Wir haben den Coolsten!

Wir haben an der Schule wieder Studenten im Praktikum. Die sitzen irgendwo in der Klasse und gucken sich an, wie das geht, das Unterrichtmachen.
Später müssen sie dann wohl auch selber ran.
Ich finde das ganz unterhaltsam und wenn der Unterricht gut läuft, ist es sehr schön, denn
dann ist das so ein bisschen wie im Theater. Die Studenten sind die Zuschauer und wir führen ein Stück auf ohne Text und Stichworte, aber mit vielen Pannen.
Wenn es gut läuft, denken die Praktikanten das Unterrichten flutscht ja von ganz alleine, denn sie können  die vielen Schlachten, die man mit der Klasse  schon geschlagen hat, nicht sehen und für Grenzpflöcke sind sie vorerst blind. Ich werfe ihnen das nicht vor, das ist einfach so.

Dafür sind sie aber ausgerüstet mit irgendwelchen dunklen Arbeitsaufträgen, die sie meistens nicht verraten. Sie sollen zum Beispiel darauf achten, wie wie Lehrkraft, also ich, mit Unterrichtsstörungen umgehe. Na, da haben sie ja in meiner Klasse  reichlich zu tun.

Die ersten Störungen werden übrigens durch sie selber verursacht:
Der coolste Student von allen sitzt hinten mit Käppi. Der wird erstmal von meinen Jungs angeherrscht: „Käppi runter!“ Die sehen sich nämlich in ihrer Platzhirschrolle gefährdet.
Die Mädchen dagegen wissen sich vor Begeisterung kaum zu lassen. Sie haben mich schon in der Pause auf dem Hof fast überrannt und geschrien:
„Da! Da! Voll der coole Styler, voll süüüüß, Frl. Krise, haben sie den gesehen? Kriegen wir den?“

Jetzt sind sie ganz aufgeregt. Sie haben alle, bis auf Esra, knallroten Lippenstift aufgelegt und sehen ziemlich verboten aus, kommen sich aber ganz toll vor. Necla erzählt Aynur, dass sie zum Glück heute schon um halb sechs aufgestanden ist, um sich die Haare zu glätten. Vallah, dabei wusste sie doch gar nicht, dass der übermenschlich krasse Styler heute kommen würde…voll hollywood sieht sie aus…..mashallah…
Das Objekt der Begierde sitzt einfach da und macht nichts. Deshalb rücken sie ihm vor dem Unterricht völlig distanzlos auf die Pelle. Sie duzen ihn, stellen ihm Fragen wie: „ Wie alt bist du?“ oder „Wie findest du uns?“  und sind kaum dazu zu bewegen, auf ihren Platz  zu kommen. Anstrengend.
Sie erzählen ihm noch rasch, dass er sich voll king fühlen könnte, weil er gerade in der coolsten Klasse der ganzen Schule sei, die mit der coolsten Klassenlehrerin von allen!
„Sie ist unsere Mutter,“ fügt Necla überflüssigerweise hinzu…(und da darf ich mich freuen, nachdem Nesrin mir neulich in Ohr qiekte: „Sie sind voll süüüüüüß, Frl. Krise, wie meine Oma!“ Da schrien alle auf und ich auch und Nesrin schrie: „Was wollt ihr Gestörten, meine Oma ist voll jung!“ )

Endlich sitzen alle auf ihren Plätzen und wir können anfangen. Emre und Aysun haben sich leider andauernd in der Wolle. Schon die ganze Woche geht das  so. Ich könnte sie langsam verhauen, alle beide.
„Sie nehmen mich nie dran, Frl Krise,“ beschwert sich Emre und Aysun fährt ihm gleich über den Mund:
„Halts Maul, sie nimmt dran, wen sie will!“
„Was geht dich das an, halt selbst Maul, du Spast.“
„Haben Sie gehört, er hat Spast zu mir gesagt!“
Azize und Jenny müssen natürlich auch noch ihren Senf dazugeben. Die müssen ja immer alles kommentieren und Hassan versucht die Szene mit „Ruhe, Ruhe!!“ zu überschreien. Es ist zum Wahnsinnigwerden.
Ich setze mich ganz still ans Pult, stütze den Kopf in die Hand, schließe die Augen und warte. Ich muss  natürlich aushalten, dass das Gekeife dann noch ein bisschen weiter geht, aber es wird relativ schnell ruhig. Brüllen nützt hier gar nichts, da wird es nur noch lauter.

