Hassan auf dem falschen Dampfer

„Wenn es um richtige Probleme geht, muss Mann entscheiden!“ sagt Hassan und zieht  sofort den geballten Widerspruch aller Mädchen und der Deutschlehrein auf sich. Die Deutschlehrerin bin ich.
Wir haben gerade ein Lesestück gelesen, in dem sich der Vater  – aus der eher türkischen Sicht meiner Schüler-  aus der Verantwortung für die Tochter schlich. Er war nämlich nicht dagegen,  dass sie mit 16 einen festen Freund hatte! ( Was für den Inhalt des  Textes übrigens  unbedeutend war, es ging um ein ganz anderes Thema.)

„Was nennst du denn ein richtiges Problem?“ frage ich .
Hassan überlegt eine Weile und  sagt dann: „Na ja, äh…hm…ja, also… z.B, ob man ein Kind kriegen soll, wenn Frau nicht will.“
Huh – wären meine Mädels jetzt bewaffnet, hätten wir  auch ein Problem , nämlich die unauffällige Entsorgung einer Leiche….

„Was denkt er, wer er ist, voll der behinderte Spast!“
„Denkst du, Frau lässt sich alles gefallen! Niemals!“
„Schon mal was von Pille gehört?“
„Sind wir Knecht oder was!“
„Vallah, voll übertrieben der Junge, ich schwörs!“
„Tschüüüsch! Nimmt man heimlich Pille! “
Die Mädchen gehen das Problem  pragmatisch an. Heimlich Pille nehmen und fertig.

Hassan weiß sofort, was er DA tun würde: „Dann schließ ich Frau ein, dass sie nicht mehr rauskommt!“

Jetzt geht’s aber richtig los. Die Mädchen sind zum Teil aufgesprungen, sogar Nesrin hat ihren Schminkspiegel fallen lassen und fuchtelt mit der Bürste in der Luft herum. Ich höre  die Begriffe Gesetz und Polizei!
Hassan zieht den Kopf ein und ich versuche mit Macht etwas Struktur in die Schreierei zu bringen.
Dann frage ich Hassan: „Hassan, möchtest du später mal eine eine Ehefrau oder ein Gefangene haben?“
Hassan schluckt und wird ein bisschen rot. „Nein, “ sagt er, „so habe ich das nicht gemeint. Aber meine Mutter fragt meinen Vater auch immer , bevor sie rausgeht.“

Sofort fangen alle gleichzeitig an zu erzählen, wie das zu Hause ist, wer das Sagen hat, wer wen was fragt muss und wer nicht.
Viel verstehen kann ich nicht, aber es hört sich eigentlich ziemlich ausgewogen an.

Menno, die sollten doch jetzt eine Inhaltsangabe machen! denke ich und wie sollen die jemals irgendeine Prüfung schaffen, wenn wir das alles nicht richtig üben!
Aber die Inhaltsangabe muss warten.

Ömür, der mit seiner Mutter alleine wohnt, berichtet, dass er immer die Bankgeschäfte erledigt. „Meine Mutter spricht zu schlecht Deutsch, aber sie macht jetzt Deutschkurs“, sagt er.
Emre findet es richtig, wenn der Mann das Sagen hat. Naja, seine Freundin, mit der er ganz heimlich so gut wie verlobt ist, ist zwei Jahre älter als er und bereits mitten in der Ausbildung. Die wird sich wohl hoffentlich  auch nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, denke ich. Emre fragt mich, ob ich das ok. fände, wenn sie so mit 25 das erste Kind bekäme. Ich bin  gerührt. Wie die schon ihre Zukunft planen… irgendwie süß, Emre ist gerade mal 17. Ich finde das mit den 25 Jahren sehr ok.
Necla sagt, sie würde immer erst ihre Mutter fragen, wenn sie was wollte.
„Die schickt mich dann zu meinem Vater und der sagt dann, frag ane und die sagt nee, frag baba und dann mach ich irgendwann meistens, was ich will.“ Das kann ich mir genau vorstellen….

Die Mädchen schießen immer noch böse Blicke auf Hassan.
Es klingelt zur großen Pause.
Wieder nichts Richtiges gemacht, denke ich und packe meinen Kram zusammen. Morgen kommt aber die Inhaltsangabe dran! Egal, was passiert.

Hassan, Necla und Azize gehen mit mir zusammen aus der Klasse.
„Frl. Krise…..“, sagt Hassan ein bisschen verlegen, „ ich bin wirklich nicht so, ich würde meine Frau nicht einschließen.“
„Das wäre auch gar nicht erlaubt,“ sage ich, „und denk mal, Hassan, wie das für ein Kind wäre, das von seiner ane nicht gewollt ist. Deine Mutter wollte dich doch, oder?!“

„Natürlich!“ Hassan wird gleich fünf Zentimeter größer. „Und wie die mich wollte! Ich war doch erste Junge nach allen Schwestern, da….“

Azize holt schon tief Luft…..

Himmel! Bloß das jetzt nicht!
Ab durch die Mitte….!

