Bakterielle Berechnung

Dritte Stunde Biologie, meine Klasse…ein kleiner Kurs, acht Jungen und drei Mädchen. Trotzdem! Die Noten auf den Halbjahreszeugnissen sind erschreckend schlecht.
Kein Wunder.
Erkan liegt wie eh und je mit dem Kopf auf dem Tisch, Gülten und Necla kommunizieren schon die ganze Zeit unauffällig über den Raum hinweg miteinander (aber nicht unauffällig genug), Turgut singt halblaut in der letzten Reihe ein türkisches Lied vor sich hin und ist nur kurz ruhig, wenn ich ihn wild angucke, Sam hat Kopfschmerzen und Gamze ist gerade erst gekommen („Ich war Arzt“) und muss sich erst noch ‚mentalistisch’ berappeln, ehe sie mitarbeiten kann…. Dabei ist die Stunde schon fast um.
Viel gearbeitet haben wir noch nicht. Es mussten erst noch lebenswichtige Fragen zum Volleyballturnier am Nachmittag geklärt werden.
Bestimmt werden wir wieder vorletzter oder letzter….

Im Moment geht es in Bio um Bakterien. Bekanntlicherweise vermehren die sich unter günstigen Verhältnissen wie verrückt – alle 20 Minuten kann sich so ein kleines Viech durch Zellteilung verdoppeln. Ich zeige eine Petrischale, in der eine Bakterienkolonie mit bloßem Auge sichtbar ist.
„Hä?“
Emre und einige anderen gucken mich ziemlich intelligenzfrei an.
„Wieso sieht man die kleinen Dinger auf einmal?“ fragt Emre.
„Ganz einfach,“ sage ich, „rechne mal aus, wie viele Bakterien aus einer Bakterie werden, in, …sagen wir mal,  einer Stunde!“
„Ist doch ganz leicht: 8!“ sagt Emre.
„Wie jetzt?“ Ömür furcht die Stirn und rechnet schriftlich.
„Genau, 8,“ ruft er dann.
“Richtig!“ sage ich. „ Und nach zwei Stunden?“
„16!“ ruft Ömür.
Alle sind sehr zufrieden mit der Antwort.
„Stimmt nicht,“ sage ich.
Dann rechnen wir an der Tafel und ich mache kleine Zeichnungen und wir rechnen im Kopf und wir rechnen mit dem Taschenrechner und ich mache noch eine Zeichnung, nämlich lauter Bakterien und wir zählen und rechnen und zählen und es dauert und dauert, aber am Ende haben wir es raus, es sind 64!
Und die, die mitgerechnet haben, wissen auch wieso.
Wir rechnen noch ein bisschen weiter, macht Spaß auf einmal – Kopf aus, Taschenrechner an, voll easy.
Drei Stunden…vier….Die Zahlen werden sehr schnell sehr groß.

„Vallah, voll viele!“ staunt Emre. „Warum sieht man die nicht? Muss doch alles voll fett mit Bakterien voll sein, die ganze Erde, alles hier!“ Er blickt sich suchend nach einem Bakterienteppich um.
Gülten weiß die Lösung: „Du Spast,“ sagt sie, „ ist doch voll einfach. Die sind ja auch überall! Aber die sind alle in so ….so…wie …äh…wie soll ich sagen…in so was wie Gelee.“
„Gelee? Wo Gelee?“ Ömür guckt auf den Fußboden.
„Nicht hier!“ Gülten wird ärgerlich. „Ist über uns !“
Automatisch gucken alle zur Decke. Ich auch. Von Gelee keine Spur, zum Glück.
„Viel höher,“ sagt Gülten, „ ganz da oben…wie heißt das noch mal?“
„Atmosphäre!“ sagt Mustafa.
„Genau, Atmosphäre!“ wiederholt Gülten zufrieden.
„Wie hoch ist das,  Atmosphäre?“ fragt Ömur.
„So 33 000 km hoch,“ antwortet Mustafa.
„Ach und da ist Gelee mit Bakterien?“ Emre klingt wenigstens ein bisschen ungläubig.
„Ja, das ist so ein Schutzteil oder so,“ sagt Gülten.

Alle gucken mich erwartungsvoll an.
Ich schüttele mein weises Haupt und …da klingelt es. Vallah sei Dank…!
Nächste Woche muss ich das aber schleunigst großräumig aufarbeiten.

Kann mir mal einer sagen, wo ich da anfangen soll?

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23 Antworten zu Bakterielle Berechnung

  1. Shannon schreibt:

    Tja, da kann ich Ihnen wirklich nicht helfen. Aber ich könnte Ihnen die Nummer meiner Biokollegin geben, die letztens ihren Zwölfern erklären musste, dass der Mensch NICHT vom Affen abstammt und das „Engelsbaby“ aus dem Biologiefachraum eigentlich eine Zwischenform von einem Vogel und einer Amphibie oder so etwas ist…

  2. Frau freitag schreibt:

    oh gott frl krise, was bringen sie denn den schülern für einen schwachsinn bei…gelee…das ist schon an dem einem rezeptor angedockt und das kriegen sie in der nächsten woche nicht mehr weg. toll! Glückwunsch!

