Turgut nix gut

Ein bisschen Turgut gefällig? Von dem hörte man ja hier schon längere Zeit nichts, aber er existiert noch….
Er kommt und geht immer  wie es ihm gefällt, besonders die späten Randstunden hängt er gerne ab. Und in der Mittagspause türmt er fast regelmäßig, leider ist das bei uns kein großes Problem. Neulich kam dann er mit einem triefenden Döner wieder in den Unterricht zurück- sehr lustig….
Er will die Schule partout nicht wechseln, er hat viel zu viel Angst davor und gegen seinen Willen kann man nichts machen. Sein familiärer Bäckground plus Betreuer … ach, von denen höre ich gar nichts mehr. Alle Ämter wissen Bescheid, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen so langsam, wie die der Kirche und so werden wir ihn wohl niemals los werden.
Er wird weiter da sitzen, breitbeinig in seinen weißen Klamotten, schrille Töne absondern, wenn er die geringste Chance zum Stören wittert, Fuat negativ beeinflussen, uns alle in den Wahnsinn treiben und nichts, aber auch gar nichts lernen. Die Schüler haben auch genug von ihm, man schneidet ihn zwar nicht , aber er wird mehr oder weniger links liegen gelassen.
Nur ich muss mich noch an ihm abarbeiten, so wie heute in Kunst.
Ömür teilt die fast fertigen Bilder der letzten Stunde aus und es ist kein Blatt für Turgut dabei… Aber das fällt mir erst mal gar nicht auf, denn ich muss noch mehr Material holen und verteilen und rumrennen und mich mit Erkan streiten, ob Fenster auf oder zu und Nesrin und Hanna befrieden und Hassan umsetzen und zum dritten Mal meinen Schlüssel suchen und meiner Kollegin im Nebenraum das Uhu leihen und schließlich am Pult auf den Stuhl fallen.
Mehr oder weniger sitzen jetzt alle und zeichnen unter mittellautem Gequatsche vor sich hin.. Es könnte so schön sein…..

Da kommt Turgut, baut sich vor mir auf und stößt das Wort: „Blatt!“ hervor.
„Was willst du Turgut? Sprich mal im Satz zu mir!“
„Mein Blatt!“
„Es sind alle Blätter ausgeteilt, wenn deins nicht dabei ist, hast du keins abgegeben.“
Ich wühle ein bisschen in den leeren Blättern vor mir herum. Reine Übersprungshandlung.Turgut hat nie ein Blatt.
„Wohl! Blatt!“ Ganze Sätze überfordern Turgut.
„Turgut, dann wäre es hier! Du warst doch überhaupt nicht da, letzte Kunststunde, oder?“ Jetzt wäre es praktisch, wenn ich das Kursheft hätte….muss ich mal suchen bei Gelegenheit.
„Wohl!“
„Wir fangen jetzt gleich mit dem neuen Thema an, ich erkläre es in fünf Minuten. Dann arbeitest du eben daran.“ Turgut und das Verb arbeiten, das ist wie zwei Magnete, die sich abstoßen…
Turgut zuckt mit den Schultern, schlurft ab und verbreitet auf dem Weg zu seinem Platz nicht als Stress. Hier ein Nackenklatscher, da was vom Tisch wegnehmen…alles natürlich nur Spaaaaaß… abooo, dass die Lehrers aber auch immer so humorlos sind…….

Ich erkläre das neue Thema. Turgut steht nicht bei uns. Der Kunstraum ist riesig und ich möchte wissen, in welcher Ecke er jetzt schon wieder sein Unwesen treibt…Aber nein, er ist weg. Er wird in ein paar Minuten wieder da sein und behaupten, er hätte sich bloß die Nase geputzt. Das muss bei Türkens unbedingt draußen vor der Tür erledigt werden, sonst ist es unfein, allerdings darf man ruhig auf die Treppe spucken, das stört keinen Toten. Nur Frl. Krise, die ist da etepetete.

Nochmal erkläre ich die ganze Chose nicht! Emre, der Gute übernimmt das, aber Turgut hört gar nicht hin, sondern brüllt quer über den Raum irgendwelche türkischen Beschimpfungen zu Nesrin rüber, die daraufhin aufschreit, aufsteht und sich anschickt, ihn zu schlagen. Turgut ist aber doppelt so groß und breit wie Nesrin, deshalb versandet dieser Versuch schon im Ansatz . Turgut guckt triumphierend in der Gegend herum und sucht nach neuen Betätigungsfeldern. Emre gibt auf.