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24 Antworten zu Hassan auf dem falschen Dampfer

  1. Mrs. Porcelain schreibt:

    Schöner Artikel, musste richtig lachen als selbst Nesrin ihren Schminkspiegel fallen ließ! Erst mit Rosen- und dann mit Bürstengewalt auf die Jungs… aber wie ist das in den Familien wirklich? ich sitze hier am Schreibtisch und wenn ich aus dem Fenster gucke, kann ich sehr schön in die gegenüberliegende Wohnung hineinsehen und dort sehe ich gerade einen ca. 10-jährigen Bruder mit kleinerer Schwester abwechselnd rumtoben, telefonieren und am PC sitzen und die Ane hängt die Wäsche auf… mit Kopftuch (in der Wohnung auch, hä?) – na ja scheint jedenfalls heute schon den ganzen Tag alles harmonisch zu sein und der Vater war bisher nicht zu sehen… diese Beobachtungen sagen natürlich gar nichts aus, aber nach dem Bloglesen macht man sich doch immer so seine Gedanken dazu – vielleicht gehen die friedlichen Kleinen auch in Ihre Schule?!

    • frlkrise schreibt:

      Die sind zu klein! Unsere Jüngsten sind 13! Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich so einen ollen Mann, der Tag und Nacht am Comp sitzt.

    • Herr Anton schreibt:

      Tja, Mrs. Porcelain, wenn Ane zwar in ihrer Wohnung, aber doch so gut wie in der Öffentlichkeit ist (ständige Beobachtung von gegenüber), dann wundert es mich nicht, dass sie auch in der Wohnung Kopftuch trägt.
      Grüße
      Herr Anton

  2. Zeitlos schreibt:

    Liebe Frl. Krise,
    vielen Dank für Ihre lustigen, herzerwärmenden und nachdenklichen Geschichten! Habe mich heute quer durchs Archiv gelesen und konnte mit dem Mann gerade nur noch im Vollah-Alta-holßu-Tella-oda-was-Ton reden 🙂 (Passenderweise sah der Speiseplan heute gegrilltes Fladenbrot vor…)
    Beste Grüße,
    Frau Zeitlos

  3. Julian schreibt:

    Ich bin wieder einmal begeistert von diesem Blog.

    Erinnert mich einerseits an meine eigene Schulzeit, andererseits ist es für den Leser wohl die tägliche Portion Aufmunterung die einen durchs Leben trägt.

    Weiter so!

    Vielen Dank

    Julian Knödler

  4. Steph schreibt:

    Liebes Frl. Krise,

    ich würd ja heute gerne das Kind einschliessen 😉 Obwohl ich heute doch a bissel stolz war, dass er zumindestens die Gesetze der Physik in der Schule mitbekommen hat, so war sein dezenter Hinweis an mich heute, gleich viel netter.

    Viel Glück bei der Inhaltsangabe:-)

    Liebe Grüße
    Steph

  5. sweetkoffie schreibt:

    … und da diskutieren wir über Frauenquote in Führungpositionen…

    Frl. Krise, ich würde zu gerne mal bei Ihnen hospitieren 🙂

  6. Huhnic schreibt:

    An dieser Stelle wird es Zeit, mich dafür zu bedanken, dass ich durch ihren Blog die Vokabel „Tschüüüsch“ kennen lernte.
    Vermutlich hätte ich sonst, nachdem der erste Schüler an meiner neuen Schule diesen Laut geäußert hätte, bloß gedacht, dass irgendwer die Luft abgelassen hat.
    So war ich zumindest voll vorbereitet, als das ge“tschüüüüüsche“ losging. Wissen die eigentlich, wie blöd sich das anhört???

  7. michael schreibt:

    > Himmel! Bloß das jetzt nicht!

    Schön . Immerhin haben die Weiber gelernt, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müßen. Jetzt müßen Sie ihnen nur noch beibringen, dass für gleichberechtigtes Familienleben Schminken und Schönsein allein nicht reichen.

  8. Zaphod schreibt:

    Und ich dachte immer das ist Tschüß mit Schprachfehler. Danke für die Aufklärung.

  9. verwackelts schreibt:

    Ich finde die Reaktion der Mädchen in der Sache positiv. Offensichtlich sind sie weiter in Punkto Selbständigkeit und Rollenverständnis als Hassan. Aber auch bei dem scheint ein Nachdenkprozess einzusetzen… der wohl leider immer wieder durch Stereotype unterbrochen wird. In der Summe ist diese Geschichte doch ein positiver Fingerzeig in Richtung Zukunft :).

  10. die Schmith schreibt:

    Oh, Ömürs Ane geht Deutschkurs. Toll. Kann sie dann hier lesen und weiß sie dann immer was Sohn so in Schulle hat gemacht. 😉
    Nee, der hat echt ne ältere Freundin? Wie drollig.

  11. Sascha Grosser schreibt:

    …einfach nur gut!

  12. RobivanKenobi schreibt:

    Wie kommt es nur zustande, dass diese Mädchen sich anscheinend keinen männlichen Führungsanspruch mehr gefallen lassen, aber gleichzeitig weiterhin wie die Lemminge dem Jungfräulichkeitsdogma folgen? *kopfschüttel*

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