Als es ruhig ist, klappe ich die Augendeckel wieder auf, sehe mich kurz in der Runde um und sage ganz sachlich und neutral: „ Lies du mal weiter, Hanna!“
„Sie nehmen mich gar ni…..,“ fängt Emre schon wieder an, aber diesmal reicht es, dass ich einen Blick auf ihn abschieße. Und auf Aysun auch gleich.

Ich wüsste ja gerne, was der Praktikant jetzt aufgeschrieben hat. Wahrscheinlich: Lehrerin bricht verzweifelt am Pult zusammen…
In dieser Manier schlingern wir durch die Stunde, man muss etwas milde sein, es ist schon die achte… Der student schreibt und schreibt.

Nach dem Klingeln wird der flotten Styler, der ein bisschen furchtsam auf seinem Stuhl sitzt,  wieder von den Mädchen in die Zange genommen. Hassan und Fuat springen vor ihm auf und nieder und deutet Boxbewegungen vor seinem Gesicht an.

„Leute“, sage ich im Rausgehen, „nun hört mal auf damit. Hier ist doch kein Kindergarten.“
„Lassen Sie nur,“ sagt der Praktikant tapfer.

Ich muss jedenfalls schnell weg, ich habe noch Unterricht in der zehnten Klasse.

Ich hoffe, der coole Styler will  morgen auch noch Lehrer werden….

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29 Antworten zu Wir haben den Coolsten!

  1. Shannon schreibt:

    Oh, den leihe ich mich mal aus, ja? Das klingt, als würde es noch eine Menge Spaß bringen, vor allem, wenn er dann vor der Klasse steht… 🙂

  2. puzzle schreibt:

    „übermenschlich krass“ – muß ich mir für besondere Anlässe aufheben 🙂

  3. michael schreibt:

    Aysun ? Was ist das, Junge oder Mädchen ?

  4. Hektor der Drache schreibt:

    Liebes Frl. Krise, seien Sie bitte bitte nicht zu hart in Ihrem Urteil über die Studenten. Wir suchen uns diese Praktika auch nicht freiwillig aus. In Niedersachsen beschließt sogar die Uni, an welche Schule man muss. Im Semester vor einem solchen Praktikum wird einem in einem Vorbereitungsseminare jegliche realistische Vorstellung von Schule aus dem Hirn gewischt. Stattdessen lernt man schicke pädagogisch-didaktische Fachvokabeln, die man in einem späteren Bericht zwangsweise unterbringen muss. Die komischen Arbeitsaufträge denken wir uns auch nicht selbst aus, sondern irgendwelche Superpädagogen, die gefühlt seit 100 Jahren keine Schule mehr von innen gesehen haben. Dann stehen wir einestages im Lehrerzimmer. Wen man Pech hat, bekommt meine einen doofen Mentor der sich nicht um einen kümmert und man fühlt sich von Anfang an deplaziert, überflüssig und als Störfaktor. Nach zwei oder drei Tagen findet man sich langsam zurecht, man hat einen Stundenplan, es macht langsam Spaß und man versucht die seltsamen Arbeitsaufträge zu erfüllen, nur um festzustellen, dass der Praktikumsbericht wohl mal wieder eher Märchenstunde wird. Nach spätestens der ersten Woche ist es in den meisten Stunden doch eher langweilig einfach nur hinten zu sitzen und zuzugucken, denn irgendwie sind echte Unterrichtsstunden in einer Lerngruppe beim selben Lehrer doch auch meist recht ähnlich. Also beginnt man sich jedes Mal einen Keks zu freuen, wenn man in Arbeitsphasen helfen darf oder bei Gruppenarbeiten mit den Schülern in Kontakt kommen darf. Erst wenn man dann das erste Mal selbst ran musste und gesehen hat, dass das mit dem Unterrichten doch nicht so von Zauberhand läuft, wünscht man sich wieder ein wenig zugucken zu dürfen. Also werfen Sie Ihren Praktikanten ruhig mal mit einem netten Arbeitsblatt ausgestattet ins kalte Wasser und lassen Sie ihn versuchen Ihre Horde zu bändigen. Das macht die Sachen für Ihn sicher spannender und Sie haben sicher auch Ihren Spaß das mit anzusehen, wie er sich abkämpft. Wenn Sie eine tolle Mentorin sein wollen, sollten Sie aber für die Pause nach dem ersten Versuch ein wenig Schokolade bereit halten 😉
    So viel mal aus der anderen Perspektive….

