Würfeln wäre witziger…

Das Notenmachen ist kein pädagogischer Orgasmus, wie meine Schüler offensichtlich heimlich vermuten….

„Bestimmt voll geil,“ sagt Emre träumerisch, „ können Sie sich rächen an Schüler, wo Sie geärgert hat… Geben Sie einfach schlechte Note, null Punkte…macht voll Spaß!“.
Ich gebe zu bedenken, dass es bei den Zeugnisen um Objektivität geht!  Ginge es nur ums Rächen könnte man  die Zeugnisse wohl ganz und gar in die Tonne klopfen .
„Es gibt nämlich keinen, über den ich mich nicht schon mal geärgert hätte, Emre!“
„Aber doch nich über mich, Frl Krise!“ Emre überlegt. „Oder?“
„Du bist ja auch voll  Lieblingskind,“ sagt Gülten, „voll der Knecht! Haben Sie sich schon mal über mich geärgert, Frl. Krise? Nee, wa?“
„In den letzten zwei Wochen nicht,“ gebe ich zu.
„Siehste!“ Gülten guckt triumphierend im die Runde. Dass ich fast zwei Wochen nicht da war, hat sie scheints vergessen.

Die Notenermittlung ist wirklich unerbaulich. Echt jetzt!
Es fängt immer harmlos an: Zuerst rechne ich  ganz kühl und technisch und ohne pädagogischen Hintersinn die Noten zusammen, die schriftlichen, die mündlichen, die sonstigen und überhaupt. Am besten mit dem Taschenrechner.
Das ergibt dann natürlich eine krumme Zahl, die genau zwischen zwei Noten liegt, sagen wir mal bei Hassan in Deutsch zwischen Vier und Fünf.
So, jetzt geht’s los. Soll ich ihm nun die bessere oder die schlechtere Note geben? Gebe ich ihm eine Vier, ruht er sich darauf aus……. eine Fünf entmutigt ihn bestimmt. Oder spornt ihn an. Oder nicht. Oder doch?
Was ist mit dem Trend los? Gibt es einen Trend bei Hassan? Womöglich einen positiven, den man belohnen müsste? Unterstützen, aufbauen, verstärken???
Nee, es ging mehr bergab! Er fing schwach an und baute dann stark ab.
Könnte der Schock einer Fünf den Sturz  ins Bodenlose vielleicht abbremsen? Aber er hat schon so viele Fünfen, das schockt den eh nicht mehr….
Oder wäre eine Vier beflügelnd? Aufmunternd? Muttivierend? Eigentlich ist Hassan doch ein Sensibelchen…auch wenn er voll den Coolen markiert.
Hach…wäre ich doch Bäckereifachverkäuferin geworden. Den netten Kunden hätte ich immer die schönsten Brötchen gegeben….
Hassan hat viel gefehlt…Da war auch nicht alles entschuldigt…..Kann man deshalb noch was abziehen?  Möchte ich? Soll ich? Muss ich?
Und wie oft kam der zu spät in den Deutschunterricht? Nö, eigentlich war der meistens pünktlich, erstaunlich, eigentlich. Erfreulich!
Er hatte als einziger neulich sein Referate ordentlich getippt – wer weiß, wer das für ihn gemacht hat und er hatte sein Buch immer dabei …sogar als ich gesagt habe, wir brauchen das erst mal nicht. Das ist wohl eher ein schlechtes Zeichen…unorganisiert und unflexibel nennt man das.
Und er hat wochenlang freiwillig den Zeitungsstapel mehrere Treppen hochgeschleppt.
Und er grüßt mich immer, wenn er mich auf dem Hof sieht.
Und Freitag hat er gesagt, er will jetzt unbedingt in meinen Theaterkurs.
Und er hat so einen trockenen Humor, neulich…

STOPP!
Spätestens an dieser  Stelle rufe ich mich zur Ordnung…das ist alles nicht notenrelevant, Frl. Krise, bleiben wir mal schön objektiv, sage ich streng zu mir  und schreibe eine unbarmherzige Fünf in mein Heft. Die Versetzung  ist auch ohne meine Note schwer gefährdet… murmele ich mein schlechtes Gefühl nieder….
Schließlich muss ich dem mal zeigen, wo es lang geht! Der meint auch, er bekommt alles nachgeschmissen. Das ist nun mal nicht so im Leben, Hassan. Tut mir leid!

