Talk-talk-talk….

Leilas Eltern sehen mich zweifelnd an. Haben sie mich richtig verstanden?
Ich gucke wahrscheinlich genau so kariert wie sie …verstehen die mich überhaupt?
Ach, warum ist mein Türkisch nicht besser? Oder deren Deutsch? Aus ähnlichen Gründen, vermutlich.
Ich versuche gerade diesen anscheinend sehr netten Eltern zu verklickern, dass ihr liebes Töchterlein null Interesse mehr an der Schule zeigt. Sie hat in letzter Zeit sehr viele Stunden geschwänzt. „Randstunden abgehängt“ heißt das im Schuljargon, wenn jemand aus der Mittagspause nicht wieder kommt.
„ Auf dem Zeugnis steht das auch!“ sage ich.
„ Ja, sehr schlecht, immer sagen, Leila Schule gehen,“ sagt der Vater.
Die Mutter guckt mich kritisch an. Denkt die, ich erzähle Märchen?
„Sagen Sie es mir bitte, wenn ihnen meine Frage zu persönlich ist,“ wage ich einen Vorstoß, „gibt es vielleicht zur Zeit familiäre Problem? Leila ist oft so traurig.“
Vater und Mutter gucken sich an.
„Keine Probleme! Nix Probleme!“ stellt der Vater nachdrücklich fest.
Ich seufze innerlich. Irgendwas ist da im Busch….. aber ich werde nicht dahinter kommen…nicht heute, nicht am Elternsprechtag.

Karl und ich haben uns 14 Eltern bestellt. Neun kommen. Das ist unfassbar viel.
Alle Eltern sind im Bilde: Die Kinder arbeiten nicht für die Schule, sie interessieren sich für alles mögliche, aber nicht für den Schulabschluss. Sie stressen herum und die Eltern berichten, dass sie  auch zu Hause nicht mehr so sind, wie man es gerne hätte.
Vallah, was tun? Die Pubertät holt alle ein….
Die Mütter sind verzweifelt und hilflos, die Väter gucken finster und hilflos.
Die Kinder sitzen hilflos kichernd neben ihnen und gucken Karl und mich verschwörerisch an.
Sorry, Aysun, aber das ich muss jetzt deiner Mutter erzählen!
„Sie interessiert sich nur noch für ihr Äußeres. Sie findet es normal, sich im Unterricht ungeniert die Wimpern zu tuschen und alle zwei Minuten in ihren kleinen Taschenspiegel zu gucken. “
Die Mutter ist entsetzt. Was das? So benimmt man sich doch nicht in Schule! Sie guckt ihre Tochter strafend an.
Die sieht übrigens ganz anders aus als noch heute Morgen. Irgend wie so natürlich…nur eine ganz dezente Bräune ist auf ihrer Haut zu sehen. Getönte Feuchtigkeitscreme , denke ich, wo sind die krass fetten Make-up Schichten geblieben? Und was ist mit ihren Wimpern los? Getuscht, ja! Aber sehr dezent…
So sieht sie viel netter aus, denke ich und höre gerade noch, wie die Mutter sagt: „Make-up in der Schule habe ich verboten.“
Aha.  Gut zu wissen. Aysun sieht mich von unten an.
Jetzt geht es um Koalitionen, mit wem verbünde ich mich? Mit der Mutter ? Mit Aysun? Auf jeden Fall muss ich mir die mütterliche Autorität im Hintergrund erhalten, aber ich darf es mir auch nicht ganz mit Aysun verscherzen, mit der soll ich jeden Tag arbeiten .
Also sage ich halbwegs diplomatisch: „So wie jetzt siehst du ganz toll aus, Aysun! Du bist so ein hübsches Mädchen! Und so lenkt dich das Make-up auch nicht mehr im Unterricht ab, du kannst  konzentriert mitarbeiten und dich verbessern.“
Aysun nickt, die Mutter nickt und Karl lächelt fein. Wir werden sehen….

Dann kommt Emre mit seinem Vater. Der Vater hört sich meine Lobeshymnen an und guckt auf seinen Sohn, als sei er exotisches Insekt. Vielleicht versteht er mich auch bloß nicht.
Aber er scheint zufrieden zu sein. Nur das mit dem Realschulabschluss….
„Emre Realabschluss?“
Wir versichern, wir werden Emre unterstützen, wo wir können und wir wissen ja , dass auch Emre sein Bestes geben wird, aber …es gibt eine Menge „aber“ ….man muss sehen, wie es weitergeht, eine genaue Prognose können wir heute nicht geben.
Emre ist schwach in Deutsch und damit auch automatisch in Mathe. Die neuen Aufgabenformen in Mathe sind schwierig für solche Schüler….
Das Gespräch läuft immer so holzschnittmäßig ab: Ja, Emre guter Junge, ja gut lernen, ist fleißig, Papa stolz, wir auch. Sehr unbefriedigend.
Emre sitzt ganz klein neben seinem Vater. Im Unterricht kommt er mir immer groß und erwachsen vor, aber jetzt ist er auf einmal ein kleiner Junge mit seinem Papa….

