Seliger Dilettantismus…..

Eine Moschee, die Türme des World Trade Center, eine Gebetsnische (mihrab) einige kleine Häuser und etliche andere undefinierbare Gebilde aus gebranntem Ton stehen in einem Regal im Materialraum des Kunstsaals. Die meisten sind ziemlich hingeschustert, aber es sind keine kleinen Arbeiten. Die Zwillingstürme z. B. sind etwa 30 cm hoch und von  erstaunlicher Genauigkeit in ihren Proportionen.
Ich erkundige mich bei  Kunstkollegen, in wessen Unterricht die Arbeiten angefertigt wurden, aber keiner weiß das.

Das war vor einigen Wochen.

Vorgestern fragt mich nun Pinar,  eine Zehnklässlerin, ob sie endlich mal ihre Tonsachen aus dem letzten Halbjahr bekommen könne, eine Moschee und ein Brunnen. Die Sachen habe sie bei Herrn Selig angefertigt. . . Der war Vertretungslehrer,  hat im letzten Schulhalbjahr ein paar Stunden bei uns unterrichtet und ist seit Anfang Februar wieder weg.
Dieser Kollege ist mir hauptsächlich dadurch aufgefallen, dass er immer schreckliche Unordnung im Kunstraum hinterließ. In seinem Unterricht verschwanden die Hälfte unserer Scheren und etliches andere, sämtlich Holzlineale wurden mit flüsigem Uhu übergossen und die dicken Tonklumpen, mit denen die Schüler sich lustig bewarfen, hat der Hausmeister erst in den Winterferien von den Wänden gekratzt…Wir anderen Kunstlehrer versuchten ihn zwar zu unterstützen, aber er tat immer so, als wüsste er gar nicht,  wovon wir sprechen…
Mir fällt plötzlich auch ein, dass er an seinem letzten Tag  zu mir sagte, es wären da noch ein paar Schülerarbeiten oben, die ich vielleicht mal bei Gelegenheit den Schülern geben könnte…
Ich schleppe also heute in der Mittagspause die Schülerin, die noch ein paar andere Schüler aus dem Kurs aufgetrieben hat, in den Materialraum und weise auf das Regal.
„Aboooo, das sind unsere Sachen!“
Alle reißen erfreut ihre Arbeiten an sich, dabei zeigt sich jedoch, dass die meisten Stücke den Schrühbrand nicht heil überlebt haben. Die Türme der Moschee fallen ab. Die Dächer der Häuser lösen sich, der Brunnen ist gerissen und auch die anderen Teile haben schwere Defekte. Manches könnte man eventuell kleben…

„Wieso ist alles kaputt?“ Pinar ist entäuscht.
Ich erkläre, dass es daran liegt, dass sie die Verbindungen zwischen den verschieden Objektteilen nicht sachgemäß ausgeführt hätten.
„Vallah, er hat uns nicht gezeigt!“ murrt Özlem. „Er hat nur gesagt, macht, wie ihr wollt.“
„Ihr hattet kein Thema?“ frage ich.
„Nein, wir konnten machen, was wir wollten,“ sagt Özlem, „da haben wir alle ‚unser Dorf’ gemacht.“
Auf ‚unser Dorf’’ reagiere ich allergisch.
‚Unser Dorf’’ist jener Ort in der Türkei, der hin und wieder in den Sommerferien angesteuert wird. Dort leben Verwandte und dort ist es voll schön, viel viel schöner als in unserer großen Stadt.
Meine Schüler behaupten immer, ihre  richtige Heimat sei angeblich ‚unser Dorf’.  Niemand ist da geboren, wohl gemerkt. Sogar ihre Eltern nicht!

Das macht mich ehrlich gesagt richtig  sauer. Denn ich  weiß genau, sie würden niemals in ‚unser Dorf’ leben können, nachdem sie hier in Deutschland mit so vielen Freiheiten aufgewachsen sind.
Weshalb verleugnen sie, dass sie hier und nirgendwo anders ihre Wurzeln haben?
Außerdem haben sie ALLE Angst vor Insekten und Schmutz, binden sich am Zooeingang ein Tuch vor die Nase – es KÖNNTE ja nach Tier riechen, setzen sich nicht auf eine Wiese „meine Hose wird dreckisch“ und gehen ungern mehr als 100 Schritte freiwillig zu Fuß.  Gegenden ohne Lidl, Mc Doof und H&M machen sie nervös.
Verwandte und Nachbarn, die jeden Schritt beäugen, kommentieren und werten erst recht.
Also, was soll das Gerede?

