Nesrin hat Fragen

„Meine Eltern verstehen mich nicht!“ Nesrin ist empört.
Und ich bin erstaunt. Solche Sätze aus dem Mund meiner Schüler kenne ich nicht.

Das, was „deutsche“ Pubertierende nicht müde werden durchzufechten, scheint nämlich in Familien mit Migrationshintergrund keine große Rolle zu spielen: Die Rebellion der Heranwachsenden gegen die Konventionen der Eltern. Die Ablösung, das Selbständig-werden in der Pubertät …findet das überhaupt statt?
Unsere Jungen machen ohnehin mehr oder weniger, was sie wollen und viele Mädchen werden gerade in der Pubertät  immer fester in einen familiären Kokon eingesponnen, aus dem sie  kaum befreien können.

Das Credo meiner Schüler ist normalerweise der Satz: „ Meine Familie ist das Wichtigste in meinem Leben. Ich liebe meine Mutter, sie ist das Höchste für mich, blabla .“ Eine seltsame Mischung aus Zuneigung, Abhängigkeit und Kitsch. Ja, Kitsch, denn die Theatralik, die dramatische Gestik und Mimik dieser Sätze hebt sich von den alltäglichen Meinungsbekundungen deutlich ab. Hand aufs Herz, Augenrollen, süßlicher Tonfall….

Nesrin erzählt weiter: „Hallo? Meine Mutter ist wie eine Freundin, sagt sie! Ich soll alles erzählen. Wenn ich mache, gibt es voll Ärger!“
Die anderen nicken.
„Und sie wissen gar nicht , wie es in der Schule ist. Ich sage immer zu meiner Mutter, ist nicht mehr wie früher, ich benehme mich in Schule wie zu Hause.“
Das war ja mal ein wertvoller Hinweis. Die Eltern beteuern nämlich gerne in Gesprächen, dass die Kinder zu Hause völlig unproblematisch sind…

Ist Selbständigkeit überhaupt erwünscht?
Alle haben z. B. immer Geld bei sich. „Wir bekommen jeder jeden Tag ein bis zwei Euro für die Schule,“ berichtet Leila. Vier Kinder, im Schnitt etwa zweiundzwanzig Schultage im Monat, das sind 80 – 160 €.

Aber Taschengeld gibt es nicht.

„Wozu das, Taschengeld?“
„Aber ihr müsst doch lernen, selbständig mit Geld umzugehen!“ sage ich.
Aysun guckt mich verständlichlos an: „Wenn ich shoppen gehen will, gibt mir mein Vater Geld.“
„Wieviel?“
„Pffff, 50 € oder so……“
Alle sind sich jedenfalls einig: Vallah, Taschengeld ist voll unnötig.
Die beiden deutschen Mädchen sind da anderer Ansicht. Der Zigarettenkonsum will ja finanziert werden…..

Nesrin sagt: „Meine Eltern vertrauen mir nicht! Warum nicht? Ich mache nichts Schlechtes. Aber immer denken sie , ich will was Schlechtes machen!“
„Was meinst du denn mit ‚was Schlechtes’ ?“ frage ich nach.
„Keine Ahnung, was mit Jungen oder so. Aber mach ich nicht. Wissen sie doch auch.“

Wenn aber Jenny und Hanna sagen: „Dürft ihr nie abends weg? Am Wochenende auch nicht? Voll gemein!“, bildet sich gleich eine Phalanx mit dem Tenor: „Wir WOLLEN gar nicht weggehen. Ich will gar nicht Disco gehen.Wir gehen ja weg, zu Hochzeit oder Verwandten….“
Sind das saure Trauben? Jenny und Hanna gehen übrigens auch nicht Disco, auch wenn sie so groß tun, sie hängen in Jugendclubs ab oder auf der Straße.

Ich wundere mich. Nesrin erzählt von Schwierigkeiten mit den Eltern…Sie stellt Fragen.
„Wie war das denn bei Ihren Töchtern?“ will sie wissen und sucht sichtbar nach einem Modell, das vielleicht von dem ihrer Eltern etwas abweicht.
Ich erzähle ein bisschen. Von den üblichen Streitigkeiten, dem Ver- und Aushandeln, den mütterlichen Sorgen, den Schulproblemen und dass eine meiner beiden Töchter  kurz vor dem Abitur von zu Hause ausgezogen sei. Alle sind entrüstet.
Besonders Nesrin. Dass ich das erlaubt habe! Frl.Krise – sehr schlechte ane!
Ich sage, nein, keine schlechte ane! Es wäre mir auch nicht leicht gefallen…aber immerhin sei es  für unsere Beziehung besser gewesen.
Nein, das geht zu weit!  Außer Jenny und Hanna sind sich alle darin einig.