Nun gut, die Stunde tröpfelt so vor sich hin, die Sonne scheint in den Raum, es ist warm, alle sind friedlich, wenn auch zu laut und ich vergesse Turgut für einen Moment.
Da steht er schon wieder vor mir.
„Machen?“ blökt er mich an.
„Ach, du,“ sage ich spitz. „Emre hat dir doch alles erklärt!“
„Hää?“
Ich kriege leichtes Herzsausen, besonders wegen seines Tons und seines dummdreisten Grinsens, erkläre aber noch mal in Kurzfassung, was erklärt werden muss…schließlich soll ich ja mein Geld im Schweiße meines Angesichts verdienen, steht in der Bibel.
Turgut weiß nicht, was in der Bibel steht und den Koran kennt er bestimmt auch bloß von außen.

Gearbeitet hat er nicht mehr, außer an meiner Pulsfrequenz. Und um Eins ist er dann endgültig verschwunden, obwohl er bis 15 Uhr Unterricht gehabt hätte.

Es ist Freitag! Das Freitagsgebet! Da muss er hin! Sagt er jedenfalls.

Lieber Gott,  solltest du identisch mit Allah sein, wovon ich ausgehe, dann tu bitte was. Schmeiß Hirn vom Himmel oder finde eine andere Schule für Turgut. Wenns geht, noch diese Woche! Amen!

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26 Antworten zu Turgut nix gut

  1. Shannon schreibt:

    Liebes Frl. Krise,

    Gott/ Allah/ Buddah/ Spongebob hat schon alles getan, was er für Turgut in diesem Leben tun konnte: Er hat ihn zur geduldigsten Kunstlehrerin des Planeten geschickt.
    Deshalb wird er Turgut auch nicht auf eine andere Schule gehen lassen…das hier IST schon die Endlösung, tut mir Leid.
    Dennoch hoffe ich natürlich, dass es besser wird. Die Hoffnung stribt ja bekanntlich zuletzt. Und bis dahin wünsche ich Ihnen starke Nerven und ein Wochenende, das es Ihnen ermöglicht sich zu erholen.

  2. tonari schreibt:

    Oh, das bringt ja die stärksten Nervenstränge zur Negativschwingung.
    Ich wünsch Dir Wochenende. Gut!

  3. oxypelagius schreibt:

    Wallah! Ich würde den so was von in den Arsch treten! Das kann doch nicht wahr sein. Sankt Sarrazin hilf!

  4. Sanna schreibt:

    …ich überlege schon seit geraumer Zeit, wie z.B. Lehrer, die zudem Landsleute Ihrer Kinderlein sind, ihren Unterricht mit dieser Spezies Schüler gestalten würden/können. Sind die Jungs und Mädels da wohl ebenso aufmüpfig, renitent, lernverweigernd? Oder wird hier auf dem Rücken (respektive auf den Nerven) deutschstämmiger Lehrer/innen ein Kulturkampf ausgefochten…?
    Gibt es an Ihrer Schule überhaupt Lehrer türkischer (oder sonstiger) Herkunft??? Ich meine… – seit der sog. „Gastarbeiter-Welle“ gab es doch mit Sicherheit junge Menschen, die Lehrer/in geworden sind. Oder???

    • frlkrise schreibt:

      No! Wir haben jetzt eine junge Lehrerin, die hat wenigstens einen türkischen Vater. Sonst gibt es da nichts. Und die alten türk. Lehrer, die früher türkisch unterrichtet haben sind längst in Pension. Die waren aber auch extrem unbeliebt, nur sehr wenige Schüler haben türkisch gewählt.
      Aber ein Kulturkampf ist das nicht.In der Türkei geht es auch nicht mehr so gesittet zu an den Schulen, wie wir hier denken.

      • Auribiel schreibt:

        Allerdings denken die Turguts (in meinem Falle heißt er ein bisschen anders) allerdings schon, dass es besonders die pösen deutschen Lehrer/innen sind, die arme Turguts mit pösen Arbeitsaufträgen und mangelndem Verständnis quälen. Und das „türkisch Lehrers“ natürlich alles viel besser und verständnisvoller machen würden. Deprimierend.

  5. die Schmith schreibt:

    Ach, Krisi, du hast mein aufrichtiges Mitgefühl.

  6. michael schreibt:

    Am liebsten hätte ich gelesen, dass Sie ihn endlich losgeworden sind. Können Sie nicht Ihren Chef erpressen, damit der sich mal was einfallen läßt.

  7. Christiane schreibt:

    Vielleicht sollte man dem mal die Super-Nany vorstellen, nicht dass ich annähme das brächte etwas, der Gute scheint mir ja recht erziehungsresistent, aber für die Zuschauer wäre das mal `ne Mordsgaudie und Sie wären erstmal entlastet. Ich fänd` das richtig lustig

    • Bloß nicht das! Das ergäbe noch ein Buch von Sarrazin! Denken Sie auch mal an die armen Bäume, die dafür sterben müssten?