  3. Blende77 schreibt:

    *lautlach, zu gerne würde ich Sie und Ihre Klasse in mein Bakteriologielabor einladen, aber die Schweiz ist wohl ein „bisschen“ weit weg, was? 😀
    Hier: http://geblendet.wordpress.com/2010/12/15/bacteriology/
    hätte ich Ihnen aber zwei Fotos als Anschauungsmaterial. Einmal eine Bakterienspeziesidentifizierungswanne und einmal ein paar E.coli (Vallah, voll das Darmzeug) auf einem Nährboden.
    Danke für den Brüller des Tages
    *gelee* *bebend*
    LG, Sandra

  4. Sanna schreibt:

    Autsch… – nach der Rechtschreibreform jetzt auch noch ’ne Bioreform. Ich glaube, ich bin langsam zu alt für den ganzen neumodischen Kram…
    Aber die Idee mit dem Gelee (sind alle Bakterien darin gebunden und können nicht auf die Erde fallen???) finde ich voll krass! Mein Sohn studiert Bio – ich werde ihn mal mit Gültens Theorie konfrontieren. Wer weiß – vielleicht läßt sich die Bachalor-Arbeit darauf aufbauen. Die Profs werden staunen… – mit so’n bißchen Gelee könnten wir unsere Erde doch glatt bakterienfrei kriegen! Und Viren kommen in Honig; der klebt besser!!

  5. Thomas schreibt:

    Sehr geehrtes Frl. Krise,

    ich habe schon lange nicht mehr etwas derart Mitreissendes gelesen. Sie haben eine tolle Art zu schreiben. Wenn Sie auch nur zu 5% so cool mit den beschriebenen Situationen umgehen, dann gebührt Ihnen wirklich Respekt und Hilfe und eine Gehaltserhöhung sowieso….

    Höchstachtungsvoll
    Thomas

  6. michael schreibt:

    Ein Bild (mit Kilometer angaben) für die Herren Mustafa et al von der Atmosphäre: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Atmosphäre_Stufen.svg&filetimestamp=20100206171012

  7. die Schmith schreibt:

    Einfach bei risenmikroben.de welche bestellen, mitbringen und dann noch mal mit dem Mathemenschen sprechen, wie das mit soundsovielfachen Vergrößerung ist und warum man die nicht sehen kann und nur in so Kolonien, die so extremst viele Mitglieder zählt, sichtbar macht, was da so wohnt. 😉

  8. Jens der andere schreibt:

    Fangen wir mal einfach an.
    Bakterien vermehren sich fröhlich und explosionsartig, wenn sie etwas zu fressen bekommen, es ihnen dort gefällt, wo sie grad‘ sind (Sauerstoff oder nicht, Feuchtigkeit, osmotischer Druck und so weiter).

    Ist nun nichts zu fressen da oder die Lebensbedingungen schlecht, so sterben die armen Kleine oder warten ab. Die hartnäckigeren bilden Sporen und warten.

    Einige von ihnen wohnen auf Schleimhäuten und in der Lunge. Diese werden dann bei Husten, Spucken, Atmen fröhlich in die Luft gepustet und schweben oftmals ein wenig vor sich hin. Aber zu fressen gibt es nichts, deshalb ist auch noch Platz für Luft 🙂

    So. War doch ganz einfach.

  9. SusiP schreibt:

    Öhm, welches Schuljahr ist das? Ich frag nur, wegen der Matheaufgabe mit dem Ergebnis 64.

  10. Strassenpiratin schreibt:

    Achherje Fräulein Krise,
    eine verfahrene Situation…. Kann man nicht in einer Marmeladenprobe (Gelee!) Bakterien sichtbar wachsen lassen? Daran könnte man erklären, dass die kleinen Viecher sich von Gelee nicht aufhalten lassen.
    Eine weitere Möglichkeit mit gleichzeitig erzieherischem Effekt wäre, den Kids zu erklären, dass sich die Bakterien vor allem dann ganz dolle ausbreiten, wenn sie auf den Boden spucken (ich hab das beobachtet, dass macht die heutige Generation ja mit Begeisterung)….
    Ansonsten wird es jedoch vermutlich keine einfache Sache aber ich bin mir sicher, sie schaffen das 😉 Da haben sie doch schon ganz andere Sachen gemeistert!
    lg die Straßenpiratin

  11. Seifenfrau schreibt:

    @Jens: Neee, so geht das nicht – in deiner Erklärung kommt kein Gelee vor!
    😉

  12. Kat schreibt:

    Ah. Das Ozonloch ist also eigentlich ein Geleeloch. Und quasi was gutes, denn schliesslich vernichtet damit jedes pffffft einer (antiken) Haarsprayflasche Bakterien.
    Passt ja zum Glätteisen auf der Insel 😉

  13. girlmeetspearl schreibt:

    Gut, das ich mich gegen das Lehrerwerden entschieden habe. 😉

  14. Annonymus schreibt:

    Mit dem Aufholen müsste man vermutlich hinten anfangen. Also damit, dass die Erdatmosphäre glücklicherweise etwas unter 33 000 km anfängt. Dann kann man dazu übergehen, dass Bakterien nicht nur in Gelee vorkommen und der Gelee auch nicht in der Atmosphäre rumschwebt…
    Ich hab mich ein wenig gefragt, ob man den lieben Schülern nicht einfach mal mitteilen sollte, dass sie alle voller Bakterien sind… Massenpanik 🙂
    Ich würde ja wirklich gerne mal life dabei sein. Lehrer war mal ne Überlegung für mich, die ich mitlerweile aufgegeben habe (bevor ich Ihren Blog kannte).
    Irgendwie scheint man als Gymasiast doch sehr verwöhnt zu sein, was den Unterricht angeht.

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