Über Schuhgrößen und Schulgrößen

„Frl. Krise! Wir hatten gestern die Lehrerin in Vertretung, wo ich Ihnen neulich meinte, weil sie hat Schuhgröße 35!“ Aynur guckt mich stolz an.
Ich hatte nämlich zu ihr gesagt, nie und nimmer gäbe es eine Lehrerinn mit Schuhgröße 35 an unserer Schule.
Das Thema ist mir, ehrlich gesagt, im Moment völlig egal, was scheren mich die Schuhgrößen meiner Kollegen, ich will mit dem Kunstunterricht anfangen und warte darauf, dass sich alle niederlassen. Das dauert mal wieder…!
„Haben Sie nich gehört?“ Aynur lässt nicht locker. „Größe 35! Das war Frau Baumeister!“
“Frau Baumeister?! Gut, dass du mich an die erinnerst ,“ sage zu Aynur, „ aber nicht wegen der Schuhgröße, sondern weil die mich angesprochen hat! Das muss ja eine Horrorstunde gewesen sein, gestern die Vertretungsstunde!“
„Och…“ Aynur ist nicht sehr auskunftswillig. Sie ist übrigens dezent geschminkt, bis auf diese knallrot angemalten Lippen. Stimmt, über Lippenstift hatten wir nicht gesprochen…diese kleine raffinierte Mistbiene!
„Es war voll laut und Frau Baumeister hat gesagt, so was hat sie nie erlebt,“ springt Emre ein.
Hm. Sooo schlimm hatte die mir das gar nicht geschildert. Nur, dass Jenny, Hanna, Turgut und Erkan sehr unangenehm aufgefallen wären. Die Vokabel ‚unbeschulbar’ fiel.
„Frl. Krise, Mary-Poppins-Schule ist voll die schlimmste Schule in diesen Bezirk, wa?“ fragt Ömür.
Ich lasse ihn stehen und drücke Necla die Bilder in die Hand: „Teil mal aus, bitte.“
Die Farbstifte liegen schon an den Plätzen, die ersten malen. Gott sei Dank.
„So, zurück zur Mary-Poppins –Schule! Keine Ahnung, ob die so schlimm oder nicht so schlimm ist wie unsere ,“ sage ich zu Ömür und setze mich wie ein Befehlshaber, der seine Truppen beobachtet, aufs Pult.
„Ja, also Frau Baumeister hat gesagt, sie war 20 Jahre an Märy- Dingsschule und da war nie so schlimm, wie bei uns!“

Ja, prima. Meine Klasse fühlt sich natürlich voll geschmeichelt und legt noch einen drauf, wenn man so was zu ihr sagt. Die denken doch dann, sie wären die Größten…!

Ich hopse vom Pult runter und schlendere zu Jenny. Die stopft sich gerade sehr auffällig noch eine Milchschnitte in den Mund und setzt an, mit Cola light nachzuspülen.
„Jenny!“sage ich vorwurfsvoll.
„Was denn? Trinken dürfen wir doch!“ pampt sie mich mit vollem Mund an.
„Ja, Trinken, aber nicht essen!“
Ich ziehe mir einen Stuhl ran und frage:
„Was war denn gestern los in der Vertretungsstunde?“
„Frl. Krise! Vallah! Was ist das für einen Lehrerin!!“ schreit Jenny mich volles Rohr an,
„wie die sich benommen hat!“
„Schrei doch nicht so! Was hat sie denn Schreckliches gemacht?“
„Sie ist reingekommen und ich habe still in meiner Ecke gesessen und sie wollte mich gleich rausschmeißen. Und die schreit einen an: ’ Tasche runter’. Abooo, nur weil meine Tasche auf Tisch steht! Voll die respektlose Lehrerin!“
„Jenny, du hast STILL in der Ecke gesessen? Und Frau Baumeister wollte dich GRUNDLOS  rausschmeißen?“
„Nein, ja, aber ich hab doch nichts Schlimmes gemacht.“ Jenny wird kurz weinerlich und schreit mich dann plötzlich wieder an: „Immer ich, immer ich, warum reden Sie nicht mit Hanna?“
„Was willst du, Hässlichkeit? Was hab ICH gemacht?“ Hanna neben ihr geht hoch wie eine Rakete.