Beim Eintragen der Fünf in den Computer geht’s dann wieder los. Mir fällt plötzlich ein: Da war doch im Herbst der Opa gestorben. An dem hing der Junge. Er war eine Weile richtig depressiv. Naja, depressiv ist vielleicht ein bisschen übertrieben……Schließlich  haben alle ihr Päckchen zu tragen, Azizes Papa ist auch krank und sie……

Es klopft. Kollege Böck macht die Türe auf und ruft: „Kundschaft für dich, Frl. Krise.“
Vor der Tür steht Hassan. Er lächelt mich an und sagt: „Hier, Frl. Krise, ihre Eddings, die haben Sie oben liegen lassen !“ Ich bin gerührt. Meine neuen Eddingstifte!
Die anderen hätten die garantiert gnadenlos eingesteckt und fiese Parolen im Klo an die Wand geschrieben…..

Und da soll Notenmachen ein Vergnügen sein?

Hassan wird sich freuen! Aber ich werde ihm EINDRINGLICH sagen, dass das mehr als knapp war…

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28 Antworten zu Würfeln wäre witziger…

  1. Shannon schreibt:

    Oh Gott, ich habe hier einen Artikel, den müssten Sie unbedingt lesen! Da klärt sich, dass Notenwürfeln völlig veraltet ist. Es gibt viel coolere Wege zu Noten zu gelangen… 😉

  2. kingofmonks schreibt:

    ich muss ihnen glaube ich mal einen schoko-rotwein-kuchen backen frl. krise – sie sind echt voll suess!

  3. Gänseblümchen schreibt:

    Hey, die von ihnen abgeschmetterten Überlegungen haben doch eindeutig was von kriterealer Bezugsnorm und die ist doch hammer objektiv… nagut, je nach Kriterium 😉 Aber lobenswert, dass sie nicht der sozialen Bezugsnorm verfallen sind. Die individuelle mit dem Trend wäre natürlich hoch pädagogisch… Aber wer will das schon ernsthaft sein?
    Ich hoffe, mein Prof. wird bei der Benotung meiner Abschlussarbeit genauso milde sein… Vielleicht sollte ich ihn nochmal an den Schokoweihnachtsmann erinnern… und die ausdauernden Wartezeiten vor seiner Sprechstunde… Ob es hilft, wenn ich ihm seine Kopien zurückgebe?

  4. Silke schreibt:

    Ein großes Herz 🙂 Ich hoffe es nützt …
    Ich drücke Sie gerad mal an meines , voll lieb, die Lehrerin!

  5. ichbineineinsel schreibt:

    Solche Lehrer hätte ich auch gern gehabt. *sniff* Sie sind ’ne Gute. 🙂

    • frlkrise schreibt:

      Nein , ich bin nicht besonders gut!!!! Das geht allen so!!!!!

      • Herr SoundSo schreibt:

        stimmt – leider! ;-(

      • Der Klarseher schreibt:

        Vor allem sind Sie nicht besonders korrekt, wenn Sie Noten nach oben „korrigieren“, weil ein Schüler Sie menschlich positiv überrascht hat. Solche Aspekte dürfen da doch eigentlich gar nicht mit einfließen, oder?

        Auf der anderen Seite: Ihren Beschreibungen nach werden 80% Ihrer (offenbar vollständig ausländischen) Schüler am Ende dem deutschen Steuchermichel auf der Tasche liegen und eine laaange Hartz IV-Karriere haben. Ob 4 oder 5 spielt da wohl keine Rolle mehr. Die sind sowieso nicht ausbildungsfähig.

      • die Schmith schreibt:

        Herr Klarseher, sag doch sowas nicht. Jeder kann sich ändern und du musst doch auch bedenken, dass die jetzt so um die 15 Jahre alt sind. Die sind gerade richtig fies in der Pubertät. Wir alle vergessen nur zu schnell, wie das ist. Was interessiert da der Lernstoff. Da gibts doch viel wichtigere Dinge im Leben. Die richtigen Klamotten, die richtige Frisur, das richtige Deo, der richtige Musikgeschmack und in wen man grade unsterblich verknallt ist. Die Hormone spielen verrückt und die Erwachsenen kapieren ja eh nix und stressen doch nur. Die Einsicht kommt doch eh meist erst ein paar Jährchen später, dass man sich doch mehr hätte ins Zeug legen können. Jetzt ist Schule doch nur wichtig, damit man mit den anderen mithält und möglichst cool rüber kommt. Der Unterricht ist doch eh voll Sempf. Wer braucht den schon? Erst später merken sie, dass das vielleicht doch ganz nützlich war. Dann klappt das auch mit der Ausbildung und mit der Arbeit. Vielleicht nicht bei allen, aber bei vielen. Nicht immer gleich alles so negativ sehen. Auch bei solchen Schülern scheint irgendwo am Ende des urscht langen Tunnels ein Lichtlein und an das sollte man sich festkrallen, so lang es nur geht. 😉

