Frl. Krise krist

Eine Freistunde und eine kleine Hungerattacke  fallen glücklich zusammen und ich entferne mich aus der Zwangsanstalt, um mir was zu essen zu holen. Ich steuere Kaiser’s, an, denn die bleich aufgebackenen Brötchen vöm türkischen Zigarettenladen an der Ecke kriege ich nicht mehr runter.
Schon beim Praktikum war mir aufgefallen, dass sich morgens hauptsächlich Rentner in den Geschäften befinden und – wer weiß warum- mein kindisches Gemüt, vielleicht vom Sonnenschein verwirrt, schlägt mir ein kleines Rollenspiel vor:

Ich spiele jetzt, ich bin Frührentnerin und gehe morgens zu Kaisers, um mir was zum Frühstück zu kaufen.

Sofort falle ich aus meinem Stechschritt in eine betont langsame Gangart. Schade, jetzt klackern die Absätze nicht mehr so schön aggressiv auf dem Trottoir. Aber ich bin Frührentnerin, ich habe Zeit und trage Gesundheitsschuhe, wegen meiner Ballen links.
Bei den Einkaufswägen vor Kaiser’s steht eine kleine Roma und lächelt mich liebreizend an,  doch ich lasse mich nicht erweichen. Als Rentner muss man seine paar Kröten zusammenhalten. Ich muss für die Enkelkinder sparen. Bestimmt bekomme ich bald welche.

Der Wagen lässt sich nur schwer schieben und ist auch so groß! Was brauche ich so einen großen Wagen, die Kinder sind aus dem Haus! Aber er ersetzt mir einen Rollator, auch gut, danke, Herr Kaiser.
Der Eingang zum Laden ist verstopft. Zwei alte Damen haben es gschafft, ihren Wagen und ihre beiden Leiber gleichzeitig in, unter und zwischen das Drehkreuz zu fädeln und stecken jetzt fest… Ich bringe mich helfend ein, alte Menschen müssen schließlich nett zueinander sein, denn sonst ist es niemand.
Im Geschäft greife ich gewohnheitsmäßig nach rechts, dorthin, wo immer der natürlichtrübe Apfelsaft steht und stoße auf eine Palette Knäckebrot. Die Leute von Kaiser’s haben anscheinend nix Gescheiteres  in ihrem Ladenzu tun, als umräumen.

Alles ist umgeräumt. ALLES.

Vallah, ich rege mich auf. Was das? Ich kann normal mühelos ohne Zettel einkaufen, wenn alles da steht, wo es hingehört Ich kaufe hier sowieso immer die selben Sachen, aber jetzt bin ich voll verwirrt, ja fast ein bisschen dement. Danke, Herr Kaiser, ich hoffe, wenn Sie mal einkaufen gehen, wahrscheinlich ja bei Käfer oder so, dann dreht man sie erst mal zehnmal um die eigene Achse und schubst sie dann ins Feinkostregal. Mal sehen, wie flexibel Sie anschließend noch sind! Verbittert trabe ich weiter. Wo ist denn jetzt der Saft? Meine Stimmung ist verdunkelt. Das ist bei einkaufenden Rentnern gerne so.

Ich gehöre noch zu den jungen Alten, bin also geradezu wie der Blitz unterwegs, jedenfalls  gegen etliche Mitrentner. Trotzdem setzt ein junger Mensch von etwa 35 Jahren, dessen Zugangsberechtigung für diesen Laden um diese Zeit hier komischerweise niemand kontolliert, an, mich zu überholen.
Ich schlage blitzartig meinen Wagen nach links ein und bremse den Raser aus. Der Jüngling guckt mich fragend an. Ich umkreise umständlich mein Gefährt, um es dann quer zum Gang geparkt stehen zu lassen. Soviel Zeit muss sein, junger Mann. Schließlich bin bei den Brötchen angekommen und Sie lassen mich jetzt mal schön vor….
Was soll ich essen? Ich grübele hin und her und die Verkäuferin wird ungeduldig. Es ist unglaublich, wie rücksichtlos die alle sind! Da habe ich damals Deutschland mit bloßen Händen wieder aufgebaut und die Nutznießer meiner Plackerei gönnen mir nicht einmal die kleinste Überlegung bezüglich der Käseauswahl meines zweiten Frühstücks.
An der Kasse tue ich, was Rentiere immer tun: Ich zähle das Geld genau ab.
6, 37 € in cents und centpfennigen, das dauert, aber die Kassiererin ist froh, wegen des vielen Kleingelds.
Verträumt schlendere ich aus dem Laden.
Der Tag dehnt sich vor mir aus wie eine weite Ebene, deren Ränder bläulich in der Ferne schimmern…..ich erkenne: das Rentnerleben ist scheißlangweilig…..