Ich gebe auf.
Jetzt nicht.
Ich will eine ruhige Kunststunde haben. Ich kann nicht auch noch, nur weil ich Klassenlehrerin bin, den Unterricht meiner Kollegen mit oder ohne Schuhgröße 35 befrieden. Das müssen die schon alleine hinkriegen.
Ich sage: „Hört zu, ihr Beiden. So kann ich nicht mit euch reden. Ich will es auch nicht. Und wenn ihr meint, dass ihr alles richtig gemacht habt und die Lehrer an euerm Elend schuld sind – bitte sehr. Aber die Konsequenzen tragt ihr letztendlich.“
Die beiden zucken mit den Schultern und wenden sich ab. Auch gut. Ich habe mir schon so oft den Mund bei denen fuselig geredet…. Jetzt ist Schluss. Bis zum Ende des Schuljahres gebe ich Hanna noch und Jenny ist ENDGÜLTIG reif für Plan B, den wir mit dem Amt dieser Tage beschließen werden.

Ich drehe mich um und setze mich lieber ans andere Ende der Klasse zu Gülten. Ihr Vater liegt im Sterben, hat mir die Mutter am Elternsprechtag erzählt. Das wussten wir gar nicht. Ich unterhalte mich ein bisschen mit ihr über belanglose Dinge, wie weiche und harte Bleistifte und dass die Top-Models gestern Abend schon ganz gut auf ihren hochhackigen Schuhen laufen konnten.
„Meinen Sie, Frau Baumeister hat echt Schuhgröße. 35?“ fragt Gülten.
„Ich werde mich erkundigen“, verspreche ich, „ obwohl ich mir das nicht vorstellen kann…da kann man sich doch gar nicht mit auf den Beinen halten, guck, ich fall schon immer so rum und ich hab Gr. 40!“

Gülten lacht und Jenny schreit: „Ja, mit der sind sie freundlich! Und ich… mit mir wird ja nur gemeckert…!“

Jenny ist eine arme Socke.
Frl. Krise ist nicht Mutter Theresa.
Und Frau Baumeister hat die kleinsten Füße des Kollegiums.

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19 Antworten zu Über Schuhgrößen und Schulgrößen

  1. Shannon schreibt:

    Vielleicht ist das aber genau der Grund, warum die Kollegin Baumeister so gemein Ihre Schüler geärgert hat, Frl. Krise. Weil die arme Frau eigentlich auch Größe Vierzig hat, sich aber in ein Paar 35er gequetscht hat, weil sie die Schuhe so hübsch fand…?
    Dann wäre es wie bei den Topmodels gestern und sicherlich Blut im Schuh, weshalb man ihr das Fertigmachen der unschuldigen Jenny nicht einmal so richtig anrechnen könnte.

  2. frlkrise schreibt:

    @Twometalheads
    Danke!

  3. michael schreibt:

    > Gut, dass du mich an die erinnerst ,“ sage zu Aynur, „

    sollte das nicht heissen: ’sage ich zu Aysun‘ ?

  4. die Schmith schreibt:

    Immer die arme Jenny. Cola Light. Da sind doch voll die ekligen Zutaten drin. Aus der Giftküche kommen die (ich sag nur Formaldehyd und das ist kein Witz). Kein Wunder, dass es ihr so schlecht geht, wenn sie sowas trinkt.
    Aspartam ist voll das fieseste Süßungsmittel überhaupt und steckt da drin. Guck mal, was das so für Nebenwirkungen hat und dann guck dir Jenny an. Da brauchste dich doch nicht mehr wundern.
    http://www.zentrum-der-gesundheit.de/ia-aspartam-suessstoff.html
    Das ist nur eine Seite, die vor dem Zeug warnt. Vielleicht solltest du mal ne Biostunde Aufklärung betreiben. Wird die vielleicht nicht unbedingt davon abhalten das Zeug weiter in sich reinzuspülen, aber versucht hast dus dann immerhin.

    So, und jetzt zu dieser Lehrerein. Echt Größe 35? Kauft die dann rosa Kinderschuhe? So mit Lack und kleinen Herzchen drauf? Ist der das gar nicht peinlich? Also ich würde meinen Orthopäden ja um eine Fußvergrößerung anbetteln, wenn ich so winzige Füße hätte. Da findet man doch keine anständigen Schuhe.

  5. miele schreibt:

    damit sich das frlkrise auch mal freut…
    bitteschön

    grüße aus st.pauli
    miele

  6. miele schreibt:

    absolut unschlagbar..

  7. kaeks schreibt:

    Ist Cola light nicht wenigstens noch besser als Energy Drinks?^^ Vom dem Zeug kann man relativ fix süchtig werden…

    Ich würde mir mit einer Schuhgröße von 35 erstmal solche Kinder-Blinke-Schuhe kaufen. Die beim Auftreten bunte Farben machen! Jawohl!

  8. Kasumi schreibt:

    Hallo!

