Gerüchteküche….

„Frl. Krise, haben sie nicht auf den Plan geguckt? Sie haben Vertretung! Kunst für Herrn Jöris! Die Kinder warten schon vorm Kunstsaal.“ Die Sekretärin klingt genervt.
Mir läuft eine Laus über meine gute Laune …gerade hatte ich mich so schön am Computer eingegroovt um zu kontrollieren, ob nun endlich alle Noten eingegeben sind. In einer Stunde ist Zeugniskonferenz statt Nachmittagsunterricht.

Der Krach von oben schallt schon durchs ganze Treppenhaus.
Das sind die wartenden „Kinder“. Eine Klasse, die ich nicht kenne. Siebtklässler.
Wilde kleine Aliens, die gezwungen werden, unter uns Menschen zu leben , sich aber nur ihrem Planeten Pubertät verpflichtet fühlen…Wesen ohne Recht, Ordnung, Sitte und Moral.
Wir Lehrer sollen mündige,  sozial handelnde und emanzipierte Menschen aus ihnen machen, genauer gesagt, ICH muss in den nächsten 35 Minuten daran arbeiten.
Eine aussichtslose Mission…

„Wer sind Sie?“, fragt mich kaugummikauend der erste Vorposten der Aliens.
Er turnt fast kopfüber am Treppengeländer.
„Haben wir bei Sie? Lohnt sich nicht mehr! Klingelt eh gleich!“
„Ey, Sie sind zu spät! Wie heißen Sie?“ schreit der zweite Vorposten, der gerade mit einem Käppi auf einen Mitschüler eindrischt.
Ich schweige verbissen,  – Na wartet, Freunde! – und schließe die Türe vom Kunstsaal auf.
Alle stürzen sofort in die hinteren Ränge und reißen mit lautem Getöse und
viel zuviel Schwung die Stühle von den Tischen… blöd, ich kenne  keinen Namen, ein stratgischer Nachteil.
Endlich wird es ruhiger. Man sitzt halbwegs.
„Guten Morgen,“ sage ich betont milde und leise. „Mein Name ist Frl. Krise.“
Ein paar Schüler erzeugen ein Geräusch, das man mit viel gutem Willen und dem Gehör einer Fledermaus vielleicht als Gruß interpretieren könnte.
„ Ich hätte gerne , dass ihr nicht so weit von mir weg seid,“ sage ich freundlich, aber bestimmt, „kommt ihr bitte mal alle hier nach vorne an die leeren Tische?!“
Protestgeschrei.
Ich lasse sie schreien. Dafür gebe ich körpersprachlich deutlich zu verstehen, dass ich nicht mit mir handeln lasse.
Drei, vier kommen zögernd nach vorne, die anderen schreien noch hinten herum. Ich gehe langsam ein paar Schritte auf sie zu und schaue zwei Jungen, die sich besonders auffällig benehmen, intensiv an. Das nervt und sie beginnen umzuziehen. Die anderen folgen nach und nach. Nach einigem Gemurre sitzen alle vorne.  Na bitte, geht doch !
„Danke schön, dass ihr umgezogen seid. Ihr scheint ja ganz ok. zu sein,“ sage ich zuckersüß und fixiere den zweiten Vorposten, der immer noch rumhampelt und provokant sehr lustige kleine Pupsgeräusche mit seinem Mund produziert.
„UND DU SEI STILL UND SETZ DICH HIN!   …..PATRICK!“ sage ich laut und scharf.
Er zuckt zusammen. „Woher wissen Sie meinen Namen?“
Darauf antworte ich natürlich nicht. (Ich hatte  ein Mädchen nach dem Namen gefragt, getreu dem Motto: Verblüffe den Gegner und nutze die Zeit der Verwirrung sinnvoll.)
„Was machen wir? Malen wir? Nee, oder, lohnt nicht mehr,“ fängt der erste Vorposten wieder an. „Klingelt ja gleich.“
„Hab keine Lust zu malen, lass ma rausgehen,“  Patrick hat sich schon von seinem Schreck erholt.
Darauf gehe ich gar nicht ein, pöh, ihr werdet noch sehen, was ihr davon habt! – und zaubere einen Stapel Vorlagen für Vertretungsstunden aus einer Schublade. Ich teile die Blätter aus. Der Vorposten und Patrick kriegen keins.
„Malt das bitte alle weiter, mit Bunt-oder Filzstiften ,“ sage ich freundlich und einige lächeln mich schon an und kramen ihre Federmäppchen heraus. Es entsteht eine kleine Arbeitsatmosphäre. Die Aliens scheinen doch  ganz zutraulich zu sein.
Nach einer Weile merkt der erste Vorposten, dass er noch kein Blatt hat.
„Ey, ich hab kein Blatt bekommen,“ ruft er, „ich will aber auch keins.“ „Ich auch nicht, “ kräht Pätrick provokant.
„Ach, euch hätte ich ja fast vergessen,“ sage ich scheinheilig, „nein, ihr müsst nicht malen, wenn ihr nicht wollt. Kommt doch mal bitte mit.“