Nesrin guckt mich streng an. „Frl. Krise! Und Sie sind nicht verheiratet! Stimmts?“
“Sie ist geschieden und hat ihren neuen Mann schon ganz lange, das weißt du doch!“ sagt Aynur ungeduldig. „Warum soll sie denn andauernd heiraten!“ verteidigt mich Emre.

„Ihr Deutschen macht das alles mit den Kindern und dem Heiraten so…so…so…wie ihr wollt!“ sagt Nesrin.
Ich verschlucke meinen Standartsatz ‚Du bist auch Deutsche’ und sage:
„Wie ich will? Nein, aber ich denke nach und entscheide dann. Wer kann mir denn eigentlich vorschreiben zu heiraten?“
Nesrin ist verwirrt. Aynur und Necla nicken.
Es klingelt. Wir hatten übrigens gerade Ethik.

„Frl. Krise,“ sagt Nesrin, „ nächste Stunde müssen Sie aber unbedingt weiter erzählen! Von ihrer Hochzeit! Was sie anhatten. Und warum sie geschieden sind. Wie sie leben, ist voll komisch. Aber da lernt man voll viel bei.“

Wie ich lebe… !
Nur eine Möglichkeit von vielen, die man hat!
Wenn Nesrin das sehen könnte, wäre ich schon sehr zufrieden.

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22 Antworten zu Nesrin hat Fragen

  1. Frau Buntstift schreibt:

    Liebes Fräulein Klein,
    wie schön zu lesen, dass Ihr Ethikunterricht so lebensnah ist und sogar freudig die nächste Stunde erwartet wird!
    Ja wie Sie leben – das interessiert uns doch alle!

    Ihre *eine Möglichkeit*.

    Leben Sie sie heute schön sonntäglich!
    Gruß!
    Frau Buntstift

  2. tonari schreibt:

    Täglich 1-2 Euro für die Schule? Statt Pausenbrot vermutlich?

  3. Shannon schreibt:

    Jetzt würde es mich ja mal wirklich interessieren das Ganze am Ende zu evaluieren.
    -Wie lebt unser Krisenfräulein?
    -Warum ist ihr Leben so komisch?
    -Was glaubt Nesrin aus Frl. Krises Leben gelernt zu haben?
    (Und wie kommt sie auf solche Ideen…?) 😉

  4. buddel schreibt:

    „Eine seltsame Mischung aus Zuneigung, Abhängigkeit und Kitsch“
    ach frl. krise,
    ihre zöglinge leben alle in einem wunderland.
    kann die welt nicht herrlich einfach sein ?

    buddel

    • Tengu schreibt:

      Und dieses Wunderland hat ihre Eltern- und Grosselterngeneration (und viele davor und danach) mit verträumter Hingabe (und unfassbarer Naivität) erwachsen lassen. Ich meine damit nicht, Schuld zuzuweisen – wir sind alle selbst verantwortlich für alle Probleme in unserem Leben. Dennoch, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es kaum (wenn überhaupt) Misstände gibt heute, deren Entstehen nicht schon vor 25 Jahren und mehr klar abzusehen war (und einfach hätte verhindert werden können).

  5. Frau Buntstift schreibt:

    Liebes Fräulein Krise,
    beim erneuten Aufrufen Ihrer Seite und Durchsicht der Kommentare, musste ich – mit geschultem Lehrerblick – einen Riesenfehler bei meinem eigenen Kommentar feststellen.

    Ich wollte Sie auf keinen Fall *Klein*reden!

    Schönen Abend noch!
    Hoffe Sie haben Kraft für die kommende Woche getankt.

    (Wir haben ja bald ne Woche Ferien!)

    Frau Buntstift

  6. theomix schreibt:

    Sehen Sie, Frl. Krise, Sie sind Vorbild.

  7. RobivanKenobi schreibt:

    „Ihr Deutschen macht das alles mit den Kindern und dem Heiraten so…so…so…wie ihr wollt!“ sagt Nesrin.“

    Wahrlich erschütternd, diese Sitten!