        Und übrigens war ich keine schlechte Schülerin. Meine letzte Ausbildung (jaja, ich hab nicht nur einen Abschluss) brachte mir einen 2,1 Gesamtnotendurchschnitt. Und was hats mir gebracht? Hat mich so derart ausgelaugt, dass ich dauerkrankgeschrieben bin, auf Therapien angewiesen und mir nix anderes als Hartz bleibt (ok, ich hab auch noch eine entsprechend lange Vorgeschichte). Das war nicht mein Plan. Ganz bestimmt nicht. Ich bin intelligent genug für ein höhertrabendes Studium aber dümple hier rum und sehne den Tag herbei, an dem das alles Geschichte ist und ich endlich ein richtiges Mitglied dieser Gesellschaft sein kann.

        Aber bitte, Herr Klarseher, schreib nicht gleich alle ab, nur weil sie ultraschlecht in der Schule sind und anscheinend gar nichts dafür tun. Zeiten ändern sich und auch Hormone sind mal irgendwann nicht mehr so krass.

      • frlkrise schreibt:

        Genau! Aber der Klarseher ist nun mal der Klarseher!

  6. Paul T. schreibt:

    Liebes Frl. Krise,
    Sie haben mir ein neues Wort geschenkt: „Muttivierend“!
    Danke, das ist voll schön, vallah!

  7. chefarbeiter schreibt:

    „Ich gebe zu bedenken, dass es bei den Zeugnisen um Objektivität geht!“
    Also bei meinem ehemaligen Erdkunde-Lehrer ging es immer subjektiv nach Größe des Ausschnitts…

  8. Elfchen schreibt:

    Ja, ja, das ewige Hin- und Herüberlegen bei der Notenvergebung, äh Notenvergabe. Obwohl: Notenvergebung wäre doch auch was, das man flächendeckend einführen könnte. Immer nach der Zeugnisausgabe ein kleiner Gottesdienst, bei dem die Schüler ihr eventuell vorhandenes schlechtes Gewissen erleichtern können.
    Aber zurück zur Notenvergabe. Ich hasse Notenmachen auch. In den letzten Jahren half mir folgende Strategie ganz gut: Ich trage die Noten frühzeitig ein und warte ein, zwei Tage/Nächte(!) ab. Wenn ich bei einer Note Bauchschmerzen bekomme und immer wieder darüber nachdenke, ob sie richtig war, dann ändere ich sie.

  9. Seifenfrau schreibt:

    Dazu fällt mir ein….die Tochter einer Freundin eines anderen Bundeslandes bekam in einer Schulaufgabe vor kurzem eine 1 mit Stern von ihrer Lehrerin. Es gibt ja auch immer Gesamtpunktzahlen – und diese Gesamtpunktzahl hatte das Kind überschritten – daher auch der Stern! Ich fand das sehr …unlogisch….denn es soll ja auch immer genau das Gefragte beantwortet werden, und dafür gibt es vorher festgelegte Punkte.
    Aber wenn ich ihren Ausführungen zur Notendurchschnittsermittlung nun so folge, dämmert mir nun auch, wie man die Gesamtpunktzahl überschreiten kann…..
    (Mal im Ernst, dann ist ein löblicher Kommentar unter der Arbeit doch besser als Mehrpunkte zu vergeben, oder?)

    äh…ja…fällt mir grad so ein…

    Ja, und einen Kuchen haben Sie mindestens verdient! Oder anders gesagt. Sie haben die Gesamtpunktzahl überschritten….;-)

  10. Silke schreibt:

    „Muttivierend“ nehme ich zu meinem neuen Sprachschatz genauso wie „voll jackpott/king/hollywood“. Seit ich hier lese, finde ich auch, dass Präpositionen total überschätzt werden.