In der Schule tobt das Leben.

Ich esse mein Brötchen auf den Hof.
Aynur rennt um mich herum wie ein wildgewordener Handfeger, Necla schreit mir markerschütternd ins Ohr und Mustafa fuchtelt wie geistesgestört mit einem Zettel vor meiner  Nase herum…..

Kinder, Kinder, ihr treibt mich noch in die Frühpension!

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26 Antworten zu Frl. Krise krist

  1. Mrs. Porcelain schreibt:

    Ich muss für die Enkelkinder sparen. Bestimmt bekomme ich bald welche…. ach? Aber dann ist wenigstens Action in der Rentnerzeit angesagt hehehe

  2. Tom schreibt:

    Auch Buch machen, dann kommt Geld für die Enkelkids.

  3. Frau Buntstift schreibt:

    Sagen Sie mal Sie Fräulein Krise,

    haben Sie schon einen Verleger?
    oder
    einen Kleinkunstpreis in der Sparte reallife Kabarett?

    Ich erhol mich mal grad noch nen (Frei)Tag.

    Herzlichst und immer
    Ihre Frau Buntstift
    zwerchfellerschüttert

  4. Herr Anton schreibt:

    Frl. Krise als Pseudo-Rentnerin. Das geht zu weit. Bestimmt haben Sie auch für die 6 Euro weder Schein noch Silberling gezückt, sondern alles in kleinster Münze heim… äh bezahlt. Gut dass ich nicht einkaufen war. Bestimmt hätte ich mich in die kürzeste Schlange eingereiht und genau hinter ihnen gestanden. Nee, nee Frl. Krise bleiben Sie Ihren Schülern und uns noch ein wenig erhalten.
    Grüße
    Herr Anton

    • Ulla 39 schreibt:

      Lieber wegen einem Rentner, der bar bezahlt, in einer Schlange warten, da ist das Ende der Aktion absehbar, als warten, weil ein smarter junger Mensch mit einer Kreditkarte bezahlen will, die Schwierigkeiten macht, der seine eigene Unterschrift nur mit Mühe leisten kann, der….. Schließlich fragt dann die Kassiererin, ob der Kunde nicht bar bezahlen könne?

      • kaeks schreibt:

        Hab ich so noch nieeee erlebt^^
        einmal kam es vor, dass das Lesegerät kaputt war/wurde. Dafür gibt es aber, jedenfalls in meinem Fall, andere Kassen die dann zu öffnen sind.
        Aber die rüstigen Herrschaften sind, überwiegend, genauso schnell wie die Kartenzahler. Ich finde den Punkt dumm-durch-die-gegend-schauen-bis-der-kassenzettel-gedruckt-wird immer sehr belustigend.

  5. die Schmith schreibt:

    Du, Krisi, wo du ja jetzt voll gelassen bist: Wann geh’n wir endlich Heidepark?

  6. Frau Müller schreibt:

    Grooooßartig! Mache ich morgen auch. 😀
    Man sollte sich übrigens auch immer von knackigen jungen Männern von gaaaaanz oben im Regal die Weetabix holen lassen (wegen der Ballaststoffe, verstehnse) und ungefragt Auskunft über die Verdauung geben. Macht den Tag schön, sowas. So als Frührentner…
    Frau Müller

  7. notizbuchfragmente schreibt:

    Oh, was habe ich gelacht … Vielen, vielen Dank! Genau darüber regen sich meine Großeltern auch immer auf … 😉

  8. Fraumuemmel schreibt:

    Herrlich! Konnte gar nicht aufhören zu Grinsen!

  9. Hallo Frl. Krise schreibt:

    Also offen gestanden, das die (Früh-)Rentner diejenigen sind die am meisten Zeit haben, ist leider die falsche Realität. In der direkten Nachbarschaft gibts ein Netto (ehemals Plus oder so…) in dem ich nun zwei mal absichtlichen von so terroristisch veranlagten Rentnerinnen mit den Einkaufswagen angefahren wurde, nur weil ich mit meinen 27 Jahren mich nicht SOFORT für einen Joghurt oder so entscheiden konnte. „Jetzt machen sie mal hin da! Unverschämtheit!“ wird mir auch noch entgegen gebracht (bin nach Monaten immernoch fassungslos).

    Gerade diese Frührentner müssten doch zeit ohne Ende haben oder? Oder haben die wirklich panische Angst im nächsten Moment an der Himmelspforte anzuklopfen? Ich hab jedenfalls nun ordentlich Respekt vor mit Einkaufswagen bewaffnete Frührentnerinnen. *seufzt* Wir arme junge Generation *seufzt wieder*

    Grüße
    Sascha

    Ps.
    Danke für den tollen Blog 🙂

    • kaeks schreibt:

      Oh da kann ich mich auch noch an eine Situation an der Kasse erinnern!

