist, sich einen Rentner zu angeln. Der arme Moritz musste natürlich wieder vor der Bäckerei warten.

Und ich ging nach Hause und fühlte mich ganz  ähnlich wie nach der Hofaufsicht in der Mittagspause…. da rennen die Kinder auch immer so um mich herum…

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30 Antworten zu Der manische Moritz…

  1. sbeedy schreibt:

    Sehr schön beobachtet 🙂 – aber Frl. Krise, Hakenporsche, was soll das denn sein? Kurzer Vokal – … na?

    (Sorry, sitze gerade über den Deutscharbeiten…)

  2. RogueEconomist schreibt:

    Sie könnten ja demnächst mal versuchen, ihre beim rauchen erwischten Schüler mit einer Scheibe Billywurst (die mit Gesicht!) zu fangen.

    • frlkrise schreibt:

      Sehr schöner Gedanke…….!!!!

      • Mrs. Porcelain schreibt:

        Iiihhh Gesichtswurst… ist wie Bärchenwurst… ( apropos Knut…) aber was ist bitteschön ein Schupo???

      • frlkrise schreibt:

        Ich kenne den Begriff „Schupo“ eigentlich nur aus Erich Kästners Kinderbüchern. In „Emil u. die Detektive“ und „Pünktchen und Anton“z.B. kommt der „Schupo“ oder der „Wachmeister“ vor – jedenfalls in der nicht mehr ganz taufrischen Ausgabe in der Schule. Meine Schüler fanden diesen Begriff sehr lustig…..

      • Hajo schreibt:

        @Mrs. Porcelain: zu meiner Zeit (ich hätte nie im Traum gedacht, dass ich auch mal so sprechen/schreiben würde 😉 ), also in grauer Vorzeit, in der die Welt noch in Ordnung war und die Einhaltung von Recht und Gesetz durch die Obrigkeit überwacht wurde, gab es eine Institution namens Schutzpolizist. Diesen Begriff haben dann respektlose Menschen abgekürzt.

      • michael schreibt:

        Schutzpolizei gibt es noch immer.

        Wie Wikipedia weiss:

        Beamte der Schutzpolizei wurden bis in das 20. Jahrhundert als „Schutzmann“, von den 1920er bis 1950er Jahren jedoch auch häufig als „Schupo“ bezeichnet.

        Aber eigentlich dachte ich, dass (heut mal ohne ß ) googlen und bei ‚wikipedia nachschlagen‘ bei dem Jungvolk ein Automatismus ist. Oder gucken die nur , ob Schupo eine Facebook-account hat.

    • renosch schreibt:

      Gesichtswurst ??? … Da muss ich doch einfach den Link auf Ruthe da lassen.

  3. Soninke schreibt:

    Wenn SIE es nicht beschrieben und somit für den heutigen Tag bezeugt hätten – – die Szene wirkt wie entsprungen aus einem Slapstickfilm der 50er Jahre.

  4. fraufreitag schreibt:

    oh frl. krise…das klingt verdächtig nach pensionsalltag. du brauchst dringend action. ich werde was organisieren.

  5. RogueEconomist schreibt:

    Wobei bei manchen Schülern (ich denke an Ömür, wobei der hoffentlich Nichtraucher ist) vielleicht eher der Döner als die Wurst wirkt…
    Ich bin übrigens wie so viele andere hier über Spiegel Online hergekommen, habe ihren Blog komplett gelesen (Fleisspunkt) und bin sehr angetan. Machen sie so weiter, auch für „ihre“ Kinder.

  6. TheFeldhamster schreibt:

    Frl. Krise, erklärst Du uns Ösis auch was denn bitte Puddingteilchen sind? Weil auf leo hat’s leider kein D-Deutsch nach Ö-Deutsch Wörterbuch. 😉

    • frlkrise schreibt:

      Das sind so fette runde Teilchen, gefüllt mit Pudding, wahrscheinlich seeeeeehr kalorienhaltig. In Hessen (wohin es mich auch verschlug ) nennt man die auch Plunderstückchen.

  7. zimtapfel schreibt:

    Ui, der Beginn einer wunderbaren Rentnerromanze und Sie waren dabei! 🙂

    Sagensemal, was war denn das für ein Spiegelartikel, in dem Sie erwähnt wurden? Hab ich wohl irgendwie verpasst.

  8. Frau Antsche schreibt:

    Kaugummi wären ein `Mortadellaersatz`aber das geht wegen der Folgeschäden (für Tisch , Bänke und Nerven des Lehrpersonals) auch nicht. Fräulein Krise sie sollten mal wieder -Burnoutprophylaxe- betreiben, dann müssten sie vielleicht auch nicht das Rentnerdasein einüben.

  9. die Schmith schreibt:

    Da hattest du ja voll Äktschn. Auf den Schreck haste hoffentlich nen schönen, heißen Tee getrunken und die Beine hochgelegt.

  10. Pierre Sanft schreibt:

    Ich dachte echt jetzt ein „Hackenporsche“ sei der weibliche Aufputz eines in die Jahre gekommenen Herren :-). Stöckelschuhe und so, aber Wikipedia sagt anderes.
    „Aber just in disem (sic) Moment fegt Moritz“ – würde ich auch beanstanden – mit der Einschränkung, daß ich nicht mit der neuen Rechtschreibung vertraut bin.
    Auf einem Lehrblog darf man doch korinthkaken, oder nicht?

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