Ich schlucke, sage aber nichts. Mein Nervenkostüm ist eh heute angeschlagen. Meine Klasse hat mir den rRest gegeben – ich will lieber nicht davon anfangen.

Ich weise auf die Zwillingstürme. „Aber das ist ja wohl nicht ‚mein Dorf’,“ sage ich.
„Die hat Abdullah gemacht,“ sagt Pinar.
“Was hat er sich denn dabei gedacht?“ frage ich. Alle gucken zu Boden, aus dem Fenster oder sonst wohin. Null Interesse.
„Keine Ahnung,“ sagt schließlich Pinar.
„Wohl im Gedenken an die vielen Toten,“ murmele ich.
„Niemals! Der freut sich doch immer, dass Trade Center zerstört ist,“ sagt jetzt Omar.

Die Schüler nehmen schließlich kaum etwas von den Sachen mit. Zu kaputt, zu sperrig, zu plump.  Sie zerdeppern  die Teile voller Vergnügen und tragen die Reste sogar freiwillig zum Müllcontainer. Schade um die viele Arbeit, die Energiekosten  und das Material.

Die Zwillingstürme solle Abdullah sich unbedingt abholen, schärfe ich Omar ein.

Als die Schüler weg sind, zerschlage ich die Türme und entsorge die Scherben. Ich werde Abdullah sagen, sie seien kaputtgegangen. Ist ja mit den richtigen auch passiert.
Und dann werde ich mich mit ihm unterhalten müssen….

Danke, Herr Selig, dieses Gespräch wäre ja wohl Ihre Aufgabe gewesen!

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13 Antworten zu Seliger Dilettantismus…..

  1. Shannon schreibt:

    Wenigstens wussten Sie, dass es den Kollegen mal gab. Bei unserem Ältestenrat wäre wahrscheinlich erst mal das Rätselraten ausgebrochen, wann denn hier noch jemand anderes als sie gewesen ist. 🙂

  2. Ulla 39 schreibt:

    Muß wieder einmal meinen Senf dazu geben.
    Sie haben geschrieben: „Weshalb verleugnen sie, dass sie hier und nirgendwo anders ihre Wurzeln haben?“ Weil: Einmal Türke/ Türkin, immer Türke/Türkin, es wird so weitergegeben an die Kinder, Enkel, Urenkel … Es wird ihnen so eingebleut. Vergleichsweise selten ist, was mir ein niederländischer Wurzeltürke neulich schrieb, daß er Gott danke, in den Niederlanden geboren und Niederländer zu sein.

    • frlkrise schreibt:

      Das weiß ich ja, aber ich kapiers immer noch nicht…Schließlich verlangt niemand, dass sie ihre türk. Wurzeln verleugnen sollen, aber sooooo werden sie nie richtig ankommen und das Elend setzt sich fort….

      • Ulla 39 schreibt:

        Das „Problem“ beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Ich habe es nicht mit der angeheirateten Verwandtschaft, die ist für jenen Landstrich durchweg untypisch weltoffen und mehrsprachig, aber mit den vielen, sehr vielen anderen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, mit denen ich „umständehalber“ privat und nicht-privat zu tun hatte und noch habe. Von deutschen Freundinnen abgesehen, habe ich seit 50 Jahren eine pakistanische Freundin, seit 10 Jahren eine aus Oman, aber ich habe längst keine Hoffnung mehr, eine türkische Freundin oder auch nur gute Bekannte zu finden. Zu viele von ihnen haben schlicht Angst vor etwas Neuem, neuen Erfahrungen, neuen Menschen, einer neuen Sprache. Zu viele drehen sich im Kreis, sie verlassen ihn nicht.
        Daß sie nahe beieinander wohnen, hat das begünstigt, war nach meiner Beobachtung aber nicht der eigentliche Grund, sondern der in ihrer Situation bezahlbare Wohnraum. (Die Eigentumswohnung in der Türkei und die großen Geschenke, die beim „Heimaturlaub“ von den dort Gebliebenen regelrecht eingefordert wurden, machten Sparen notwendig.)
        Es hilft nichts, daß wir uns weiterhin den Kopf über das Warum zerbrechen. Wir können, glaube ich, nur Angebote machen, für diejenigen, die offen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber sind. Über die freuen wir uns dann besonders.