Am Ende kommt noch ein Vater mit seinen beiden schönen Töchtern. Die eine ist in unserer Klasse gelandet vor vier Wochen. Eine schlimme Schulkarriere hat sie hinter sich. Aber jetzt will sie es schaffen! Wir hoffen, sie hält durch. Der Vater erzählt vom Jugendamt und Schulamt und falschen Freunden und Polizei, na ja, das Übliche eben.
„Nächstes Jahr kommt noch eine Tochter zu euch an die Schule,“ sagt er.
„Drei Töchter haben Sie?“ frage ich aus small-talk-technischen Gründen.
„Nein!“ sagt er , „acht!“
Himmel…acht Töchter!
Der Mann muss Nerven wie Drahtseile haben.

Nach drei Stunden fällt die Klappe. Die Heizung ist runtergefahren, es ist ganz schön kalt geworden im Klassenraum.

Sollen wir noch ein Bier trinken gehen?
Karl will nach Hause. Na, dann bis morgen.

Dann wird sich weisen, ob das ganze Gerede einen Sinn hatte…..

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23 Antworten zu Talk-talk-talk….

  1. Shannon schreibt:

    Ich wette, wenn Sie mal ein Klassenfoto im Unterricht machen würden und dieses dann den Eltern zeigen, es würde lange dauern, bis die ihre Kinder erkennen würden. 🙂
    Aber jetzt ist es ja geschafft. Erst einmal.

  2. Maria schreibt:

    Ach, der arme Emre. Kann man den nicht fuer irgendeine Freizeitaktivitaet mit ein paar deutschen Jugendlichen zusammenbringen, damit er besser deutsch lernt?

    • frlkrise schreibt:

      Sprechen kann der, aber das Leseverständnis u. das Schriftliche!

      • Ulla 39 schreibt:

        Emre tut mir auch leid.
        Läßt sich nicht eine Lesepatin finden oder ein Leseopa? Gewiß, das ist wieder Mühe für Sie, liebes Frlkrise. Ich weiß ja nicht, wo Sie leben, es ist wohl eine Großstadt, da gibt’s doch inzwischen – endlich und Gott sei Dank -Vereine, die Sie ( wieder „Sie“) deshalb ansprechen könnten.
        Hab‘ geschrieben, was mir so eingefallen ist, den Problemen recht nah, aber geographisch von Ihnen weit entfernt.

  3. krankeschwester schreibt:

    Hallo Fräulein Krise

    ich habe gestern und heute ihr gesamtes Blog durchgelesen und bin begeistert und erschüttert zugleich. Begeistert über den unterhaltsamen Schreibstil , erschüttert wegen des Inhalts. Wenn ich das lese wird mir mehr und mehr bewusst was für eine behütete Kindheit und Schulzeit ich hatte…und das Gefühl das es mit unserer Gesellschaft in vielen Bereichen bergab geht verstärkt sich immer mehr.
    Wenn die „Kinder“ etwas mehr von Respekt verstünden mit dem sie so gerne umsich werfen.

    • frlkrise schreibt:

      Wouw…Alles gelesen! Danke. Aber ganz fremd dürfte Ihnen das auch nicht sein…Ich habe als Studentin im krankenhaus gearbeitet und da gings auch nicht viel anders zu als bei hier uns….

      • krankeschwester schreibt:

        Bei uns sind zum Glück meistens diejenigen , welche ihre Pubertät schon weit hinter sich haben. Wobei ich da eine Theorie habe… wenn die Menschen in Rente gehen kommt noch eine zweite Pubertät!

  4. die Schmith schreibt:

    Ach, Krisi, du weißt doch, dass die irgendwann wirklich erwachsen sind und sich wünschten, sie hätten sich in der Schule mehr angestrengt. Jawoll, es holt fast jeden ein. Leider dauert das meist länger, als die Schulzeit dauert. Schade eigentlich.