      Warum darf Turgut zur Schule und mein Sohn wurde mit 18 rausgeschmissen, ohne Chance auf Abschluss? Ist mein Sohn zu deutsch oder hätte er renitenter sein müssen? Reicht eine „ich-werde-zum-Mann-und-darf-schwänzen“-Phase nicht, um einen Betreuer zu bekommen? Wir wurden absolut allein gelassen und ein Frl. Krise gab es an der Schule nicht.

      Ungelöste Rätsel, bis Herr Sarazin oder Frau Schröder zur Feder greifen. Oder die Supernanny, die würde aus meinem freundlich-höflichen, aber faulen Jungen sicher was unnettes, gegeltes, aber angepasstes machen.

      Frl. Krise: Vorschlag: wir machen einen Schüleraustausch: Turgut gegen Wolfgang. Turgut darf bei mir einen Crashkurs in Religion machen, Koran lesen, ca. 5 Stunden am Tag, gern auch in Deutsch. Und schweinefleischfrei essen (überhaupt gibt es kaum Fleisch hier) und sich an ALLE Vorschriften des Koran halten. Ich hab das Ding nämlich gelesen.

      Ach und meine fünfjährige Tochter wird ihm dann das Sprechen in kompletten Sätzen vormachen.

      LG FKP

  8. fraufreitag schreibt:

    Ach frl krise, nun hör mal auf zu jammern. du liebst und braucht den turgi doch eigentlich und das weisst du doch auch. ohne den wäre dein schulleben öde und leer. also kopf hoch – sei doch froh, dass du nur vormittags seine mutter bist. und wenn du wach bist ruf mich mal an.

  9. ichbineineinsel schreibt:

    Dabei fühlt sich der Junge doch nur unverstanden und ist verhaltenskreativ. 😉 So hat mir meine ehemalige Lehrerin erklärt, nennt man verhaltensgestörte Schüler heute.
    Hoffe, IHRE Gebete werden erhört.
    Schönes We 🙂

  10. sweetkoffie schreibt:

    Frl. Krise, der Himmel schickt einem manchmal Prüfungen, die man überhaupt nicht versteht und man fragt sich, was man eigentlich verbrochen hat.
    Neben dem Gebet um Hirn, füge ich noch eins um besonders starke Nerven hinzu 🙂

    schönes Wochenende!

  11. Das Kahekli schreibt:

    Liebes Frl. Krise,
    als Außenstehender möchte ich mich zunächst für die vielfältigen Eindrücke bedanken, die ich hier aus einer anderen „Welt“ erhalte! Vor ein paar Tagen („wir haben den Coolsten“), musste ich noch daran denken (als Rentner hat man ja viel Zeit!?), dass sich die Schüler nicht so sehr verändert haben, wie man allgemein glauben möchte. Unsere Praktikantin damals war jedenfalls ein Augenschmaus (sagt man das heute noch?) für uns 15-jährige Jungs. Sie sah unverschämt gut aus (Typ Schwedin, lange blonde Haare, blaue Augen – und konnte zauberhaft erröten!). Was für einen Stoff sie vermitteln wollte ist (natürlich) nebensächlich geblieben. Da kann ich die Mädels schon verstehen, wenn sie ein bisschen mehr fürs Äußere getan haben.
    Das heute geschilderte Problem treibt meinen Blutdruck schier ins Unendliche! Einen positiven Aspekt sehe ich dennoch: Wenn die Klasse den T. „links liegen lässt“ ist das in meinen Augen ein gutes Signal. Ich hoffe es kommen noch mehr positive Signale!
    Ich ziehe den Hut vor Ihnen!

  12. svnshadow schreibt:

    ich gebe zu dieser kommentar ist ein wenig böse….. ABER….

    wie lange könnte man den guten wohl mit dem guten alten papier-trick beschäftigen wo auf beiden seiten draufsteht „bitte wenden“ ?

  13. Ersin Kaluk schreibt:

    Hey, der turgut erinnert mich irgendwie an mich selbst , als ich noch auf die Gesammtschule ging.
    Ich bin jetzt übrigens „aufseher“ in Oberhausen,von den ganzen „Promiskuitiv Freizügig lebenden damen“ 😀

  14. Pingback: ÜBERRASCHUNG !!! | frl. krise interveniert

  15. S. Van Lure schreibt:

    „Turgut und das Verb arbeiten, das ist wie zwei Magnete, die sich abstoßen…“
    deine umschreibungen gegfallen mir sehr gut!XD

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