      Neben der Kasse an der ich stand. Ein jüngerer Herr ist gerade mit seinem Einkaufswagen an die Kasse gefahren. Eine etwas ältere Dame hat sich ganz dreist vorgedrängelt. Sarkastischer Kommentar vom Jüngling: „Geh´n se ruhig vor! Sie haben ja nicht mehr so viel Zeit wie ich…“

      • Zearom schreibt:

        Jo, das denk ich mir öfters auch, verkneif mir solche Kommentare aber idr weil man dann direkt wieder die Diskussion nach dem Motto „Die Jugend von heute – null Respekt der Älteren gegenüber“ (Deutschland von Hand aufgebaut etc, Basis des Erfolgs von heute kommen da auch gern als Argument).

        Hachja!

  10. yvys schreibt:

    Ich musste so herrlich lachen. Ich stelle mir gerne vor eine furchtbar wichtige Geschäftsfrau zu sein oder fürchterlich reich (um mit einer unangebrachten Hochnäsigkeit in total überteuerte Geschäfte zu steuern), aber Rentnerin?
    Danke für die (zumindest beinahe) Erfahrung…

  11. Ute schreibt:

    Der Umräumwahn in den Supermärkten hat durchaus Methode. Das ist auch eine Art von Marketing: Den Kunden zu zwingen, sich ganz neu zu orientieren und dabei zwangsläufig auch von Waren Kenntnis zu nehmen (und sie womöglich gar in den Wagen zu legen), an denen er sonst routiniert vorbeiläuft.

  12. margarete_audrey schreibt:

    frl. krise, du bist mein Lichtblick nach einem langen Bibliothekslerntag 😀

  13. Benno schreibt:

    Frl. Krise, bleiben Sie lieber in der Schule! Übrigens, wann kommt ihr Buch? Ich lese hier schon lange mit und würde mich drüber freuen.

  14. Oxypelagius schreibt:

    Grossartig! Und ich fürchtete schon das Fräulein kann nur gut kindisch!

  15. Schnuppenstern schreibt:

    Sie haben vergessen, bei jeder Münze die sie mühsam aus ihrem Geldbeutel gesucht haben die Verkäuferin zufragen was das denn für eine ist, weil Sie das ja nicht sooo genau erkennen können.

  16. idriel schreibt:

    „Ich esse mein Brötchen auf den Hof.“

    Jetzt habe ich laut kichern müssen weil ich mir vorstellen musste wie Sie das Brötchen auf den Hof essen, Frl. Krise…… und mein Bürokollege sieht mich wieder mit diesem merkwürdigen Blick an!!

    Danke und weiter so!^_^

  17. Sisi schreibt:

    Hallo,
    ich bin die Neue. Ich komm jetzt öfter.
    Im Moment geb ich mir die grösste Mühe alles nachzuholen und bin auch ganz gut im Schnitt. Bin schon im Januar 2011 angekommen. Also nur noch n „paar“ Einträge und ich bin total auf dem neusten Stand. Vallah ich schwör 🙂

  18. Frau Hase schreibt:

    Ich bedanke mich herzlichst für diesen Beitrag! Hat mir den Abend erhellt! Super geschrieben! Kann nicht aufhören zu grinsen :-)))

  19. Conny schreibt:

    Ich bin frühpensioniert und die Schule hat einen nicht kleinen Anteil daran.
    Ja, mir fehlt das volle Leben in der Schule und dieser Blog ist ein klitzekleiner Ersatz dafür. Aaaaaaaaaaaaaaaaaaber ich muss nie mehr zu Karneval völlig unkarnevalistische Kids fröhlich machen und mich in ein Kostüm zwängen, wenn ich keine Lust darauf habe. Ich muss keine Kinder mehr beim Martinsumzug suchen und vor allem keine Lehrpläne mehr erfüllen.
    Ich darf jetzt mit Kindern das machen, was mir und ihnen Spaß macht und muss keine vorgeschriebenen Ziele mehr erreichen, keine Qualitätssicherung mehr über mich ergehen lassen und keine Programme mehr für den Papierkorb schreiben.
    Das alles hat was! Es gibt ein Leben nach der Schule!!

  20. michael schreibt:

    > Aynur rennt um mich herum wie ein wildgewordener Handfeger,

    Erinnert mich irgendwie an das ‚Rennen um den Beaglekopf‘ mit Woodstock und Snoopy.

  21. Pingback: Die beste Tageszeit zum Einkaufen | goblor grübelt

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