      • frlkrise schreibt:

        Und ich freue mich, dass Sie hier mitlesen und kommentieren…!

  3. blogwesen schreibt:

    Segregation ist schon ein seltsames Phänomen und hat sicherlich viele Ursachen…Im Prinzip sind diese Schüler weder in ihrem ‚Heimatland‘ zuhause noch in Deutschland und das macht sie quasi doppelt fremd…
    Die Türkei wird eben als das ‚Andere‘ zu einem utopischen Idealort hochstilisiert, weil man sich hier ‚minderwertig‘ vorkommt, aber dahinter steckt nicht viel. Es ist eben nur die Hoffnung irgendwo doch dazu zu gehören bzw. ‚Elite‘ zu sein. Die deutsche Gesellschaft ist auch sehr ausgrenzend, wenn es um muslimische Jugendliche geht und da man sowiesio unter sich bleibt, macht man auch nie die Erfahrung über das eigene Umfeld hinaus…Im Prinzip haben die ihre eigene Subkultur. Und beide Seiten gehen nicht aufeinander zu…Das liegt auch an der Mehrheitsgesellschaft, die diese Ausgrenzung zu lässt…
    Aber:
    Das Elend setzt sich auch in den meisten deutschen (dauerhaft in Hartz IV Bezug stehenden) Familien über Generationen fort…
    Die Gesellschaft ist eben doch nicht so durchlässig, wenn es um Bildungsaufstiege geht..

    • Saint schreibt:

      Hallo Blogwesen,

      ich fürchte Sie verfolgen noch nicht allzulange diesen Blog.
      Ansonsten wüßten Sie, daß sich die Schüler von Frl. Krise mit allen möglichen Atributen schmücken, aber ‘ich fühl mich minderwertig’ kommt da garantiert nicht vor.

      Die sind eher Hollywood.

      • TickleMeNot schreibt:

        Es ist doch aber ein Unterschied zwischen „Was ich sage und was ich tue oder fühle.“

      • Saint schreibt:

        @TickleMeNot
        Wenn ich mir über meine Gefühle und Wünsche im Klaren und auch in der Lage bin diese auf eine Art zu artikulieren, so daß mich mein Gegenüber versteht, dann ist da kein Unterschied mehr zwischen Gesagtem und Getanem.

  4. Ulla 39 schreibt:

    Danke, liebes frl.krise, und ein erholsames Wochenende!

  5. RobivanKenobi schreibt:

    Jep, ein Gespräch mit Abdullah ist da natürlich fällig. Ob es aber so klug war, die Türme zu zerstören? Zum einen hätte ich mir doch lieber erst mal aus erster Hand angehört, was er sich dabei gedacht hat (und falls er 9/11 tatsächlich mit Genugtuung sieht, wird ihn das wohl kaum umstimmen). Zum anderen gibt es doch ein ganze Reihe von Zeugen dafür, dass die Türme im Gegensatz zu den anderen Werken NICHT kaputtgegangen sind…

  6. Ulla 39 schreibt:

    Auch wenn ein Gespräch über die Türme Abdullah höchstwahrscheinlich nicht umstimmen wird, so muß er doch mit einer gegenteiligen Meinung konfrontiert werden. Vergehen und Verbrechen können wir ja auch kaum verhindern und doch bekunden wir in den entsprechenden Gesetzen unseren Willen, daß sie strafbar sind.
    Liebes frl.krise, bleiben Sie weiterhin so klug wie bis jetzt!

  7. Eike schreibt:

    Das Heimatdorf ist ein Sehnsuchtsort in der türkischen populären Kultur. Nicht nur in Deutschland, auch in türkischen Großstädten behaupten viele Leute sie stammten aus irgendwelchen ostanatolischen Dörfern, auch wenn sie in der Großstadt geboren sind.

    Das wird normalerweise damit erklärt, dass ein Großteil der türkischen Bevölkerung aus Binnenmigranten und Bürgerkriegs-Flüchtlingen besteht. Hinzu kommt noch das schlechte Sozialsystem der Türkei, weswegen die Menschen Solidarität nur in der Familie und in dörflichen Gemeinschaften erwarten können.

    Wenn deutsch-türkische Jugendliche eine idealisierte Vorstellung von „ihrem Dorf“ haben, bedeutet das nicht dass diese Jugendlichen Deutschland ablehnen. Nein das ist türkische Kultur, die jetzt eben auch in Deutschland gelebt wird.

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