    • Hektor der Drache schreibt:

      Ups, das war länger als geplant… 😉

    • frlkrise schreibt:

      Danke! Das war ja mal ein richtiges Plädoyer..! Blöderweise sind uns die Praktikanten nicht fest zugeordnet. Das hatte ich früher immer und da fand ich das viel besser. Heute steht an jedem Tag, ja, oft in jeder Stunde ein anderer vor der Tür, meist ohne Anmeldung. Ich nehme sie alle mit, aber das Prozesshafte am Unterrichten bekommen sie so nicht mit. Mal sehen, vielleicht kann ich den Coolen beschlagnahmen…..für ein bisschen Unterricht. Keine Angst, ich bin nett zu ihm!

  5. umblaettern schreibt:

    Wir durften Satzpläne malen und dann schöne bunte Interaktionspfeile malen. So als Beschäftigungstherapie. Die haben wir dann 5 Minuten untereinander präsentiert und gut wars.
    Fand Hospitieren ja persönlich meist echt öde. Da hätte ich mir manchmal gewünscht, ich dürfte mich melden, so richtig schülermäßig ^^

    • frlkrise schreibt:

      Und waren die Schüler auch so „zugewandt“?

      • umblaettern schreibt:

        Kam auf die Schule an, erstaunlicherweise haben die oft die Einstellung der Lehrer angenommen. War zum Beispiel an einem Gymnasium, da war man als Praktikant DER Störfaktor. Da wurde man vor der Stunde erstmal vor gesammelter Schülerschaft angemault, dass man einen ja gar nicht brauchen könne. Dementsprechend wurde man dann aber auch ignoriert (oder angepöbelt). An einer anderen Schule kannte ich viele der Schüler schon durch meine jüngere Cousine (am Dorf kennt ja jeder jeden irgendwie), da kann ich mir gar kein neutrales Urteil erlauben. An einer anderen Schule durfte ich recht viel unterrichten, hatte zwei Klassen,wo ich mehrere Stunden hintereinander übernommen habe, die bin ich dann auch in den Pausen nicht mehr losgeworden. (;

    • Hektor der Drache schreibt:

      Oh ja, den Impuls zur Mitarbeit musste ich auch manchmal unterdrücken 😉 Vor allem als ich nach meinem zweiten Studiensemester in einem hammerharten Leistungskurs gekommen bin. Das war eher ein Hochleistungskurs und ich hatte immer panisch Angst etwas gefragt zu werden. Das machte die Lehrerin nämlich in einer anderen Klasse immer gerne mit mir: „Ach Schüler XY, die Frage beantwortet dir sicher gerne unsere Praktikantin.“ Im LK hätte ich dazu nichts zu sagen gehabt und hab echt viel gelernt 😉

      • Jary schreibt:

        Einen Teil meines Schulpraktikums habe ich an meiner ehemaligen Schule gemacht, weil mir da das Schulklima doch noch immer am besten gefiel. Die Lehrer dort haben mich auch nicht als Störfaktor behandelt.
        Die meisten, denen ich zugeteilt war, waren „neu“, d.h. sie kannten mich nicht als Schülerin. Einen älteren Lehrer hatte ich allerdings schon in der Kollegstufe gehabt – einen allseits respektierten, wunderbaren Menschen, der, obwohl er schon kurz vor der Rente stand, sich immer noch unglaublich viel Mühe gegeben hat, damit seine Unterrichtsstunden interessant und ansprechend waren, aber auch auf angemessen hohem Niveau stattfanden. (Kurzum: Ein Vorbild – und nicht nur meines.) Bei ihm musste ich auch ein- oder zweimal etwas für die Schüler erklären, z.B. als sie nicht wussten, was „Föderalismus“ bedeutet. Und zwei Stunden habe ich in dieser Klasse auch gehalten. Hat alles richtig Spaß gemacht. 🙂

  6. die Schmith schreibt:

    Ui, das klingt doch mal spannend.
    Wobei ich als reiner Zugucker echt Angst hätte irgendwann versehentlich einzuschlafen. *hüstelt und redet sich raus* Aber nur, weil ich da nicht mitmachen dürfte. Jawoll.

    Wenn du Glück hast, arbeiten deine Schüler vielleicht grad jetzt bissl besser mit, um den Coolen zu beeindrucken. Das wäre zwar auch wieder nur ein winziges Tröpfchen auf dein heißen Gesteinsbrocken, aber immerhin. 😉

    Übrigens hätte ich jetzt glatt am liebsten Fotos der aufgestylten Mädels dazu. *kichert leise*

  7. Neulehrerin schreibt:

    Ich hab auch gerade einen Praktikanten, der hin und wieder mal in meiner 5. und meiner 9. Klasse auftaucht. Den musste ich fast zwingen mal eine Stunde zu unterrichten. Von mir vor die Wahl gestellt in welcher Klasse er unterrichten möchte sagte er: „Hm, dann lieber die Kleinen. Vor der Mittelstufe habe ich Angst!“ Da wusste ich nicht mehr, was ich dazu noch sagen soll. Der Herr Student will im nächsten Jahr ins Referendariat, und ich arbeite an einem netten Vorstadtgymnasium.

