Frühlingserwachen…

Der Frühling, der Frühling!
Der nervt ganz schön! Meine Schüler schwellen unter seinem Einfluss förmlich auf, sie erglühen und erblühen, dass es fast schon unanständig zu nennen ist.
Und sie werden durch diese wahrscheinlich hormongesteuerten Vorgänge noch lauter und ungebärdiger – obwohl ich bis heute glaubte, da wäre keine Steigerung mehr möglich.

Meine Mädels, fast alle mit noch ein paar Pfündchen Babyspeck zu viel auf Bauch, Beine, Po  schlüpfen aus ihren langen schlauchartigen Pullis und den winzigen Lederjäckchen und stehen auf einmal in hautengen Leggins und wurstpellenartigen Shirts herum.
Ach, was rede ich da …STEHEN!
Nein, sie rasen kreischend über den ganzen Hof, gefolgt von den Jungen, die auch völlig überdreht sind. Einige sind sogar mit dünnen Zweigen bewaffnet und peitschen heftig um sich herum.

Ihre ganzen gemeinschaftlichen Körperlichkeiten entladen sich in einem wilden gegenseitigen Schubsen, Balgen, Schlagen und Boxen.

Ich habe keine Aufsicht, will mal bloß mal kurz über den Hof in ein anderes Lehrerzimmer laufen und werde Zeuge dieser geradezu hemmungslosen Szene.
Die Mittagspause ist schon vorbei, nur meine Klasse und eine andere 9. (von der nichts zu sehen ist) sind draußen, sie hatten bis jetzt Unterricht. Der Hof ist leer, Frau Schneider, die Aufsicht führt, sitzt leicht verhärmt auf einer Bank, blickt stumm in der Gegend herum und sagt bitterlich zu mir:

„Guck dir das an, DEINE!   Schlimmer als die Siebtklässler! “
Ich flüchte.

Nach der Pause, in der 8. und 9. Stunde, habe ich noch Unterricht bei denen…
Ich finde besonders heute grandios, dass ich immer hinten auflaufe und die Reste aufsammeln darf.
Ich gehe dann schon ein bisschen früher in den 4. Stock hoch, damit in dem kleinen Flur vor unserer Tür nichts passiert, so aufgewühlt, wie die sind, aber außer mir ist sowieso niemand oben.

Dann fällt mir etwas ins Auge: Auf der zartgrünen Wand neben der Tür prangen mehrere knallrote Lippenabdrücke… da hat jemand mindestens ein halbes Dutzend mal inbrünstig den unebenen Putz geküsst…..

Jetzt schlägts ja wohl dreizehn!

Die Sonne scheint in den Klassenraum, es sieht ziemlich unordentlich aus, aber noch gerade erträglich. Ich putze gemütlich die Tafel, genieße noch eine Minute die Ruhe und dann bricht es über mich herein.
Schreiend wälzt sich der Mob in die Klasse.
Alle weisen mir gleichzeitig empört blaue Flecken vor, an Armen, Beinen, Rücken…. dicke, fette Hämatome! Aber die können nicht nur von dieser Pause sein! Nein, das ging wohl schon den ganzen Tag so !

Da alle ziemlich gleichmäßig gefleckt sind, sehe ich keinen Grund zu irgendwelchen Sanktionen, sondern weise nur darauf hin, dass dem Mensch doch im Allgemeinen ein vielfältiges Spektrum an Möglichkeiten des Miteinanderumgehens gegeben ist……(aber offensichtlich nicht 15 jährigen Schülern im Frühlingserwachen……)

Den Lernerfolg der beiden folgenden Stunden möchte ich in diesem Zusammenhang übrigens unerwähnt lassen….

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23 Antworten zu Frühlingserwachen…

  1. schattenpriester schreibt:

    Der Lernerfolg bleibt vermutlich mangels nennenswerter Existenz eines solchen unerwähnt?

