Dr. Frust

„Dr. Becker ist die ganze Woche nicht da, aber wir haben eine Vertretung!“ sagt die unfreundliche Medizinische Fachangestellte meines Orthopäden am Telefon (einmal habe ich aus Versehen „Arzthelferin“ in ihrer Gegenwart gesagt…das kam gar nicht gut!).
Hm…eine Vertretung…aus gutem Grund halte ich von Vertretungen nicht allzu viel, schließlich bin oft selbst eine….
Aber ich gehe dann doch hin. Meine rechte SchulterArmNackenPartie tut höllisch weh, ich kann beim Autofahren kaum noch den Kopf drehen und das blöde Sitzen im Zug gestern hat mir den Rest gegeben.
Vielleicht eine Spritze, denke ich , oder eine geistliche Handauflegung, Hauptsache, das geht weg.

Das Wartezimmer ist nur halb voll mit überwiegend türkischstämmige Patienten, wir sind ja auch mitten im Kiez.
Die Praxis ist ein bisschen abgeranzt und die Stühle sind so unbequem, dass ich seit langem argwöhne, Dr. Becker züchtet sich hier beständig nachwachsendes Patientengut. Zum Glück muss ich nicht lange warten.

Dr. Strauß, der Vertreter, ist ein ganz sympathisch wirkender, leicht hektischer Mitvierziger ohne Haare, aber mit festem Händedruck.
Er setzt sich so auf seinen Stuhl, dass dieser gleich in Schräglage gerät. Er kippelt! Das hasse ich! NICHT kippeln!!! sage ich immer zu meinen Schülern.

Dr. Strauß fragt mich nun erst mal dies das und auch, ob ich regelmäßig Tabletten einnehme.
„Nein,“ sage ich abgelenkt, weil sein Stuhl gerade bedrohlich nach hinten gleitet. Er tippt auf seiner Tastatur herum und kippelt weiter.
„Ach Quatsch, natürlich, ja doch! Ich muss ja Augentropfen nehmen,“ fällt mir dann siedend heiß ein.
Dr. Strauß guckt mich wild an: „ Sie nehmen also  ein Medikament! Sagen Sie das doch gleich! Augentropfen sind auch  Medikamente!  Was glauben Sie, was ich hier den ganzen Tag zu hören bekomme! ‚Nein, ich nehme nichts’, sagen die Leute. Und wenn ich dann nachfrage, heißt es: ‚Ach so, ja doch!  Die!!!  Morgens so zwei kleine weiße und abends die dicke Rote’. Grauenhaft! Das müssten Sie mal einen Tag lang hier erleben!“
Er schüttelt verzweifelt den Kopf. „Das können Sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen!“
„Doch, doch, “ murmele ich und fange an, mir Sorgen um Herrn Strauß zu machen. Wer weiß, wo der sonst arbeitet…vielleicht ist er hier überfordert…
Dr. Strauß seufzt tief. „Was haben Sie denn nun für Beschwerden?“ fragt er und wirft mir einen strengen Blick zu.
Ich weise etwas diffus auf meinen Oberarm und wedele mit der Hand über die Rückseite meines Halses.
„Ich habe Schmerzen, also hier an der Schulter und hier so,“ sage ich, „ und da, da ist alles ganz steif!“
„ Hier, hier, da, da “ äfft er mich nach, „wo denn nun genau? Schulter? Arm? Nacken?“
Ich gucke ihn entgeistert an. Hat der Mann schwache Nerven…oder was ist mit dem los?

„Mein Gott,“ sagt er ziemlich laut „ den ganzen Tag höre ich nur HIER und DA!
Und von der Hüfte abwärts ist alles Fuß! …Fuß!!… FUß!!!!!! Hüfte, Knie, Bein – alles Fuß! Können Sie sich das vorstellen? ALLES  FUß!“

Ich muss lachen, sehr komisch dieser Arzt, alles Fuß, ist ja herrlich….

„Lachen Sie nicht,“ sagt er und muss jetzt auch lachen „ Das ist die Hölle hier! Davon machen Sie sich keinen Begriff! “

Dr. Strauß…ich habe ihn in meinen Unterricht eingeladen, er soll in Bio kommen, wir nehmen doch gerade die Infektionskrankheiten durch!

Da freut er sich, wenn er anschließend zu seinen „Füßen“ zurück darf….

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16 Antworten zu Dr. Frust

  1. Mrs. Porcelain schreibt:

    Hehehe Dr. Frust – den kenne ich!

  2. Maren Thunert schreibt:

    Dr. Frust gibts aber auch als KLON …da bin ich sicher. In jeder Praxis einen….