    Wieso nehmen die sich eigentlich nicht solche Vorbilder wie den Cem Ö…z..demir… wie schreibt der sich denn? Der von den Grünen. Du weißt schon. Oder diese Fußballheini da. Keine Ahnung, wie der heißt. Der Typ, der in der Nationalmannschaft spielt. Oder irgendwelche Schauspieler, deren Herkunft man optisch bemerkt, die aber wenigstens klingen, wie hier geboren und aufgewachsen. Warum wollen die denn nicht so sein und fleißig darauf hin arbeiten? Hmmm…
    Ob sich da mal so einer einladen ließe? Ob das was bewirken würde? Ob diese ganzen Ausreden von wegen „ich bin doch Ausländer“ dann endlich aufhören?
    *massiert Krisi die Schläfen* Wenn man nur fest genug daran glaubt…

    • frlkrise schreibt:

      Ach Schmitti, die müssen alle erst mal auf den Arsch plumpsen, damit sie aufwachen….und das wird in 2-3 Jahren so langsam losgehen….

      • die Schmith schreibt:

        Eben. Die Schulzeit muss verlängert werden. So geht das nicht. Nur mehr Schuljahre garantieren, dass nicht noch mehr Schulversager auf den Arbeitsmarkt geworfen werden. Für mehr Lehrer, mehr Klassen, mehr Unterricht… und… weniger kompliziertes Zeug. 😉

        Oder vielleicht sollte nicht so arg aufs Zeugnis geachtet werden, wenns um die Wahl um den neuen Azubi geht.

        Ich schick dir mental mal ein bisschen Kraft für morgen.

      • michael schreibt:

        Ach was, wenn die Schulzeit verlängert wird, fallen die doch nicht auf die Schnauze.

        Das Problem ist doch, dass Fehlverhalten oder Nichtlernen in der Schule keine ernstzunehmenden [1] Konsequenzen für die betreffenden mehr hat. Erst im ‚richtigen‘ Leben erfahren die Schüler die Folgen ihres Nichtlernens, und dann kommt die Einsicht. Vorher nicht.

        [1] Ausser, dass ein Haufen Erwachsener herumberät, was man denn tun könnte, wenn man denn was tun wollte.

    • Skivaheri schreibt:

      Hallo Fräulein Krise,
      nachdem ich nun seit mehreren Monaten den/die/das Blog lese (ich find ja immer noch das „der Blog“ am sinnigsten klingt) geb ich nun auch mal meinen Senf dazu (auch ich hab beide Blogs in der Gänze durchgearbeitet, man möchte ja alles wissen ; ) )
      @die Schmith
      Cem Özdemir war 1996 zu Gast an meiner Schule, Thema: Integration. Da kommt dann ein grüner Abgeordneter mit türkischem Elternhaus, der als einziger „Ausländer“ in irgendeinem Kuhdorf aufgewachsen ist und möchte Gymnasialschülern in Duisburg-Obermarxloh was von Integration erzählen. Sowas kann nicht gut gehen, das prallen Welten aufeinander die nichts miteinander gemein haben. Und was kann Mesut Özil an großartiger Integrationsleistung vorweisen, er kann gut gegen den Ball treten, er hat sich entschieden für das Land zu spielen in dem er aufgewachsen ist und nicht das Land aus dem seine Eltern ausgewandert sind, Deutschkenntnisse hat der Knabe trotzdem nicht die besten, der klingt genauso wie 70% meiner damaligen türkischen Mitschüler, sprachlich nicht ganz so verschliffen wie das Fräulein Krise und Frau Freitag berichten (und auch das kenne ich zur Genüge, das ist aber unabhängig vom Hintergrund, deutsche Schüler sprechen in den entsprechenden sozialen Umfeldern genauso) aber „gutes“ deutsch hört sich definitiv anders an. Andererseits kenne ich den ein oder anderen, bei dem selbst zu Hause Wert darauf gelegt wird deutsch zu sprechen und nicht die Sprache des Landes der Eltern. Die Väter haben ihr komplettes Berufsleben wahlweise auf der Zeche oder im Stahlbau verbracht, die mußten nicht wirklich deutsch können, da hat es genügt wenn sie verstanden haben was sie tun sollen. Die Mütter haben sich komplett um die Erziehung der Kinder gekümmert und beide Eltern waren auf die Unterstützung der Söhne und Töchter angewiesen, wenn sie nur mal zum Arzt gingen oder zum Elternsprechtag in die Schule. Dennoch wurde darauf bestanden das zu Hause deutsch gesprochen wird, die Kinder sollten es besser haben als die Eltern, denn denen war schon klar geworden das sie nicht mehr zurück in ihr Heimatland gehen werden und der Kinder einzige Chance im „neuen“ Heimatland das beherrschen der Sprache ist. Natürlich gabs, da Aufbaugymnasium, gerade in der Oberstufe auch die von den beiden Damen beschriebene Klientel, da haben sich sowohl unsere Lehrer als auch wir als Schüler gefragt, ob die ihre Fachoberschulqualifikation nicht nur bekommen haben, damit die Lehrer auf den Haupt- und Realschulen die nicht noch ein Jahr erdulden müssen. Eins war aber nahezu allen gemein, das Wort des Lehrers war Gesetz denn wenn sie da zu sehr auf der Nase herumgetanzt haben, wurden die Eltern kontaktiert und den Mut die anzulügen, vielleicht war es auch Respekt gegenüber den Eltern, hatten sie nicht.
      Ein Großteil meiner damaligen Mitschüler, die es bis zum Abitur durchgehalten haben, haben im Laufe der Zeit ihre Ausbildung und/oder Studium abgeschlossen und stehen, voll integriert, im Berufsleben oder widmen sich der Forschung, einer der damals schlimmsten Rabauken hat in den USA in Physik promoviert und arbeitet nun als wissenschaftlicher Mitarbeiter am CERN. „Vorbilder“ der Integration hatte niemand, da war das Bestreben immer für sich etwas zu erreichen und die Eltern nicht zu enttäuschen. Bei den Mädchen kam noch hinzu das sie sich durch Bildung emanzipieren konnten, von denen hatte nämlich niemand Lust das Leben der Hausfrau und Mutter zu leben, die wollten durch die Bank weg lieber selber berufstätig sein und ein eigenes Leben führen. Langer Rede kurzer Sinn, Integration muß von sich aus kommen, kaum jemand von der hier beschriebenen Klientel hat das große Glück in den behüteten Verhältnissen eines Cem Özdemir aufzuwachsen, der gar keine andere Chance hatte, weil er alleine war, oder über das Talent eines Mesut Özil zu verfügen, der ein phänomenal guter Fussballer ist. Da muß es schon von alleine *klick* machen und genau das passiert leider oftmals viel zu spät. (meine Güte, da hau ich bei meinem ersten Kommentar gleich einen halben Roman in die Weltgeschichte, ich bitte untertänigst um Verzeihung für die Wortflut).