    • umblaettern schreibt:

      Es gibt Mitstudenten (Ich bin momentan mitten im Examen, btw. Mein Ref beginnt im September.), die haben in ihrer ganzen Studienzeit vielleicht zwei Stunden gehalten, und zwar im Studienbegleitenden, wo sie nicht mehr schummeln konnten, weil ein Dozent mit im Unterricht sitzt. Irgendein Lehrer findet sich immer, der einem den Wisch unterschreibt, den man aufs Prüfungsamt tragen muss. Und ich bezweifle mal, dass die in ihrem Privatleben mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Ich kenne das eher andersrum, dass ich um Stunden betteln musste, die ich halten durfte, und ich war viel zu lange an der falschen Schule. Erst in meinem letzten, nicht universitär organisierten Praktikum durfte ich ganze Stundenreihen übernehmen.
      An mancher Leute Motivation zweifle ich schon ein bisschen.

      • frlkrise schreibt:

        Die werden sich im Ref. noch die Augen reiben….

      • Smilla schreibt:

        Sie zweifeln zurecht!
        Da haben wir Praktikanten, die machen echt kein Hehl aus ihren Motiven: „Naja, und ich wollte immer schon Kinder und hab mir halt gedacht, als Lehrer hast du mehr Zeit und bist am Nachmittag zuhause und deshalb studier ich jetzt Lehramt.“ „Naja, man ist ja doch verbeamtet und das gibt einem ein Stück Sicherheit, und dann hab ich mir gedacht, warum nicht?“
        WTF??????

      • die Schmith schreibt:

        Verbeamtet werden? Die Länder schaffen das doch so langsam ab. Das sind ja naive Vorstellungen. Und immer nachmittags zu Hause? Autsch. Elternabende sind jedenfalls zu, wie ich finde, unmöglichen Zeiten. Da würde man lieber auf der Couch kuscheln. Und was man sich nicht alles, gerade am Anfang, erst mal an Vorbereitungskram erarbeiten muss für die verschiedenen Unterrichtsstunden. Nee, ich hab jedenfalls nicht so ne Vorstellung davon. Ich will keine Lehrerin sein. Viel zu viel Stress.

      • frlkrise schreibt:

        Also, ich habe an einem Tag bis halb zwei, zweimal bis drei und zweimal bis vier. Da geht man aber nicht sofort, sondern hat noch einiges zu erledigen.
        Und außerdem gibts auch noch Konferenzen …..vor vier/halb fünf verlasse ich die Schule selten..

    • Smilla schreibt:

      Echt, Praktikanten…es gibt ja schon Goldstücke, aber heute hatte ich schon unterschiedliche Praktikanten, von denen …

      …einer die ganze Stunde hingebungsvoll kleine Drachen auf seinen Block malte
      …einer, der sich von einem Schüler die Zeitung auslieh und dann anfing, die zu lesen
      …einer, der seine SEMMEL AUSPACKTE!!!!!!

      Spinnt ihr, Leute?

      • frlkrise schreibt:

        Ja! Bei mir wollte sich eine in Kunst die Fingernägel lackieren…..

      • die Schmith schreibt:

        *lacht* Sowas hab ich noch nie erlebt. Ist ja der Hammer. Essen im Unterricht. Ich meine, das andere könnte man ja noch irgendwie mit Unterricht in Verbindung bringen. Lesen für Deutsch, Nägel lackieren hat ja auch irgendwie was mit Kunst zu tun und Drachen kritzeln… naja, das ist doch jetzt bestümmt ein tolles Kunstwerk geworden.
        Aber die Semmel. Nee, ich hau mich weg. 😀

  8. FlorenceN schreibt:

    Cooler Beitrag. Aber ich würd‘ den möglichst schnell wieder loswerden, sonst gibt’s noch Zickenkrieg in der Klasse wegen dem Typen *g* Und jedes mal so ein Hühnergegacker..smile

  9. Pingback: frl. krise interveniert … an der pädagogischen borderline « Prof. Dr. Hans-Peter Ecker

  10. Ersin Kaluk schreibt:

    Ich kann mich noch an unsere erste Praktikantin in meine Schulzeit erinnern.
    Sie ist jetzt eine „Promiskutiv Freizügig lebende Dame“ 😄 in oderhausen , versteht sich….
    Ich wolle mal mit ihr Reden, das allerdinds hat mich 50.-€ gekostet…Walla…

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