  8. michael schreibt:

    > Ich verschlucke meinen Standartsatz ‚Du bist auch Deutsche’ und sage:

    Dabei hat Nesrin recht und Frl. Krise unrecht. Denn hier geht es nicht um Staatsbürgerschaft, sondern um unterschiedliche kulturelle Gruppen.

  9. Seifenfrau schreibt:

    Wieder köstlich, Frlkrise,
    auch wenn sie komisch leben…

  10. die Schmith schreibt:

    Krisi, Hilfe! Ich hab geträumt, ich hätte in deiner Klasse unterrichtet und du hättest daneben gestanden und ich hätte versucht zu erklären, warum beim Minisatz „I speak English“ English groß geschrieben wird und hab ewig um den Begriff „Hauptwort“ gerangelt. Die wussten auch gar nix. Und mittendrin, also kurz nach viertel neun, kam Hanna rein und meinte, sie hätte sich etwas verspätet. Ömür wusste irgendwann, was ein Substantiv ist. Wäääh, ich will mich da nicht täglich durchquälen müssen. Und die Kreide wollte dann auch nicht richtig schreiben und ich musste sogar ein Galgenrätsel mit denen veranstalten um überhaupt irgendwas aus denen rauszukriegen.
    Und das passt jetzt grad wohl nicht so ganz hier dazu, ist mir jetzt aber egal.

  11. Ulla 39 schreibt:

    Türken und ihre Abkömmlingen sind an jedem Wochenende entweder auf einer Hochzeit oder bei Verwandten oder haben bei sich zu Hause viel Besuch. Es stimmt schon, was Nesrin gesagt hat. Auf den Hochzeiten sind ja wieder Verwandte, und bei den Verwandten und manchmal Freunden werden die nächsten Hochzeiten arrangiert. So ist man immer unter sich, kein neuer Gedanke, keine frische Luft, kein Lesen, kein nix als das ewig gleiche Karusell ( o Schreck, schreibt man das so?? Na ja, fällt hier kaum auf). Das ist bei türkischen Intellektuellen ganz ähnlich (mit einer Ausnahme, die habe ich „an Land gezogen“), hat also nichts mit dem Grad der Bildung zu tun.

    • frlkrise schreibt:

      Ich höre mir andauernd die Hochzeitsberichte an und war auch schon eingeladen! … Für die deutschen Schüler ist das eine Horrorvorstellung: immer en famille….

  12. Ulla 39 schreibt:

    Nachtrag: Das ist nicht nur bei den hier Lebenden so, sondern auch in der Türkei.

  13. nadineswelt schreibt:

    Männes bester Freund (Türke) wird immer spontan krank, wenn seine Ane ihn mit auf ne Hochzeit nehmen will. Ane will nämlich verkuppeln, und unser Kumpel will das so gar nicht… Ist zwar OT, musste ich aber grad wieder dran denken.

  14. ST schreibt:

    Diese Beschreibung der Lebenswirklichkeit erinnert tatsächlich an den Ausdruck „wie im Mittelalter“. Dazu fällt mir ein, dass ein großer Teil der asiatischen Türkei auch noch gar nicht in der Moderne angekommen ist – die Türkei besteht ja nicht nur aus Istanbul. Aber aus diesem asiatischen Teil ist ein großer Teil der Einwanderer nach Deutschland gekommen, oder?

  15. Kai schreibt:

    Was sehen meine entzündeten Augen? „Standartsatz“

  16. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Ich weiß, das ist uralt, aber sehr verlockend, kommentiert zu werden…

    Das Gespräch „Darfst du nie abends weg? In keine Disco?“
    „Aber ich will gar nicht an solche blöden Orte wie Discos, ich geh auf Familienfeiern“ hätte genauso gut ein Dialog zwischen mir und meinen Klassenkameraden sein können *g*.

    Bin zwar keine Türkin, aber mit Migrationshintergrund. Ich glaube, je nach Land sind die Eltern in einigen Punkten strenger, in einigen nachsichtiger. Ist dann für die jeweils andere Seite schwer nachzuvollziehen.
    Ich fand meine um die Häuser ziehenden MitschülerInnen immer verwahrlost und verlottert, außerdem ungebildet.
    Sie fanden mich dagegen hoffnungslos spießig.
    Um mich nicht dauernd rechtfertigen zu müssen, dass ich ihren Lebensstil daneben finde, habe ich immer alles auf mein ach so strenges Elternhaus geschoben – dabei geht es bei meinen Eltern sehr liberal zu, nur ich bin altmodisch :).

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