  11. Frauke schreibt:

    Auch wenn es schon seeeehr lange (ca.30Jahre) her und die Situation überhaupt nicht zu vergleichen ist, werde ich gerade stark an meine Realschulzeit erinnert.
    Meine Mathenote war deswegen besser, weil der Lehrer uns auch in Musik unterrichtete und ich dort eine der wenigen interessierten war.
    Und meine Sportnote wurde auch immer ausdiskutiert. Die Lehrerin (immer im frottee-Overall,Trainerin für Kunstturnen, ständig auf der such nach Talenten) gab mir im Winterhalbjahr eine gute 3 und/weil im Sommerhalbjahr die schlechte 3. Im Winter hatten wir schwimmen (das konnte ich!) und im Sommer Leichtathletik (das ging gar nicht)…

  12. die Schmith schreibt:

    Jetzt muss ich mal sowas ähnliches wie meckern. Desto mehr ich hier mitlese, desto öfter träume ich von Schule bzw. meiner letzten schulischen Ausbildung. Dass ich zum Unterricht muss, aber gar kein Material dazu finden kann, dass ich zu spät komme, dass ich keinen Schimmer hab, was überhaupt grad gemacht wird. Neulich hab ich doch glatt geträumt ich säße in einer Prüfung und motze mich selbst an, dass ich mir nicht noch mal alles angeschaut hab. Abgesehen davon, dass dieses Fach gar nicht geprüft wurde und das, was ich an Fragen entziffern konnte, damit nicht mal annähernd was zu tun hatte. Ähm… naja, aber im Traum ist das natürlich alles total sinnvoll und überhaupt alles ganz normal, dass das in meiner alten POS stattfindet, wo ich doch extra in eine andere Stadt gezogen bin. Hach, ist das alles komisch.

    Wir hatten auch so Dozenten, die dann noch irgendwelche Zusatznoten verteilt haben, weil die ganze Klasse so abgrundtief schlecht war, dass das nicht gut ausgesehen hätte. Jaja, wir haben uns oft genug gefragt, wie da die Noten wohl zustande gekommen sind. 😉

  13. croco schreibt:

    Genau so geht es allen…..
    Eine blöde Zeit ist das vor den Zeugnissen.
    Aber wenn man keine Fünf mehr gibt,
    kann man sie gleich abschaffen, mit der Sechs zusammen.
    Ist also die Fünf die neue Vier?
    Ich will auch Kuchen…..

  14. Kai Ermes schreibt:

    Mhmm … tja …
    als vor fast 30 Jahren meine von mir beinahe vergötterte (wirklich!) Grundschullehrerin über meine Schullaufbahn zu entscheiden müssen vermeinte, gab sie mir doch lieber in Mathe eine Zwei. Weil sie dachte, ich wäre „irgendwie schon weiter“. Weiter? Hatte die Rechenarbeiten immer als Erster abgegeben (und mit ’ner Eins zurück) und bei Unterrichtsaufgaben war meine Hand immer als erste oben (Kopfrechnen lag/liegt mir halt). Aber der Sohn eines Busfahrers und einer Putzfrau auf einem Gymnasium? Geht ja gar nicht …

    @ Klarseher: oder eher Wahrsager? Haben alle noch daneben gelegen. Sie mit ihrer Prognose werden auch nicht näher rankommen …

  15. zarathustra schreibt:

    Pillepalle… Das ist nichts gegen das Notenmachen in der Industrie.
    Ja, das gibt es. Erwachsene Menschen mit Hochschulabschluss und Promotion, die jährlich bewertet werden und Noten bekommen, die dann die individuelle Gehaltserhöhung bestimmen. Die Note ergibt sich nicht aufgrund einer absoluten Bewertung sondern wird relativ ermittelt, und der Notenverteilung innerhalb einer Gruppe liegt die Gaussverteilung zugrunde.
    Da kommt beim Notenmachen und -erklaeren Freude auf.

  16. fraurichter schreibt:

    Sehr schöner Artikel 🙂 Ich habe eine ähnliche Meute in der 3 Jahre jüngeren Ausgabe und bin gespannt, was da noch auf mich zu kommt. Zum „Glück“ darf ich Kompetenzkreuze setzen, da fühle ich mich deutlich objektiver.

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