    Bin vor Kurzem über den Kinderdoc auf Ihren Blog gestoßen und lese seither mit Begeisterung mit.
    Als Schülerin (Klasse 13) einer Gesamtschule erlebt man schon manche Dinge, die einem auch hier begegnen, wenn auch in weniger krasser Form, da ich in keinem sozialen Brennpunkt wohne.
    Respekt vor Ihrer Geduld, ehrlich. Mir reicht es inzwischen schon, wenn ich nur einen Gang mit mehreren wartenden Klassen (inzwischen egal, welcher Schulart zugehörig) passieren muss. Als ich in deren Alter war, hatte ich Respekt vor den Abiturienten, waren ja fast schon höhere Wesen, erwachsene Menschen und ja sooo gebildet. Und heute? Da ist man froh, wenn man ohne ein Kind im Rücken, einem Ball am Kopf oder einem Hörsturz den Weg zum Klassenzimmer übersteht. Als ausgebildete Mediatorin und Mitarbeiterin der Konfliktregelung der Schule muss man sich ja auch immer noch beherrschen, man könnte eins dieser Kinder ja zwei Tage später in der Mediation haben….

    Nach den Sommerferien ist das ja immer noch nett, wenn die „Neuen“ kommen. Die ersten 5 Tage haben sie Respekt, weil sie noch nicht zwischen Lehrerin und Abiturientin unterscheiden können. Vor allem, wenn ich mit meinen 1,80 m noch Schnürstiefeletten mit dementsprechendem Absatz anziehe, meine Haare hochstecke und ganz professionell eine Mappe und ein paar Bücher in der Hand halte. Hält so lange, bis sie rausfinden, dass man doch noch kein Lehrer ist. Dann wird aus „Entschuldigen Sie bitte, wissen Sie wo Raum 304 ist?“ „Ey, geh weg du Fisch!“.
    Traurig. Wird auch immer schlimmer.

    Deswegen nochmals Respekt, täglich mit solchen beratungsresistenten Jugendlichen umgehen zu müssen, erfordert starke Nerven.

    Eine Frage noch zum Abschluss: Was in aller Welt bedeutet „Vallah“?

    • frlkrise schreibt:

      Vallah heißt: Ich schwör auf Allah! Und schön, dass die lieben Kleine dich „Fisch“ nennen, bei uns ist gerade mehr „Hässlichkeit!“ angesagt.

      • Kasumi schreibt:

        Na, dann ist „Fisch“ doch noch akzeptabler. 😉 Ist ja auch fast schon amüsant, wenn einem das Kind, das einem das an den Kopf wirft, grade mal bis knapp über die Hüfte reicht. …wobei man auf dem Pausenhof wohl auch noch anderes hört. Aber auf dem muss man sich als Oberstüfler wenigstens nicht mehr aufhalten, habe auch immer Mitleid mit Aufsichtslehrern.

        Danke übrigens für die Vallah-Erklärung, habe ich auch wieder was dazugelernt.

    • twometalheads schreibt:

      Ich war auch nie in meinem Schülerleben als erste im Bus… Als wir die Kleinen waren, haben wir respektvoll die Großen vorgelassen, als wir selber groß waren, haben sich die Kleinen rotzfrech vorgedrängelt!
      Allerdings ist das über 10 Jahre her – als du klein warst, Kasumi. Da gabs auch schon rotzfreche Kleine… 😀

  9. wuestenrot schreibt:

    Is‘ jetzt nichts worauf ich stolz wäre…

    In der 5. Klasse war ich rotzfrech. Immer vorne mit bei. Wir haben den Schulbussen die Türen eingedrückt, sind nicht für Omas und Opas aufgestanden, haben 10. Klässer beschimpft und ich war laut.
    In der 7. Klasse war ich die Pubertät in Person. Mehr muss man dazu nicht sagen.
    Während dem Abi kam’s mir auch so vor, als wäre ICH so nie gewesen.

    Hm. Früher war vielleicht doch alles anders, ich spreche jedenfalls von einer Schulzeit von 1993 bis 2006.

  10. einehutzel schreibt:

    Mir fällt bei der Leserei der Artikel (bis hierher bin ich inzwischen gekommen – Haushalt? was das?) immer wieder die Lautstärke auf…
    …klar, Dauerthema.
    Ich würde ja gerne mal mit einem Otoskop vobeikommen und den Kindern in die Ohren gucken wollen, oder einen Schularzt bestellen, der das im Biologieunterricht „mal eben“ erledigt. So als Studie getarnt und nur Ihre Klasse ist die auserwählte.
    Meine Theorie ist ja, dass die Kinder von den ständigen Stöpseln im Ohr, diese gar nicht mehr frei bis zum Trommelfell haben.
    Ich glaube, ich nehm das Otoskop mal mit in die Firma, wir haben da einen Kollegen, der schreit auch immer.

  11. einehutzel schreibt:

    ich dachte eher so an zugeschmalzt

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