Da staunt der Männe und die Leute wundern sich…

Lässig lasse ich das Einwickelpapier zu Boden segeln, ehe ich ins Auto einsteige und schiebe mir das Hustenbonbon in den Mund.
Männe, der mir gerade in einem seltenen Fall von vorehelicher Ritterlichkeit die Tür aufhält, sagt erstaunt und ein bisschen empört:
„Seit wann schmeißt du denn deinen Abfall hier einfach hin?“
Abfall? Wovon spricht der Mann? Ich gucke ihn mit großen Rehaugen an.
„Was Abfall?“ frage ich.
„Hier !“ Männe fuchtelt mir mit einem grünen Papierchen vor der Nase herum.
„War ich nicht,“ sage ich vorsichtshalber.
„Neee…oder…?!“ Männe kriegt sich nicht mehr ein, „das hast DU doch hier gerade vor meinen Augen hingeschmissen!“
„Niemals“, sage ich im Brustton der Überzeugung.
Männe schüttelt den Kopf und steigt auch ins Auto ein. Das Bonbonpapier plaziert er vorsichtig in der Ablage des Cockpits.
„Also bitte! Ich stand doch genau daneben!“ insistiert er und sieht mich an wie ein seltenes Insekt .
„Kannst du das beweisen?“ frage ich kühl und lege mir den Sicherheitsgurt um.
Männe starrt stumm durch die Windschutzscheibe auf die Mülltonnen, die sich im Hinterhof gleich neben unserem Parkplatz befinden.
Da taucht unser Hauswart auf. Er humpelt in Richtung Flaschencontainer und wirft drei Pullen hinein, die wie Schnapsflaschen aussieht.
„ Der säuft sich was zusammen, der Hurensohn,“ sage ich diagnostisch wertvoll und ignoriere Männe, der plötzlich tief ein –und ausatmet.
„Du meinst wohl, der ist alkoholkrank!“ sagt Männe leise und starrt immer noch vor sich hin.
Dann sagt er nachdenklich : „Du hast dich verändert, Frl. Krise, seit du an dieser Schule bist…“
„Wie jetzt?“ frage ich. Der Mann ist so komisch heute….
Vielleicht hat er Wechseljahre? Ich habe davon in der Apotheken-Umschau gelesen- das kann zu Wesensveränderungen führen. Besorgt mustere ich ihn von der Seite.
„ Ach nichts,“ sagt Männe und fährt endlich los.

Zwei Tage später treffe ich mich mit Frau Freitag in meinem Schulkiez.

Bester Stimmung, aber völlig erfolglos durchforsten wir einen kleinen Flohmarkt und biegen dann zu unserem Stammcafe ab. Frau Freitag hat sich wie immer bei mir eingehängt und dirigiert mich mit sanftem Druck durch die Menschenmassen.
Ein hoch aufgewachsener älterer Mann, auf eine Krücke gestützt, kommt genau auf uns zu. Die zweite Krücke trägt er wie ein Bajonett vor sich her und verschafft sich so etwas freien Raum. Er sieht verwahrlost aus und scheint irgendwas konsumiert zu haben, denn er pöbelt die Passanten an, die verschreckt vor ihm zurückweichen.

Jetzt nimmt er uns ins Visier und legt sofort los: „Ihr Lesben! Haut ab, ihr beschissenen Lesben, Lesben sollte man alle…!“
„Halts Mund, Wichser“, sage ich bestimmt  und Frau Freitag setzt noch mit einem drohendem „Deine Mutter….!“ nach. Der Mann verschwindet in der Menge.

Wir  kriegen den voll krassen Lachanfall.
„Männe meint, wir hätten uns verändert“, globalisiere ich den Spruch meines Mannes…

„Wie kommt er denn darauf?“ ächzt Frau Freitag und hält sich den Bauch fest.….

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Hm... veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

33 Antworten zu Da staunt der Männe und die Leute wundern sich…

  1. Frau Buntstift schreibt:

    Liebes Fräulein Krise,
    so wie *die vorehelich Ritterlichkei* zu ehelicher Gleichgültigkeit mutiert, so auch die mitteleuropäische Hochsprache nebst Umgangsformen zu südeuropäischem Machogehabe nebst *ausdrucks*starker Rudimentärsprache.

    🙂

    Schönes Wochenende!
    Frau Buntstift

  2. Synapse schreibt:

    Das scheinen so manche Berufe mit sich zu bringen ;-).
    Ich bin Altenpflegerin, arbeite mit Dementen und merke mir immer weniger, was mein Mann zu mir sagt. Man sieht – auch hier färbt Einiges ab.

    Ich lese zu gerne hier und möchte heute einfach mal eine Spur und ein Zeichen meiner Anwesenheit hinterlassen.

    Mandy

  3. Andreas schreibt:

    kommentarlos gut 😀

  4. Mrs. Porcelain schreibt:

    Pfui pfui, das Bonbonpapier achtlos auf den Boden geworfen!! Widerlich! Sie haben sich wirklich verändert, mir fällt das aber besonders an den in Ihrem mündl. Sprachgebrauch nicht mehr verwendeten Artikeln auf…

  5. Stu-dent schreibt:

    Ein Trend, den ich schon seit Jahrzehnten beobachte. Zwei um genau zu sein. Die Erwachsenen werden auch immer frecher, damals, Ende der Achtziger Jahre gab es noch Respekt und Anstand!