Wir gehen in den Nebenraum. Im Waschbecken liegen 10 völlig verdreckte Malpaletten. Die Acrylfarbe klebt auf ihnen wie Gift.
„Da ihr nicht malen wollt, reinigt ihr die Paletten,“ sage ich , „hier:  Schwämmchen und Scheuermittel.  Haltet euch ran!“
Die beiden sehen sich  an.
„Aboooo! Bin ich Knecht……“  Patrick kommt nicht viel weiter. Ich sage kurz:
„Macht, was ihr wollt. Allerdings kommt ihr erst hier raus, wenn ihr mit den Paletten fertig seid. Eigentlich hättet ihr ja bis 15.00 Uhr Unterricht. Ich rate euch anzufangen….sonst…..Ich habe heute Konferenz und viel Zeit,“ und gehe raus.

Es dauert, bis die beiden anfangen. Aber sie fangen an. Und als es klingelt, sind die Paletten halbwegs sauber.
„Oha!“ sage ich. (Ich hasse dieses blöde ‚Oha‘, aber unsere Schüler benutzen es als Vokabel der höchsten Anerkennung.)
Die beiden grinsen mich an.
„Sie sind die Klassenlehrerin von Hassan und Fuat, wa?“ sagt  Patrick.  Ich nicke.

„Der wohnt in mein Haus, Hassan, der sagt, sie sind voll cool,  eigentlich“ sagt Patrick.
Ich winke geschmeichelt ab.
„Fuat sagt,  ihre Klasse darf immer alles bei ihnen….und er darf am meisten,“ fährt Patrick fort.
„Und Hassan sagt,  er wollte Sie schon ….äh…  weil Sie haben ihm geschubst , danach wollte er Sie bei  Polizei anzeigen. Stimmt das?“

Wie bitte?! Fuat?Hassan? Was verbreiten die da für hanebüchene Storys? Was denken die, wer sie sind?
Na, wartet, morgen!

„So, so, „sage ich säuerlich, „sagen die das…na ja… !“

Gelegentlich Vertretung zu haben kann manchmal gar nicht schaden…..

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Achtung Fallgrube! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Gerüchteküche….

  1. C. Ko schreibt:

    Solche Methoden funktionieren aber leider auch meist nur beim ersten Mal. Die SuS kennen einen noch nicht und eine gewisse Amtsautorität wird erstmal vorrausgesetzt.
    Leider kann die Situation recht schnell von nur einem vorlauten Kind umschwenken in völliges Chaos 😀

    Aber ich muss sagen, dass ich Vertretungsstunden insgesamt sehr interessant finde. Klar hat man erstmal etwas Stress (Was machen die, was können die, wie sind die Kinder… ) und eigentlich auch was anderes in seiner Freistunde vor:
    ABER: Jedes Mal ein neues Abenteuer!

    LG Ko

  2. Der Herr Kollege schreibt:

    „[…] Siebtklässler.
    Wilde kleine Aliens, die gezwungen werden, unter uns Menschen zu leben , sich aber nur ihrem Planeten Pubertät verpflichtet fühlen…Wesen ohne Recht, Ordnung, Sitte und Moral. […]“

    … ganz wunderbar in Worte gefasst, wertes Frollein Krise!

    … das gilt im Übrigen auch z.B. für Sechs- und Achtklässler – aber wem erzähl‘ ich das…

    Wünsche einen erträglichen Arbeitstag

    Der Herr Kollege aus’m Rheinland

  3. croco schreibt:

    <>
    Genau das trifft es, aber sowas von…….
    Sie haben das gut gemacht, putzen lassen.
    Die Wildesten schrubben bei mir Reagenzgläser 😉

  4. michael schreibt:

    Hehe, bei Ascherfreitag hat auch schon jemand gewußt, dass Frl. Krise ihrer Klasse alles durchgehen läßt.

    Aber warum Sie Hassan geschubst haben, möcht ich schon mal wissen. Der trägt doch Ihre Stifte nach, holt die Arbeitunterlagen aus dem Lehrerzimmer,.. . Ist doch voll das Lieblingskind.

  5. fitundgluecklich schreibt:

    😉 hihi, die definition vom herrn kollegen find ich super!

  6. oxypelagius schreibt:

    hm… ja … Stewardess: Saftschubse
    Krankenschwester/-pflegerin: Rollstuhlschubse
    Lehrerin: Hassanschubse

    hat was.. 🙂

  7. Strassenpiratin schreibt:

    Ich glaub ich war auch mal ein Alien. Zumindest aus heutiger Sicht. Zu meinem Alienverhalten kam damals auch noch meine bunte Phase mit zerrissenen Klamotten, HubbaBubba und zu Stacheln geformte Haare mit buntem Haarspray gefärbt.
    Aufsässig sein fand ich damals auch großartig – dabei wollte ich nur Aufmerksamkeit….
    Eine Lehrerin wie die Frl. Krise hätte vllt dafür gesorgt, dass ich die Schule nicht in Klasse 12 schmeiße….
    machen sie weiter so und vorallem schreiben sie weiter….das bringt für ehemalige Aliens wirklich einige Erkenntnisse hervor 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s