    Ich lese und staune und lese und staune …immer wieder aufs Neue – und fasse es nicht, mit wieviel Geduld und Motivation jemand angesichts der vorgefundenen Situation seinem Beruf immer wieder nachgehen kann?!
    Ganz ehrlich, mir ist das ein RÄTSEL!
    Also, das war jetzt ein ziemlich verklausuliertes Kompliment, seh ich grad.
    Aber es war dennoch Eines :-).

  2. Seifenfrau schreibt:

    grins…und das ist erst der Anfang…
    Aber wie schrieben Sie gestern in ihrem Blogeintrag:
    „….umkreiste wie ein Hütehund…“
    Frohes Hüten und Kreisen also!

  3. Neuer Leser schreibt:

    Irgendwie erinnert mich dieses Verhalten an Grundschüler. Ich weiß nur nicht, wieso.

  4. Smilla schreibt:

    Den Zustand haben unsere gerne auch, wenn der erste Schnee fällt. Und ab Juli…das macht dann besonders Spaß, weil das Kultusministerium in seiner Güte noch bis zum letzten Julitag Unterricht abhalten lässt. Allerdings hat’s dann mitunter 36 Grad in den Klassen, so dass sie zu erschöpft sind, um sich gegenseitig blaue Flecken beizubringen. There is no big loss without some small gain.

  5. croco schreibt:

    Ach, der Frühling auf Schulhöfen und in Klassenzimmern ist doch überall gleich.
    Das pralle Leben eben;-))

  6. die Schmith schreibt:

    Oh, Lernerfolg. Lass mich raten. Du hast was Neues verklärt, alle haben es verstanden, waren voll liep und nett und sind jetzt viel schlauer und du glücklich uznd zufrieden? 😉 😀

  7. Huhnic schreibt:

    Ihr habt mehrere Lehrerzimmer? Wow… ich hatte jahrelang gar keins, unterbrochen nur von einem Jährchen mit Lehrerzimmer und eigenem Platz zum Zumüllen. Jetzt hab ich seit Februar auch wieder ein Lehrerzimmer. Mit eigenm Platz. Voll Jackpot!

  8. michael schreibt:

    > Meine Mädels, fast alle mit noch ein paar Pfündchen Babyspeck zu viel …

    Dann seien Sie doch froh, dass die im Hof toben, da geht der Speck wenigstens weg. Und wenn die sich gegenseitig verdreschen, wen störts ?

  9. yvys schreibt:

    Ich liebe diesen Blog. Früher dachte ich Lehrer seien nur da, um kleine, harmlose Schüler zu quälen. Jetzt – und mit einigem Abstand – wird mir klar, dass auch Lehrer nur Menschen sind. Teilweise sogar ziemlich lustige…
    Weiter so!

  10. nadineswelt schreibt:

    Liebes Frl. Krise, nehmen sie die Vuvuzela vom letzten Jahr, und pusten sie im Klassenzimmer jedesmal rein, wenn die Herrschaften Frühlingsdurchdrehen! Vielleicht is dann ja irgendwann mal Ruh??? so, dass sie was erklären könntn oder so? Oder bin ich zu blauäugig?

  11. Hajo schreibt:

    „Guck dir das an, DEINE! Schlimmer als die Siebtklässler! “
    .. die kommen auch noch „dahin“ – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 😉

  12. sweetkoffie schreibt:

    Ist das denn nicht toll, so jung und ausgelassen dem Frühling entgegentoben, die Macht der Hormone spüren… einfach nur leben?
    Also, ich muß ganz ehrlich zugeben, ich hätte richtig Lust mit denen über den Schulhof zu rennen…… und manchmal möchte ich auch einfach ganz laut kreischen vor lauter Glücksgefühlen…..

  13. Frau Müller schreibt:

    Haben Sie mal Rinder gesehen, die nach einem langer dunklen Winter in Stallhaft plötzlich im Frühjahr auf die Almwiesen dürfen? Die machen genau das Gleiche wie Ihre Schüler. Na ja, ok, sie küssen vielleicht nicht die Wand…
    Frühling ist schon ein ganz hinterhältiges Stück…

    Frau Müller.

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