  3. Dr.Bob schreibt:

    Frl. Krise, nix gegen meinen Kollegen Frust! Der arbeitet sonst in meiner piekfeinen Praxis im Dschungelcamp, da ist der andere Patienten gewöhnt.

  4. Marc schreibt:

    Sind dort Orthopäden genauso rar wie hier? Dann glauben die, die könnten sich so einen Ton erlauben. Oder war das ein Medizinprof. auf Urlaub? Die glauben ja auch, dass sie alles dürfen.

  5. Helmut schreibt:

    Bei den Österreichern beginnen die Füße am oberen Ende des Oberschenkels.

  6. die Schmith schreibt:

    Ich muss mal wieder kichern. Nein, wie göttlich. Da fragt man sich doch glatt wer schlimmer ist, die Schüler oder der Arzt. 😀

  7. Chris schreibt:

    Nachdem ich jetzt den/die/das Blog komplett durchgelesen habe, muss ich mich auch mal zu einem Kommentar hinreissen lassen. 😉
    Vielen Dank für das Bloggen, es hat mir einige Lacher, Schmunzler und vor allem auch eine etwas differenziertere Sichtweise entlockt.
    Nun würde mich aber auch interssieren, ob der Doc was gefunden hat, und ob die Schmerzen wieder nachlassen – Gute Besserung!
    -so jetzt gehe ich wieder in die Schmollecke und warte gespannt auf neue Einträge. (kann man eigentlich Blogentzug behandeln?)
    Grüsse aus Nordhessen,
    Chris

    • frlkrise schreibt:

      Danke der Nachfrage! Dr. Frust konnte leider keine Wunderheilung an mir vollbringen, aber es ist von alleine besser geworden….Kann schon wieder strafend mit dem Kopf wackeln…!

  8. blogwesen schreibt:

    Ihn einfach das nächste Mal beeindrucken und sagen, dass man einen arthrotischen Verschleiß des Acromioclaviculargelenks bei sich vermute und aufgrund dessen von einem Impingement-Syndrom an der Schulter ausgehe…Dann wird man wohl in die Ecke des Hypochonders gestellt, aber wenigstens ist es eine genauere Definition als Schulter oder Füsse…
    Wobei ich diesen Herrn für eine echte Bereicherung des Biologieunterricht halten würde…Er könnte so seinem ‚Klientel‘ versuchen ein bißchen mehr Vokabular beizubringen…Das Skelettsystem würde ja schon reichen…Bakterien überfordern auch die meisten Knochen-Docs…

    Hoffe, der Selbstheilungsprozess schreitet voran…???? Ansonsten hilft als placebo auch sehr gut quaddeln beim Hausarzt…

  9. Besserwisser schreibt:

    Frl. Krise, so oft, wie Sie Vertretungen haben, sind Sie bestimmt Stammkunde beim Orthopäden.

  10. Svenja Neumann schreibt:

    Das mit den Füßen ist auch bei meinem Orthopäden so. Als ich letzte Woche Donnerstag Nachmittag längere Zeit im Wartezimmer saß (wegen Nackenschmerzen) bekam ich mit, was es da mit den Füßen auf sich hat. Offenbar bekommt fast jeder Einlagen verschrieben. Die Sprechstundenhilfe sgate mir, dass immer Donnerstag nachmittags ein Orthopädieschuhtechniker anwesend ist, der Fußabdrücke macht und Einlagen an diejenigen ausgibt, die eine Woche vorher zum Abdruck bei ihm waren. Besonders beliebt scheint das bei Kindern und Jugendlichen zu sein. Von denen saßen weit mehr als ein Dutzend im Wartezimmer und wurden dann jeweils von diesem Orthopädietechniker in den Gipsraum gebeten. Ein kleines Mädchen kam freudenstrahlend da raus und hatte eine Kopie seines Fußabdrucks in der Hand. Den Abdruck will sich das Kind zu Hause an die Wand hängen. Diejenigen, die ihre Einlagen abholten, kamen aber alle nicht gerade begeistert aus dem Gipsraum raus. Dort hatte man ihnen die Einlagen in die Schuhe gelegt und jetzt mussten die in der Praxis hin und herlaufen, um zu testen, ob die Einlagen o.k. sind. Bei zwei Mädchen passten die dicken Einlagen gar nicht in die Ballerinas rein. Und irgenwann kam ich dan mal dran, nachdem de Arzt sich zuvor bei den Einlagenempfängern überzeugt hatte, dass diese richtig passen.

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