  6. Catze schreibt:

    Lol! Sehr gut 😉

  7. juniwelt schreibt:

    Sehr lustig, ich hab sehr gelacht! 🙂

  8. puzzle schreibt:

    Sprachgebrauch und Brachialgrammatik als Kampfsportart zum Ausgleich des typisch deutsch(und österreischischen) weiblichen Nettigkeitssyndroms – doch, das ist schon gut, wenn man das bei Bedarf zur Verfügung hat. Man bedenke, wieviele Frauen und Mädchen nicht mal ein anständiges „Kiai“ in der Turnhalle zusammenbringen, wenn man sie ausdrücklich dazu ermutigt.

    • Mel schreibt:

      Hallo Puzzle, auch ich schaff nur ein Ki-Fieps und kein Ki-Ai. Allerdings müssen die Herren da meistens so lachen, weil ich mich anhör wie ein hysterisches Eichhörnchen, dass sie ihren Angriff abbrechen müssen -> auch ne gute Technik…

  9. Frau Hase schreibt:

    Köstlich! Ich lihiiieeebe dies! Danke Frl. Krise 🙂 auch dem Männe ein dickes Dankeschön für die voreheliche Inspiration 🙂 Ganz großes Kino 😉

  10. Mrs. Wildheart schreibt:

    Ich habe heute durch Zufall hierhergefunden, mich um fast ein Jahr „zurückgelesen“ und ich muss sagen: fabelhaft.

  11. schokopirat schreibt:

    Wo soll das noch enden? Als nächstes deintegriert sich das Frl. Krise bestimmt, dann fängt sie vermutlich an, ihren Schülern das Milchgeld abzunehmen und am Ende treibt sie sich in U-Bahnhöfen rum, dealt und nimmt Drogen. Die kriminelle Karriere ist vorgezeichnet.
    Merke: Es gibt bessere berufliche Alternativen als das Lehramtsstudium. Hier zeigt sich, wohin so eine Wahl führen kann.

  12. Huhnic schreibt:

    Tschüüüüch, is voll normal so sprechen.

  13. Christiane schreibt:

    Bei so Geschichten steht ja eigentlich immer, dass alle Handlungen, Orte und Personen frein erfunden sind. Jetzt unterstelle ich Ihnen nicht, dass Sie Ihren Männe frei erfunden haben, bei dem Rest darf ich`s mir aber doch wünschen, nöch!?!?!?!
    Sie haben Ihre Grippe doch auch hoffentlich überstanden, nicht dass das hier Fieberfantasien oder sowas sind?
    So`n bischen gruselt`s mich ja gerade!
    Ihnen ein schönes Wochenende ;O)

  14. Sisi schreibt:

    Ich krieg mich grad nicht mehr ein vor lachen. Danke… mein Wochenende ist gerettet.

    Selbst wenn der Schuldienst verändert so zeigt der Einsatz auf offener Strasse doch, dass es durchaus wirksam sein kann sich wie ein Asiozia****** (sorry) zu benehmen
    😀

  15. Flash schreibt:

    Lehrt uns nicht schon die Evolutionsbiologie, daß diejenigen Individuen am besten durchkommen, die sich den Umweltbedingungen am besten anpassen?

    Veränderung und Anpassung gebietet ihnen also schon die Natur, Frl. Krise. Folgen Sie einfach weiter dem Ruf der Wilden, ähh, der Wildnis!

    😉

  16. Was können sie denn auch dafür dass da gerade kein Mülleimer war wo das Papier hingefallen ist? Soll der sich ma nicht so haben!

  17. moebelexperte schreibt:

    Sie sollten erstmal genussvoll auf den Schulhof spucken, das geht nochmal richtig ab.

  18. anna schreibt:

    Och, mir würden da auch noch ein paar nette Worte einfallen, die in dieser Situation hätte einbauen können…

  19. bibliomanin schreibt:

    Mal wieder eine tolle Geschichte, Frl. Krise!
    Passen Sie aber auf, dass Sie sich nicht zu sehr an Ihre Schüler anpassen. Das würde die Integrationsdebatte nicht unbedingt zum Besseren wenden…

  20. Wiebke schreibt:

    Och, danke Frl. Krise!

    You made my day, nach einem stressigen Arbeitstag ist so ein Lachen allerbest 😉

    Büdde weiter so!!!

  21. blogwesen schreibt:

    Abo, Frl. Krise….Da fehlt noch Hässlichkeit…

  22. Frau Antsche schreibt:

    suppi puppi…

  23. Mr Jones schreibt:

    Auch ich habe den Blog jetzt einmal komplett durchgelesen und bin bisweilen stark amüsiert. Andererseits erkenne ich mich und meine Umgebung wieder, was mir den ein oder anderen Schauer über den Rücken gejagt hat.

    Eins ist aber seit dem ersten Eintrag klar: Ich schliesse mich der hiesigen Leserschaft als neuer „Fan“ an, Vallah!

  24. Herr anju schreibt:

    If you dance with the devil, you don’t change the devil.
    The devil changes you.

  25. idefixwindhund schreibt:

    In unseren Kreisen (EDV/ Informatik) nennt man so was „Berufskrankheit“ 😀 Lustig wenn das ganze erst mal so weit ist wenn man die Freundin mit einem Server vergleicht. Voll krass, schwör.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s