      • frlkrise schreibt:

        Wortflut ist besser als Wasserflut, zumal es stimmt was die Flut da so alles herbei treibt! danke! Am besten gefällt mir: Wort des Lehrers war Gesetz!

      • die Schmith schreibt:

        Oh, so viel Text hatte ich nicht beabsichtigt. Und das waren jetzt auch nur die einzigen, die mir da einfielen. Ich frage mich nur, ob die Kiddies denn keine Vorbilder haben, denen es sich nachzueifern lohnt. Ich mein ja nur, dass man mit den richtigen Vorbildern auch entsprechend Leistung bringt oder zumindest zu bringen bereit ist. Ein großes Ziel vor Augen hat.

        Und Wort des Lehrers = Gesetz. Dazu fällt mir immer wieder China ein. Da ist es auch still im Unterricht. Ich will damit aber nicht sagen, dass mir diese Methode, die dort angewendet wird, sonderlich gut gefällt. Aber so manch Aspekt hat schon was.

    • Alex schreibt:

      Naja, Herrn Özdemir als Vorbild scheint mir vielleicht als Integrationsbeispiel sinnvoll (wobei er ja Deutscher ist), aber sicher nicht als Vorbild hinsichtlich Menschlichkeit, Ethik und Werte. Da muss man sich nur mal die Schoten in seiner Zeit als Politiker ansehen.

      Daran sollten sich Kinder kein Vorbild nehmen..

  5. michaela schreibt:

    Moment, Sprechen ja, aber Lesen und Schreiben nicht???!!!!
    Funktionaler Analphabet.
    Gibt es Alphabetisierungskurse für Jugendliche?
    Könnte er sonst vielleicht zu einem Erwachsenenkurs gehen?
    Wenn er schon motiviert ist?!
    PLZ
    m.

  6. michaela schreibt:

    Bezug: Emre

  7. Erbloggtes schreibt:

    Leila, Fatma oder Doppelname?

  8. Mrs. Porcelain schreibt:

    Wow 8 Töchter… wenn die alle zu Heidi gehen würden! !

  9. michael schreibt:

    > Dann wird sich weisen, ob das ganze Gerede einen Sinn hatte…..

    Was wird denn Aysun wohl wichtiger sein ? Das, was Frl Krise von ihr denkt, oder das, was ihre Mitschülerinnen von ihr denken?

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